Eine Hand in die kleine bunte Rezyklatteile aus einer durchsichtigen Plastikflasche rieselt.

In der Spitze waren im Jahr 2022 1,3 Mio. t Material auf der Plattform gelistet. Dennoch ist die Digitalisierung weiterhin kein Selbstläufer. (Bild: Thies P. Sprenger)

Auf der K 2019 haben wir uns kennengelernt. Cirplus war gerade gegründet und Sie und Ihr Geschäftspartner „Neulinge“ in der Kunststoffindustrie. Wie blicken Sie heute auf diese Anfangszeit? Und wie haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Christian Schiller: Es war eine echte Achterbahnfahrt; atemberaubend, spannend, mit vielen Höhen und Tiefen. Corona, der Wegfall von sicher geglaubten Investitionen, taktische Täuschungen von Marktbegleitern, großartige Normungsergebnisse, ein fantastisches, internationales Team… und nach alldem die Gewissheit, mit Cirplus auf der richtigen Seite der Debatte um die Zukunft der Kunststoffe zu stehen. Ich bin nach wie vor fasziniert von der Komplexität des Problems Kunststoffabfall und wie wir als Gesellschaft – und insbesondere als dafür verantwortliche Industrie – damit umgehen. Dass es schwierig zu lösen sein würde und wir nicht nach drei Jahren schon das Ende der Abfallkrise verkünden könnten, davon ging ich von Anfang an aus. Was ich so nicht erwartet hätte, ist der massive Widerstand und die Arroganz, die uns als Innovatoren in der Kreislaufwirtschaft aus unterschiedlichen Richtungen entgegengebracht wurde und wird. Ja, wir hatten nicht den “Stallgeruch”, der den Einstieg in die Industrie sicher erleichtert hätte. Aber unsere Erfolge sprechen dafür, dass es gerade Innovatoren von außen sind, die wirkliche systemische Veränderungen anstoßen. Am Ende haben wir doch das eine Ziel, hinter dem sich die gesamte Kunststoff- und Kreislaufwirtschaft vereinen können sollte: Kunststoff so zirkulär und nachhaltig wie nur irgend möglich zu machen, um den wertvollen Kohlenstoff nicht zu verschwenden und den Planeten zu bewahren. Allein die partikulären Interessen der einzelnen Wertschöpfungsteilnehmer sind extrem stark und oftmals konträr. Das merkt man immer dann, wenn die Scheinwerfer und Mikrofone aus sind und die blumigen Versprechungen der Marketingabteilungen mit der harten Realität konfrontiert werden. Alles in allem bin ich dankbar für sehr lehrreiche Jahre, viele neue Bekanntschaften und das tiefere Verständnis dafür, was wir tun können und müssen, um der Plastikkrise Herr zu werden.

Kunststoffrecycling: Der große Überblick

Mann mit Kreislaufsymbol auf dem T-Shirt
(Bild: Bits and Splits - stock.adobe.com)

Sie wollen alles zum Thema Kunststoffrecycling wissen? Klar ist, Nachhaltigkeit hört nicht beim eigentlichen Produkt auf: Es gilt Produkte entsprechend ihrer Materialausprägung wiederzuverwerten und Kreisläufe zu schließen. Doch welche Verfahren beim Recycling von Kunststoffen sind überhaupt im Einsatz? Gibt es Grenzen bei der Wiederverwertung? Und was ist eigentlich Down- und Upcycling? Alles was man dazu wissen sollte, erfahren Sie hier.

Ihr Ziel ist es, die Beschaffung von Rezyklaten zu digitalisieren. Wie wurde dies vom Markt anfangs und wie wird dies heute angenommen?

