Portraitfoto Korbinian Kiesl

Korbinian Kiesl, Präsident Billion, im VDMA-Interview. (Bild: Billion)

Herr Kiesl, Kreislaufwirtschaft setzt voraus, dass Kunststoff-Rezyklate auch verarbeitet werden können. Wie weit ist Billion hier?
Korbinian Kiesl: Die Verarbeitung von Rezyklaten ist von einer Vision zu einem Alltagsthema geworden. Wir stellen uns heute gar nicht mehr die Frage, ob unsere Spritzgießmaschinen wiederverwertetes Material verarbeiten können. Das ist inzwischen selbstverständlich. Etwa 80 % unserer Kunden fahren auf unseren Maschinen schon Rezyklate, die einen mehr, die anderen weniger. Aber 80 % ist ein immens hoher Anteil, wenn man bedenkt, dass das vor einigen Jahren noch fast niemand gemacht hat. Vor drei Jahren haben diese Kunden auf der K geschaut, was technisch möglich war. Sie fragten, ob wir mit diesen neuen Materialien Erfahrung haben. Diese Frage nach der Erfahrung wird uns kaum mehr gestellt, wir sind vielmehr sehr schnell im konkreten Projekt.

Welche Rolle spielt die Qualität für Ihre Kunden?
Kiesl: Je homogener das Rezyklat ist, umso besser sind die Ergebnisse auf unseren Maschinen. Sowohl was die physikalischen Eigenschaften betrifft, als auch das Aussehen, die Ästhetik. Das setzt eine sehr gute Trennung des gebrauchten Kunststoffes voraus. Die Maschine kann alles. Es geht nur darum, ob man den Rezyklateinsatz sehen will oder nicht. In der Kosmetikindustrie, einer wichtigen Kundengruppe von uns, war der Einsatz von Rezyklaten bis vor ein paar Jahren kaum denkbar. Da ging es immer ums makellose Aussehen. Heute gibt es Kunden aus dieser Branche, die wollen sogar, dass man einer Verpackung ansieht, dass sie etwas Recyceltes enthält.

Akzeptiert der Endverbraucher in der Kosmetik das auch?
Kiesl: Der Konsument steigt auf dieses Thema ein, wenn er eine gewisse wirtschaftliche Freiheit hat. Je mehr er wirtschaftlich unter Druck steht, umso weniger sensibel wird er für dieses Thema sein.

Welchen Stellenwert haben die Kosten?
Kiesl: Alle Kunden stellen heute ihr ökologisches Interesse und ihr nachhaltiges Handeln in den Vordergrund. Gerade im Konsumgüterbereich stehen sie heute mehr denn je unter Druck, etwas zu tun. Aber als Wirtschaftsunternehmen schauen sie selbstverständlich genau, was sich auf der Kostenseite tut. Und da spricht im Moment viel für Rezyklate. Die Inflation ebenso wie die wahre Kostenexplosion auf der Rohstoffseite, sei es bei Virgin-Material oder auch aller Zusatzstoffe, führen dazu, dass Recycling immer interessanter wird. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist Recycling ein Investitionsgrund. Manche Anwender können nicht auf ein gutes Aussehen ihre Produkte verzichten.

Was können Sie denen anbieten?
Kiesl: Wenn jemand aus ästhetischen Gründen eine glatte Oberfläche haben möchte, dann können wir mit unserer Maschine ein Produkt im so genannten Sandwich-Verfahren machen. Im Produktinneren befindet sich das Rezyklat. Nach außen wird es von Virgin-Material umgeben. Man sieht das Rezyklat also nicht. Voraussetzung ist, dass sich die chemischen Eigenschaften der verwendeten Materialien nicht ausschließen. Mit unserem Verfahren fertigt ein Möbelhersteller beispielsweise Blumentöpfe aus recyceltem Kunststoff. Auch Kunden aus der Kosmetikbranche fragen immer häufiger diese Methode an. In Zeiten wie diesen lohnt sich das auch kostenmäßig. Das Produkt ist äußerlich noch immer makellos, und innen wird günstigeres Rezyklat verarbeitet.

Die Way2K-Interviewreihe:

Hand mit Recyclingzeichen in der Hand
(Bild: Ourteam - stock.adobe.com)

Bis zur K-Messe 2022 sind es zwar noch einige Monate, nichtsdestotrotz können Sie die verbleibende Zeit investieren und einen Blick in die bisherigen Interviews aus der Way2K-Reihe des VDMA werfen. Hier gelangen Sie zur Übersicht.

Wie funktioniert das Verfahren?
Kiesl: Das Verfahren funktioniert mit der Mehrkomponententechnik. Dabei gibt es zwei Einspritzeinheiten, die die unterschiedlichen Materialien zusammenbringen. Wir spritzen zuerst das jungfräuliche Material in eine Form. Es legt sich außen an. Danach wird das zweite Material in die Mitte des Teils eingespritzt und schließlich wird mit dem ersten Material die Form sozusagen geschlossen.

2019 hatte man Ideen und Visionen, 2022 hat man die Produkte und die Kunden, die sie einsetzen. Wie geht es weiter?
Kiesl: Immer mehr Anwender werden Rezyklate einsetzen. Dieser Trend ist unumkehrbar. Darüber hinaus zeichnet sich heute schon ab, dass auch nichtpolymerer Müll verarbeitet wird. Unsere Kunden machen mittlerweile vereinzelt schon Produkte aus Biomasse. Das Material beziehen sie aus Kompostieranlagen. Diese Produkte sind dann am Ende ihres Lebens biologisch abbaubar. Der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen und biologisch abbaubaren Rohstoffen, auch biologisch abbaubaren Kunststoffen, wird sich in den nächsten Jahren auf jeden Fall verstärken. Sicherlich wird es zunächst nicht in so qualitätssensiblen Bereichen wie der Medizintechnik oder der Autoindustrie passieren. Aber im Konsumgüterbereich, bei Weißer Ware oder bei Verpackungen beispielsweise wird der Einsatz nachwachsender oder biologisch abbaubarer Rohstoffe zunehmen.

Quelle: VDMA

Kunststoffrecycling: Der große Überblick

Mann mit Kreislaufsymbol auf dem T-Shirt
(Bild: Bits and Splits - stock.adobe.com)

Sie wollen alles zum Thema Kunststoffrecycling wissen? Klar ist, Nachhaltigkeit hört nicht beim eigentlichen Produkt auf: Es gilt Produkte entsprechend ihrer Materialausprägung wiederzuverwerten und Kreisläufe zu schließen. Doch welche Verfahren beim Recycling von Kunststoffen sind überhaupt im Einsatz? Gibt es Grenzen bei der Wiederverwertung? Und was ist eigentlich Down- und Upcycling? Alles was man dazu wissen sollte, erfahren Sie hier.

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