Die neusten Entwicklungen im Bereich Spritzgießtechnik waren auch auf der diesjährigen Fakuma ein Publikumsmagnet. (Bildquelle: Schall Messen)

Die neusten Entwicklungen im Bereich Spritzgießtechnik waren auch auf der diesjährigen Fakuma ein Publikumsmagnet. (Bildquelle: Schall Messen)

„Die Zukunft ist elektrisch“ lautete das Motto am Fakuma-Stand von Haitian International Germany, Ebermannsdorf. Als Beleg führt die Tochterfirma des chinesischen Konzerns unter anderem die Verkaufszahlen der Zhafir-Baureihen an: 2017 lieferte das Werk in Chun Xiao, China, 2.300 vollelektrische Maschinen dieser Marke in über 60 Länder. Zu den Hauptabnehmern gehört nach Asien die Europazentrale in Ebermannsdorf, die im ersten Halbjahr 2018 einen wahren Boom mit den schnellen „Elektrischen“ (Einspritzgeschwindigkeit bis 500 mm/s) registrierte: Die Verkäufe schnellten um 30,6 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahresperiode hoch. „Durch das extrem attraktive Preis-Leistungsverhältnis befinden sich unsere Zhafir-Maschinen auf dem Niveau der hiesigen hydraulischen Lösungen“, erklärt Peter Mei, Vertriebsleiter für Deutschland, die wachsende Liebe europäischer Spritzgießfertiger für die elektrische Antriebsvariante. Mit der Einführung der Zhafir Jenius Serie baut Haitian das Portfolio der Konzernmarke auf den Schließkraftbereich von 400 kN bis 33.000 kN aus. Die Baureihe wurde auf spezifische Kundenanforderungen aus der Automobilindustrie für die Fertigung großer Bauteile zugeschnitten. Zudem stellte das Unternehmen auf der Fakuma eine neue Mehrkomponenten-Version der Zhafir Zeres Serie vor. Die „Zeres Multi“ ist im Schließkraftbereich von 1.900 bis 4.500 kN verfügbar. Um das Einsatzspektrum zu erweitern, wurde in die elektrischen MK-Maschinen auch einige Hydraulik integriert, etwa für den Antrieb von Kernzügen und Auswerfern.

Auch Arburg, Loßburg, verzeichnet ein überdurchschnittliches Wachstum bei elektrischen Maschinen, die im ersten Halbjahr 2018 gemessen am Wert der Auftragseingänge um 18 Prozent zulegten. „Daher ist es erfreulich, dass wir unseren Kunden in diesem Segment ein komplettes Spektrum anbieten können, von der Einsteigerbaureihe Golden Electric über die Edrive Serie bis zur High-End-Baureihe Alldrive“, sagte Jürgen Boll, Mitglied der Arburg-Geschäftsleitung, in Friedrichshafen . Überproportional zugelegt haben aber auch die großen hydraulischen Allrounder-Maschinen ab 2.500 kN Schießkraft. Insgesamt stiegen die Neuaufträge für Maschinen und Peripherie der Loßburger Gruppe im ersten Semester um 10 Prozent an.

Digitalisierung im Fokus

Erstmals wurde auf der Fakuma ein Allrounder 820 H in Packaging-Ausführung im neuen Design und mit Gestica-Steuerung präsentiert. Das Hauptaugenmerk lenkte Arburg dabei auf die Neuaustattung der Maschine mit vier Assistenzsystemen – „4.set-up“ für geführtes Einrichten, „4.start-stop“ für erleichterten Produktionsanlauf, „4.production“ für freies Programmieren von Funktionen und „4.monitoring“ für die Prozess- und Qualitätsüberwachung. Sämtliche Allrounder, die bereits das neue (Clamp-)Design haben − aktuell Maschinen im Schließkraftbereich von 2.500 kN bis 6.500 kN −, sind standardmäßig mit diesen Funktionen ausgestattet. Insgesamt bietet Arburg sechs verschiedene Assistenzsysteme für die Steuerungen Selogica und Gestica an. Demonstriert  wurde auf der Fakuma eine Füll-Simulation. Durch die Simulation des Spritzvorgangs und der Teile-Entstehung in der Steuerung soll der Allrounder zukünftig signalisieren können, dass er das Bauteil „kennt“. Auf die „Straße zur Digitalisierung“, so das Motto des Messestands, wollen die Loßburger ihre Kunden mit umfassenden Solftware- und Netztwerklösungen führen, die deutlich über die Maschinensteuerung hinausgehen. Zentraler Baustein ist dabei das eigene Leitrechnersystem für den (auch standortübergreifenden) horizontalen und vertikalen Datenaustausch. Zum digitalen Angebot gehören unter anderem auch das Ferndiagnose-System Arburg Remote und Condition Monitoring Systeme.

