Unternehmensstandort in Gardelegen, an dem sich das neue Technikum befindet.

Unternehmensstandort in Gardelegen, an dem sich das neue Technikum befindet. (Bild: Wipag)

Wipag ist seit 2018 unter dem Dach von Albis beziehungsweise der Otto Krahn Gruppe. Hat sich die Wipag so entwickelt wie erwartet und wie lief das Geschäft seither?

Frank Kriebisch: Im Rahmen der Umstrukturierung innerhalb der Otto Krahn Gruppe haben wir entschieden, dass die Wipag als eigenes Unternehmen mit der zentralen Recyclingkompetenz bestehen bleibt. Das Thema Recycling hat in den letzten Jahren eine enorme Dynamik erfahren. Damit hat sich unsere Perspektive nicht nur bestätigt, sondern besser entwickelt als erwartet. Wir haben in den letzten Jahren kontinuierlich investiert. Dieser Bedarf wird aus der Automobilindustrie, aber vermehrt auch aus den Branchen E+E und Consumer, darunter Sports & Leisure, zunehmend aus der Bauwirtschaft und sogar vereinzelt aus der Medizintechnik angemeldet.

Frank Kriebisch, Geschäftsführer der Wipag.
Frank Kriebisch, Geschäftsführer der Wipag. (Bild: Wipag)

Worin liegen die Kompetenzen der Wipag und was zeichnet sie besonders aus?

Thomas Marquardt: Während wir 2019 noch den Fokus auf Carbonfasercompounds gelegt hatten, hat sich die Spannweite unserer Recycling-Aktivitäten erweitert – von Polyolefinen bis PA 66, mit und ohne Carbonfaser- oder Glasfaserverstärkung. Bei all unseren Aktivitäten sind die Quellen der Schlüssel. Wir sichern uns zuverlässige Quellen über direkte Kontakte im industriellen Umfeld. Inzwischen haben viele erkannt, dass der Wert der sogenannten Abfälle steigt. Ein neuer Geschäftsbereich ist das Recycling von Organoblechen, die meist verbrannt werden. Wir haben uns zuverlässige Quellen für Organoblechabfälle erschlossen, unter anderem ein Produzent von Türverkleidungen, die aus verstärktem PP bestehen. Die bei der Produktion und Weiterverarbeitung anfallenden Abfälle können wir aufbereiten und analog zu den Kohlefaserverschnitten verarbeiten, um daraus spritzgießfähige, kurzglasfaserverstärke Compounds zu machen. Das Aufbereiten dieser komplexen Stoffe ist technologisch anspruchsvoll, zum Beispiel auch, weil die zerkleinerten Fasern schwerfließend sind und sich daher nicht leicht dosieren lassen.

Thomas Marquardt, Geschäftsführer Wipag.
Thomas Marquardt, Geschäftsführer Wipag. (Bild: Wipag)

Kriebisch: Unsere Kompetenz liegt in der Aufbereitung von sehr komplexen industriellen Abfällen technischer Kunststoffe. Verbundtrennungen, Teile mit Lackschichten oder Hart-Weich-Kunststoffverbindungen sind mit unseren Technologien gut aufzuarbeitende Wertstoffkombinationen. Unser Know-how als zertifizierter Entsorger ist, dass wir die verschiedenen Recycling-Technologien so kombinieren können, damit ein möglichst sortenreines Produkt rauskommt. Das kann beispielsweise ein PA, ein PP oder ein PC sein. Das Customizing, also optimales Abstimmen des Aufbereitungsprozesses ist dabei extrem wichtig. Und dafür haben wir vor kurzer Zeit unser Technikum in Gardelegen ausgebaut. Dort können wir schnell und flexibel und vor allem auch mit kleinen Mengen arbeiten, um den Prozess zu entwickeln und mit dem Auftraggeber abzustimmen. Unsere Stärken liegen nicht nur im Trennen von komplexen Verbunden, sondern auch in der Aufbereitung zum Beispiel galvanisierter Kunststoffe wie sie in Kühlergrills verbaut sind. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Entlacken von Bauteilen. Darunter zum Beispiel Scheinwerferscheiben aus Polycarbonat, die mit UV-Lacken beschichtet sind. Je nach Lacksystem sind andere speziell darauf abgestimmte Verfahrensschritte notwendig. Daher bauen wir das Angebot für komplexe Trennauf-gaben weiter aus und achten dabei möglichst darauf, umweltschonend zu arbeiten. Dazu gehört auch, dass wir auf Lösemittel weitestgehend verzichten und unser Schwerpunkt auf der mechanischen Behandlung der Abfälle liegt.

