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Kein Kunststoff ist auch eine Lösung für To-Go-Verpackungen – es lohnt sich genau hinzuschauen und den Lebenszyklus insgesamt zu bewerten. (Bild: Gordon-Bussiek/Adobe.Stock.com)

Cofe To Go mit Löffel

Papier hat beim Consumer einen besseren Ruf als Kunststoff, doch die Lebenszyklusanalyse von To-go-Bechern aus Kunststoff zeichnet ein anderes Bild. (Bildquelle: Babimu/Fotolia.com)

Für das Whitepaper „Ausgepackt: Mythencheck Nachhaltige Verpackungsmaterialen“ stellten die Chemikerin Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt und der Sozialwissenschaftler Dr. Gunter Heinickel aus der Expert Community von 20blue alternative Verpackungsmaterialen auf den Prüfstand und untersuchten, wie Handel und Industrie zu wirklich nachhaltigen Lebensmittelverpackungen gelangen können.

Lebenszyklusanalyse für die Bewertung von To-go-Verpackungen

Nachhaltigkeit, so die zentrale Aussage, muss auch in der Bewertung von Verpackungslösungen ganzheitlich gedacht werden. Mit der Lebenszyklusanalyse stellen die Autoren ein Instrument vor, das diese ganzheitliche Bewertung der Nachhaltigkeit alternativer Verpackungslösungen zulässt. Dabei wird deutlich: Nicht immer führt der Weg zu mehr Nachhaltigkeit über das Ersetzen von Materialien. Verbessern statt alles neu zu planen kann manchmal der bessere Weg zur nachhaltigen Verpackung sein. Im Fokus stehen mit Papier und Kunststoff/Biokunststoff die beiden derzeit gängigsten und beliebtesten Verpackungsmaterialien.

Die Autoren bringen Klarheit in die oft unklar verwendeten Begrifflichkeiten „Biokunststoff“, „biobasiert“, „bioabbaubar“, „aus erneuerbaren Rohstoffen“. Und sie zeigen: Bioabbaubarkeit ist nur ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Ziel muss jedoch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sein. Hier sind auch die Verbraucher gefragt.

Generell gilt: Die Anforderungen an Verpackungslösungen in der Lebensmittelindustrie sind komplex und je nach Branchensegment unterschiedlich. Die eine, für alle Segmente perfekte, nachhaltige Verpackungslösung kann es daher nicht geben. Vielmehr muss die für den jeweiligen Bereich optimale Lösung – oftmals als Kompromiss – gesucht werden.

Kein Kunststoff ist auch keine Lösung

Für Plastverarbeiter erläuterten Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt und Andrea Belegante vom Bundesverband der Systemgastronomie e.V. ihre Sicht auf Nachhaltigkeit im To-go-Bereich.

Plastverarbeiter: Was macht eine Lebensmittelverpackung nachhaltig, insbesondere mit dem Blick auf To-go-Verpackungen?

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Andrea Belegante,Hauptgeschäftsführerin, Bundesverband der Systemgastronomie e. V., München

Andrea Belegante (Bundesverband der Systemgastronomie e.V.): „Viele Faktoren fließen in die Beurteilung und auch Definition von „Nachhaltigkeit“ ein.  Für die Praxis relevant sind Aspekte wie bspw. eine Maximierung der Sortierfähigkeit in modernen Anlagen, z.B. keine Plastikfolienfenster in Papier oder Karton, der Recyclingfähigkeit, z.B. Monomaterial vs. Mehrfachverbund, des Recyclatanteils, der sog. „Stackingeigenschaft“, also Stapelbarkeit von Produkten zur Reduzierung des Transportvolumens sowie ein möglichst minimaler Materialeinsatz. Nachhaltigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit Mehrweg gegenüber Einweg. Auch das Umweltbundesamt stellt diese Tatsache fest: z.B. sind 50 Umläufe bei Mehrweggetränkebechern für eine ökologische Vorteilhaftigkeit gegenüber Einweg erforderlich [1].“

Kerstin Hermuth-Kleinschmidt:„Trotzdem sollte eine nachhaltige Verpackung möglichst lange im Kreislauf gehalten werden: das kann im Kontext „To-go“ heißen, sie als Mehrweglösung anzubieten, wie es bereits beim „Coffee-to-go“-Becher praktiziert wird, schließt aber genauso ein, ihre Recyclingfähigkeit zu erhöhen, indem schwer zu trennende Verbundmaterialien vermieden und ein sortenreines Recycling möglich ist. Die Materialien sollte man nach Kriterien des tatsächlichen Recyclings auswählen: momentan wird meines Wissens nur PET zu 100% wieder zu PET recycelt.

