Um die Ressourcen der Erde 
zu schonen, ist eine weltweite, 
internationale Kooperation nötig. (Bildquelle: yokie – stock.adobe.com)

Um die Ressourcen der Erde
zu schonen, ist eine weltweite,
internationale Kooperation nötig. (Bildquelle: yokie – stock.adobe.com)

Der Grüne Punkt oder die Wertstofftonne sind bereits seit Jahrzenten in Deutschland etabliert. Die Verwertungsquote (Recycling und Energie) in Deutschland lag 2016 bereits bei knapp 100 %, mehr als 31 % der Kunststoffabfälle werden als Rezyklate wiederverwertet. Europa erreicht im Durchschnitt nur eine Verwertungsquote von etwa 31 % (Ravignan, 2018). Jedoch entwickelt sich seit Jahrzehnten langsam, aber stetig ein Bewusstsein für einen nachhaltigeren Umgang mit Kunststoff und Abfall.

Allerdings wird die Hälfte des für das Recycling gesammelten Kunststoffs zur Weiterverarbeitung in Länder außerhalb der EU exportiert. Gründe für den Export sind unter anderem mangelnde Kapazitäten oder Technologien sowie finanzielle Ressourcen, um den Abfall zu behandeln. China war in der Vergangenheit Abnehmer für einen erheblichen Anteil des exportierten Plastikmülls. Doch mit dem jüngsten Einfuhrverbot von Kunststoffabfällen in China wurde es immer dringlicher, andere Lösungen zu finden. Hinzu kommt, dass mit dem geringen Anteil des Kunststoffrecyclings in der EU der Wertؘ der Plastikverpackungsmaterialien, nahezu 95  %, nach dem ersten Nutzungszyklus verloren geht. Und nicht zuletzt werden jedes Jahr durch die Herstellung und Verbrennung von Kunststoff weltweit rund 400 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen (Plastikmüll und Recycling in der EU: Zahlen und Fakten, 2018).

Die Debatte um den Klimaschutz und das Reduzieren des CO2-Ausstoßes hat in Verbindung mit den schockierenden Bildern von der Meeresverschmutzung den gesamtgesellschaftlichen Druck erheblich erhöht – und das in rasantem Tempo. Beim Thema Verpackung beispielsweise belegt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Deutschen Verpackungsinstituts (DVI), dass Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Fast die Hälfte aller Befragten (45,4 %) sieht sich persönlich in der Verantwortung. DVI‐Geschäftsführerin Kim Cheng sieht nicht mehr nur einen Gesellschaftstrend, sondern einen Bewusstseins‐  und Wertewandel.  Denn „Kunststoffmüll ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, ist Ulrich Reifenhäuser, CSO der Reifenhäuser Gruppe, überzeugt.

Um das Problem des Kunststoffmülls zu lösen, gibt es nicht den einen goldenen Weg. „Man muss verschiedene Wege gehen. Wir brauchen veränderte Kunststoffe, wir brauchen veränderte Produkte. Aber vor allem müssen die Menschen Verantwortung lernen. Sie müssen erkennen, dass sie Kunststoffe nicht wegwerfen sollen, sondern dafür sorgen müssen, dass er richtig weiterverwendet wird. Hier muss aufgeklärt werden, durch die Politik, in der Schule, an den Hochschulen. Es braucht zum Beispiel viel mehr Lehrstühle für Recyclingwirtschaft.“

Die Legislative gibt die Richtung vor

Inzwischen hat die EU-Kommission reagiert. Die EU-Kunststoffstrategie 2018 hat den Fahrplan abgesteckt und ein Zukunftsbild für eine neue Kunststoffwirtschaft in Europa entworfen. Auch wenn die Maßnahmen zum Teil aus Sicht der Kunststoffindustrie kritisch betrachtet werden, so bietet die Strategie auch Marktpotenzial. Bereits zur Fakuma 2017 sahen führende Kunststoff- und Gummimaschinenbauer die Kreislaufwirtschaft als Riesenchance. Denn Klimaschutz und Ressourcenschonung sind mittlerweile auch außerhalb Europas als wichtige Ziele definiert. Jüngst stellte die Chinaplas 2019 die Kreislaufwirtschaft in den Mittelpunkt, denn China möchte eine eigene Kreislaufwirtschaft aufbauen, die unabhängig von ausländischem Abfall funktioniert (Meyer, 2018). Auch auf der K 2019 wird Circular Economy einen Schwerpunkt bilden – kaum eine Meldung in den Vorankündigungen, in der Angebote zum nachhaltigen Umgang mit Kunststoff nicht beschrieben werden.

