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Europäische Entwicklung der Kunststoffabfälle und der Recyclingquote (Bild: Institut der deutschen Wirtschaft Köln)

Vor internationalen Journalisten stellten EU-Vizepräsident Frans Timmermans sowie Jyrki Katainen, EU-Kommissar für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit, die Pläne der Europäischen Union in Richtung einer Kreislaufwirtschaft sowie die Rolle von Kunststoff darin vor. „Wir müssen verhindern, dass Plastik in unser Wasser, unser Essen und sogar unsere Körper kommt“, erklärte Timmermans in Straßburg.

Nach Angaben des Bundesumweltministeriums gehören Strohhalme, Flaschendeckel neben Zigarettenstummeln, Lebensmittelverpackungen und Plastikflaschen zu dem am häufigsten gefundenen Meeresmüll. „24 Stunden am Tag enden in jeder Sekunde rund 700 Kilogramm Plastik in der Meeresumwelt“, sagte Timmermans. „Es dauert fünf Sekunden, es zu produzieren, fünf Minuten, es zu nutzen und etwa 500 Jahre, es wieder abzubauen.“ Insgesamt sollen bis zu 142 Mio. Tonnen Kunststoff in den Weltmeeren treiben. Als besonders riskant gelten Plastikpartikel, nicht nur für Meereslebewesen, sondern auch für die menschliche Nahrungskette. Sie wurden inzwischen in Lungen und Blutbahn nachgewiesen.

Das schlechte Image bewegt die Gemüter

Statista

Von der vorgeschlagenen EU-Richtlinie betroffene Einwegkunststoffprodukte Bildquelle: Europäische Kommission, Statista

Die öffentliche Wahrnehmung von Kunststoff ist in letzter Zeit deutlich negativ geprägt. Berichterstattungen beispielsweise über Microplastikpartikel, gesundheitliche Auswirkungen von Flammschutzmitteln und Weichmachern sowie den großen pazifischen Müllstrudel stellen den Kunststoff als Schuldigen dar. Die mediale Berichterstattung ist nicht ohne Wirkung. Bei einer Online-Befragung des Bundesumweltamts von 2017 wählten 74 Prozent aus einer vorgegebenen Liste „Plastikmüll in den Weltmeeren“ als bedrohlich im Hinblick auf den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Damit liegt das Thema auf Platz eins noch vor Themen wie „Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt“ und „Klimawandel“.

Moderne_Sortieranlagen

In modernen Sortieranlagen werden Leichtverpackungen sortenrein und automatisch getrennt. Das Ergebnis: hochwertige Materialien für die Verwertung. (Bildquelle: Der Grüne Punkt)

Ein Stimmungsbild aus der Bevölkerung vermittelt auch eine Studie von Pricewaterhouse Coopers (PwC), die im Februar 2018 durchgeführt wurde. Gefragt wurde: Wie beurteilen Sie den weitgehenden Verzicht auf Plastik bei der Gestaltung von Verpackung? 59 Prozent der Befragten antworteten mit „begrüße ich sehr“. 33 Prozent entschieden sich für „begrüße ich eher“. Bei einer weiteren Befragung von PwC plädierten 81 Prozent der Befragten für einen völligen Verzicht auf Plastik, wenn irgendwie möglich.

Dr. Bärbel Naderer, Geschäftsführerin Kunststoffland NRW, brachte diese von ihr vorgestellten Zahlen auf den 22. Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tagen auf den Punkt: „Diese öffentliche Stimmung ist der Boden auf dem die EU-Kunststoffstrategie gewachsen ist.“

 

Freiwillige Verpflichtung zu mehr Einsatz von Rezyklaten

Wahrgenommene Bedrohungen

Das Thema Plastikmüll hat in Umfragen eine hohe Bedeutung. Bildquelle: Illustration aus Umweltbundesamt (2017) „Umweltbewusstsein in Deutschland 2016“

Die EU-Umweltstrategie trifft daher auch den Nerv der Bevölkerung. Wie eine Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit YouGov zeigt, trifft dieses Verbot für Einwegplastik bei den Deutschen auf große Zustimmung. 45 Prozent der Befragten finden den Vorschlag der EU-Kommission sehr gut, weitere 31 Prozent eher gut. Dagegen sind insgesamt lediglich 16 Prozent.

Die EU-Kommission hat ein sehr umfangreiches Schriftstück mit dem Titel „A European Strategy for Plastics in a Circular Economy“ zu Papier gebracht. Die EU formuliert Ziele, Vorgaben und Verbote in dem Text und grenzt diese zeitlich ein. Bis 2025 sollen bei der Herstellung neuer Produkte in dem EU Markt zehn Mio. Tonnen Kunststoffrezyklate freiwillig eingesetzt werden. Die Kunststoff-Produktion in Europa für 2017 betrug insgesamt knapp 63 Mio. Tonnen. Bis 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen in der EU wiederverwendbar oder kostengünstig recycelbar sein. Aktuell werden etwa 50 Prozent der Kunststoffverpackungen dem Kreislauf wieder zugeführt. Das Thema „Design for recycling“ gewinnt also immer mehr an Bedeutung. Mehr als die Hälfte der in Europa entstehenden Kunststoffabfälle sollen bis 2030 recycelt werden. Bisher werden in Deutschland 45 Prozent aller Kunststoffabfälle werkstofflich recycelt.