„Das Verständnis der Abläufe im Verwendungsprozess des Befüllers sowie der Kundenwünsche muss gegeben sein“, sagt Andrea Belegante, Bundesverband der Systemgastronomie e. V.

Plastverarbeiter: Welche Erwartungen haben Sie an Anbieter von Verpackungslösungen?

Hermuth-Kleinschmidt: „Wichtig ist zunächst das Design thinking – von Beginn an den Lebensweg im Blick zu haben ausgehend von der Frage, welche Ressourcen genutzt werden, welche Umweltauswirkungen Produktion, Transport und Nutzung haben und wie die Entsorgungswege aussehen oder ob Wiederverwendung eine Option ist. Ich denke aber, dass das Bewusstsein vorhanden ist und an Lösungen gearbeitet wird.

Wichtig ist meines Erachtens ein holistischer Ansatz mit einem Austausch zwischen den Anbietern bzw. in der Branche, mit Forschungsinstitutionen, in der Lieferkette bis zu den Endkunden, um gemeinsam Erwartungen zu eruieren, nach Möglichkeiten und Lösungswegen zu suchen und zu finden.“

Belegante: „Das Bestreben der gesamten Verpackungskette, vom Hersteller bis zum Befüller, muss die Förderung von Innovationen sein. Durch die vielfach bewiesene Innovationskraft können Lebensmittelverpackungen optimiert, der Materialeinsatz reduziert und neue Lösungen entwickelt werden. Einige unserer Mitglieder forschen und arbeiten z.B. an der Umsetzung natürlicher Verpackungslösungen aus Algenmaterial. Neben dieser grundsätzlichen Notwendigkeit muss das Verständnis der Abläufe im Verwendungsprozess des Befüllers sowie der Kundenwünsche gegeben sein.“

Plastverarbeiter: Sind bioabbaubare Kunststoffe die Lösung für Wegwerfverpackungen? Wo können bioabbaubare Kunststoffe sinnvoll eingesetzt werden?

Belegante: „Bioabbaubare Kunststoffe sind kein Allheilmittel und auch keine Lösung für Einwegverpackungen. Das Label „Bioabbaubare Kunststoffe“ kann einen einfachen, biologischen Prozess, in dem die Verpackung dann auf natürlichem Wege abgebaut wird, suggerieren. Dieser Prozess findet aber nur unter sehr spezifischen, idealen Bedingungen statt, die im herkömmlichen Entsorgungs- und Verwertungsprozess nicht eingehalten werden können. Deshalb sind wir skeptisch, was den Einsatz bioabbaubarer Kunststoffe anbelangt.“

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Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt,NIUB – Nachhaltigkeitsberatung,Freiburg

Hermuth-Kleinschmidt: „Das sind genau die Problematiken, die adressiert und gelöst werden müssen. Für Wegwerfverpackungen im To-go-Bereich, die ja oftmals mit Lebensmittelresten verschmutzt sind, kann man sich ein Beispiel an Italien nehmen: hier sind entsprechend zertifizierte, bioabbaubare Kunststoffe für Verpackungen Pflicht und die Entsorgungsanlagen bieten die Umgebungsbedingungen für den kompletten Abbau über den Biomüll. In diesem Gesamtkonzept machen bioabbaubare Kunststoffe Sinn. Auch in Ländern ohne ausreichende Recycling-Infrastruktur macht der Einsatz von nachweislich gut abbaubaren Kunststoffen, wie PHB, Sinn.“

 

 

„Es muss sich lohnen, nachhaltig zu handeln“, betont die Expertin Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt.

Plastverarbeiter: Was kann die Systemgastronomie zur Kreislaufwirtschaft beitragen und wie könnte die Zusammenarbeit in der Wertstoff-Kette aussehen?

