Dr. Jürgen Ude (links), Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt, überreichte die Awards in Halle (Saale) an die drei Preisträger (Mitte v.ln.r.) Mika Hurri (Arctic Biomaterials Oy, Tampere/Finnland, 3. Preis), Christoph Glammert (Biofibre GmbH, Altdorf, 1. Preis) und Anselm Grö-ning (Nölle Kunststofftechnik GmbH, Meschede, 2. Preis). Peter Putsch (r.), Vor-stand des ausschreibenden POLYKUM e.V., gratulierte den Gewinnern im Namen der Jury. 	Foto: POLYKUM/ Uwe Köhn

Dr. Jürgen Ude (l.), Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt, überreichte die Awards in Halle (Saale) an die drei Preisträger (Mitte v. l.r.) Mika Hurri (Arctic Biomaterials Oy, Tampere/Finnland, 3. Preis), Christoph Glammert (Biofibre, Altdorf, 1. Preis) und Anselm Gröning (Nölle Kunststofftechnik, Meschede, 2. Preis). Peter Putsch (r.), Vorstand des ausschreibenden Polykum e. V., gratulierte den Gewinnern im Namen der Jury. (Foto: Polykum/Uwe Köhn

Hochklassige Bewerbungen mit einer großen inhaltlichen Bandbreite bescherten den Juroren des Biopolymer Innovation Award einen anstrengenden Weg der Entscheidungsfindung. „Wir hätten durchaus mehr als drei Preise vergeben können“, befand Horst Stoye vom Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt im Anschluss an die Jurysitzung.  Unternehmen aus Deutschland, Holland und Finnland hatten neueste Entwicklungen auf der Basis biologisch abbaubarer Kunststoffe für den von der gemeinnützigen Fördergemeinschaft Polykum ausgeschriebenen Wettbewerb eingereicht.

Unter den Bewerbern waren, wie von den Initiatoren angestrebt, überwiegend kleine und mittelständische Firmen und ein Einzelunternehmer. Bei den eingereichten Innovationen handelte es sich um Material- und Produktneuheiten unter anderem für das Bauwesen, für die Gastronomie, den Leichtbau, die Schreibwarenindustrie, den Sport- und Freizeitbereich sowie für die Verpackungsbranche.

Biopolymer Innovation Award – Auszeichnung für Eco-Spacer

Aus dem Faserbund und PLA wird ein spritzgießfähiges Granulat hergestellt, dessen Rezeptur an die Anwendung und den Prozess angepasst ist. (Bildquelle: Biofibre)

Aus dem Faserbund und PLA wird ein spritzgießfähiges Granulat hergestellt, dessen Rezeptur an die Anwendung und den Prozess angepasst ist. (Bildquelle: Biofibre)

Christoph Glammert, Geschäftsführer der Biofibre GmbH aus Altdorf, überzeugte die Jury mit seinem Produkt BPB® ECO SPACER VP®. Mit dem neu entwickelten Streugranulat für Lagerung und Transport von Gehwegplatten erspart sein Unter-nehmen der Umwelt schon heute mehr Mikroplastik, als der Rhein pro Jahr ins Meer verfrachtet! Der Bauindustrie bietet seine Innovation endlich eine Lösung, nach der diese schon länger vergeblich suchte. 	(Foto: POLYKUM/ Uwe Köhn)

Christoph Glammert, Geschäftsführer der Biofibre aus Altdorf, überzeugte die Jury mit seinem Produkt BPB Eco Spacer VP. Mit dem neu entwickelten Streugranulat für Lagerung und Transport von Gehwegplatten erspart sein Unter-nehmen der Umwelt schon heute mehr Mikroplastik, als der Rhein pro Jahr ins Meer verfrachtet! Der Bauindustrie bietet seine Innovation endlich eine Lösung, nach der diese schon länger vergeblich suchte. (Foto: Polykum/Uwe Köhn)

Die Juroren entschieden sich nach eingehender Analyse und mehrstündiger, intensiver Diskussion für drei Finalisten, die „sich als Querdenker mit dem Einsatz biobasierter und bioabbaubarer Kunststoffe in neue Geschäftsfelder vorgewagt haben“, wie Peter Putsch, Vorsitzender des POLYKUM e. V., zusammenfasste. Die nominierten Produktentwicklungen wiesen nach Einschätzung des Gremiums „beachtliche wirtschaftliche und ökologische Potenziale“ auf und entfalteten zudem „besondere Vorbildwirkung für die jeweiligen Branchen“.