Ökobilanzierung am Produkt: Rechenbeispiel Tankdeckelscharnierarm

Der Tankdeckelscharnierarm aus carbonfaserverstärktem PP hergestellt ist 32 % leichter als sein Vorgänger aus PA66 GF50.
Der Tankdeckelscharnierarm aus carbonfaserverstärktem PP hergestellt ist 32 % leichter als sein Vorgänger aus PA66 GF50. (Bild: Wipag)

Aufgrund ihrer technischen Eigenschaften bietet der Einsatz von WIC-Compounds Vorteile in unterschiedlichen Anwendungen etwa beim Leichtbau im Bereich Automotive. Durch die hohe Festigkeit und Steifigkeit des Materials ist beispielsweise ein Ersatz von hoch glasfaserverstärkten Polyamiden durch carbonfaserverstärktes Polypropylen realisierbar. Ein etabliertes Produkt am Markt ist zum Beispiel der Tankdeckelscharnierarm für den Automobilhersteller Audi. Hier wurde erfolgreich ein PA66 GF 50 durch ein WIC PP 30 ersetzt. Dadurch wurde nicht nur 32 % an Gewicht eingespart sondern auch der CO2-Fußabdruck deutlich reduziert. Ein Standardpolyamid liegt im Bereich von 5 kg CO2/kg, unser WIC PP 30 im Vergleich nur bei 1,26 kg CO2/kg. Grundlage für diese Berechnung liefert die Berechnungssoftware GaBi, welche bei der Wipag und von namhaften Unternehmen eingesetzt wird. Anmerkung: GaBi ist die meist verwendete Nachhaltigkeitssoftware für die Ökobilanzierung von Produkten – mit über 10.000 Anwendern, darunter 40 % der Fortune 500, führende Industrieverbände
und innovative KMU.

Zudem können wir beim Compoundieren nicht nur auf eigene Erfahrungen, sondern auch auf Kompetenzen innerhalb der Otto Krahn Gruppe, insbesondere in der Albis und der Mocom, zurückgreifen. Nach den Trenn- und Mahlaufgaben kann das Compoundieren quasi in einem Schritt im Doppelschneckenextruder erfolgen, was nicht nur effizient, sondern auch materialschonend ist. Dabei mischen wir durchaus die Kunststoffe verschiedener Quellen, können jedoch durch entsprechende Analysen stets die geforderte Qualität sicherstellen. Unsere Produkte sind je nach Kundenwunsch spezifiziert.

Welche Firmen kommen heute mit Recyclingaufgaben zu Ihnen?

Marquardt: Das ist eine bunte Mischung inzwischen. Ausgehend von der Wipag mit den Kontakten in die Automobilindustrie, können wir heute auf ein großes Netzwerk mit der Albis und der Otto Krahn Gruppe zurückgreifen. So hatten wir schon Anfragen zur Reststoffaufbereitung von Zahnbürsten aus PP mit Borsten. Je nach Kunststoff und Produktanforderungen können die Rezyklat-Compounds im geschlossenen, also closed, oder im offenen, also open, Kreislauf oder Loop gefahren werden. Das entscheidet der Auftraggeber. Am effizientesten ist sicher die Closed-Loop-Lösung und daher besteht auch aufseiten der Auftraggeber der Anreiz,  gleich von vornherein die Reststoffe so sauber wie möglich getrennt zu sammeln. Denn je weniger Trenn-schritte es benötigt, desto sortenreiner wird das rückgeführte Rezyklat.

