Im Interview erklären der Geschäftsführer Dr. Stephan Schnell und der Bereichsleiter Entwicklung Neugeschäft Wolfgang Wieth, wie sich das Unternehmen an die Marktanforderungen, insbesondere in der Automobilfertigung, anpasst und warum Kompetenz in der Beratung wichtig ist, um neuen Materialien zum Durchbruch in neuen Anwendungen zu verhelfen.

 

Plastverarbeiter  Der Anteil von Kunststoff im Automobil wächst stetig. Wie hat sich der Anforderungskatalog der Kunststoffe für Designelemente und Innenausstattung verändert? Legen Entwickler heute andere Schwerpunkte als noch vor 10 Jahren?

Wolfgang Wieth, Bereichsleiter Entwicklung Neugeschäft des Distributors 
K. D. Feddersen, Hamburg

Wolfgang Wieth, Bereichsleiter Entwicklung Neugeschäft des Distributors
K. D. Feddersen, Hamburg

Wolfgang Wieth Neue Werkstoffe ermöglichen heute neue Verfahren, Technologien und schlankere Prozesse. Hier sind beispielhaft das Schäumen von Kunststoffen, Mehrkomponenten-Material-Verbunde oder dekorative Oberflächen mit Plastics-Interface-Technology zu nennen. Besonders im Bereich der Innenausstattung von Automobilen wird heute der Fokus deutlich stärker auf das Thema Emissionen gelegt. Den vor einigen Jahren noch sehr aufdringlichen Neuwagenduft finden Sie heute nicht mehr. Kunststoffe können nun auch optisch immer mehr Materialien ersetzen. Leder- und Textiloptik können mit spezieller Werkzeugnarbung täuschend echt nachgeahmt werden. Aber auch hochglänzende oder matte Oberflächen sowie er Metalliceffekte lassen sich umsetzen.

Unsere Experten aus der Anwendungsentwicklung sind Influencer, wenn sie frühzeitig in Kundenprojekte eingebunden werden, denn oft ist die initiale Materialauswahl generisch vorbesetzt.

Wolfgang Wieth, Bereichsleiter Entwicklung Neugeschäft, K.D. Feddersen, Hamburg

PV  Welche Rolle spielen Ihre Anwendungsberater im Entwicklungsprozess?
Wieth Unsere Anwendungstechniker sind Allrounder. Sie beraten zur Bauteil- und Werkzeuggestaltung, helfen bei der optimalen Materialauswahl oder bei der Prozessoptimierung. Dazu kommt das sogenannte Troubleshooting bei einer Vielzahl von in der Praxis beim Kunden auftretenden Fragestellungen, wie bei Verarbeitung, Werkzeugdesign, Schwindung und Verzug, Oberflächenfehlern.

PV  Gerade beim Neu-Design von Produkten kann der Werkstoff Funktionen übernehmen und Prozessschritte einsparen. Das gelingt aber nur, wenn der Entwickler sehr früh verschiedene Werkstoff-Alternativen berücksichtigt. Nehmen Ihre Experten bei manchen Projekten möglicherweise eine Art Influencer-Rolle ein?
Wieth Unsere Experten aus der Anwendungsentwicklung sind Influencer, wenn sie frühzeitig in Kundenprojekte eingebunden werden, denn oft ist die initiale Materialauswahl generisch vorbesetzt. Einerseits verwenden Kunden gern bekannte Materialien auch für neue Projekte, andererseits steigen mit jeder Neuentwicklung die Anforderungen an die Bauteile. Designs werden immer mehr ausgereizt, die Leistungsverdichtung nimmt stetig zu. Da reichen die etablierten Materialien oft nicht mehr aus. Zudem entwickeln unsere Lieferanten permanent ihre Werkstoffe weiter, um neue und bessere Materiallösungen anzubieten. Somit bringen unsere Experten mit unserem Portfolio neue Ideen und Lösungsansätze in die Kundengespräche mit ein.

