Weltkugel mit rotem Trendbarometer und einigen Geldscheinen, die aus der Kugel ragen sowie eine Spritze, die in der Erdkugel steckt.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind noch nicht überstanden, da rollen neue Herausforderungen auf Unternehmen zu. (Bild: m.mphoto – stock.adobe.com)

Nach der Pandemie ist vor dem nächsten Schock. So könnte der Titel für die derzeitige Situation vieler (mittelständischer) Unternehmen in Deutschland lauten. Kämpfen Unternehmen weiterhin mit den Folgen der Corona-Pandemie kommen nun zu allem Überfluss auch noch die Auswirkungen des Ukraine-Krieges hinzu. Der staatlichen Förderbank Kfw, Frankfurt, zufolge, leiden die Unternehmen weiterhin unter der angespannten Lieferkettensituation. Materialmangel ist dabei nicht nur in Industriebetrieben gegeben, auch im Bausektor oder im Einzelhandel ist die Situation angespannt. Liefertermine seien zunehmend nicht einzuhalten und Aufträge müssten gar abgelehnt werden. Das mittelständische Geschäftsklima hat sich dem Kfw-Ifo-Mittelstandsbarometer zufolge dennoch moderat erholt. Nach den zusätzlichen Belastungen durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich die Stimmung etwas beruhigt, die Situation bleibt aber angespannt.

Importgüter nur schwer zu ersetzen

„Nach dem akuten Kriegsschock im März stabilisierte sich das Geschäftsklima im April. Es ist allerdings nur ein zaghaftes Durchatmen nach dem Absturz im Vormonat“, erklärt Kfw-Chefvolkswirtin Dr. Fritzi Köhler-Geib. „Die aktuellen Ereignisse wie der unvermindert wütende Krieg und neue Störungen in den globalen Lieferketten wegen des strengen Lockdowns in China machen Konjunkturprognosen derzeit höchst unsicher.“ Demnach seien die direkten wirtschaftlichen Verflechtungen des deutschen Mittelstandes mit Russland und der Ukraine zwar recht überschaubar, dennoch tun sich die Unternehmen schwer, Importe aus Russland, der Ukraine oder auch Belarus adäquat zu ersetzen. Das geht aus einer Umfrage des Ifo Instituts, München, hervor. Nur 13,8 % der Industriefirmen mit Lieferproblemen aus diesen Ländern könnten ihre Bezugsquellen kurzfristig komplett ersetzen. Für 43,4 % ist das nur teilweise möglich. Weitere 16,3 % gaben an, andere Bezugsquellen als nicht wirtschaftlich und nicht sinnvoll zu betrachten. Für 13,8 % der Unternehmen sei dies überhaupt nicht möglich.

Lieferschwierigkeiten weiten sich aus

Die Knappheit an Vorprodukten und Rohstoffen im Allgemeinen beeinflusst auch die Lieferfähigkeit der Unternehmen. So stieg, dem statistischen Bundesamt (Destatis) zufolge, die Reichweite des Auftragsbestands im Verarbeitenden Gewerbe im Februar 2022 auf 7,9 Monate – ein neuer Höchststand. Eine Entwicklung, die sich noch fortsetzen dürfte. In einer Umfrage auf dem Netzwerk Linkedin wollte die Redaktion des PLASTVERARBEITER deshalb wissen, wie sich der Mangel an Rohstoffen und Vorprodukten auf die Lieferfähigkeit auswirkt. 35 % der antwortenden Teilnehmer gaben an, in geringem Umfang (< 30 Tage) betroffen zu sein. Für fast ein Drittel der Befragten (31 %) ist die Situation angespannter (> 60 Tage), 27 % gaben Auswirkungen in erheblichem Umfang (> 90 Tage) an. Lediglich 8 % der Teilnehmer sind mit massivem Einschränkungen betroffen (> 180 Tage).

Rotes Tortendiagramm.
Der PLASTVEARARBEITER hat sich in der Branche umgehört. Das sind die Ergebnisse. (Bild: Redaktion)

Ist ein Öl- und Erdgasembargo verkraftbar?