Im Unterschied zur Energiegewinnung mit Photovoltaik und zur Elektromobilität, sind europäische Unternehmen beim Thema Recycling Vorreiter. Die vorhandenen Technologien sind etabliert und bilden eine gute Basis zur Weiterentwicklung. Die europäischen Unternehmen können rund um das wertstoffliche Recycling im globalen Wettbewerb mit ihrem Know-how und Erfahrung glänzen. Während die Produktion von Solarzellen in Europa letztlich an den hohen Produktionskosten und am Preisdumping chinesischer Hersteller gescheitert ist, hat Europa bei den Recycylingtechnologien im globalen Wettbewerb bessere Karten.

Aus dem Trend zur Kreislaufwirtschaft ist ein erfolgversprechender Markt geworden, der auch global eine Zukunft hat. Für BASF, Ludwigshafen, bedeutet Kreislaufwirtschaft weit mehr als Abfallmanagement (Circular Economy bei BASF, 2019). Das Unternehmen definiert das Circular-Economy-Konzept wie folgt: Ressourcen so lange wie möglich wiederzuverwenden und so im Kreislauf zu halten, Abfallprodukte zu vermeiden, Produkte möglichst lange zu nutzen und Materialien und Produkte am Ende ihres Lebenszyklus wiederzuverwerten. Zum Zyklus gehört ebenso eine ressourcenschonende Produktion und Verarbeitung der Rohstoffe. Die Wertschöpfungskette wird sozusagen verlängert bzw. geschlossen, denn der Wert geht mit dem Abfall nicht verloren, sondern wird im Kreislauf geführt. Der Abfall wird zum neuen Rohstoff.

Eine neue Ära

Alfred Stern,
CEO, Borealis

Alfred Stern,
CEO, Borealis

„In vielen Bereichen des täglichen Lebens sind Kunst-
stoffe die nachhaltigere Alternative.“

Alfred Stern, CEO der Borealis, beschreibt in der Interviewreihe des VDMA (Interviewserie VDMA zur Ciruclar Economy auf der K 2019, 2019) die aktuelle Situation so: „Für unsere Branche bricht eine neue Ära an. Je früher wir uns auf eine echte Kreislaufwirtschaft einstellen, desto positiver wird sich das auf unser wirtschaftliches Wachstum, auf die Umwelt, auf unsere Kunden und auf die gesamte Gesellschaft auswirken. Wir sehen die Kreislaufwirtschaft auch als Geschäftschance, wir erwarten ein Wachstum des Marktes für rezyklierte Polyolefine.“

In der Kunststoff verarbeitenden Industrie werden auf lange Sicht die Nachfragen nach Rezyklaten und nach Technologien, um diese möglichst material- und energieeffizient zu verarbeiten, steigen. Denn es ist absehbar, dass der ökologische Fußabdruck von Kunststoffprodukten in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird. Dazu beitragen werden die Rohstoffe selbst sowie die Techniken zur Verarbeitung. Thomas Herrmann, CEO Herrmann Ultraschalltechnik, erklärt: „Aktuell ist es so, dass aufbereitetes Granulat teurer ist als Neuware. Die Motivation aus wirtschaftlicher Sicht ist also eher gering, dieses zu verwenden. Erlaubt unsere Technologie entscheidende Vorteile gegenüber anderen Fügeverfahren, wird es natürlich spannend. Eine EU-Verordnung würde sicherlich helfen, die Verwendung von Bio- oder recycelten Kunststoffen zu motivieren und zu steigern.“

