Mann im hellblauen Hemd

Steffen Felzer, Sales Director, Polytives, Rudolstadt (Bild: Polytives)

Obwohl ich eigentlich vom Maschinenbau komme, kann ich nach gut 30 Jahren Berufserfahrung mit und in Kunststoff behaupten, dass kaum ein anderes Fachgebiet an die Vielseitigkeit der Kunststofftechnik herankommt. Betrachtet wird stets das Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Material – und die richtige Kombination führt zu anspruchsvollen, beständigen Produktlösungen.

Um Kunststofftechnik zu meistern, ist ein anderes, außergewöhnliches Denken notwendig: Das Fingerspitzengefühl und die Intuition des Anwenders beim Bedienen der Anlagen, die technischen Abläufe in der Kunststoffverarbeitung und das Potential des Materials beeinflussen sich gegenseitig für ein optimales Ergebnis – hier die Spielregeln abschätzen zu können, ist das Geheimnis des Erfolges. Denn es gibt keine so festgesetzten Regeln wie in der Mathematik oder dem Maschinenbau, wo 2 und 2 gleich 4 ergibt – vielmehr sagt mir die Erfahrung, falls alle Eingangsgrößen eines Prozesses annähernd konstant bleiben, ergibt 2 und 2 wahrscheinlich 4. Mehr empirisches Erforschen, weniger exakte Wissenschaft – wer sich darauf einlässt, wird zukünftig Hand in Hand mit KI und Industrie 4.0 arbeiten, denn diese werden die Kunststofftechnik formen.

Am wichtigsten wird es sein, sich mit dem verwendeten Material zu beschäftigen, denn die Eigenschaften der unterschiedlichen Kunststoffsorten haben den größten Einfluss auf das zu erzielende Ergebnis. Kunststoff muss allerdings auch immer als Werk- und als Wertstoff gedacht werden, der heute und zunehmend auch Recyclingursprungs sein kann. Das Anwendungsspektrum ist enorm breit gefächert und reicht vom Standard-Alltagsprodukt bis zum Hightech-Bauteil in empfindlichen Systemen. Die technologische Herstellung reizt die Größenskala ebenso aus: An einem Ende der Mikrospritzguß im Milligramm-Bereich, am anderen das Rotamoulding im Tonnenmaßstab.

Um die individuellen Problemstellungen zu lösen, sind nicht nur Kenntnisse im eigenen Arbeitsfeld notwendig. Wie kein anderes Material greift Kunststoff auf Einflüsse aus anderen naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen wie Physik, Chemie, Elektronik, Mechatronik, Maschinenbau und IT zurück – das führt entweder zu einem sehr umfassenden Blick auf interdisziplinäre Randbedingungen bei der Problembetrachtung oder eine gut abgestimmte Kommunikation mit einem divers aufgestellten Team und verschiedensten Partnern.

Auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz kann Kunststoff punkten: Durch die geringeren Materialdichten erweist er sich als eine Schlüsselkomponente im Leichtbau, ist in der Regel beständig und funktionalisierbar. Hybridlösungen im Verbund mit anderen Werkstoffen bergen ebenso noch unerschöpftes Potential. Seine Rolle für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft und die Vorteile eines biobasierten oder bioabbaubaren werden unser Denken, Handeln und Wirtschaften noch langfristig beeinflussen.

Wer die Herausforderung nicht scheut, kann während und nach dem Studium vielseitige Anwendungsmöglichkeiten entdecken und womöglich selbst Innovationen auf den Weg bringen oder begleiten. Die Praxisnähe zeigt, dass das Gelernte auch sinnstiftend angewendet wird und Veränderungen durch Geduld, Neugier und empirisches Fragen auf den Weg gebracht werden kann.

Ich bin davon überzeugt, dass der Kunststofftechnik die Rolle eines essentiellen Bindegliedes zukommt, welche Akteure lokal und global vernetzt und die Möglichkeit schafft, den vielseitigsten, uns bekannten Werkstoff klug und sinnvoll zu bearbeiten, einzusetzen und nach Recyclierung wieder zu nutzen – und um das große Bild zu schaffen – damit zu einer stabilen und funktionierenden Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen.

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