Mann mit Brille und kurzen grauen Haaren. Mit dunkelblauem Jackett und Krawatte und weißem Hemd.

Manfred Hackl, CEO der Erema Group (Bild: Redaktion)

Herr Hackl, wie hat sich das Kunststoffrecycling seit der letzten K aus Ihrer Sicht entwickelt? Konnte Europa seiner Vorreiterrolle gerecht werden?

Manfred Hackl: Ja, das Kunststoffrecycling hat sich gewaltig entwickelt. Wenn man auf die letzten drei Jahren zurückschaut, so wurden hohe Summen investiert und unzählige Produktinnovationen aus Rezyklat auf den Markt gebracht. Die verfügbare Ausstellungsfläche in unserem Circonomic Centre im Außengelände war zu klein, um alle Recyclingprodukte unserer Kunden zu zeigen. Vor drei Jahren haben wir noch recherchieren müssen, um solche Produkte zu finden. Zu dieser Entwicklung können wir der Kunststoffindustrie nur gratulieren. Wenngleich die lineare Wirtschaft noch lange nicht vollständig zur Kreislaufwirtschaft wurde. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir sind nun alle im Zug. Dieser hat den Bahnhof verlassen und muss jetzt für die nächsten Jahre weiter an Geschwindigkeit aufnehmen.

Für welche Kunststoffe fehlen noch Recyclingkapazitäten?

Hackl: Derzeit liegen wir noch unter den von der EU festgelegten Recyclingquoten für Kunststoffe. Beim PET-Recycling sind wir schon sehr weit, was Recyclingmenge und Regranulatanteil in den Produkten betrifft. PET-Flaschen aus 100 % recyceltem PET sind keine Seltenheit mehr.Noch nicht voll ausgeschöpft ist das Recyclingpotenzial bei den Polyolefinen wie Polyethylen und Polypropylen. Hier liegen wir noch weit hinter der geforderten Quote, laut der bis 2030 55 % aller Verpackungsabfälle recycelt werden sollen.

Erema ist vor gut einem Jahr der Initiative „Chemical Recycling Europe“ beigetreten. Was sind die bisherigen Ergebnisse dieser Zusammenarbeit von Akteuren des mechanischen und chemischen Recyclings? Wie ergänzen sich die Verfahren?

Hackl: Sie haben das richtig gesagt. Die sollen und müssen sich ergänzen. Es ist ganz klar, dass das mechanische Recycling das Verfahren mit dem geringeren Energiebedarf ist, mit dem die Kreisläufe am schnellsten und am einfachsten geschlossen werden können. Und dort, wo mechanische Verfahren an ihre Grenzen stoßen, ist chemisches Recycling eine gute Ergänzung. Im PET-Bereich etwa kann meiner Meinung nach chemisches Recycling kaum mehr weiterhelfen, weil hier mechanische Verfahren marktfähige und lebensmitteltaugliche Rezyklat-Qualitäten liefern. Chemisches Recycling rückt als potenzielle Lösung für viele besonders herausfordernde Kunststoffströme immer stärker in den Fokus. Aber auch hier braucht es am Beginn der Prozesskette vielfach mechanische Verfahren, um Post-Consumer-Eingangsströme aufzubereiten und eine verlässliche, kontinuierliche und energieeffiziente Materialzuführung in den chemischen Recyclingprozess zu gewährleisten. Dafür haben wir mit der Chemarema-Baureihe eine speziell auf diese Bedürfnisse abgestimmte Technologie entwickelt. Wir stehen also weiterhin zur Abfallhierarchie, der zufolge erst mechanisches Recycling erfolgt und danach dann chemisches Recycling, energetische Verwertung, Verbrennung und erst ganz am Ende die Deponierung. Und da, glaube ich, sind wir als gesamte Industrie auf dem richtigen Weg, auch wenn noch gewisse Hausaufgaben zu erledigen und Klarstellungen in der gesetzmäßigen Darstellung erforderlich sind.

Ist es ein Miteinander der unterschiedlichen Parteien?

Hackl: Natürlich gibt es in einigen Punkten unterschiedliche Sichtweisen und Bedenken auf Seiten der mechanischen Recycler. Mein Eindruck ist aber, dass sich in der Kunststoffindustrie der generelle Konsens durchsetzen wird, dass man Kunststoffströme, für die sich das mechanische Recycling bereits tausendfach bewährt hat, nicht umleiten wird, sondern chemisches Recycling als Ergänzung für die bereits erwähnten Stoffströme etabliert. Und an diesem Punkt gibt es noch unterschiedliche Auffassungen, die diskutiert und geklärt werden müssen.

Plastikartikel und -Verpackungen auf dem Erema-Messestand.
Die im Kreislauf zu führenden Produkte und Werkstoffe sind zahlreich. (Bild: Redaktion)

Wird das Thema Design for Recycling bei den Verpackungsherstellern zwischenzeitlich umgesetzt?

