Philip O. Krahn, CEO der Otto Krahn Group. (Bildquelle: Otto Krahn Group)

Philip O. Krahn, CEO der Otto Krahn Group: „Recycling ist ein Aufgabenfeld, das uns und unsere Industrie in den nächsten Jahren mehr und mehr beschäftigen und verändern wird.“. (Bildquelle: Otto Krahn Group)

Welche Strategie verfolgt die Otto Krahn Gruppe mit der strategischen Neuordnung und der daraus folgenden Ausgliederung der Mocom?

Philip O. Krahn: Die Firmengruppe Otto Krahn wird dieses Jahr 111 Jahre alt, und die Albis in ihrer bisherigen Struktur blickt auf 60 Jahre Wachstum zurück. Unsere Gruppe ist heute in über 30 Ländern vertreten und beschäftigt über 1.600 Mitarbeiter weltweit. Die aufgebaute Struktur ist über Jahrzehnte organisch gewachsen und hatte einen Komplexitätsgrad erreicht, aus dem die Notwendigkeit einer Umstrukturierung erwachsen ist. Ab sofort ist die Gruppe wie folgt organisiert: Die Otto Krahn Group GmbH als Holding dient als Fundament für das Wachstum der einzelnen Tochterunternehmen. Dazu gehören die Albis als Distributeur, die Mocom als Compoundeur, die Krahn Chemie Gruppe als Anbieter von Spezialchemikalien und die Wipag als Spezialist für Recycling. Die Umstrukturierung dient dem Zweck, das Profil der einzelnen Tochterunternehmen zu schärfen und zu fokussieren. Der Holding fällt die Rolle als „Enabler“ zu. Hier werden Serviceleistungen für die zugehörigen Unternehmen angeboten, wozu beispielsweise IT, Recht- und Steuerfragen gehören. Die Töchter werden im operativen Geschäft entlastet und die Holding unterstützt in der strategischen Entwicklung der Unternehmen.

Was ändert sich für die Kunden der Albis?

Krahn: Die gute Nachricht ist: Die schlankeren Prozesse bei uns sorgen auch bei unseren Kunden dafür, dass ihr Business mit uns einfacher und schneller wird. Abgesehen davon ändert sich nichts: Weder bei den Ansprechpartnern noch bei den Namen oder Prozessen der Produkte unserer Eigenmarken. Eine Ausnahme bildet eine geringe Anzahl von Kunden, die in Zukunft direkt durch Mocom-Mitarbeiter betreut werden. Ansonsten hat die Albis mit der Mocom einen strategischen Partner hinzugewonnen. Im Zentrum unserer Unternehmensgruppe steht jedoch nach wie vor, aus unserem Portfolio die jeweils beste Lösung für den Kunden zu finden.

Der Name Mocom grenzt sich sehr stark ab vom Namen Albis oder Krahn. Wie ist der Name entstanden und was bedeutet er?

Krahn: Zunächst habe wir eine interne Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Diese 104 Ideen haben wir mit einer Agentur zusammen evaluiert und sind dann zu der Wortkombination Mo-Com gekommen. Mo für Modern und Com für Compounding. Das steht für das zukunftsorientierte Auftreten des jungen Unternehmens, das mehr denn je die individuellen Anforderungen der Kunden erfüllen wird.

Welche Art und welche Zielsetzung hat die Struktur der Holdinggesellschaft und welchen Einfluss hat die Holding auf die Unternehmen der Gruppe? Wie können die Tochterunternehmen und deren Kunden von der Struktur profitieren?

Krahn: Die Holding soll nicht als Dachorganisation, sondern als Fundament der operativen Gesellschaften wahrgenommen werden.  Die Holding bildet die Wachstumsplattform für Geschäftsaktivitäten und das nachhaltige Wachstum der Unternehmen der Gruppe. Wir bündeln Aufgabenbereiche wie Steuer, Recht und IT, Personal, Unternehmensentwicklung und Kommunikation und agieren als Serviceprovider. Zudem geben wir die strategischen Leitplanken vor und entwickeln gemeinsam mit den einzelnen Töchtern Ziele und die konkrete Unternehmenstrategie. Folgende Resultate erwarten wir: Wir nehmen in den Gesellschaften noch mehr Geschwindigkeit auf bei Entscheidungen, und die Prozesse werden effizienter gestaltet mit weniger Hierarchieebenen. Die kürzeren Entscheidungswege sollen auch dazu führen, die Kommunikation mit dem Kunden zu beschleunigen. Die Holding kann unternehmensübergreifende Projekte besser „ausrollen“ und steuern, und gleichzeitig kann jedes Tochterunternehmen mit einem geschärften Profil am Markt agieren.

Philip O. Krahn, CEO der Otto Krahn Group: "Ich persönliche glaube weiterhin an die Automobilindustrie."(Bildquelle: Otto Krahn Group)

Philip O. Krahn, CEO der Otto Krahn Group: „Ich persönliche glaube weiterhin an die Automobilindustrie.“(Bildquelle: Otto Krahn Group)

Welche Pläne habe Sie für die Entwicklung der Holding und der Gruppe?