Belegante: „Unsere Mitglieder unternehmen große Anstrengungen, um neue Modelle und Prozesse zu entwickeln, wirtschaftliche Kreisläufe zu schließen. Die Systemgastronomie kann durch sortier- und recyclingfähige Verpackungen einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten. Der Einsatz genau solcher Verpackungen findet bei unseren Mitgliedern auch statt. Darüber hinaus können geschlossene Produktkreisläufe, sogenannte Closed-Loop-Konzepte, die Rohstoffnutzung verbessern und diese in der Produktherstellung erneut verwenden. Ein konkretes Beispiel für diesen geschlossenen Kreislauf: Ein Einweggetränkebecher wird nach Nutzung im Restaurant einem Recyclingkonzept zugeführt. Am Ende des Recyclingprozesses aus dem „Müll“ papierbasierter Einweggetränkebecher steht die Verwertung zu bedruckbarem Papier oder die Herstellung von Rigipsplatten für den Wohnungsbau. Bei diesem Modell arbeiten unsere Mitglieder mit Logistikdienstleistern und Abfallverwertern eng zusammen.“

Plastverarbeiter: Wie kann Transparenz für Verbraucher über die Nachhaltigkeit einer Verpackung geschaffen werden – Stichworte Pseudo-Nachhaltigkeit und Unverzichtbarkeit von Kunststoffen?

Hermuth-Kleinschmidt: „Kein Kunststoff ist auch keine Lösung. In vielen Bereichen können wir nicht auf Kunststoffe verzichten, zumal diese auch Vorteile haben, wie ihr leichtes Gewicht. Aber die Nutzung muss überdacht werden und es muss transparent über Vor- und Nachteile sowie Alternativen kommuniziert werden: eine Aufgabe gleichermaßen für die Polititk, Hersteller, Verarbeiter und Forschung.

Für die Bewertung von Transparenz und Vergleichbarkeit von Produkten und Verpackungen könnte zukünftig der Product Environmental Footprint (PEF) helfen, der die relevantesten Umweltauswirkungen eines Produkts bewertet. Für die Bewertung flexibler Verpackungen wurden methodische Vorgaben in einer Pilotphase erarbeitet. Momentan gilt eine Übergangsphase bis 2021 und danach wird man sehen, wie die politische Umsetzung, bspw. in Form von Richtlinien, aussehen wird. Ob es ein weiteres EU-Label gibt, wird sich dann entscheiden [2]. Schon heute gibt es den Blauen Engel für Mehrwegsysteme [3], auch für Verpackungen und Mehrwegbechersysteme [4].“

Plastverarbeiter: Was können Verpackungsproduzenten und deren Zulieferer dafür tun?

Hermuth-Kleinschmidt: „Die angesprochenen Label und Bewertungen können nach innen im Unternehmen für Klarheit über die Umweltauswirkungen entlang der eigenen Produktion sorgen und gleichzeitig für eine transparente Kommunikation nach außen genutzt werden.

Innerhalb der Produktion bzw. auch für Zulieferer können Schwachstellen identifiziert, verbessert bzw. Alternativen gefunden werden. Das braucht Zeit, Ressourcen im Unternehmen und gute Kommunikation in der Lieferkette. Es hilft, sich die Zeit zu nehmen und sich nicht unbedingt an kurzfristigen Trends zu orientieren. Mit einer entsprechend fundierten Untersuchung kann man dann auch vertreten, weshalb es für den eingesetzten Kunststoff vielleicht keine biobasierte Lösung gibt, aber man eventuell den Rohstoffeinsatz verringern konnte. Ich denke, man sollte als Produzent bzw. Zulieferer auch nicht scheuen, den Dialog mit Kritikern zu suchen, um deren Sichtweise und Außenansicht mit aufzunehmen. Eine transparente und faktenbasierte Kommunikation hilft allen Seiten.“

Plastverarbeiter: Wie sieht eine transparente Lebenszyklusanalyse aus und wie kann hier Vergleichbarkeit hergestellt werden?

Hermuth-Kleinschmidt: „Für die Durchführung einer Lebenszyklusanalyse geben die ISO 14040 und ISO 14044 die formalen Schritte an. Der Teufel steckt aber oft im Detail, wenn beispielsweise Daten nur unvollständig vorliegen und Schätzungen herangezogen werden müssen, die Frage, wie der Untersuchungsrahmen inklusive der Systemgrenzen definiert wird oder die Bewertung der Umweltwirkungen. Diese Detailfragen sind dann auch immer Teil der Interpretation der Lebenszyklusanalyse.