Mit dem ersten Preis zeichnete die Jury die Produktentwicklung von Biofibre aus Straubing aus. Die Idee für das Produkt ist ebenso einfach wie genial. Biofibre enwickelte bioabbaubare Kunststoffpellets, die Beton-Bodenplatten bei Transport und Lagerung vor Beschädigung schützen. Die bisher aus LDPE hergestellten Pellets gelangen auf Baustellen in Größenordnungen von mehreren Hundert Tonnen jährlich unkontrolliert in der Umwelt. Die Eco-Spacer können 2019 voraussichtlich 400 Tonnen Kunststoffabfall in der Umwelt werden du durch 97 % biobasiertes, nicht toxisches Material substituiert werden, erläuterte der Geschäftsführer der Biofibre, Christoph Glammert. „Und ganz wichtig: es zerfällt nicht zu Mikroplastik!“ Inzwischen empfiehlt ein Verband der Baubranche den Eco-Spacer als umweltfreundliche Alternative zu konventionellem Granulat. Aufgrund der großen Nachfrage wird eine Erweiterung der Produktpalette auch für größere Drücke wahrscheinlich, schätzt der Anbieter. Die Bioabbaubarkeit des Produkts wurde zwar noch nicht von unabhängiger Stelle zertifiziert, doch der Geschäftsführer betont: „Ich möchte an herausstellen, dass wir darauf achten, dass sämtliche Inhaltsstoffe öko-toxikologisch völlig unbedenklich und schwermetallfrei sind. Den Nachweis haben wir bereits über eine DIN EN 16785 Zertifizierung erlangt.“

Vom Nachteil zum Vorteil

Die geringe Temperaturbeständigkeit von PLA wird zum Vorteil. Sie ermöglich das mehrfache Nachformen nach Erwärmung spart Kunststoffabfall. (Bildquelle: Nöll)

Die geringe Temperaturbeständigkeit von PLA wird zum Vorteil. Sie ermöglich das mehrfache Nachformen nach Erwärmung spart Kunststoffabfall. (Bildquelle: Nöll)

Nölle Kunststofftechnik aus Meschede erhielt den zweiten Preis für die Entwicklung der PLA-basierten Re-Cast Schiene. Der Cast dient zur Ruhigstellung von Frakturen. Im Unterschied zu bisher üblichen Kunststoffprodukten ist der Re-Cast durch IR-Wärme mehrfach nachformbar und am Ende der Nutzungsdauer kompostierbar. Herkömmliche PU-Schalen härten dagegen mit Wasser aus und können nach Nutzung nur teuer entsorgt werden können. „Alleine im Bereich der Immobilisationsprodukte, zu denen Re-Cast zählt, werden – je nach Statistik – nur in Deutschland im best Case 30 Tonnen und im worst Case 150 Tonnen Cast pro Jahr in Mülldeponien entsorgt und verbrannt! Wenn das keine Chance ist,“ freute sich Anselm Gröning, Geschäftsführer der Nölle Kunststofftechnik. Die Bioabbaubarkeit wurde als informeller Feldversuch in industrieller Kompostieranlage im Landkreis Meschede mit 150 kg Produktionsabfällen getestet. Nach üblicher Umschlagfrist waren Re+Cast-Materialien nicht mehr auffindbar. Der Hersteller gibt an, dass Re-Cast derzeit am Markt das einzige Immobilisationskonzept aus einem biobasierten und bioabbaubaren Kunststoff sei, welches mit vorgeformten Schienen in verschiedenen Größen arbeitet, so der Hersteller. Den Anstoß für die Entwicklung lieferte ein Orthopäde, der sich über die fehlende mehrfache Anpassbarkeit und die großen Mengen von Plastikmüll beklagte. Die Lösung aus PLA nutzt den vermeintlichen Nachteil der geringen thermischen Stabilität des Biokunststoffs und macht ihn zum Vorteil durch die Möglichkeit, das Produkt mehrfach durch Erwärmen nachzuformen.