Andreas Lichtenauer, 
Managing Partner, Kautex Maschinenbau

Andreas Lichtenauer,
Managing Partner, Kautex Maschinenbau

„Es ist extrem wichtig, die globalen Recycling-Kreisläufe
in Gang zu bringen.“

Und nicht nur der Einsatz von Rezyklaten, sondern auch Materialeinsparungen werden für Verarbeiter einen größeren Wettbewerbsvorteil bringen, wie Andreas Lichtenauer, Managing Partner, Kautex Maschinenbau, darlegt:  „Wir arbeiten unter anderem an Möglichkeiten der Materialeinsparung bei Kunststoffhohlkörpern. Dadurch reduziert sich am Ende der Gesamtverbrauch von Kunststoff. Und nicht nur das. Damit tragen wir dazu bei, dass der globale Ausstoß an CO2 reduziert wird. Wenn man bedenkt, dass Kunststoffverpackungen in der Herstellung weniger Energie benötigen als Alternativen aus Glas oder Papier, ist das ein sehr wichtiger Aspekt. Denn auch in diesem Bereich gibt es aus gutem Grund globale Vorgaben zur Reduzierung. Es ist also extrem wichtig, die globalen Recycling-Kreisläufe in Gang zu bringen, und wir arbeiten daran, die Verarbeitung von PCR, also recyceltem Kunststoff, zu optimieren und den Materialbedarf zu reduzieren. Das ist die Stellschraube, an der wir mitdrehen können.“

Ohne Wettbewerb kein Umweltschutz

Dr. Christoph Schumacher, 
Leiter Marketing und Unternehmenskommunikation, Arburg

Dr. Christoph Schumacher,
Leiter Marketing und Unternehmenskommunikation, Arburg

„Wir glauben, dass sich die Herstellung von Kunststoffprodukten in den nächsten 20 bis 30 Jahren auch an Gesichtspunkten der Wiederverwertung orientieren wird und da sind Maschinenbauer durchaus ein wichtiger Mitspieler.“

Auch Dr. Christoph Schumacher, Leiter Marketing und  Unternehmenskommunikation Arburg, Loßburg, beschreibt den Maschinenbau als Enabler für eine effiziente Kreislaufführung von Kunststoff: „Ich sehe Arburg sehr stark eingebunden in das Thema ressourceneffiziente Produktion. Wir glauben, dass sich die Herstellung von Kunststoffprodukten in den nächsten 20 bis 30 Jahren auch an Gesichtspunkten der Wiederverwertung orientieren wird und da sind Maschinenbauer durchaus ein wichtiger Mitspieler. Wir müssen die Produktion dieser Teile ja möglich machen. Über allem schwebt das Ziel der Produktionseffizienz für unsere Kunden. Ziel ist: Mit möglichst wenig Material, möglichst wenig Energie, möglichst ressourceneffizient Produkte wirtschaftlich herzustellen.“

Allerdings darf man sich nicht vormachen, dass Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft ohne Marktwirtschaft und Wettbewerb auf lange Sicht funktionieren. „Das Ganze muss betriebswirtschaftlich Sinn machen. Eine rein missionarische Haltung würde uns von der Öffentlichkeit doch auch gar nicht abgenommen. Wir sind eine Industrie. In der Kreislaufwirtschaft sehen wir tatsächlich eine Geschäftschance. Wir können den Wertschöpfungskreislauf in die Welt verkaufen. Es gibt viele Regionen, in denen Kreislaufwirtschaft noch gar keine Rolle spielt, in vielen Ländern Asiens etwa, aber auch in Teilen der USA. Wenn wir den deutschen Standard in all diese Märkte exportieren könnten, dann hätten wir allein damit schon in den nächsten Dekaden unüberschaubar viel Arbeit. Es gibt durchaus schon Kunden von Arburg, die auch in Ländern wie Indonesien, den Philippinen, Brasilien, auch in den USA als Teil einer Kreislaufwirtschaft schon Geld verdienen. Die zum Beispiel PET-Flaschen sammeln lassen und daraus PET-Flakes herstellen, um daraus wieder PET-Flaschen zu machen“, so Dr. Schumacher.

