50 mm Saugnapf aus PVC und Haken aus Polycarbonat; die Sauger werden auf einem vierkavitätigen Werkzeug hergestellt, das über 50 Jahre alt ist. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

50 mm Saugnapf aus PVC und Haken aus Polycarbonat; die Sauger werden auf einem vierkavitätigen Werkzeug hergestellt, das über 50 Jahre alt ist. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Per Definition ist ein Saugnapf ein napfförmiges Befestigungsmittel für Haken oder andere Vorrichtungen, das sich mit Unterdruck an glatten Oberflächen festsaugen kann. Oliver Schwarz, Geschäftsführer Vakuplastic, einem Hersteller von Saugnäpfen, stimmt dieser Definition grundsätzlich zu, und ergänzt, dass die Oberflächen, auf denen diese befestigt werden, glänzend und nie matt sein dürfen, damit der Saugnapf seine Funktion konstant erfüllt. „Denn auch eine glatte Oberfläche kann porös sein. Kann sie Luft durchlassen, dann hält der Saugnapf nicht auf Dauer“, erklärt Schwarz. „Weiterhin muss die Befestigungsstelle beim Anbringen des Saugnapfes trocken und sauber sein, dann hält er ewig.“ Beim Fixieren rät Schwarz, den Saugnapf nicht von der Mitte her anzupressen, sondern diesen von der Seite abzurollen. Durch die Abrollbewegung verbleibt in der Mitte sehr wenig Restluft und der Napf ist gut und dauerhaft befestigt. Wird er lediglich festgedrückt, so befindet sich in der Mitte immer noch etwas Luft. Ist der Saugnapf beispielsweise im Badezimmer befestigt, so herrschen dort Schwankungen hinsichtlich Temperatur und Luftfeuchte. Die eingeschlossene Luft wäre diesen unterworfen und der Saugnapf würde früher oder später abgedrückt. „Betrachten wir einen 50 mm Saugnapf, der hält an sich ohne Weiteres 12 kg. Wir haben mit dem Kunststoffhaken aus Polycarbonat einen Sicherheitsfaktor eingebaut. Der Haken biegt bei 10 kg auf. Einen nassen Bademantel hält der Saugnapf, sofern er richtig angebracht ist“, erläutert der Geschäftsführer.

Viele Varianten

Mit den Sauglaschen werden unter anderem Heckscheibenwischer beim Durchfahren der Waschstraße gehalten. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Mit den Sauglaschen werden unter anderem Heckscheibenwischer beim Durchfahren der Waschstraße gehalten. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Das Unternehmen steht seit über 50 Jahren für Saugnäpfe und Saugnapfzubehör, Hemmfüßchen und Saugplatten und stellt diese seit 2002 nahezu 100 Prozent selbst her. Die Produktion war damit vollständig ausgelastet, heute ist sie es mit diesen Produkten noch zu 90 bis 95 Prozent. Außerdem werden im Auftrag technische Spritzgussteile und zweikomponentige Lichtschalter aus ABS und PC für die Plattenbauten hergestellt.

Einsatzmöglichkeiten von Saugnäpfen im Auto: Parkscheibe, Parkscheintasche, Einkaufswagenchip über Knopfsauger befestigt, Parkberechtigung ist an einer Halteklammer befestigt und das Navigationsgerät über eine Saugplatte. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Einsatzmöglichkeiten von Saugnäpfen im Auto: Parkscheibe, Parkscheintasche, Einkaufswagenchip über Knopfsauger befestigt, Parkberechtigung ist an einer Halteklammer befestigt und das Navigationsgerät über eine Saugplatte. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Die Vielfalt der Saugnäpfe ist enorm, denn es gibt beispielsweise Saugnäpfe mit Haken, Gewindestange, Mutter, Krokodilklemme, Klammer, Magnet und Schlüsselring, Loch-, Schlitz- und Knopfsauger, Sauger mit und ohne Abhebelasche, Stiftehalter, Flanschsauger zum Anschweißen oder Kleben, Deckenplatten mit Klebepad sowie Kipphaken mit Saugplatte. „Die meisten Sauger kommen zwischenzeitlich aus Asien. Das macht uns und dem Image des Saugnapfes zu schaffen. Denn die dort verwendeten Materialien enthalten große Mengen Weichmacher, die über die Zeit an die Oberfläche migrieren, auch zwischen Haken und Wand. Die Weichmacherwanderung lässt den Saugnapf außerdem verspröden, sodass dessen Funktionsfähigkeit deutlich geringer ist“, sagt Oliver Schwarz. Die hergestellten Produkte gehen in 24 verschiedene Branchen, wie Reha, Werbung, Maschinen- und Apparatebau, Fleischerei, Spielwaren, Immobilienbranche, Point of Sale, Heizung oder Reisebüros.

