Digitalisiertes Gehirn

(Bild: lassedesignen - stock.adobe.com)

Unter Industrie 5.0 versteht man Ansätze, die eine nachhaltige, resiliente und vor allem human-zentrierte Industrie im Fokus haben. Menschen, Nachhaltigkeit und Resilienz stehen im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Handelns. Die erarbeiteten Vorteile vorläufiger Paradigmen, insbesondere des stark technik-zentrierten Ansatzes der Industrie 4.0, werden dabei um die Rolle des Menschen im industriellen Umfeld erweitert. Der sehr technologie- und effizienzorientierte Ansatz von Industrie 4.0 wird durch dieses neue Konzept weitergedacht und nicht abgelöst.

Der Übergang von der Industrie 4.0 zur Industrie 5.0 ist fließend und hat bereits in Teilen begonnen. Mit Paradigmenwechsel wäre der Sprung zur fünften „Industrierevolution“ nur unzureichend beschrieben. Es steht nicht weniger als ein Kulturwandel in der industriellen Produktion bevor. Unternehmern und Mitarbeitern kommt eine neue Rolle zu.

Die Unternehmen können sich bei der Umsetzung von Industrie 5.0 im Kern auf nachhaltige Produktionsansätze fokussieren und den Menschen Schritt für Schritt in den Mittelpunkt rücken. Auf diesem Weg sollen widerstandsfähige Strukturen aufgebaut werden. Der menschenzentrierte Ansatz von Industrie 5.0 fragt nicht danach, was mit dieser oder jener Technologie erreicht werden kann, sondern inwiefern sie für den Menschen dienlich ist. Grob gesagt: Nicht der Industriearbeiter soll sich Software und Produktionsprozesse anpassen. Stattdessen sollen Software und Prozesse auf die Bedürfnisse des Arbeiters abgestimmt werden.

Roboterhand
Der menschenzentrierte Ansatz von Industrie 5.0 fragt nicht danach, was mit dieser oder jener Technologie erreicht werden kann, sondern inwiefern sie für den Menschen dienlich ist. (Bild: Possessed Photography - Unsplash.com)

Warum der Mitarbeiter mehr in den Fokus rückt

Das setzt einen Paradigmenwechsel voraus, durch den der Mitarbeiter nicht mehr nur als Verursacher von Arbeitskosten angesehen wird. Industrie 5.0 rückt vielmehr die Frage in den Mittelpunkt, welche Maßnahmen erforderlich sind, damit sich Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen entwickeln können. Für den Arbeitgeber bedeutet dies, in die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter zu investieren und ihre Interessen zu berücksichtigen. Das beginnt damit, sie bei der Einführung digitaler Technologien frühzeitig einzubinden. Digitale Technologien sollten genutzt werden, Arbeitsplätze integrativer und sicherer zu gestalten, um die Arbeitszufriedenheit zu steigern.

Ein gutes Beispiel sind die Ansätze der kollaborativen Robotik (Cobots). In diesem Anwendungsgebiet arbeiten Mensch und Maschine zusammen. Hier kommt es besonders darauf an, die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass diese sinnvoll eingesetzt werden kann. So kann in modernen kollaborativen Systemen die Bearbeitungsgeschwindigkeit des Cobots in Abhängigkeit zum jeweiligen Mitarbeiter, der mit dem jeweiligen Cobot die Wertschöpfung erarbeitet, individuell und zeitdynamisch angepasst werden. Hierdurch wird die Arbeit situativer gestaltet, individueller in Bezug auf den einzelnen Mitarbeiter. Dies macht die Arbeit insgesamt betrachtet humaner. Was wiederum die Akzeptanz enorm fördert.

Paradigmatische Wandelprozesse setzen zunächst einen neuen Schwerpunkt und erweitern somit die bestehenden Sichtweisen. Die tatsächliche Ausgestaltung der einzelnen Paradigmen entwickeln sich dann erst mit der Zeit.

In den Unternehmen sind die Digitalisierungspotentiale, die sich aktuell durch klassische Ansätze erschließen lassen, nicht sehr groß. Untersucht man die Gründe, resultiert dies aus Restriktionen bei den weichen Faktoren sowie dem verfügbaren Know-how in den Unternehmen. Hier stößt Industrie 4.0 also klar an seine Grenzen. Bezieht man hingegen Industrie 5.0 mit ein, sind die Digitalisierungspotenziale deutlich größer. Beide Paradigmen ergänzen sich und stehen nicht gegeneinander. Die Unternehmen sind gefordert eine soziale Digitalisierung vorzunehmen, die sorgsam mit den Ressourcen umgeht und strukturell in der Lage ist, auf Turbulenzen angemessen zu reagieren.

Wie gestaltet sich Industrie 5.0 in der Praxis?

