Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei Ihrem Grußwort zum Internationalen Cradle to Cradle Congress in Berlin (Bildquelle: C2C NGO)

Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei Ihrem Grußwort zum Internationalen Cradle to Cradle Congress in Berlin (Bildquelle: C2C NGO)

Cradle to Cradle beginnt bereits bei der Entwicklung eines Produkts oder einer Dienstleistung und definiert zunächst ein Nutzungsszenario. Davon ausgehend werden gesunde und komplett kreislauffähige Materialien ausgewählt, bei der Produktion auf erneuerbare Energien gesetzt und hohe soziale Standards eingehalten.

„In dem Maßnahmenpaket der EU fehlen noch Ansätze für eine echte Kreislaufwirtschaft und Ecodesign,  sagte Ladeja Godina Košir, Geschäftsführerin von Circular Change und Vorständin der Koordinationsgruppe der European Circular Economy Stakeholder Platform am zweiten Kongresstag (1. Februar 2020) .Das wird für das für März angekündigte Paket zur Kreislaufwirtschaft wichtig. Wir müssen sinnvoller designen, dürfen den Bildungsbereich nicht vernachlässigen, und brauchen ein Anreizsystem für innovative Geschäftsmodelle.“

Wo bleibt die Landwirtschaft?

Die EU-Politikerinnen Sarah Wiener (MdEP, Mitglied der Grünen im EU-Parlament) und Delara Burkhardt (MdEP, Mitglied des Umweltausschusses und der Fraktion der Sozialdemokraten im EU-Parlament) haben dem Green Deal zwar zugestimmt – sehen aber noch großen Ergänzungsbedarf. „Mich hat empört, dass die Themen Landwirtschaft und Handel überhaupt nicht in dem Paket vorkommen“, sagte Sarah Wiener. „Wir können kein nachhaltiges Wirtschaftssystem schaffen, wenn die Landwirtschaft ausgenommen ist. An diesem Sektor hängen die Agrochemie, das Transportwesen sowie globale Waren- und Ressourcenströme. Fehlende Biodiversität und soziale Standards sowie vergiftete Böden sind weitere, extrem komplexe Probleme der europäischen Landwirtschaft. Der Großteil der EU-Milliarden, die in den Sektor fließen, sind reine Flächensubventionen – und die setzen völlig falsche Anreize“.

„Wo die europäische Politik von Cradle to Cradle lernen kann ist, aus ihrem Silodenken heraus zu kommen: Nicht nur in den einzelnen Politikbereichen für sich selbst zu schauen, sondern in Zusammenhängen zu denken. Vor allem, wenn es um internationale Lieferketten geht – von der Ressource, die wir verbrauchen, bis hin zum Produkt“, konstatierte Delara Burkhardt. „Wir müssen aus dem Denken ins Handeln kommen“, ergänzte Tim Janßen, geschäftsführender Vorstand der veranstaltenden Cradle to Cradle NGO . „Es reicht nicht, über unseren möglichst kleinen Fußabdruck nachzudenken. Wir müssen eine Landwirtschaft erreichen, die Böden aufbaut – auch, um Kohlenstoff zu binden. Im Sinne von C2C können wir CO2 als kreislauffähigen Rohstoff begreifen, mit dem heute falsch umgegangen wird“, so Janßen weiter.

Wirtschaftsstandort nicht schwächen

„Ich bin der Überzeugung, dass eine Lösung der Umwelt- und Klimaprobleme den Wirtschaftsstandort nicht schwächen wird“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze in ihrem Grußwort am Eröffnungstag (31. Januar) des Cradle to Cradle Congresses . „Es ist wichtig, dass wir über Perspektiven und Chancen reden“, fügte sie hinzu. Der Cradle to Cradle Ansatz sei „sehr optimistisch, sehr visionär“ und entspreche damit genau dieser Richtung. Dass das 2019 verabschiedete Klimapaket als einziger politischer Aufschlag ausreiche, um entsprechende Rahmenbedingungen zu setzen, sei nicht realistisch, so Schulze in der anschließenden Podiumsdiskussion.

Auch die deutschen Unternehmen müssten sich ihrer Verantwortung für Umwelt und Klima stellen, sagte Sabine Nallinger, Vorständin Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz. Und das auch aus Wettbewerbsgründen. „Klimafreundliche Technologien sind eine Chance, um im internationalen Wettbewerb besser zu sein als andere. Wir müssen noch viel mehr im Rahmen von C2C-Produktdesign, neuen Sharing-Modellen und neuen organisatorischen Lösungen schaffen“, so Nallinger. Ein Beispiel dafür ist der Reinigungsmittehersteller Werner & Mertz, der Firmeneigentümer Reinhard Schneider zufolge eine gesellschaftliche Veränderung spürt. „Wir arbeiten seit 30 Jahren gegen das Vorurteil, dass Nachhaltigkeit zugleich Verzicht bedeutet. Heute gibt es noch viel mehr Technologien, die diesen vermeintlichen Zielkonflikt zu überwinden helfen“, so Schneider. Das komme immer stärker in der Gesellschaft an.