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Kaum ein anderes Land in Europa weist eine solch hohe Dichte an Medizintechnik-Unternehmen auf wie die Schweiz. Dass die Branche einen überdurchschnittlich hohen Beitrag zu einer positiven Handelsbilanz beiträgt, erklärt sich dadurch, dass über 90 Prozent der hergestellten Medizinprodukte exportiert werden. Dies dokumentiert auch die gute Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Schweizer Medizintechnik-Branche, die zum Beispiel bei den Implantaten oder Hörgeräten weltweit führend ist. Dazu beigetragen haben relativ liberale Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, wodurch neue Produkte schneller auf dem Markt eingeführt werden können. Das fördert zudem die Anziehungskraft der Schweiz als Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsstandort, was auch die steigende Anzahl der Patentanmeldungen im Medizintechnik-Segment unterstreicht. Auch die ausgeprägte Spital- und Ärztedichte, das moderne Gesundheitswesen sowie die vergleichsweise rasche Zulassung von neuen Diagnose- und Therapiemethoden trägt dazu bei. Doch ein zunehmender Druck der Politik zu mehr Regulierung im Gesundheitsmarkt stellt die führende Position des Landes in der Medizintechnik auf eine wackelige Basis.

Hot-Spot der Medizintechnik

Die Branche ist geprägt durch viele kleine und mittlere Unternehmen einerseits und Weltkonzerne andererseits und umfasst über 1.600 Unternehmen mit etwa 51.000 Beschäftigten. Ebenso zeichnet sie sich durch einen hohen Spezialisierungsgrad, eine internationale Arbeitsteilung und eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte und Berufsbilder aus. Mit 12.5 Milliarden Schweizer Franken oder 2,1 Prozent ist der Beitrag der Medizintechnik zum Bruttoinlandprodukt weit höher als erwartet. Auch übertrifft die Arbeitsproduktivität, vor allem der Medizintechnik-Hersteller, den Schweizer Branchendurchschnitt bei weitem. Doch der international steigende Kosten-, Preis- und Wettbewerbsdruck, die wachsenden regulatorischen Auflagen sowie die Stärke des Franken stellen die Schweizer Medizintechnik-Unternehmen vor neue Herausforderungen. Denn es drohen wertvolle Teile der Wertschöpfungskette aus dem Land abzuwandern.

Zwar liegt die durchschnittliche Wachstumserwartung für 2012 bei 5,9 Prozent und für 2013 bei 6,6 Prozent, doch das Wachstum hat sich nahezu halbiert und wird laut dem Swiss Medical Technology Industry 2012-Bericht nicht mehr den einstelligen Bereich überschreiten. Die durchschnittliche Entwicklung der Beschäftigtenzahlen ist zwar seit 2010 mit drei Prozent weiterhin positiv, hat sich jedoch ebenso vermindert. Gerade kleine Firmen, vor allem aus der Zuliefererindustrie, leiden am meisten unter dem wachsenden internationalen Preis- und Wettbewerbsdruck, aber auch unter der Schweizer-Franken-Stärke. So hatte die Export-Industrie – trotz der Kursuntergrenze – seit Anfang 2010 eine Aufwertung von 23 Prozent gegenüber dem Euro zu verkraften.

Von dieser Problematik sind 81 Prozent aller Firmen betroffen. 98 Prozent davon geben an, dass die aktuellen Wechselkurse einen negativen Einfluss auf das Geschäftsergebnis haben. Dieser Wettbewerbsnachteil lässt sich in der kurzen Zeit nicht vollständig durch Produktivitätssteigerungen auffangen, und ein Halten des Umsatzes geht auf Kosten der Margen, so eine Schlussfolgerung der Studie.

Um sich gegen Wechselkursschwankungen besser abzusichern, planen 15 Prozent aller Unternehmen in den nächsten drei Jahren Investitionen in günstigeren ausländischen Produktionsstätten. Auch beabsichtigen Zulieferer und Hersteller, Vorleistungen und Investitionsgüter vermehrt außerhalb der Schweiz zu beschaffen. Aber auch immer mehr Medizintechnik-Firmen gehen in ausländischen Besitz über. So hängen bereits 50 Prozent der zehn größten international tätigen Unternehmen der Schweiz von Entscheidungen in ihren weiter entfernten Hauptsitzen ab. Dies führt dazu, dass wertvolle Teile der Wertschöpfungskette abzuwandern drohen.

Daneben sorgen die gestrafften Budgets im Schweizer Gesundheitswesen für zusätzliche Restriktionen: Kliniken sind spätestens seit Einführung der neuen Spitalfinanzierung im Januar 2012 dazu gezwungen, ihr Beschaffungswesen zu professionalisieren und ihre Prozesse zu rationalisieren. Um gezielt Kosten zu sparen, schauen Abnehmer von medizintechnischen Produkten stärker auf die Preise und beziehen ihre Produkte über Einkaufsgesellschaften oder über immer weniger ausgewählte, größere Anbieter. Kleine Hersteller werden damit zu zweitrangigen Zulieferern zurückgestuft. Entscheidend dabei ist auch, dass ein Spital seine Leistungen möglichst aus einer Hand bezieht. Hier bieten sich laut der Studie zunehmend neue Optionen für die Medizintechnik-Hersteller an. So gehen bereits immer mehr Hersteller dazu über, ihre Kunden selbst zu verwalten und ihr Produktportfolio zu erweitern, indem sie integrierte Behandlungslösungen offerieren.