Mensch mit Tablet steuert Roboter
Die Mensch-Maschine-Kooperation rückt noch stärker in den Mittelpunkt. (Bild: I Viewfinder - stock.adobe.com)

Schaut man in die Unternehmen der kunststoffverarbeitenden Industrie stellt man fest, dass diese bei der Umsetzung von Industrie 5.0 noch am Anfang stehen. Ein Grund ist sicherlich, dass, wie bei jedem Wandel, dieser für viele am Anfang etwas befremdlich erscheint. Ein anschauliches Beispiel für eine Mensch-Maschine-Kooperation ist die situativ-dynamische Ausgestaltung eines kollaborativen Roboters, der individuell angepasst auf den Menschen und den jeweiligen Produktionsprozess ausgelegt werden kann. Denkt man zum Beispiel an die Anpassung der Bearbeitungsgeschwindigkeiten, plant individuelle Pausen, oder berücksichtigt den Wechsel von Arbeitsinhalten, lässt sich nachvollziehen, was konkret gemeint ist. Eine so gestaltete Achtsamkeit schafft ein im Kern humanes Arbeitsumfeld.

Und genau ein solches Arbeitsumfeld unterstützt die Unternehmen dabei, im Kampf um Fachkräfte von morgen erfolgreicher zu sein als andere. Im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter werden in Zukunft sehr häufig Flexibilität und Wertschätzung entscheiden, die das Unternehmen den Mitarbeitern entgegenbringt. Der positive Nebeneffekt für die Unternehmen: dies macht die Mitarbeiter leistungsbereiter, sie trauen sich mehr zu und haben mehr Spaß an ihrer Arbeit. Aus Erfahrung wissen wir, dass dieses Potenzial besonders in kleinen und mittleren Unternehmen häufig unterschätzt wird. Die Überlegung, die die Unternehmen anstellen sollten, lautet: Warum sollten sich Mitarbeiter für einen Arbeitgeber entscheiden, der den klassischen Ansatz verfolgt, wenn ihnen andere Unternehmen Flexibilität und individuelles Entwicklungspotenzial bieten?

Industrie 5.0 als Mittel für Geisterschichten

Die Frage lautet: Warum sollte die bezahlte Produktionseinheit nicht auch in der Zeit tätig sein, in der keine Mitarbeiter im Unternehmen sind? Industrie 5.0 motiviert die Unternehmen noch mehr, den Nutzungsgrad vorhandener Ressourcen auszuschöpfen und das im Einklang mit einer sozial-orientierten Unternehmenskultur.

Stellt man dieser Frage den realen Einsatz von Geisterschichten in der Industrie gegenüber, so sind diese an einige Voraussetzungen geknüpft, die erfüllt sein müssen. Sind für die entsprechenden Aufträge die erforderlichen Materialien vorhanden? Sind die planerischen Voraussetzungen erfüllt, die notwendigen Mitarbeitenden zum Vorbereiten der Geisterschicht vorhanden? Hilft die Nutzung der Geisterschicht in Bezug auf die weiteren Bearbeitungsprozesse und Lieferzeiten oder ergeben sich hierdurch vielleicht sogar neue Engpässe?

Mit einem hybriden Ansatz bei dem Menschen und Maschinen zusammenarbeiten, lässt sich diese Aufgabe besser lösen. So kann eine KI-basierte Planung die hierzu notwendigen komplexen Berechnungsprozesse vollständiger und schneller durchführen als der Mensch. Der Cobot erledigt die Versorgungs- und Überwachungstätigkeiten während der Geisterschicht und informiert den Menschen bei unerwarteten Fertigungsvorkommnissen. In einem Ansatz, bei dem sich beides miteinander verknüpfen lässt, können die Geisterschichten sinnvoller geplant und besser durchgeführt werden.

Wie nachhaltig ist Industrie 5.0?

Nachhaltigkeit ist ein konstitutives Merkmal von Industrie 5.0. Hierzu gehört selbstverständlich auch die Energie-Effizienz. Der genaue Blick auf die jeweilige Ressource führt zur Einsparung, auch von Energie. Wertschöpfungsketten und Produktionskapazitäten müssen nicht nur um der Effizienz willen anpassungsfähiger und Geschäftsprozesse flexibler werden, sondern auch um auf geopolitische Ereignisse oder Naturkatastrophen schnell reagieren zu können. Dafür müssen technische Risiken in der industriellen Produktion identifiziert und entsprechende Modelle zu deren Reduzierung entwickelt werden. Das bezieht sowohl eine Neuausrichtung des Risikomanagements mit ein als auch die Entwicklung einer modularen Produktion sowie die Verwendung neuer Materialien und Techniken. Dies kann bei hybriden Lösungen von Industrie 5.0, bei denen Menschen und Maschinen zusammenarbeiten, besser erreicht werden als bei einem rein singulären Ansatz, wie ihn Industrie 4.0 verfolgt.  

Quelle: Becos

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