PV  Verfügen die Anwendungsberater über Praxis-Erfahrung in der Kunststoffverarbeitung?
Wieth Unsere Anwendungsentwickler kommen alle aus der Praxis und leben Hands-On-Mentalität. Sie sind entweder ausgebildete Werkzeugmechaniker oder Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik mit einer Zusatzausbildung zum Kunststofftechniker oder Kunststoffingenieur. Sie besitzen jahrelange Erfahrung, die sie als Anwendungsentwickler bei uns oder sehr oft schon in früheren beruflichen Stationen, in denen sie zum Beispiel als Produktionsleiter, Werkzeugtechniker, Tool-Manager oder Projektmanager in der Kunststoff-Industrie tätig waren, gesammelt haben.

PV  Welche großen Meilensteine haben Sie als Distributor bewältigt ?

Dr. Stephan Schnell, Geschäftsführer 
des Kunststoff-
distributors 
K. D. Feddersen, Hamburg.

Dr. Stephan Schnell, Geschäftsführer
des Kunststoff-
distributors
K. D. Feddersen, Hamburg.

Dr. Stephan Schnell Seit mehr als 60 Jahren vertreiben wir in der Feddersen-Gruppe Kunststoffe. Den Grundstein für unser globales Geschäft mit technischen Kunststoffen haben wir 1968 gelegt als K. D. Feddersen der exklusive Distributionspartner der damaligen Höchst AG in Deutschland wurde. Ein weiterer Meilenstein war die Gründung der K. D. F. Distribution (Shanghai) Co., Ltd., in China im Jahr 1998. In den Jahren danach expandierten wir auch in Europa kräftig. 2003 übernahmen wir einen Distributor in Frankreich und waren ab dann auch in diesem Markt präsent. 2007 haben wir in Nordeuropa Fuß gefasst. In Skandinavien vertreiben wir seit dieser Zeit auch Maschinen zur Kunststoffverarbeitung, zum Beispiel für das Spritzgießen, das dort außerdem noch durch ein breites Angebot zur Aus- und Weiterbildung ergänzt wird. 2009 folgte die Gründung unserer Tochtergesellschaft in UK und 2013 sind wir mit einer neuen Vertriebsgesellschaft mit Sitz in Wien in Österreich, Zentral-Osteuropa, aber auch der Schweiz, an den Start gegangen. Seit 2016 sind wir mit unserer Gesellschaft in Singapur auch in der Region Südostasien aktiv. Das Jahr ist von unserem Jubiläum 50 Jahre Partnerschaft mit Celanese und Lyondellbasell geprägt.

Die E-Mobilität und eine weitere Zunahme der Modellvielfalt wird die Verwendung von Kunststoffen im Automobilbau weiter vorantreiben.

Dr. Stephan Schnell, Geschäftsführer K.D. Feddersen, Hamburg

PV  Wo sehen Sie in den nächsten Jahren die größten Herausforderungen für den Einsatz von Kunststoff im Automobil?
Dr. Schnell Die E-Mobilität und eine weitere Zunahme der Modellvielfalt wird die Verwendung von Kunststoffen im Automobilbau weiter vorantreiben. Das Thema Leichtbau wird hier das zentrale Thema sein und somit werden weitere neue Anwendungsbereiche entstehen, in denen Kunststoffe ihre Vorteile gegenüber anderen Werkstoffen ausspielen können. Das autonome Fahren wird weitere mechatronische System erfordern, und damit verbunden werden zahlreiche Sensoren, Steuergeräte und Steckverbindungen benötigt, deren Gehäuse dann aus Kunststoff sein werden. Der hohe Kostendruck entlang der Wertschöpfungskette wird weiterbestehen und in manchen Bereichen sogar nochmals zunehmen.

PV  Wo könnten Stolpersteine liegen?
Dr. Schnell Aktuell sehen wir im Bereich der Polymere aber auch bei einigen Additiven für die Herstellung höherwertiger technischer Kunststoffe bereits eine Verknappung. Hier müssten bedeutende Investitionen getätigt werden, die wir aktuell jedoch nicht sehen. Daher wird die Rohstoff-Verknappung in den nächsten Jahren die gesamte Wertschöpfungskette begleiten. Eine weitere Herausforderung stellt der zunehmende Fachkräftemangel im Bereich der Kunststofftechnik entlang der Zulieferkette dar.

