Vehreo erfüllt die strengen Anforderungen der OEMs, beispielsweise von Toyota. Das wurde bereits erfolgreich unter Produktionsbedingungen getestet”, sagt Dr. Horst Noglik, Senior Scientist Advanced Technology bei Canadian General-Tower Ltd. Das Unternehmen mit Sitz in Cambridge, in der kanadischen Provinz Ontario stellt das neue Kunstleder her. „Bisher haben wir zu Testzwecken rund 5.000 m durch die Fertigungsstraßen laufen lassen. In der Serienproduktion, die 2013 anlaufen soll, ist unser langfristiges Ziel rund fünf Mio. Meter pro Jahr. dann können wir rund 6,5 Mio. Recycling-Flaschen jährlich verarbeiten.“ Am Ende des automobilen Lebenszyklus´ landen die Vehreo-Bezüge dann nicht auf der Müllhalde, sondern lassen sich ohne Qualitätsverluste aufbereiten und wiederverwenden.

Lange Unternehmenstradition knüpft an die grüne Revolution an

„Wir erfinden uns gerade neu“, sagt Patrick Diebel, Vice-President Advanced Technology bei Canadian General-Tower (CGT) und Leiter des Entwicklungsteams von Vehreo. Und das nicht zum ersten Mal: Canadian General Tower (CGT), das in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, stellte anfangs Gummibeläge für Wagenräder her. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stieg das Unternehmen dann um auf die Herstellung beschichteter Materialien, beispielsweise Regenmäntel und Duschvorhänge. Heute ist das Unternehmen der weltgrößte Hersteller von Auskleidungen für Schwimmbecken.

Seit mehr als 80 Jahren ist CGT auch als Zulieferer für die Automobilindustrie tätig. Rund 85 % aller PKW und Kleinlaster, die in Nordamerika produziert werden, verwenden die Materialien des Unternehmens in den Fahrzeugsitzen, Kopf- und Armstützen sowie im Armaturenbrett und in den Türverkleidungen. „Viele Kunden erkennen keinen Unterschied zwischen unserem Produkt und echtem Leder“, sagt Diebel. „Die Sitzbezüge sind qualitativ genauso hochwertig und bequem.“
Steigendes Umweltbewusstsein und der langfristige Rückgang der weltweiten Ölvorräte waren die Hauptgründe für das kanadische Unternehmen, neue Herstellungsverfahren für Synthetikmaterialien wie Kunstleder zu entwickeln. Der ursprünglich Öl-basierte Produktionsprozess ist bei Vehreo mittlerweile rein biologisch. Drei Jahre Forschung und zahllose Versuche waren nötig, bis das Herstellungsverfahren ausgereift war.
Das Ontario Bioauto Council unterstützte das Projekt mit einem Forschungszuschuss in Höhe von mehr als 545.000 Euro (750.000 kanadische Dollar). „Das Programm zielt darauf ab, aus Forschungsergebnissen rasch marktreife Produkte zu entwickeln“, sagt Diebel.

Nachhaltige Mischung bestimmt den Herstellungsprozess

Die Vehreo-Plattform besteht aus fünf Schichten: Zuoberst der Oberflächenlack, eine Polyurethan-Matrix mit Soja- oder Maisprotein aus Abfällen der Nahrungsmittelproduktion. Die darunterliegende Schicht ist eine genarbte PVC-Haut, bestehend aus PVC-Polymeren, pflanzlichen Weichmachern, die aus dem Öl von Soja- und Castorbohnen gewonnen werden, und Additiven. In der Mitte befindet sich PVC-Schaumstoff, wiederum mit pflanzlichen Weichmachern. Darauf folgt als vierte Schicht Klebstoff – PVC/VA Co-Polymere und pflanzlicher Weichmacher. Die letzte Schicht ist ein textiles Gewebe, das zu 55 % aus recycelten PET-Flaschen und Abfall besteht.

Kunden stehen zwei Versionen des Kunstleders zur Verfügung, die sich durch ihren Gesamtanteil an Bio- und Recycling-Material unterscheiden – entweder 32 % oder 52 %. „Natürlich versuchen wir den Anteil an Bio- und Recycling-Material zu maximieren. Aber das ist im Moment auch eine Kostenfrage. Zur Zeit ist Vehreo noch etwas teurer als normale PVC-Sitzbezüge, dafür liegt es deutlich unter dem Preis für Polyurethan oder echtem Leder“, erklärt Dr. Noglik.
So sehr sich Vehreo von herkömmlichem Kunstleder unterscheidet – beim Produktionsprozess bleibt fast alles beim Alten. „Es war uns wichtig, dass wir unsere Maschinen und Anlagen weiter verwenden können“, so der gebürtige Hamburger Noglik, der bereits seit mehr als 20 Jahren in Kanada lebt. Zunächst wird die Vehreo-Haut mittels vier Kalandarwalzen produziert. Beim darauffolgenden Tiefdruckprozess sind mehrere Beschichtungen und Modifikationen des Oberflächenlacks möglich. Dann werden die PVC-Plastisolschichten für Schaum-und Klebstoff mit Auftragsstationen hergestellt. Abschließend wird Vehreo mit der kundenspezifischen Narbung geprägt.