Maschinenpark und Portfolio erweitert

Auf einer Boy 15S aus dem Jahr 1980 werden die Sauglaschen produziert. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Oliver Schwarz zeigt die Sauglaschen, die seit 1980 auf einer Boy 15S produziert werden. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Die rund 5 Millionen Saugnäpfe pro Jahr und Zubehörteile fertigen die sieben Mitarbeiter von Vakuplastic am Firmenstandort im brandenburgischen Schönefeld. In der Produktionshalle stehen sieben Maschinen mit Schließkräften von 15 bis 160 Tonnen. Wiederverwendbare Sauglaschen, die den Heckscheibenwischer während des Durchfahrens einer Waschstraße halten, werden seit 1980 auf einer 15 Tonnen Maschine von Dr. Boy, Fernthal-Neustadt, gefertigt. Mit dem „Schätzchen“ werden vier Laschen pro Minute hergestellt und heute noch der Monatsbedarf von 30.000 Teilen abgedeckt. Direkt hinter der historisch anmutenden Boy 15S steht seit dem vergangenen Jahr eine vollautomatisierte Produktionszelle von Arburg, Loßburg, mit einem Allrounder 520S. Die Maschine ist mit einem Roboter zur Entnahme der Saugplatten mit Abhebelasche ausgestattet. Geplant war die Maschine für die Herstellung von monatlich 200.000 planen Saugplatten mit Abhebelasche aus TPU und Hubstange aus Polyamid für Handyhalterungen. Da der Lieferant der komplettierten Halterungen zum Ende April 2020 seine Produktion aufgrund der „Billigkopien“ aus Asien einstellte, hat Schwarz Produktionskapazitäten frei.

In der vollautomatisierten Produktionszelle von Arburg werden die vier Saugplatten entnommen und zur Kontrolle abgelegt. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

In der vollautomatisierten Produktionszelle von Arburg werden die vier Saugplatten entnommen und zur Kontrolle abgelegt. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Zum 1. April 2020 hat das Unternehmen die Firma Gerd Baermann Formenbau und Kunststoffspritzerei aus Berlin-Neukölln übernommen. Die fünf Spritzgießmaschinen wurden bereits in Schönefeld integriert und die Produktion der Zubehörteile für die Elektrobranche wird weitergeführt. Die Coronakrise hat auch bei Vakuplastic zu Kurzarbeit geführt. Oliver Schwarz blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft, da derzeit auch für ihn wichtigen Präsentationsplattformen wie die Hannover Messe abgesagt werden. Seine größte Sorge gilt seinen Mitarbeitern, die durch die Kurzarbeit finanzielle Einbußen erleiden.

PVC ist die erste Wahl

Für die Saugerherstellung ist PVC am besten geeignet, da mit diesem Material ganz glatte Oberflächen, wie sie für den guten Halt benötigt werden, erzeugt werden können. Ein Saugnapf ist grundsätzlich aus elastischem Material hergestellt. Eine Gummioberfläche wäre nie so glatt wie eine aus PVC, auch wenn sie in einem Werkzeug mit hochglanzpolierter Kavität gefertigt worden wäre. Denn der Kontakt von zwei glänzenden Flächen ist für die dauerhafte Haftfestigkeit des Saugnapfes entscheidend. Die Formen zum Fertigen der Teile unterliegen engmaschigen Reinigungsintervallen und werden regelmäßig manuell nachpoliert, wodurch eine gleichbleibende Qualität sichergestellt ist. Da dem Material keine Additive und nur hochwertige Weichmacher zugesetzt sind, bilden sich nahezu keine unerwünschten, belagbildenden Nebenprodukte. Die Härte der Sauger liegt bei 63 Shore A+/-3, die der Saugplatten bei 75 Shore A+/-3.90 Prozent der hergestellten Produkte sind transparent.