Schiller: Ganz unterschiedlich. Wir haben echte Pioniere in der Kunststoffwirtschaft kennenlernen dürfen, die uns bereits von der ersten Stunde an Einblicke gewährt und uns ihre Herausforderungen im Bereich Kreislaufführung und Digitalisierung aufgezeigt haben. Dazu zähle ich Unternehmen wie zum Beispiel Alpla oder Greiner; auch Plastics Europe hatte sich mit uns immer konstruktiv auseinandergesetzt, trotz der teilweise unbequemen Botschaften, die Cirplus gerade für die Kunststofferzeuger in unserem Land hat. Wir haben aber auch die Bekanntschaft mit echten Gegnern unserer Arbeit machen dürfen. Diese kamen aus Ecken, aus denen ich das so nie erwartet hätte. Solche negativen Erlebnisse prägen sich ein und spornen mein Team und mich enorm an, unsere Arbeit fortzusetzen. Wir geben unsere Antwort immer auf dem Platz. Rückblickend kann ich sagen: Ich war einfach zu blauäugig, was die Innovationsbereitschaft der Branche angeht. Vielleicht muss man das aber auch sein, um in einem so komplexen Markt wie der Kreislaufwirtschaft sein unternehmerisches Glück zu suchen. Dass wir dieses Interview führen können nach dreieinhalb Jahren harter Arbeit, zeigt aber: Wir haben ganz gute Nehmerqualitäten. Und für jedes negative Erlebnis kann ich Ihnen auch drei positive nennen. Allgemein habe ich in Deutschland die größten Widerstände zu unserer Arbeit ausgemacht, sowohl auf Seiten der Abfall- und Recyclingwirtschaft, als auch in der Kunststoffwirtschaft. Das ist paradox, als Start-Up Made in Germany. Ich kann mir da keinen anderen Reim drauf machen, außer den, dass in der Zukunft der zirkulären Kunststoffe jeder mit harten Bandagen kämpft. Dabei wollen wir dieses gemeinsame Ziel mit unserer digitalen Plattform ja gerade katalysieren und zu einem Win-win für so viele wie möglich gestalten. Für die Blockierer und Bremser habe ich daher eine Botschaft: Die Digitalisierung wird nicht an den deutschen Grenzen und schon gar nicht am eigenen Werkstor halt machen. Unternehmen, die sich nicht aktiv damit auseinandersetzen, werden verlieren. Wir sehen schon jetzt aufkommenden Wettbewerb von Marktbegleitern aus den USA und in Indien. Ich kann nur alle Wertschöpfungsteilnehmer dazu einladen, den Dialog mit uns zu suchen, denn der Unternehmenserfolg von Cirplus ist letztlich direkt mit dem Erfolg der zirkulären Kunststoffwirtschaft in Europa verbunden.

Man mit braunen Haaren und blauem T-Shirt sitzt am Schreibtisch vor einem Monitor.
Die Zahl großer Markenhersteller und deren Verarbeiter aus der Konsumgüter-, Automobil- und Bauindustrie, die die Plattform nutzen, nimmt laut Schiller zu. (Bild: Thies P. Sprenger)

Wie könnte die Rezyklatmenge Ihrer Meinung nach erhöht werden?

Schiller: Meiner Einschätzung nach gibt es keine einzelne Maßnahme, keine “silver bullet”, um die Rezyklatmengen zu erhöhen. Es braucht eine Vielzahl von wirksamen Maßnahmen. Die Digitalisierung der Stoffströme und Handelstransaktionen ist sicher eine der entscheidenden Maßnahmen. Ein Beispiel: Allein in Europa fehlt von über 20 Mio. t Kunststoffabfall jede Spur. Digitale, fälschungssichere Transparenz und Nachvollziehbarkeit vom Rohstoff bis zum Rezyklat sind die Gebote der Stunde. Nicht zuletzt können wir über das entstehende neuronale Netzwerk unserer Plattform auch eine viel größere Versorgungssicherheit etablieren für die Endabnehmer in den volatilen Abfall- und Recyclingmärkten. Wer in Echtzeit nachvollziehen kann, wo welcher Abfall in welcher Menger gerade anfällt und verarbeitet wird, der kann sicherer planen, um seine Produktion mit Rezyklatanteil sicherzustellen.

Stehen Ihrer Meinung nach das mechanische und chemische Recycling in Konkurrenz oder ergänzen sich die Verfahren?

Schiller: Nein, sie müssten nicht in Konkurrenz stehen, aber sie tun es leider im Wettrennen um die Zukunft der zirkulären Kunststoffe. Dabei würde eine konsequent an der Kreislaufhierarchie ausgerichtete Kunststoffwirtschaft ganz klar das mechanische Recycling und das dazugehörige Design4Recycling priorisieren; sowohl in der öffentlichen Debatte, insbesondere aber bei den Investitionsentscheidungen aller Wertschöpfungsteilnehmer. Leider sehen wir hier ein Silodenken aus den bestehenden Geschäftsmodellen heraus: Die Petrochemie denkt in erster Linie ans chemische Recycling. Eine breit angelegte Investitions- und Technologieoffensive in Reduce, Reuse and Recycle sehe ich bedauerlicherweise bei keinem der großen Chemiekonzerne. Stattdessen nur das stetig gleiche Mantra, dass das chemische Recycling immer dort zum Einsatz kommen solle, wo das mechanische versage. Alles richtig, nur: Wer in der Kunststoffindustrie hat denn in der Vergangenheit ernsthafte Anstrengungen unternommen, um eine solche Aussage auch mit Erfahrung zu unterfüttern? Ich bezweifle, dass wir beim ökologisch vorteilhaften mechanischen Recycling schon am Ende der Fahnenstange angekommen sind, sodass die massiven Investitionen ins chemische Recycling wirklich gerechtfertigt wären. Die Wahrheit ist doch, dass echte Kreislaufführung von Kunststoffen bis vor Kurzem fast niemanden interessiert hat und damit auch nicht Teil der Ausbildung von Chemieingenieuren und Kunststofftechnikern war. Wir stehen bei der Zirkularität von Kunststoffen noch sehr am Anfang. Wenn es uns aber gelingt, die tradierten Wertschöpfungsmodelle der jeweiligen Industrie konsequent an dem Leitbild einer wirklich nachhaltigen Kohlenstoffökonomie auszurichten, dann hat Kunststoff eine große Zukunft vor sich.

