Ausnahmezustand Corona-Pandemie: Straßenszene in Mailand, Italien. | Foto: Shutterstock/Grabowski

Ausnahmezustand Corona-Pandemie: Straßenszene in Mailand, Italien. (Bildquelle: Shutterstock/Grabowski)

Trotz der Bedeutung der CO2-Emissionen gibt es bislang keine Echtzeit-Erfassung, nationale Statistiken hinken zum Teil um Jahre hinterher. Das Forscherteam ging deshalb indirekt vor: Sie nutzten Daten auf Basis laufender Erhebungen zu Energie- und Rohstoffverbrauch, Industrieproduktion und Verkehrsaufkommen in 69 Ländern mit 97 Prozent der globalen Emissionen. Die Wissenschaftler ergänzten ihre Erhebung durch Annahmen über Verhaltensänderungen, die durch die Pandemie-Abwehr ausgelöst wurden, sowie Satellitendaten zur Luftverschmutzung. Die auf den 7. April 2020 bezogene Schnellschätzung kommt auf einen Corona-bedingten Rückgang um 17 Megatonnen CO2 pro Tag. Das ist relativ zum Vor-Corona-Niveau von 100 Megatonnen ein Rückgang um 17 Prozent.

In einer Schnellstudie haben Wissenschaftler den Rückgang des CO2-Ausstoßes der vergangenen Monate untersucht. (Bildquelle: MCC)

In einer Schnellstudie haben Wissenschaftler den Rückgang des CO2-Ausstoßes der vergangenen Monate untersucht. (Bildquelle: MCC)

Der größte Anteil des weniger ausgestoßenen CO2s – schätzungsweise 7,5 Megatonnen – entfällt auf den Verkehr am Boden. 4,3 Megatonnen entfallen auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen und 3,3 Megatonnen auf die Stromerzeugung. Auf den Luftverkehr entfallen 1,7 Megatonnen. Das entspricht einen prozentualen Rückgang von 60 Prozent. Auf den öffentlichen Sektor entfallen 0,9 Megatonnen. In den Privathaushalten gibt es dagegen einen geringfügigen Anstieg um 0,2 Megatonnen.

An der Studie hat unter anderem das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) mitgearbeitet. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht.

Die Studie liefert eine Vorausschätzung für die CO2-Emissionen bis zum Jahresende, und zwar für drei verschiedene Szenarien:

  1. Wenn die im März verfügten Beschränkungen bis Mitte Juni auf Null heruntergefahren werden, liegt der CO2-Ausstoß im Gesamtjahr 2020 um rund vier Prozent niedriger also ohne Coronapandemie.
  2. Wenn die Beschränkungen bis Ende Mai bleiben und Ende Juli wieder Normalzustand herrscht, beträgt der Rückgang rund fünf Prozent.
  3. Wenn zusätzlich zum zweiten Szenario die Behörden noch bis Jahresende einzelne Infektionsketten durchbrechen und Betroffene in Quarantäne schicken müssen, beträgt der Rückgang rund sieben Prozent.

Keine „Jubelmeldung“

Das Forscherteam betont jedoch, dass die Klimakrise durch die Coronapandemie in keiner Weise entschärft wird. „Die seit Jahren von der Wissenschaft entwickelten Szenarien für einen erfolgreichen Kampf gegen die Erderwärmung zielen ja trotz verringerten Energie- und Ressourcenverbrauchs auf besseres, nicht schlechteres menschliches Wohlergehen“, erklärt Felix Creutzig, Leiter der MCC-Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport und Mitautor der Studie. „Der jetzige Nachfragerückgang ist dagegen weder beabsichtigt noch zu begrüßen. Unsere Studie taugt nicht für Jubelmeldungen. Gleichwohl liefert sie wichtige quantitative Erkenntnisse dazu, wie extreme Maßnahmen auf CO2-Emissionen wirken.“

Um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, müssten die Emissionen nicht einmalig, sondern jährlich um sechs Prozent sinken. „Das muss die Politik im Blick behalten, wenn sie nach dem Eindämmen der Pandemie die wirtschaftliche Erholung organisiert“, betont Creutzig. „Die staatlichen Anschubhilfen werden den Pfad der globalen CO2-Emissionen wahrscheinlich für Jahrzehnte prägen. Es ist durchaus möglich, den Klimaschutz dabei mitzudenken. Doch wenn dieser aufgeweicht wird, sind trotz des aktuellen Rückgangs langfristig sogar höhere Emissionspfade als ohne Corona wahrscheinlich.“ (jhn)