Wichtig für Kunststoffverarbeiter in Europa sei, dass es nicht zu einer unzulässigen Wettbewerbsverzerrung kommt. „Wenn Hersteller in der EU qua Gesetz zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen würden, die andere auf dem Weltmarkt nicht hätten und dabei dann auch unsere Märkte nicht entsprechend reguliert wären, dann muss der Gesetzgeber auch dafür sorgen, wenn er der europäischen Wirtschaft Vorgaben macht, dass andere Wettbewerber unter denselben Vorgaben auf diesen Märkten agieren müssten.“

In einem globalen Netzwerk zum Erfolg

Dr. Christoph Steger, CSO, Engel Austria

Dr. Christoph Steger, CSO, Engel Austria

„Die Kreislaufwirtschaft ist ein starker Innovationstreiber und eine Chance für europäische Unternehmen, hier als Vorreiter auch die Technologieführerschaft weiter zu behaupten.“

Für den weltweiten Erfolg der Kreislaufwirtschaft nach europäischem Vorbild haben sich einige Unternehmen vernetzt. So auch Engel Austria, Schwertberg, Österreich.  Dr. Christoph Steger, CSO Engel Austria, erläutert: „Als einzelnes Unternehmen haben wir ja nur begrenzt Einfluss. Genau deshalb haben wir uns auch der New Plastics Economy-Initiative der Ellen Mac Arthur Foundation angeschlossen. Auch sie vernetzt die weltweiten Akteure und verschafft unserem gemeinsamen Anliegen mehr Gehör.“

Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe

Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe

Konkret geht es bei der 2018 gegründeten Initiative darum, unnötige Verpackungen zu vermeiden und dafür Sorge zu tragen, dass bis 2025 alle Kunststoffverpackungen wiederverwendet, recycelt oder kompostiert werden. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, unsere Erfahrung und unser Wissen dafür einzusetzen, dass in allen Regionen der Erde die Menschen verantwortungsvoll mit Kunststoffen umgehen und die Voraussetzungen geschaffen werden, Kunststoffprodukte am Ende ihrer Nutzungsdauer in den Stoffkreislauf zurückzuführen“, betont Dr. Steger.

Aber nicht nur in Asien und in anderen Weltregionen, sondern auch in Europa gebe es noch Optimierungspotenzial. Sortenreine Sammelsysteme beispielsweise seien noch längst nicht überall etabliert. „Noch immer werden in vielen Ländern Europas Kunststoffabfälle deponiert. Das ist eine enorme Verschwendung von wertvollen Rohstoffen.“

Um aus den vermeintlichen Kunststoffabfällen nicht nur geringerwertige, sondern auch hochwertige Produkte herzustellen, ist es notwendig, eine möglichst gute Qualität der Rezyklate zu erreichen und die Verarbeitungsprozesse noch besser zu beherrschen. Dies kann beispielsweise mit Hilfe von intelligenter Assistenz gelingen. „Die Stabilität der Spritzgießprozesse ist ein wichtiger Schlüssel, Rezyklate auch für höherwertige Produkte einsetzen zu können“, betont Günther Klammer, Bereichsleiter Plastifiziersysteme und Experte für Circular Economy bei Engel Austria. Rezyklate unterliegen naturgemäß stärkeren Chargenschwankungen als Neuware. Ein anderer Ansatz ist, Rezyklate breiter einzusetzen. Beispielsweise in sogenannte Sandwichbauteile mit einem Kern aus Rezyklat, der in Neuware eingebettet ist. Ziel ist es, zum einen immer mehr Produkte für diese Form der Zwei-Komponenten-Fertigung auszulegen und zum anderen den Rezyklatanteil in den Sandwichstrukturen zu erhöhen.

„Circular Economy ist eine weltweite Herausforderung mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten“, macht Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe, deutlich. „Mit unserer Erfahrung aus Europa können wir dazu beitragen, auch in anderen Regionen der Erde wie Südamerika oder Asien erste Schritte in Richtung Kreislaufwirtschaft zu gehen. Dies funktioniert umso besser, je enger die Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette zusammenarbeiten.“

 

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de