Umweltfreundliches Produkt wird prämiert

Das Umweltengagement des Unternehmens fand Beachtung: Im November 2010 erhielt CGT den Innovationspreis des Network of Automotive Excellence (NoAE) für den Durchbruch mit Vehreo. Die NoAE ist ein unternehmensübergreifendes Expertennetzwerk für die Automobil- und Zulieferindustrie. Die Initiative will die Zusammenarbeit von Unternehmen fördern und dadurch deren Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Einen Monat vor Erhalt des Preises war Diebel mit einem CGT-Team zu Gast auf der Internationalen Zuliefererbörse 2010 (IZB) in Wolfsburg, deren Gastland Kanada war. Als Ergebnis der Stippvisite war Diebels Auftragsbuch prall gefüllt: CGT soll konventionelles Kunstleder an VW-Werke in Mexico, Tennessee und China liefern. Das Gesamtvolumen der neuen Aufträge belief sich auf fast 24 Mio. Euro (32,5 Mio. kanadische Dollar).

Deutsche OEMs stehen ganz obenauf der kanadischen Wunschliste

Das Zustandekommen der Zusammenarbeit mit VW hat CGT laut Diebel auch der Provinzregierung von Ontario zu verdanken, insbesondere Sandra Pupatello, Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung und Handel. „Sie war ein toller Botschafter für Kanada und Ontario“, sagt Diebel.

Die Zusammenarbeit mit VW unterstreicht das Bestreben der kanadischen Zulieferer, in Zukunft stärker mit deutschen OEMs zusammenarbeiten zu wollen. Zwei deutsche OEMs stehen dabei besonders im Fokus, so Steve Rodgers, Präsident des kanadischen Zuliefererverbandes APMA (Automotive Parts Manufacturers` Association): „Volkswagen setzt sich stark für das Wachstum in Nordamerika ein. Auch BMW engagiert sich und beschafft Komponenten und Systeme in Nordamerika, um sowohl nordamerikanische als auch europäische Werke zu unterstützen. Das ist für die kanadischen Zulieferer natürlich von großem Interesse.“

Gute wirtschaftliche Aussichten durch Umstrukturierung und neues Produkt

Patrick Diebel blickt positiv in die Zukunft. Er geht davon aus, dass CGT bis 2013 einen Jahresumsatz von rund 220 Mio. Euro (300 Mio. kanadische Dollar) erzielen wird. Das entspräche dem Umsatz-Niveau von CGT, bevor die Rezession über den nordamerikanischen Autosektor hinweggefegt ist. „Aber durch die Änderungen, die wir vornehmen mussten, sind wir mittlerweile profitabler als zuvor“, ergänzt Diebel.

CGT hat zurzeit rund 500 Mitarbeiter, fast alle davon arbeiten in der Firmenzentrale und im Stammwerk in Cambridge, rund 80 km westlich von Toronto. In Mexico City und Detroit beschäftigt das Unternehmen Vertriebspersonal, in China wird CGT demnächst eine zweite Produktionsanlage für konventionelles Kunstleder eröffnen. Und wenn das Interesse an Vehreo seitens der Automobilhersteller anhält, dann könnten auch Diebels Zukunftsprognosen eintreffen.

Auf einen Blick
Das Ontario Bioauto Council

Das Ontario Bioauto Council, mit Sitz in Guelph, Ontario, ist eine industriegeführte Non-Profit-Organisation. Im Jahr 2007 gegründet, vernetzt es die Chemie-, Kunststoff- und Automobilindustrie, die Land- und Forstwirtschaft sowie Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Ziel ist es, aus Forschungsergebnissen marktreife, auf Biomaterialien basierende Produkte, beispielsweise Autoteile, zu entwickeln und damit die globale Wettbewerbsfähigkeit des Fertigungssektors in Ontario zu stärken. Für die Förderung von Forschungsprojekten hat die Provinzregierung dem Ontarion Bioauto Council einen Fonds mit einem Volumen von rund 4,3 Mio. Euro (sechs Millionen kanadische Dollar) zur Verfügung gestellt.

Auf einen Blick
Die kanadische Provinz Ontario

Die Provinz Ontario ist der Wirtschaftsmotor Kanadas, des weltweit zweitgrößten Staates. Zirka 37 % des kanadischen Bruttoinlandsprodukts werden in der bevölkerungsreichsten kanadischen Provinz (12,9 Mio. der insgesamt 33,3 Mio. Einwohner Kanadas) erwirtschaftet. Fast die Hälfte aller kanadischen Exporte stammt aus der Provinz, 60 % aller Importe verantwortet Ontario, das zur nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA gehört. Deutschland liegt dabei auf Platz sechs der wichtigsten bilateralen Handelspartner Ontarios.
Das „Ministry of Economic Development and Trade“ mit Ministerin Sandra Pupatello an der Spitze stärkt den Wirtschaftsstandort Ontario für ausländische Investoren durch strategische Investitionsprogramme.
Seit März 2008 können innovative und umweltschonend agierende Unternehmen aller Branchen Gelder des zirka 730 Mio. Euro (1,15 Mrd. kanadische Dollar) schweren Förderprogramms „Next Generation of Jobs Fund“ bei der Provinzregierung von Ontario beantragen. Der im Mai 2009 verabschiedete „Green Energy Act“ wird die Führungsrolle der Provinz im Bereich erneuerbarer Energien weiter festigen.

Autor

Über den Autor

Martin Goßner, Freier Journalist, Stuttgart