Krahn: Wir wollen weiterhin wachsen, organisch und anorganisch. Dabei ist beispielsweise Recycling ein Aufgabenfeld, das uns und unsere Industrie in den nächsten Jahren mehr und mehr beschäftigen und verändern wird. Mit der Barnet und der Wipag habe wir uns in diesem Bereich bereits verstärkt und werden uns weiter in diesem Bereich engagieren. Die Aktivitäten der Wipag umfassen beispielsweise mittlerweile neben der Automobilbranche auch Projekte im Bereich Sports & Leasure sowie Electrics & Electronics. Zudem haben wir im deutschen Gardelegen, einem unserer Standorte für Recyclingtechnologie, in ein neues Technikum und damit unsere Produktentwicklungskapazitäten in diesem Bereich investiert. Weitere Akquisitionen in diesem Gebiet sind nicht ausgeschlossen, da das Recycling von Kunststoffen in der Zukunft ein großes Potenzial besitzt.

Darüber hinaus planen wir regional und global weiter zu wachsen. Auf den asiatischen Märkten haben wir uns bereits eine gute Position erarbeitet. Wir arbeiten zudem weiter daran, unsere Präsenz in den amerikanischen Märkten und in Nordafrika zu stärken.  In Europa, wo wir traditionell gut aufgestellt sind, haben wir eine Akquise in Griechenland getätigt, die wir in die Krahn Chemie intergiert haben.

Im Frühjahr stieg die Otto Krahn Gruppe bei der Next Commerce Accelerator (NCA).  Was erwarten Sie davon und konnte der Invest bereits zum Ergebnis beitragen?

Krahn: NCA ist ein Accelerator, der Startups fördert. Hier wird nicht nur Geld investiert, sondern der NCA bietet auch Beratung, Kontakte und Erfahrung für junge Unternehmen. Wir als Otto Krahn Group können wiederum von neuen Technologien profitieren. Daraus bildet sich ein großes Netzwerk, das bei NCA vorwiegend in Norddeutschland angesiedelt ist und an dem namhafte Unternehmen beteiligt sind.

„Unser neues Logo mit dem stilisierten Kranich drückt die Verbindung zu unserem Traditionsunternehmen mit einer 111-jährigen Geschichte aus, das sich von Anbeginn an im Besitz der Familie befindet, und zeigt gleichzeitig im modernen Stil unsere Ausrichtung in die Zukunft.“

Philip O. Krahn
Wird sich die Gruppe in der Digitalisierung des Rohstoffsgeschäfts weiterentwickeln und wenn ja wie?

Krahn: Wir haben seit fast drei Jahren ein eigenes Digitalisierungsteam aufgesetzt.  Das treibt aktuell primär die Digitalisierung voran, zum Beispiel den Anschluss aller Töchterunternehmen an gewisse SAP-Systeme. Auf anderer Ebene sehen wir Ansätze für die Nutzung digitaler Daten hinsichtlich Predictive Maintenance und Predictive Quality im Compounding. Wir haben unsere Extruderlinien weltweit verbessert und auf Stand gebracht, sodass wir entsprechende Daten auslesen können. Nun arbeiten wir daran, das Potenzial der aus den Sensoren gewonnenen Daten voll zu nutzen und  umfänglich zu analysieren. Weitere Projekte sind zum einen der Einsatz von Datenbrillen bei der Bedienung von Maschinen sowie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Auftragserfassung unter Einbindung von Kunden-ERP-Systemen.

Wie stark hat Ihr Geschäft unter der Automobil- und Corona-Krise gelitten und welche Perspektive in der Marktentwicklung sehen Sie?

Krahn: Ich persönlich glaube weiterhin an die Automobilindustrie. Hier zeichnen viele Medien meiner Meinung nach leider häufig ein etwas verzerrtes Bild. Es gab schon einige Krisen, und die Veränderungen in der Automobilindustrie sind nicht über Nacht gekommen. Natürlich sind viele Konsumenten verunsichert hinsichtlich der verschiedenen Antriebstechnologien, doch ich glaube, hier wird sich in naher Zukunft einiges klären.
Unsere Gruppe konnte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,3 Mrd. EUR verzeichnen. Die ersten Monate dieses Jahr waren wie für fast alle Unternehmen nicht ganz einfach. Doch wir beobachten inzwischen einen langsamen Anstieg im Automobilmarkt und konnten im September und Oktober bereits wieder ein gutes Geschäft verbuchen. Die Automobilindustrie wird weiterhin unser starker Partner bleiben. Darüber hinaus sind wir branchenübergreifend aufgestellt. Beispielsweise haben wir den Medizintechnikmarkt seit einigen Jahren für uns erschlossen. Wir liefern derzeit verstärkt Kunststoffe für Anwendungen zu, die im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie stark gefragt sind, zum Beispiel für Corona-Testkits. Weiterhin haben wir interessante Aktivitäten im Bereich E+E, gerade auch was Neuentwicklungen angeht. Auch Elektromobile, und damit sind nicht nur Pkw gemeint, sondern auch Roller, und E-Bikes bieten interessantes Entwicklungspotenzial.

 

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de