Das Closed-loop-Konzept hat jedoch auch Grenzen zum Bereich für medizintechnische Anwendungen. Hier wird dann das Open-Loop-Konzept gefahren. Eine verstärkte Nachfrage verzeichnen wir nach der Aufbereitung der Shredder-Leichtfraktion aus der Autoverwertung. Auch ist so mancher Automobilist überrascht, wenn wir in einer Detailanalyse einer Baugruppe mitteilen, wie viele verschiedene Wertstoffe darin enthalten sind. Hier ist auch die Entwicklung gefragt, die Komplexität zu reduzieren, die Trennung zu erleichtern, damit Demontage und Verwertung der Altfahrzeuge überhaupt wirtschaftlich sind. Bei diesem Schritt dürfen keine hohen Kosten entstehen. Je komplexer der Materialmix, je schwieriger ist die Trennung und je höher sind die Kosten dafür.

Kriebisch: Das hängt auch mit der zunehmenden Funktionsintegration der Bauteile zusammen. Da kommen schnell zwei, drei Komponenten zusammen. In der Schredder-Leichtfraktion finden sich außerdem Materialien wie Holz und Gummi. Man muss sich dabei auch klarmachen, dass Änderungen der Konstruktionen zum Beispiel erst in 15 Jahren greifen werden.

Wir beobachten auch die Bauindustriebemühungen, die Komplexität der Produkte zu reduzieren, um die Entsorgungskosten zu reduzieren. Denn die Trennung und Aufbereitung ist stets eine Kosten-Nutzen-Rechnung: auf der einen Seite stehen steigende Entsorgungskosten, auf der anderen Seite Kosten für Rohstoffe, je nach Bilanz und technisch Machbaren lohnt sich eine Aufbereitung.

Wie schätzen Sie das Potenzial von Kunststoffen ein, den CO2-Footprint von Kunststoffprodukten zu senken und können Rezyklate zu der geforderten Absenkung der CO2-Grenzwerte für die Automobilindustrie

Marquardt: Beim Thema Rezyklate verzeichnen wir eine verstärkte Nachfrage bei Sports & Leisure. Hier steht der Konsument mit einer ganz anderen Erwartung an die Produkte dahinter. Im Automobilsektor gilt nach wie vor „Safety first“. Daher ist der Einsatz von Rezyklaten eingeschränkt. Allerdings liefern wir die rezyklierten Kohlefasern für die verstärkten, spritzgussfähigen Compounds. Generell lässt sich für alle Wipag-Produkte eine CO2-Bilanz errechnen. Wir nutzen dafür die Software GaBi, die die mögliche CO2-Ersparnis in GWP (Globale Warming Potential) als konkrete Zahl errechnet. Das interessiert die Automobilindustrie derzeit sehr. Für 2022 erwarten wir einen erheblichen Schub in der Nachfrage nach unseren Kohlefaser-PP-Compounds, die unter anderem auch in Hybrid-Bauteilen eingesetzt werden. Es geht hier um den Ersatz von Metall-Druckguss-Elementen, die als Kunststoff-Metall-Ausführung erheblich Gewicht einsparen. Auch der metallische Träger der Instrumententafel könnte ein Bauteil sein, das sich mit unseren rezyklierten Faser-Compounds realisieren und womit sich der Footprint senken ließe.

Kriebisch: Zudem lässt sich mit dem Ersatz von Metallen oder glasfaserverstärkten Kunststoffen durch Carbonfasercompounds weiter Gewicht einsparen. Der Einsatz von Rezyklaten senkt dann zusätzlich die CO2-Bilanz. Mit der Software lässt sich die Ersparnis dann sehr gut im Vergleich zu Neuwaren ausrechnen.