Deutschland und Nordamerika begehrte Exportmärkte

Angesichts der genannten Entwicklungen ist es laut der Studie für die Branche und den Standort wichtig, eine aktivere Rolle bei der Marktkonsolidierung zu übernehmen. Das Schnüren von Leistungspaketen sollte dabei nicht nur den Großunternehmen vorbehalten bleiben. Klein und mittelständische Unternehmen (KMU), die alleine dazu nicht die nötige Kapazitäten haben, sollten sich den Zugang zu den Abnehmern offen halten, indem sie mit Anbietern komplementärer Leistungen/Produkte in der Schweiz kollaborieren oder ausländische Firmen übernehmen. Eine weitere Möglichkeit liegt auch in der Bildung nationaler Cluster und Produkte- oder Service-Pools, innerhalb derer die Anbieter von Gesundheitsleistungen und -produkten gemeinsam innovative Lösungen entwickeln und die Wertschöpfungskette abdecken.

Das Erschließen neuer Märkte gehört deshalb auch vorrangig anzusehen. Dabei sind die USA, gefolgt von Deutschland und Frankreich die begehrtesten Exportländer. Unter den Schwellenländern sieht man in China und Brasilien die größten Wachstumspotenziale. Über die Hälfte der Befragten beabsichtigen bis 2015 im Ausland (in Marketing- und Verkaufs-Aktivitäten) zu investieren, um in erster Linie dort eine größere Kundennähe zu erreichen. Aber auch Wünsche an die Schweizer Politik wurden im Rahmen der Studie gestellt. So sollte sich die Exportförderung auf wenige Schlüssel-Industrien konzentrieren, um mit den Hauptkonkurrenten Deutschland, USA und Frankreich auf Augenhöhe zu sein. Darüber hinaus könnten Vertreter der Industrie in die Freihandelsverhandlungen mit einbezogen werden, um so einen optimalen Marktzugang für Medizintechnik-Unternehmen in wichtigen Gesundheitsmärkten zu erzielen.

Hoffnung macht aber die hohe Innovationskraft der Schweizer Medizintechnik, denn der Bereich Forschung und Entwicklung stellt einen besonderen Schwerpunkt dar: Im Schnitt investieren Hersteller und Inverkehrbringer zwölf Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Unterstreichen lässt sich das mit der hohen Zahl an Patentanmeldungen. Jährlich gehen mit gut 1.200 Anträgen fast 16 Prozent aller Patentmeldungen beim Eidgenössischen Institut für geistiges Eigentum auf diese Branche zurück. Deren kreative Dynamik äußert sich auch darin, dass Medizintechnik-Firmen über die Hälfte des Umsatzes mit Produkten erzielen, die nicht älter als drei Jahre sind. So sieht der nationale Medizintechnik-Verband FASMED ein starkes Innovations- und damit Wachstumspotenzial, vor allem in den Bereichen Orthopädie, Dentalimplantate, Kardiologie sowie Augenheilkunde. Gleiches dürfte für Heimpflege- und Reha-Ausrüstungen gelten.

Angespanntes Umfeld auch bei der Kunststoffindustrie

Unbenommen hat der Anteil der Kunststoffe auch in der Medizintechnik deutlich zugenommen. Der Trend, Metall durch Kunststoffe zu substituieren, wird auch weiter anhalten und durch neue Verfahren sogar immer mehr an Bedeutung gewinnen. Doch zur Zeit profitiert die Schweizer Kunststoffindustrie nicht davon. Sie erzielte im Jahr 2012 einen Umsatz von 15 Mrd. Fr., was einen Rückgang von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. In der gesamten Kunststoffindustrie wurden im vergangenen Jahr 812.000 Tonnen Kunststoff und Kautschuk (-9.8 Prozent) verarbeitet. Für das laufende Jahr rechnet Kunststoff Verbandes Schweiz (KVS) aber mit einer Erholung der Branchen-Konjunktur.

Die Präsidentin des Verbandes, Doris Fiala, führt das gespannte Branchenumfeld im vergangenen Jahr auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten zurück. Der Eingriff der Nationalbank zur Stabilisierung des Wechselkurses hatte dann zur Beruhigung und zur Planungssicherheit beigetragen. Die Turbulenzen im Euroraum, wichtigster Handelspartner der Schweiz, schlagen sich in einem schwierigen Geschäftsumfeld nieder, von dem die verschiedenen Branchen ganz unterschiedlich betroffen sind. Dies macht sich auch für Unternehmen der Kunststoffindustrie massiv bemerkbar. Einige Unternehmen operieren erfolgreich, andere spüren die Schwäche der Abnehmerindustrie, wie der Medizintechnik. Dort nehmen Kunststoffe mittlerweile auf Grund ihres breiten Eigenschaftsspektrums, ihrer Kombinationsvielfalt und ihrer Funktionalisierbarkeit eine wichtige Rolle ein.n