Sie sprachen bei einer Podiumsdiskussion, die ich verfolgt habe, davon, dass der auf den Deponien gelagerte Müll, schwarzes Gold sei. Bitte führen Sie dies näher aus.

Schiller: Mitte August habe ich Bantar Gebang in Jakarta (Indonesien) im Rahmen eines Förderprojektes der GIZ besucht, nach Schätzungen die weltweit größte Mülldeponie mit mehr als 7.000 t Abfalleintrag täglich! Die schiere Masse an Material und der giftige Gestank waren schlichtweg überwältigend. In diesem Vorhof zur Hölle “schürften” hunderte Waste Pickers nach wertvollen Abfällen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Der größte Teil der Kunststoffabfälle dort wurde allerdings von ihnen nicht berücksichtigt. Warum? Weil am Ende der Wertschöpfung der zirkulären Kunststoffe alles eine Frage der Recyclingfähigkeit des Materials ist. Hierin sehe ich eine neue Form des “schwarzen Goldes”: Was im Jahr 2022 noch als “nicht recyclebar” gilt, kann im Jahr 2050 als “gut recyclebar” angesehen werden, weil sich Technologien und Märkte weiterentwickeln werden. Stellen wir uns für einen Moment lang vor, dass morgen alle Erdölquellen des Planeten versiegen würden. Ich bin mir sicher, dass der menschliche Fortschrittsgeist in kürzester Zeit dazu führen würde, den auf den Deponien in Form von Abfall gebundenen Kohlenstoff in neuer Weise brauchbar zu machen. Also aus dem wertlosen Zeug die wertvollen Kohlenstoffe herauszulösen und wieder für die Produktion nutzbar zu machen. Ich kann im Jahr 2022 mit noch immer sprudelnden Ölquellen und unrentablen Recyclingtechnologien jeden verstehen, der das als naive Zukunftsträume abtut, aber Erdöl wurde auch lange Zeit “unter Wert” vertrieben als Leuchtmittel oder Schmierstoff. Es brauchte Erfindergeist und Ingenieurskunst, um es zum Rohstoff der Menschheit schlechthin zu machen.

Mann mit orangener Warnweste und schwarzer Mund-Nasenschutz-Maske. Im Hintergrund Folie und Müll (Mülldeponie).
Christian Schiller im August 2022 beim Besuch der weltgrößten Mülldeponie im indonesischen Bantar Gebang. (Bild: Cirplus)

Sie waren der Initiator der DIN SPEC 91446. Was war Ihr Antrieb für diesen Standard? Sehen die Produkthersteller den Vorteil der vor knapp einem Jahr eingeführten DIN SPEC?

Schiller: Rohstoffmärkte, insbesondere Sekundärrohstoffmärkte, brauchen Vertrauen, um zu funktionieren. Umso mehr, wenn es um digital unterstützte Transaktionen auf dem Weltmarkt geht. Wenn Recycler, Compoundeure und Verarbeiter noch nicht mal die gleiche Sprache sprechen in Sachen Rezyklate, wie will man dann jemals global skalierende Supply Chains aufbauen, die mit den virginen Materialien Schritt halten können? Erfolgreiche Kreislaufwirtschaft kann ohne solche Standards nicht funktionieren. Aus diesem Grund haben wir die DIN SPEC 91446 initiiert und federführend die Erarbeitung zusammen mit 16 Wertschöpfungsteilnehmern in über 1.000 Stunden Arbeitszeit gestemmt. Der Titel ist Programm: “Klassifizierung von Kunststoffrezyklaten nach Datenqualitätslevel für die Verwendung und den (internetbasierten) Handel.” Mittlerweile sehen wir bereits die Kraft der Standardisierung. Auf der Ifat und der Kuteno kamen Markenartikler und Verarbeiter auf uns zu und haben uns für die DIN SPEC gedankt, denn sie klassifizieren zwischenzeitlich Ihren Einkauf nach der DIN SPEC. Über Cirplus treiben wir den auf Englisch verfassten Standard weiter voran. Wir haben sogar schon Recycler aus Mexiko und Malaysia, deren Rezyklate nach DIN SPEC klassifiziert wurden. Wir arbeiten derzeit an der Umwandlung der Norm in einen europäischen Standard. Auch hier gibt es Widerstände, aber wir lassen uns nicht so leicht unterkriegen.