Wie stellen Sie eine Liefersicherheit Ihrer Rezyklat-Produkte sicher?

Marquardt: Da wir zum Erzeuger der Abfälle beziehungsweise Reststoffe gehen, haben wir eine sehr enge Beziehung zur Quelle. Wir haben zusätzliche Manpower geschaffen, um zuverlässige Lieferanten mit fixen Verträgen an uns zu binden. Diese Modelle sind für beide Vertragspartner von Vorteil, weil auch der Lieferant sicher sein kann, dass seine Reststoffe zuverlässig entsorgt werden und keine weiteren Entsorgungskosten entstehen.

Kriebisch: Über unser Technikum sind wir in der Lage sehr zügig zu beurteilen, ob eine Reststoff-Fraktion für uns interessant ist und ob es Sinn macht, hier einen Vertrag mit dem Lieferanten zu schließen. Hauptquelle ist für uns nach wie vor die Automobilindustrie. Allein aufgrund der vergleichsweise hohen Stückzahlen lassen sich hier für uns zuverlässige Partner identifizieren. Gleichwohl sehen wir inzwischen auch kunststoffverarbeitende Unternehmen in anderen Branchen, die das Potenzial hätten, mit uns sowohl im Open-Loop- als auch im Closed-Loop-Verfahren zu arbeiten.

Wie stellen Sie eine Liefersicherheit Ihrer Rezyklat-Produkte sicher?

Marquardt: Da wir zum Erzeuger der Abfälle beziehungsweise Reststoffe gehen, haben wir eine sehr enge Beziehung zur Quelle. Wir haben zusätzliche Manpower geschaffen, um zuverlässige Lieferanten mit fixen Verträgen an uns zu binden. Diese Modelle sind für beide Vertragspartner von Vorteil, weil auch der Lieferant sicher sein kann, dass seine Reststoffe zuverlässig entsorgt werden und keine weiteren Entsorgungskosten entstehen.

Kriebisch: Über unser Technikum sind wir in der Lage sehr zügig zu beurteilen, ob eine Reststoff-Fraktion für uns interessant ist und ob es Sinn macht, hier einen Vertrag mit dem Lieferanten zu schließen. Hauptquelle ist für uns nach wie vor die Automobilindustrie. Allein aufgrund der vergleichsweise hohen Stückzahlen lassen sich hier für uns zuverlässige Partner identifizieren. Gleichwohl sehen wir inzwischen auch kunststoffverarbeitende Unternehmen in anderen Branchen, die das Potenzial hätten, mit uns sowohl im Open-Loop- als auch im Closed-Loop-Verfahren zu arbeiten.

Wie stehen Sie dem Thema Standardisierung von Rezyklaten gegenüber?

Marquardt: Zunächst müsste man festhalten, was genau unter Standardisierung zu verstehen ist. Ist es der Prozess, die Mischung oder worum geht es genau? Je nachdem mit wem man spricht, erhält man hier verschiedene Definitionen. Ganz am Anfang des Rezyklatkreislaufs wäre einfach zu klären, wann ist denn ein Abfall ein Abfall? Sind Angüssen erst Abfall, wenn sie die Produktion verlassen haben? Ist zum Beispiel das Einarbeiten von Angüssen eine Form des Rezyklierens? Hier wäre meiner Ansicht nach anzusetzen bei der Definition und Standardisierung.

Kriebisch: Selbst bei Neuwaren gibt es keine fixen Standards. In der Regel sind die Mischungen eigenes Know-how der Compoundeure, die sich nur ungern in die Karten schauen lassen. Durch unsere enge Verbindung mit den Lieferanten verfügen wir über ein tiefes Wissen über die Kunststoffe, die in unserem Haus aufbereitet werden. Diese Transparenz ist jedoch nicht selbstverständlich. Zudem ermöglicht unser Closed-Loop-Konzept dem Vertragspartner genau den Kunststoff wieder einzusetzen, den er bei uns abgeliefert hat. 

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