Hackl: Es gibt sehr viele unterschiedliche Verpackungen, die in puncto Design for Recycling jede für sich betrachtet werden müssen. Die Hersteller von PET-Flaschen haben sich bereits vor 20 Jahren auf bestimmte Standards geeinigt. Bei den Poly-olefinen sind solche Bemühungen seit ungefähr zwei Jahren auch im Gange. Aber die Herausforderungen sind um ein Vielfaches größer. Erste positive Ansätze, wie Mono-Material-Pouches, die so leistungsfähig sind wie Multi-Layer-Pouches, sind auch schon sichtbar. Es tut sich auch viel im Bereich der Entfernung von Bedruckungen (De-Inking). Keycycle, ein Unternehmen der Erema Gruppe, präsentierte auf der K eine Deinking Technologie zur Entfärbung von Bedruckungen vor der Extrusion. Diese Bemühungen müssen, um die Recyclingquote zu heben, intensiv weiter fortgesetzt werden. Wir müssen jetzt handeln, denn kurzfristig gibt es keine Alternative.

Fehlen noch normungstechnische Rahmenbedingungen aus Ihrer Sicht derzeit, um den Einsatz von Rezyklaten zu standardisieren?

Hackl: In Bezug auf Normen ist die Circular Plastics Alliance sehr aktiv. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, dass in der Europäischen Union bis 2025 10 Mio. t an recyceltem Kunststoff in der Herstellung neuer Produkte eingesetzt werden. Über 300 Unternehmen, europäische Interessensvertretungen, Brands, Hersteller, Verarbeiter und Recycler zählen mittlerweile zu den Mitgliedern. Und gemeinsam wird intensiv an europaweiten Lösungen gearbeitet. Ein Meilenstein wird das 2023 erscheinende Einmeldesystem für Materialströme sein. Dafür wurde das Recyclingpotenzial der einzelnen Kunststoffe und die Materialströme identifiziert. Daraus abgeleitet, kann man dann Sammlung und Sortierung forcieren. Parallel dazu müssen verpflichtende Designvorgaben für die Produkte aus diesem Recyclingkreislauf eingeführt werden. Beispielsweise Verpackungen, insbesondere dickwandige HDPE- und PP-Verpackungen, haben enormes Potenzial. Und so müssen wir Kunststoffart für Kunststoffart vorgehen.

Die Digitalisierung war ein weiteres zentrales Thema der Kunststoffmesse. Inwieweit kann die Digitalisierung das Recycling unterstützen oder gar verbessern?

Hackl: Kreislaufwirtschaft ein hochkomplexes Thema, da so viele Akteure in der Wertschöpfungskette beteiligt sind. Recycling ist wohl ein wesentlicher Faktor einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft im Kunststoffbereich, aber abhängig von vor- und nachgelagerten Prozessen. Und hier kann uns die Digitalisierung weiterbringen. Nämlich die Wertschöpfungskette vernetzen und Prozesse – sozusagen per Mausklick – verzahnen. Ein Beispiel, das uns erahnen lässt, was alles möglich ist, ist R-Cycle. Die R-Cycle Community ist ein Zusammenschluss von Unternehmen und Organisationen, die sich für die weltweite Standardisierung von digitalen Produktpässen für nachhaltige Kunststoffverpackungen einsetzen. R-Cycle ermöglicht in Pilotprojekten hochwertiges Recycling durch Rückverfolgbarkeit des Lebenszyklus von Verpackungen. Die im gesamten Produktionsprozess recyclingrelevanten Daten werden in einer Datenbank gespeichert und zugänglich über eine Markierung auf der Verpackung. Dadurch lassen sich recycelbare Verpackungen leichter sortenrein sortieren, wodurch sich die Rezyklatqualität steigern lässt. Runtergebrochen auf Erema sorgen digitale Assistenzsysteme bei unseren Anlagen für eine höhere Anlagenverfügbarkeit. Und das ist elementar für den Maschinenbetreiber. Seit drei Jahren sind alle neu bestellten Maschinen für die Nutzung all unserer digitalen Angebote geeignet. Ob Durchsatztrend, Energieverbrauch oder Ersatzteilshop, das steht unseren Kunden über unsere Bluport Plattform bereits zur Verfügung. Großes Potenzial sehe ich auch in der Echtzeitverarbeitung von Prozess- und Maschinendaten. Wir haben auf der K mit „Predicton:Drive“ erstmals eine Predictive Maintenance Anwendung für unsere Recyclinganlagen präsentiert. Konkret ist das eine Lösung für die Überwachung und vorausschauende Wartung aller Hauptantriebsstränge und bei PET-Recyclingmaschinen auch der Vakuumpumpenstände der Maschine. So liefert die Maschine Daten, die über den Anlagenzustand informieren und damit Voraussagen über nötige Wartungsarbeiten ermöglichen.

Quelle: Erema

Kunststoffrecycling: Der große Überblick

Mann mit Kreislaufsymbol auf dem T-Shirt
(Bild: Bits and Splits - stock.adobe.com)

Sie wollen alles zum Thema Kunststoffrecycling wissen? Klar ist, Nachhaltigkeit hört nicht beim eigentlichen Produkt auf: Es gilt Produkte entsprechend ihrer Materialausprägung wiederzuverwerten und Kreisläufe zu schließen. Doch welche Verfahren beim Recycling von Kunststoffen sind überhaupt im Einsatz? Gibt es Grenzen bei der Wiederverwertung? Und was ist eigentlich Down- und Upcycling? Alles was man dazu wissen sollte, erfahren Sie hier.

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