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Das Verbot für Einwegplastik trifft bei den Deutschen auf große Zustimmung. Bildquelle: Statista

Sehr detailliert beschreibt die EU-Kommission die Reduzierung beziehungsweise Verbote von Kunststoffprodukten für den einmaligen Gebrauch. Verboten werden sollen Kunststoffprodukte wie Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen, Luftballonstäbe und Wattestäbchen. Es gibt Zielvorgaben für eine Verbrauchsminderung von Lebensmittelverpackungen und Getränkebecher aus Kunststoff. Bei Tüten- und Folienverpackungen, Filter für Tabakprodukte, Luftballons, Feuchttücher, Lebensmittelverpackungen, Getränkebecher und Fischereifanggerät verpflichtet das Strategiepapier die Hersteller zur Deckung der Kosten für die Abfallbewirtschaftung und die Säuberung der Umwelt sowie für Sensibilisierungsmaßnahmen.

Der Verpackungssektor scheint erst mal von der EU-Richtlinie am stärksten betroffen zu sein. Aber viele Kunststoffexperten sind sich einig: Wenn die EU es ernst meint mit der Kreislaufwirtschaft, wird es eines Tages auch Recyclingsvorschriften für technische Kunststoffe geben. Alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette Kunststoff sind daher aufgefordert, jetzt schon die Weichen in Richtung einer zukunftsfähigen Kreislaufwirtschaft zu stellen und die Chance zu nutzen, um Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen.

 

 

Auf einen Blick

Kunststoffstrategie der EU – Kernelemente

  • Freiwillige Selbstverpflichtung: Bis 2025 sollen bei der Herstellung neuer Produkte auf dem EU-Markt zehn Mio. Tonnen Kunststoffrezyklate eingesetzt werden.
    Hintergrundinfo:
    Kunststoffweltproduktion 2017 348 Mio. Tonnen
    Kunststoffproduktion Europa 2017 62,64 Mio. Tonnen
  • Bis 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen in der EU wiederverwendbar oder kostengünstig recycelbar sein.
    Hintergrundinfo:
    In Deutschland sind aktuell dreiviertel der Kunststoffverpackungen recyclingfähig.
    In Deutschland werden aktuell mehr als 50 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt.
  • Bis 2030 sollen mehr als die Hälfte der in Europa entstehenden Kunststoffabfälle recycelt werden.
    Hintergrundinfo:
    In Deutschland werden aktuell etwa 39 Prozent der Post-Consumer Abfälle werkstofflich recycelt.
    In Deutschland werden aktuell 45 Prozent aller Kunststoffabfälle werkstofflich recycelt.
  • Bis 2030 sollen sich die Sortier- und Recyclingkapazitäten innerhalb der EU gegenüber 2015 vervierfacht haben.
    Die Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten in Europa soll dann um das Vierfache gewachsen sein.
    Stoffe, die das Recycling erschweren, sollen ersetzt bzw. ihre Verwendung schrittweise eingestellt werden.
    Europa soll eine Führungsposition bei Trenn- und Recyclinganlagen bzw. -technologien einnehmen.
  • Außerdem (ggf. auch kurzfristig)
    Einführung von Qualitätsstandards für sortierte Kunststoffabfälle und Kunststoffrezyklate
    Einschränkungen des gezielten Zusatzes von Mikroplastik sowie der Verwendung von oxoabbaubaren Additiven (via REACH)
    Reduzierung/Verbote von Kunststoffprodukten für den einmaligen Gebrauch („single-use-plastics“)
    Plastiksteuer?
    Harmonisierte Regeln für Definition und Kennzeichnung von Biokunststoffen
    Förderung von Investitionen und F&E innerhalb der Wertschöpfungskette (EU-Strukturfonds, Horizon 2020)
    Appell an nationale Behörden zur Verstärkung des Rezyklateinsatzes bei der öffentlichen Beschaffung

Quelle: Vortrag von Dr. Bärbel Naderer, Geschäftsführerin Kunststoffland NRW, auf den 22. Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tagen der Barlog Gruppe

Nachgehakt: Interview mit Peter Barlog, Geschäftsführer der Barlog Gruppe

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Peter Barlog (Bildquelle: Barlog)

 

 

Der Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tag (EKTT) in Kooperation mit dem Kunststoffland NRW e.V. beschäftigte sich am 14. und 15. Juni 2018 mit dem Thema „Circular Economy – die Kunststoffindustrie im Wandel“. Hier sollten Antworten auf die entscheidenden Fragen, die sich aus der neuen EU-Kunststoffstrategie für die gesamte Wertschöpfungskette Kunststoff ergeben, gefunden werden. Der Plastverarbeiter fragte Peter Barlog, Veranstalter der Technologie-Tage und Geschäftsführer der Barlog Gruppe, Overath, nach seiner persönlichen Einschätzung zum EU-Vorhaben.

