Display mit gebogener Kunststoffblende für nahtlose Integration mehrerer Displays in das Fahrzeugcockpit. (Bildquelle: Continental)

Display mit gebogener Kunststoffblende für nahtlose Integration mehrerer Displays in das Fahrzeugcockpit. (Bildquelle: Continental)

Es stellt sich die Frage, ob dieser gesellschaftliche Wandel auch einen direkten Einfluss auf Veränderungen des automobilen Innenraums hat. In den 1990er Jahren begann das verstärkte Einsetzen von Durchleuchttechnik für Symbole unter anderem durch die immer umfangreicher werdende Anwendung von Folientechniken (In-Mold Decoration und Film Insert Molding). Hierzu kamen neue Designmöglichkeiten durch den Verschwinde- oder Blackpanel Effekt. Während Anfang der 2000er noch matte Oberflächen beispielsweise mit Softtouch Lackierungen die Perceived Quality steigern sollten, kamen danach mit dem Einzug des Piano-Black Hypes hochglänzende Oberflächen in Mode. Die häufig totgesagte Chromoberfläche änderte sich von glänzend in Velourchrom.

Durch hochglänzende Oberflächen und das Etablieren der Nanotechnik wurden neue Systeme für Lackierung und Folien entwickelt, die mit Hilfe von UV-Aushärtung neue Dimensionen der Kratzfestigkeit erreichten. Dadurch konnte die Medienbeständigkeit, notwendigerweise nach dem großen Fail der Softtouchlacke Mitte der 2000er, erheblich gesteigert werden.

Zusätzlicher Technologiebeschleuniger und ein Schritt in Richtung umweltfreundlicher Beschichtungen waren dabei die neuen Regelungen zum VOC-Ausstoß. Diese machten Lackierungen von Lösemittellacken ohne Aufbereiten der Abluft nur noch in Kombination mit der Nutzung von Hydro- und UV-Lacken möglich. Mit der rasanten Entwicklung der LED-Technologie entwickelte sich auch die Lichtleitertechnik weiter, wodurch das Interieurdesign durch neue Ambientebeleuchtungen geprägt wurde.

HMI-Eingabe

Die Bedienelemente im Porsche Panamera waren 2014 noch als Taster und Schalter ausgeführt. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Die Bedienelemente im Porsche Panamera waren 2014 noch als Taster und Schalter ausgeführt. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Die Veränderungen des Innenraums gehen auch immer einher mit der wechselnden Systematik des Human-Machine-Interface (HMI), die sicherlich stark durch immer neue Bedienfunktionen aber auch insbesondere durch das Einführen des Smartphones geprägt wurde. Die Eingabe entwickelte sich vom klassischen, mechanischen Lang- über Kurzhubtaster und Drehdrücksteller zu Touchdisplays mit Gestensteuerung bis hin zu Sprachsteuerungen, deren Funktionalität durch die Vorreiter Siri, Alexa & Co. zwischenzeitlich eine neue Dimension erreicht hat. Dies führte in aktuellen Fahrzeugen zu einem drastischen Reduzieren der Anzahl von Schaltern und hat sicherlich seinen Höhepunkt in den Tesla Modellen.

Die Bedienung im Bereich der Mittelkonsole des aktuellen Porsche Panamera erfolgt über eine Touchoberfläche. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Die Bedienung im Bereich der Mittelkonsole des aktuellen Porsche Panamera erfolgt über eine Touchoberfläche. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Bei den klassischen Fahrzeugherstellern werden durch die neuen Möglichkeiten der kapazitiven Sensorik und damit dem Verschmelzen der Funktionalität von Gehäuse und Leiterplatten in einem smarten Bauteil viele mechanische Schalter ersetzt. Der Ursprung der Touch-Funktionalität lag mit mäßigem Erfolg in den 1980ern beispielsweise bei Stereoanlagen und hinsichtlich Leiterbahnen in den 1990ern unter dem Label 3D-MID.

Durch die feinere Sensorik in Kombination mit Methoden zum haptischen Feedback hielten diese Schalter aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik und Weißen Ware Einzug in die Fahrzeuge. Auch hier kann sicherlich wieder das Smartphone als Vorreiter benannt werden, in diesem Fall für das haptische Feedback. Durch sensibles Abstimmen der Systeme kann der Endkunde heutzutage dabei häufig nicht mehr unmittelbar wahrnehmen, um welche Art von Schalter es sich handelt. Solche Systeme werben mit den Vorteilen von geschlossenen Bauteiloberflächen, benötigen für die Funktionalität wesentlich weniger Bauteile und Bauraum, was zu neuen Designfreiheiten führt.