Ein weiteres vorherrschendes Thema ist die Abhängigkeit des deutschen Energiesektors von Russland. Drohende Einschränkungen würden die gesamte Wirtschaft empfindlich treffen. Neben einem möglichen Gasembargo beschäftigt Unternehmen vor allem auch die Situation rund um russische Ölimporte. Die EU-Kommission hat dazu jüngst ein weiteres Sanktionspaket vorgestellt. Die Sanktionen haben unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft – insbesondere die Chemie- und damit verbunden auch die Kunststoffindustrie. So unterstützt beispielsweise der Verband der Chemischen Industrie (VCI) den Erdöl-Boykott, weist zugleich aber darauf hin, dass die Maßnahmen auch bei einer mehrmonatigen Vorlaufzeit kein Spaziergang für die Branche werde. Ein EU-Embargo für Erdöl aus russischen Gefilden sei demnach weniger problematisch und besser aufzufangen, als ein Lieferstopp für Erdgas. Für das für die Chemiebranche so relevante Naphtha (Rohbenzin) gebe es verschiedene Lieferquellen. Laut VCI-Angaben benötigt die chemisch-pharmazeutische Industrie mehr als 14 Mio. t Naphtha im Jahr für die Produktion von organisch-chemischen Stoffen. Aus Naphtha wird eine Vielzahl von Grundchemikalien erzeugt, die in den weiteren Folgestufen der chemischen Wertschöpfung zum Beispiel für die Herstellung von Kunststoffen, Chemiefasern, Medikamenten oder Autoreifen benötigt wird. VCI-Hauptgeschäftsführer, Wolfgang Große Entrup, fasst die derzeitige Lage folgendermaßen zusammen: „Es gilt das Primat der Politik, wir haben mit diesem Schritt gerechnet. Dank eines Kraftaktes von Politik und Wirtschaft in den letzten Wochen scheint die Versorgung über veränderte Bezugsquellen gesichert. Sorgen machen uns aber die dadurch zu erwartenden weiteren Preisanstiege für Rohöl und damit auch der Rohstoffpreise. Die Wettbewerbsfähigkeit der Branche wird mehr und mehr belastet.“ Beim Thema Erdgasembargo votiert auch der paneuropäische Verband der Kunststofferzeuger, Plastics Europe, zu einem klaren „Nein“, wie auch zuletzt auf der Wirtschaftspressekonferenz in Hamburg deutlich gemacht wurde. Gut 44 % des gesamten Energieverbrauchs der Kunststofferzeuger entfallen demnach auf den Energieträger Erdgas – insbesondere bei Großanlagen. Diese, so die klare Aussage, können nicht einfach „aus- und wieder eingeschalten werden.“ Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, forderte zugleich eine politische Neupriorisierung, welche die aktuelle Situation ganzheitlich denke: „Wir müssen in die Sicherung unserer akuten Handlungsfähigkeit investieren, aber ebenso die grüne Transformation unserer Branche mit höchster Dringlichkeit umsetzen.“ Die Priorität liege vor allem darin, sicherzustellen, dass die benötigte Energie verfügbar und bezahlbar sei.

Auch die Kautschukindustrie kämpft

Nicht nur die Energiekosten werden für die Industrie zur Belastung, auch die Rohstoffpreise erreichen immer neue Rekorddimensionen. Der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk), Frankfurt, verwies jüngst auf die inzwischen existenzbedrohende Lage für Unternehmen, auch in der Kautschukindustrie. So weisen Daten der Verbandsstatistik des wdk für das 2. Quartal 2022 durchweg zweistellige Zuwachsraten bei den Materialkosten für die in der Kautschukverarbeitung eingesetzten Rohstoffe aus.
Der Hauptgeschäftsführer des wdk, Boris Engelhardt, sprach gar von einer „Dreifach-Belastung“ der Branche. Zu den hohen Rohstoffkosten gesellten sich mehr als verdoppelte Energiepreise und eine teure Logistik. Diese schlügen voll auf die Produktionsprozesse der Unternehmen durch. „Bereits jetzt muss jedes zweite Unternehmen der Kautschukindustrie auf jegliche Marge bei seinen Produkten verzichten und 15 % der Unternehmen zehren bereits von ihren Eigenkapitalreserven – Tendenz stark steigend. Dazu kommt, dass die gestiegenen Kosten bei großen Abnehmern, etwa aus der Automobilindustrie, nicht verhandelbar sind. Im Gegenteil: Die Zulieferer werden sogar noch mit Sparprogrammen und einseitigen Risikoübertragungen konfrontiert.“ Ein Ende der Preisspirale sei nicht in Sicht. „Die Branche fährt ohne politische Unterstützung und Partnerschaft in der Wertschöpfungskette, insbesondere im Automobilbereich, ungebremst gegen die Wand“, warnt der wdk-Hauptgeschäftsführer.

Sie möchten gerne weiterlesen?

Registrieren Sie sich jetzt kostenlos:

Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

Mit der Registrierung akzeptiere ich die Nutzungsbedingungen der Portale im Industrie-Medien-Netzwerks. Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie sind bereits registriert?