Warum haben Sie dieses Jahr die EU-Kunststoffstrategie als Thema Ihrer Veranstaltung gewählt?

Peter Barlog: Was uns motiviert hat, dieses Thema zu wählen, sind die möglichen Auswirkungen, die es auf unsere Branche haben kann. Wir sind noch relativ früh dran. Die EU-Kunststoffstrategie ist erst im Januar veröffentlicht worden und die Ziele sind relativ langfristig. Auch betrifft das EU-Strategiepapier hauptsächlich Einwegverpackungen. Aber ich bin mir sicher, dass der Denkansatz einer Kreislaufwirtschaft sehr viel Zeit braucht. Deswegen ist es besser, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen, um sinnvolle Dinge in die Wege zu leiten, Investitionen zu tätigen und sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Wenn die EU es tatsächlich ernst meint mit der Kreislaufwirtschaft, werden auch die technischen Kunststoffe davon irgendwann betroffen sein. Auch befürchten wir, dass die Wahrnehmung von Kunststoffen als Problemverursacher, zum Beispiel für die Vermüllung der Meere, die ganze Branche und letztendlich die Arbeitgeber wenig attraktiv für junge Leute werden lässt und somit zu einem Nachwuchsproblem führt.

Warum ist es der Kunststoffbranche nicht gelungen, das Thema Kreislaufwirtschaft aus sich selbst heraus und selbstbestimmt ohne EU-Reglementierung umzusetzen?

Peter Barlog: Ich würde da gar nicht als Erstes auf die Kunststoffbranche schauen. Barlog Plastics hat sich beispielsweise mit dem Thema Recycling schon vor 21 Jahren auseinandergesetzt und dafür ein eigenes Unternehmen gegründet. Das war für uns ein neuer Markt mit eigenen Anforderungen und wir wollten dort etwas bewegen und innovativ sein. Dann haben wir aber über viele Jahre eine große Ernüchterung erfahren. Die Motivation unserer Kunden Recyclingkunststoffe einzusetzen, war in erster Linie wirtschaftlich getrieben: Es sollte nichts kosten. Gleichzeitig beschwerte man sich, dass die Qualität nicht stimmt. Beides geht nicht zusammen, denn hohe Qualität der Recyclingkunststoffe, die ohne weiteres machbar ist, kostet Geld. Da hat es unsere Abnehmerbranche in den letzten zwei Jahrzehnten verpasst, die Kreislaufwirtschaft zu forcieren. Man muss aber auch feststellen, dass die Kunststofferzeuger nicht gerade die großen Treiber gewesen sind was Recyclingprodukte angeht.

Was kann die Kunststoffbranche tun, um den Imageschaden abzuwenden?

Peter Barlog: Man muss dafür sorgen, dass die Vielseitigkeit von Kunststoffanwendungen auch in den Köpfen der Verbraucher landet. Kunststoffe leisten wertvolle Beiträge zum Umweltschutz – sie machen Autos leichter und sparsamer, reduzieren den Energieverbauch von Häusern oder schützen Lebensmittel und vermeiden somit unnötige Verschwendung. Und ohne Kunststoffe als Isolationsmaterialien könnten wir uns beispielsweise von der Elektrizität und der Elektronik verabschieden. Worauf man auch zielen müsste, ist die Frage: Was wären denn die Alternativen? Natürlich kann eine Minderheit Holz oder Metall anstatt Kunststoff einsetzen, aber wenn das alle tun würden, hätten wir ganz andere Probleme. Die 350 Mio. t Kunststoffe, die weltweit pro Jahr verarbeitet werden, können nicht einfach durch Holz oder Metall ersetzt werden.

Barlog ist als Hersteller von technischen Kunststoffen erst mal nicht direkt von der EU-Kunststoffstrategie betroffen. Sehen Sie denn trotzdem Auswirkungen auf Ihr Unternehmen?

Peter Barlog: Nicht direkt und zeitnah, aber langfristig gesehen auf jeden Fall. Was wir heute von der EU hören, ist erst der Anfang. Wenn wir das Thema Kreislaufwirtschaft ernst nehmen, werden nicht nur wie im Augenblick Einwegverpackungen betroffen sein, sondern auch Produkte wie beispielsweise Consumer Electronics, Haushaltsgeräte und Fahrzeuge. Das betrifft dann unsere Kunststoffe mit denen wir auf dem Markt vertreten sind. Ich denke, dass jeder Hersteller, der frühzeitig in die Kreislaufwirtschaft einsteigt, vorteilhaft beim Endverbraucher wahrgenommen wird. Gleichzeitig sind jetzt Fördertöpfe da, die man sehr gut nutzen kann, um Innovationen beim Recycling voranzutreiben. Die Zeit ist günstig, um in das Thema einzusteigen oder bereits vorhandene Aktivitäten auszubauen.

ist freier Redakteur des Plastverarbeiter.

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