PLA in kurzer Zykluszeit verarbeiten

Den dritten Platz erreichte Arctic Biomaterials Oy aus Tampere in Finnland mit ihren Arcbiox-Werkstoffen. Die Composit-Materialien zeichnen sich dadurch aus, dass nicht nur ihre Kunststoffmatrix kompostierbar, sondern auch die verstärkenden Glasfasern verrotbar sind. Die abbaubaren Glasfasern seien einzigartig auf dem Markt, erklärte Mika Hurri, Sales Manager von Arctic Biomaterials Oy. Die Bioabbaubarkeit des verstärkten PLA ist nach DIN EN 13432 vom TÜV Rheinland zertifiziert. Ein wesentlicher Vorteil des Materials ist, dass es – untypisch für PLA –temperaturbeständig bis 100 °C ist und bei vergleichsweise geringer Temperatur von 30 °C und kurzer Zykluszeit verarbeitbar ist. „Diese Materialien, HDTb 122 c und HDTb 96 C, sind revolutionär, da die Prozesszeit beim Spritzgießen typischerweise die größte Barriere für die Großserienproduktion ist,“ schwärmte der Experte. Die hohe mechanische Stabilität des Werkstoffs erlaubt Produkte mit geringer Wandstärke herzustellen, womit sich ein großes Anwendungsspektrum für den Biokunstsoff eröffnet.

Biokunststoff Kongress

Einzelstücke von ansehnlichem Wert – nicht nur in Euro: Die BIOPOLYMER Innovati-on Awards sind handgefertigte Einzelstücke, hergestellt aus biologisch abbaubarem Kunststoff auf einem Edelstahlsockel. Damit symbolisieren die Preise auch gegen-ständlich, wofür sie verliehen werden: wegweisende und zugleich umweltfreundli-che Lösungen der Kunststoffbranche. Die farbigen Platten wurden aus dem 2018 entwickelten kompostierbaren Kunststoff BIO-ELAN der Exipnos GmbH aus Merse-burg (Sachsen-Anhalt) hergestellt und mit vollständig biologisch abbaubaren Mas-terbatches der Firma GRAFE aus dem thüringischen Blankenhain durchgefärbt. Der Edelstahlsockel steht für fortschrittliche Maschinen und Anlagen, mit denen die Kunststoffe verarbeitet werden. 	Foto: POLYKUM e.V.

Einzelstücke von ansehnlichem Wert – nicht nur in Euro: Die Biopolymer Innovation Awards sind handgefertigte Einzelstücke, hergestellt aus biologisch abbaubarem Kunststoff auf einem Edelstahlsockel. Damit symbolisieren die Preise auch gegen-ständlich, wofür sie verliehen werden: wegweisende und zugleich umweltfreundli-che Lösungen der Kunststoffbranche. Die farbigen Platten wurden aus dem 2018 entwickelten kompostierbaren Kunststoff Bio-Elan der Exipnos aus Merseburg (Sachsen-Anhalt) hergestellt und mit vollständig biologisch abbaubaren Mas-terbatches der Firma Grafe aus dem thüringischen Blankenhain durchgefärbt. Der Edelstahlsockel steht für fortschrittliche Maschinen und Anlagen, mit denen die Kunststoffe verarbeitet werden. (Foto: Polykum e. V.)

Die feierlichen Preisverleihung  fand auf dem Kongress „Biopolymer – Processing & Moulding“ in Halle/Saale am 21. Mai statt. Der Hauptpreis war mit 2.000 Euro dotiert. Auf dem Kongress diskutierten die Biokunststoff-Experten Fragen wie: Mit welchen Verfahren lassen sich biobasierte, bioabbaubare Kunststoffe besonders schonend verarbeiten? Können Masterbatches zum Färben von Plastwerkstoffen 100 % „bio“ sein? Nach welchen Verfahren wird die Kompostierbarkeit von Bio-polymeren getestet und zertifiziert? Welche Faktoren machen den Markterfolg bioabbaubarer Kunststoffe aus? Ist eine Welt ohne Kunststoffmüll denkbar?

 

 

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de