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Kein Kunststoff ist auch eine Lösung für To-Go-Verpackungen – es lohnt sich genau hinzuschauen und den Lebenszyklus insgesamt zu bewerten. (Bild: Gordon-Bussiek/Adobe.Stock.com)

Wie bereits gesagt, kann der Product Environmental Footprint (PEF) diese Transparenz schaffen. Da für bestimmte Produktkategorien einheitliche Regeln in Bezug auf die Methodik gelten, werden die Produkte aus dieser Kategorie gleich bewertet. Auch dies ist nicht einfach, was man bereits daran sieht, dass dieses Projekt bereits viele Jahre auf EU-Ebene vorangetrieben wird. Aber wir werden sehen, ob es in ein oder zwei Jahren dann tatsächlich ein PEF-Label für Verpackungen geben wird.“

Plastverarbeiter: Welche politischen Rahmenbedingungen in Europa wünschen Sie sich, um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu vereinbaren?

Hermuth-Kleinschmidt: „Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit werden immer als Gegensatz gesehen – dabei heißt Nachhaltigkeit den Erhalt der Ressourcenbasis zu sichern, jetzt und in Zukunft. Für den Bereich der Lebensmittelverpackungen ist die Ausrichtung auf eine Kreislaufwirtschaft der richtige Weg. Dies muss aber mit Maßnahmen flankiert werden, wie dem Aufbau der notwendigen Recyclinginfrastruktur, Forschung und Unterstützung einer Kaskadennutzung und parallel der Unterstützung von Mehrwegsystemen. Es muss sich lohnen, nachhaltig zu handeln. Und in Bezug auf Bürger:innen wünsche ich mir, dass es diesen einfacher gemacht wird, sich für die nachhaltigere Lösung zu entscheiden – durch transparente Information wie durch den Preis.“

Belegante: „Ja, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind kein Widerspruch. Im Gegenteil. Wir teilen das Ziel, Verpackungsabfälle zu reduzieren. Unsere Mitglieder arbeiten sehr intensiv an Lösungen und können auch messbare Erfolge vorweisen. Die EU-Einwegkunststoffrichtlinie aber ist handwerklich schlecht gemacht und unter einem politisch gewollten Zeitdruck seitens der Kommission entstanden, der den nationalen Gesetzgebern und den betroffenen Unternehmen jetzt auf die Füße fällt. Für unsere Mitglieder kann ich bspw. sagen, dass es zu manchen Verpackungen und Produkten aktuell schlicht keine bessere, ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Alternative gibt.

Deshalb wünschen wir uns, dass auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel die Stimmen und die Expertise der betroffenen Wirtschaft gehört werden und auf konkrete Umsetzungshürden in der Praxis eingegangen wird.“

Plastverarbeiter: Wie schätzen Sie die Chancen dieses Ziels global gesehen ein?

Belegante: „In den vergangenen Jahren wurde viel erreicht, um Verpackungen zu reduzieren und nachhaltiger zu gestalten. Aber es ist bleibt eine Mammutaufgabe und bedarf der kontinuierlichen Anstrengung sowie zukunftsfähiger Innovationen. Verbraucher und Gäste verlangen heute viel stärker, dass Lebensmittel und Verpackungen ressourcenschonend hergestellt werden. Wirtschaft ohne Nachhaltigkeit ist genauso zum Scheitern verdammt wie Nachhaltigkeit ohne Wirtschaft. Aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit heraus stehen die Chancen gut, beides in Einklang zu bringen.“

Hermuth-Kleinschmidt: „Ich denke, dass wir gar keine andere Chance haben als unser gesamtes Wirtschaftssystem umzustellen. Die Lösungen sind seit Jahren da, die Wissenschaft hat nicht nur in Bezug auf den Klimawandel die Daten, sondern auch in Bezug auf die Transformation der Wirtschaft und der Gesellschaft. Der Druck auf die Politik wie auf die Wirtschaft wächst. Unternehmen merken den Nachhaltigkeitstrend – sie werden nicht mehr nur nach ihrer finanziellen Performance bewertet: Investoren möchten ihr Geld nachhaltig anlegen. Von daher bin ich optimistisch, aber es muss jetzt geschehen – denn viel Zeit ist nicht mehr.“

ist Redakteurin Plastverarbeiter. etwina.gandert@huethig.de

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