Aufgrund der Diskussion um PVC werden zwischenzeitlich Saugnäpfe aus thermoplastischen Elastomeren gefertigt. „Die Langzeittests sind vielversprechend, aber für mich ist das optimale Material immer PVC. Gerade auch im Hinblick auf die Recyclingfähigkeit. PVC können wir jederzeit einmahlen und wieder verarbeiten, das geht bei TPE nicht“, erklärt Oliver Schwarz seine Philosophie. Das Unternehmen führt seine Produktionsabfälle aus PVC in den Prozess zurück, die weiteren Kleinmengen werden der thermischen Verwertung zugeführt.

Werkzeugqualität entscheidet

Die Sauger halten an den Glasscheiben der Maschinenumhausung sehr gut und sorgen dafür, dass benötigte Hilfsmittel und Unterlagen immer greifbar sind. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Die Sauger halten an den Glasscheiben der Maschinenumhausung sehr gut und sorgen dafür, dass benötigte Hilfsmittel und Unterlagen immer greifbar sind. (Bildquelle: Simone Fischer/Redaktion Plastverarbeiter)

Die Werkzeuge werden aufgrund der kurzen Wege und langjähriger Partnerschaften in der Hauptstadtregion gebaut. Entscheidend ist, dass die Kavitäten aus einem korrosionsbeständigen, polierfähigen Stahl gefertigt werden und das gesamte Werkzeug, aufgrund seiner langen Einsatzdauer, hochwertig verarbeitet ist. „Das vierkavitätige Werkzeug, auf dem wir unser Werbegeschenk mit 50 mm Durchmesser fertigen, ist zwischenzeitlich 54 Jahre alt. Darauf wurden rund 20 Millionen Teile gespritzt und es funktioniert immer noch“, freut sich Schwarz. „Es spiegelt deutsche Ingenieurskunst wieder. Das Kopfteil war tauschbar, sodass der Saugnapf einen Knopf, ein Querloch oder Gewinde erhielt. Außerdem konnten Saugnäpfe mit 30, 35, 40 und 50 mm gefertigt werden.“

Personal hart umkämpft

In der Region Berlin/Brandenburg sind rund 70 Spritzgussunternehmen und zahlreiche weitere attraktive Arbeitgeber ansässig, sodass die Fachkräfte trotz des Ballungszentrums knapp sind. „Ich habe das Glück, dass sich ein Kunststoffformgeber vor zwei Jahren bei mir beworben hat, weil er heimatnah arbeiten wollte. Das war ein Glücksfall“, berichtet Schwarz sichtlich erfreut. Sein Unternehmen würde gerne ausbilden, allerdings ist es nahezu unmöglich, einen Auszubildenden für den Beruf des Verfahrensmechanikers Kunststofftechnik zu finden. Für die jungen Menschen ist eine Ausbildungsstelle in Berlin attraktiver und die Rahmenbedingungen sind besser. Die Berufsschule ist in Berlin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen, wohingegen die Auszubildenden in Brandenburg die Berufsschule in Schwarzheide besuchen müssen. Das sind über 100 Kilometer, die mit dem Auto oder Zug zurückzulegen sind. An die vorherige Ausbildungsschule in Fürstenwalde war ein Internat angebunden, sodass die Übernachtung gesichert war. In Schwarzheide müssen die Jugendlichen in Pensionen übernachten. Keine attraktiven Rahmenbedingungen.

Für Kleinunternehmen ist eine digitale Vernetzung der Maschinen und Prozesse nicht zielführend. Der Digital-Innovation-Quotient (DIQ) hat im Fall Vakuplastic ergeben, dass eine Vernetzung mehr Kosten als Nutzen bringt und Excel-Tabellen ausreichend sind.

„Der Markt für Saugnäpfe ist seit Jahren konstant“, berichtet Schwarz. „Wir beliefern rund 300 Projekte jährlich. Mal überwiegt die eine, mal die andere Branche.“ Aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete gibt es keinen Haushalt, der ohne Saugnapf oder Hemmfüßchen unter einem Schneidbrett in der Küche auskommt. Und das wird aller Technisierung und Digitalisierung zum Trotz auch so bleiben.

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Über den Autor

Simone Fischer

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

simone.fischer@huethig.de