PV  Wie wichtig ist für Ihre Kunden der Name großer Markenhersteller?
Dr. Schnell Wie in allen Industriezweigen bedeuten große Namen auch Qualität, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Gerade im Bereich der technischen Kunststoffe, den wir begleiten, ist eine langfristige Liefersicherheit der Werkstoffe verbunden mit einer hohen Qualitätskonstanz über die Dauer des gesamten Produktlebenszyklus entscheidend. Mit Lyondellbasell und Celanese haben wir Hersteller von technischen Kunststoffen als Partner, die seit vielen Jahren mit ihren Produkten zu den Marktführern zählen.

Detailaufnahme der Kämme und Leisten im Luftausströmer Scania, die aus mit 
10 % Glasfaser verstärkten POM gefertigt werden. (Bildquelle: K. D: Feddersen)

Detailaufnahme der Kämme und Leisten im Luftausströmer Scania, die aus mit
10 % Glasfaser verstärkten POM gefertigt werden. (Bildquelle: K. D: Feddersen)

PV  Tauschen Sie Ihre Erfahrungen auch mit Ihren Zulieferern aus und fließt dies in die Entwicklung der großen Häuser?
Dr. Schnell Unsere Anwendungsentwickler und die Experten unserer Lieferanten tauschen sich regelmäßig in Technical Exchange Meetings aus. Mit unserer Schwesterfirma Akro-Plastic bieten wir unseren Kunden im Bereich der Polyamide auch maßgeschneiderte individuelle Werkstoffformulierungen an, sollte das Standardsortiment hier keine passende Lösung bieten.

PV  In den letzten Monaten findet das Thema Kreislaufwirtschaft immer mehr Befürworter. Politisch wird das Recycling gefordert und gefördert. Welche Rollen sehen Sie für sich als Distributor und welche Rolle nehmen Ihre Zulieferer hier ein?
Dr. Schnell Die Anwendungen, in denen unsere technischen Kunststoffcompounds zum Einsatz kommen, erfordern spezielle Lösungen in Punkto Werkstoff. Hier gibt es daher nur begrenzt Ansatzpunkte für Recyclingwerkstoffe.
Wieth Aus dem Portfolio unserer Schwesterfirma Akro-Plastic können wir mit dem ICF-Portfolio jedoch auf eine Produktreihe zurückgreifen, in der Carbonfasern aus der Produktion von kohlefaserverstärkten Bauteilen aufbereitet und für technische Kunststoffe genutzt werden. Zusammen mit unseren Partnern bieten wir unseren Kunden zudem ein ganzheitliches Verwertungskonzept an. Hierzu gehört neben der sortenreinen Sammlung und Aufbereitung auch ein Sortiment verschiedener Regranulate und Recyclingcompounds.

PV  Ist der zunehmende Einsatz von Kunststoff, vor allem als Verbundwerkstoff, in Widerspruch zu der immer wieder laut werdenden Forderung nach mehr Nachhaltigkeit in der industriellen Produktion?
Dr. Schnell Nein, weil die Vorteile, die Kunststoffe als Werkstoff bieten, auch in dieser Hinsicht eindeutig überwiegen. Es ist bekannt, dass Kunststoffe während ihres Gebrauches deutlich mehr Energie und Ressourcen sparen als für ihre Herstellung nötig waren. So tragen sie durch ihr geringes Gewicht auch dazu bei, dass weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Natürlich ist auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Reststoffen, die in der Produktion anfallen und Altanwendungen nach dem Gebrauch eine Grundvoraussetzung, die leider noch nicht überall auf der Welt erfüllt ist. Nach Stand der Technik können heute jedenfalls alle Kunststoffe entsprechender Anwendungen wiederverwertet werden. Dazu stehen werkstoffliche, rohstoffliche und energetische Verfahren zur Verfügung, die auch verbreitet entsprechend im Einsatz sind. Das Recycling von Verbundwerkstoffen kann dabei in manchen Fällen zwar eine größere Herausforderung darstellen, ist aber technisch gelöst.

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de