HMI-Ausgabe

Gedruckte Elektronik ist notwendig, um die Sensoren über das Display oder sonstige Touchflächen ansprechen zu können. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Gedruckte Elektronik ist notwendig, um die Sensoren über das Display oder sonstige Touchflächen ansprechen zu können. (Bildquelle: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Auch die Ausgabe von Informationen unterlagen einem kontinuierlichen Wandel und haben dadurch das Interieur verändert: Von anfänglichen Einzel-LEDs und analogen Kombiinstrumenten wird der Innenraum nun durch eine immer größer werdende Anzahl von Displays dominiert (auch Head-up). Diese ersetzen oder kombinieren Symbol- und Ambientebeleuchtungen, die ursprünglich ausschließlich erst mit Mehrkomponententechnik und dann überwiegend mittels Lackierung/Laserablation und Folienhinterspritzen umgesetzt wurden oder sie werden mit diesen kombiniert. Der Entwicklungswunsch geht dabei in Richtung gekrümmte und dreidimensional verformbare Displays. In diesem Zusammenhang sind Entwicklungen zu OLED-Displays auf polymeren Trägern zu erwähnen. Das Kunststoff-Institut Lüdenscheid forscht auf diesem Gebiet mit mehreren Partnern bereits seit längerer Zeit und es existieren erste, vielversprechende Prototypen, die sich 2,5 D verformen lassen und eine Wanddicke von <1 mm aufweisen. Wenn das serientechnische Umsetzen gelingt, würden sich dadurch völlig neue Designmöglichkeiten ergeben und Displays könnten an nahezu beliebigem Ort im Fahrzeug platziert werden.

Ökologie und Nachhaltigkeit

Wird die Veränderung des Innenraums von Elektrofahrzeugen mit Fahrzeugen konventioneller Art verglichen, lassen sich bis auf wenige Ausnahmen wie dem BMW i3 nur kaum Unterschiede erkennen. Das eher schlichte Design mit großen Displays und minimalistischer Schalteranzahl, wie es bei Tesla oder auch im neuen ID.3 von VW zu sehen ist, ist dabei eher als allgemeiner Designtrend ohne direkten Bezug zu Elektrofahrzeugen zu benennen. Hier liegen möglicherweise Kosteneinsparungen aufgrund der geringeren Marge für E-Fahrzeuge beim OEM zugrunde. Auffällig ist in diesem Zusammenhang der Trend, zukünftig zumindest in den unteren Preiskategorien mehr auf Beschichtungen zu verzichten und eingefärbte, genarbte Oberflächen einsetzten zu wollen.

Inwiefern die OEMs dann den geplanten, umfangreicheren Einsatz von Recycling- und Biomaterial auch optisch für den Kunden sichtbar machen möchten, bleibt abzuwarten.

Wo geht die Reise hin?

Somit ist die Veränderung des Innenraums aus Autorensicht bis heute vermutlich mehr durch neue Möglichkeiten der LED- und Displaytechnologie und des Smartphones geprägt, als durch das Einführen der Elektromobilität. Die Displayintegration wird sicherlich in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen und konventionelle Systeme wie beispielsweise Außenspiegel ersetzen.

Inwieweit alternative Eingabesysteme wie Sprach- oder Gestensteuerung dazu führen, dass der klassische Schalter vollständig aus dem Interieur verschwindet oder ob in ein paar Jahren, ähnlich der Entwicklung im Bereich von konventionellen Armbanduhren, Rundarmaturen und Schalter wieder eine Renaissance erfahren und als Zeichen für Hochwertigkeit gelten, bleibt abzuwarten.

Spannende neue Designs werden durch das Weiterentwickeln der Displaytechnologie erwartet, durch mehr Customizing mittels grafischem Digitaldruck als auch durch noch unbekannte Techniken, wie zum Beispiel Tasten ähnlich dem Black-Panel-Effekt, die nach Bedarf dreidimensional erscheinen können, sogenanntes Morphing.

Über den Autor

Jörg Günther

ist Geschäftsführer KIMW Prüf- und Analyse in Lüdenscheid.