Hat sich der Rezyklatmarkt durch den Krieg in der Ukraine verändert?

Schiller: Insofern die gestiegenen Rohstoffpreise direkt mit dem Krieg im Zusammenhang stehen: absolut! Seit Jahresbeginn hat die Nachfrage stark zugenommen. Entsprechend haben auch die Rezyklatpreise angezogen. Es bleibt nun abzuwarten, wie die gedämpfte Konjunkturerwartung der Kunststoffindustrie sich auf die Rezyklatmärkte auswirkt. Ich gehe aber von einer anhaltend hohen Nachfrage aus, die sich sogar noch um weitere Branche ausweiten wird, nicht nur Verpackung und Automobil.

Wird Ihr Einsatz für die Kreislaufwirtschaft von der jungen Generation wahrgenommen?

Schiller: Ja, und zwar sehr positiv. Cirplus sehe ich als Scharnier zwischen der B2B-Welt von Spritzguss, Kunststofferzeugern und Recyclern auf der einen Seite und der Generation TikTok und der Kunststoffbasher auf der anderen. Am Interesse für unsere Plattform seitens der jungen Generation sieht man auch: Kunststoff hat nicht generell ein Imageproblem, sondern ein Abfall- und Digitalsierungsproblem. Es ist nicht der Werkstoff an sich, der junge Menschen vor den eher traditionellen Kunststoffberufen abschrecken lässt, es ist die eklatante Abfallproblematik, an der auch die 100. Studie über den geringen CO2-Fußabdruck im Vergleich zu anderen Materialien nichts ändern kann. Nicht das Image ist das Problem, sondern die 15 Mio. t Kunststoffabfälle, die jedes Jahr ihren Weg in die Weltmeere finden. Und die mehr als 70 Mio. t, die allgemein als „mismanaged waste“ einzustufen sind. Daher mein Appell an alle: Schieben Sie die Verantwortung hierfür nicht an andere, übernehmen Sie Verantwortung! Das wird die junge Generation honorieren und Sie als attraktiven Arbeitgeber wahrnehmen. Denn Kunststoff ist und bleibt der Werkstoff des 21. Jahrhunderts.

Fünf Männer und eine Frau.
Das Start-up Team (v.l.): Alexandre Lazaron, Soner Kaya, Christian Schiller mit dem Office-Hund Flynn, Florian Schäffer, Marie-Christin Bergmann und Sascha Hinte. (Bild: Thies P. Sprenger)

Wie sind die nächsten Schritte von Cirplus?

Schiller: Weiterentwicklung der Software, Erschließung neuer Kundensegmente und geografische Expansion. Wir haben ein wirklich gutes Team aus hochmotivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammengestellt, um diese Schritte anzugehen. Dabei freue ich mich insbesondere über die große Diversität, die unser Team von Tag eins an auszeichnet, denn mein Mitgründer ist gebürtiger Türke. Heute arbeiten bei Cirplus Brasilianer, Portugiesen, Russen, Türken und Deutsche alle gemeinsam an unserer Vision von 100 % zirkulären Kunststoffen. Unsere Investoren kommen aus Schweden, den USA, Frankreich und Deutschland. Zähle ich die Mitarbeiter aus 3,5 Jahren dazu, erweitert sich der Kreis um Briten, Schweden, Franzosen, Amerikaner und Israelis. Was uns alle eint, ist die Frustration über den unendlichen Kunststoffeintrag in die Umwelt. Aber statt zu jammern oder lediglich den Müll an Stränden einzusammeln, arbeiten wir an einer ganz konkreten, skalierbaren Lösung, die den Weg für echte Kreislaufführung von Kunststoffen ebnet. Das ist unser Anspruch und wir werden nicht ruhen, eh wir diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen sind. Ich lade alle Leserinnen und Leser herzlich dazu ein: Lassen Sie uns gemeinsam das Thema der Kunststoffabfälle in der Umwelt ein für alle Mal lösen! Keine Angst vor der Digitalisierung.

Quelle: Cirplus

K 2022: Halle 8b, Stand F37-04

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