Voll digitalisierte Fertigungszellen

Wittmann Battenfeld, Kottingbrunn, Österreich, setzt auf dem Weg zu Industrie 4.0 konsequent auf seine selbst entwickelte Vernetzungsarchitektur. Bei „Wittmann 4.0“ sind Spritzgießmaschine und alle Peripheriegeräte einer Fertigungszelle über einen Router miteinander vernetzt. Im Service-Fall erlaubt der Router zudem den Zugriff auf die Module über eine einzige IP-Adresse. In Friedrichshafen zeigte das Unternehmen seine Digitalsierungslösung in voller Aktion, und zwar in einer Produktionszelle mit einer Eco-Power Spritzgießmaschine, firmeneigenen Robotern und Peripheriegeräten (Temperiergeräte, Dosierergeräte, Trockner) sowie elektronischen Durchflussmessern. Das neu vorgestellte elektronische Datenblatt bildete die gesamte Produktionszelle auf Unilog B8 Maschinenteuerung ab. Erstmals in einer solchen Anwendung zu sehen waren zudem die hauseigenen HiQ-Software-Lösungen − HiQ-Flow für die viskositätsbezogene Einspritzregelung , HiQ-Melt für das Monitoring der Materialqualität sowie HiQ-Metering für das aktive Verschließen der Rückstromsperre zur Stabilsierung des Materialvolumens. Neu integriert wurde auch die um Wittmann-4.0-spezifische Funktionalitäten erweitert MES-Software Temi. Die Wittmann Gruppe hat kürzlich Anteile an dem Hersteller dieser Software, ICE-Flex in Saronno, Italien, übernommen. Die Firma bietet unter anderem erweiterte MES-Pakete mit Schnittstellen zu ERP-Systemen und Cloud-Anbindungen an.

„Last not least“ präsentierte Wittmann auch Neuheiten im Spritzgießmaschinen-Sortiment. Allen voran V Power: Die erste Vertikalmaschine im Power-Serien-Design zeichnet sich laut Hersteller gleichermaßen durch Ergonomie und Effizienz aus. Der großzügig dimensionierte Rundtisch (wählbarer Durchmesser bis 1.600 mm) wird servoelektrisch angetrieben und ist für kurze Drehzahlen ausgelegt. Dank des Verzichts auf einen Mittelholm wurde die zentrale Medienversorgung durch den Drehteller von unten oder durch einen Drehverteiler möglich. Ein Schnellhubzylinder erlaubt eine für hydrauliche Maschinen hohen Durchsatz von 300 mm/s. Zudem hat das Unternehmen die Reihe seiner schnelllaufenden vollelektrischen Eco-Power Xpress Maschinen, die bisher in den Schließkraftbereichen 400 t und 500 t verfügbar waren, um den Schließkraftbereich 160 t erweitert. Die Maschinen sind für Dünnwand-Anwendungen im Verpackungssektor konzipiert.

Ein neues Modul zur Echtzeit-Prozesskontrolle hat die Milacron Gruppe, Cincinnati, USA, vorgestellt: Die patentierte „Imflux“-Steuerung ermöglicht auf Basis eines niedrigen, definierten Schmelzedrucks die automatische Anpassung der Füllrate an die Teilegeometrie. Dadurch lässt sich laut Hersteller die Produktivität von Spritzgießmaschinen um bis zu 50 Prozent – insbesondere bei der Verarbeitung von Kunststoffen mit breiten Spezifikationsumfang oder von Recyclingmaterial.

Smart Services als strategisches Geschäftsmodell

Die Krauss Maffei Gruppe, München, stellte ihren Fakuma-Auftritt unter das Zeichen der neuen Unternehmensstrategie „Compass“. Neben dem klassischen Kunststoffmaschinenbau sollen als zweite strategische Säule digitalisierte Produkte und Dienstleistungen sowie neue Geschäftsmodelle beschleunigt ausgebaut werden. Bereits im Juli hatte Krauss Maffei dafür die neue Geschäftseinheit Digital Service Solutions (DSS) gegründet und Nadine Despineux zu deren Leiterin eingesetzt. Im Februar 2019 soll DSS an einen eigenen neuen Standort in München-Neuaubing umziehen. „Dies ist nicht nur hochattraktiv für das Recruiting im Bereich Business Architects, Product Owner oder Daten-Analysten“, sagte Despineux in Friedrichhafen, „sondern gibt dem neuen Geschäftsbereich auch eine hohe Schlagkraft am Markt.“ In diesem Zusammenhang präsentierte Krauss Maffei unter anderem die erstmals auf der K 2016 als Teilversion vorgestellte und mittlerweile ausgebaute E-Service-Plattform. Sie bietet den Kunden den Zugang zu maschinenspezifischen Dokumenten. Weitere Funktionen sind zum Beispiel ein 3D-Ersatzteilfinder mit direkter Bestellauslösung und ein integriertes Ticket-System. Die Plattform wurde zunächst für Netstal-Maschinen installiert und soll nun auf alle Produkte der Gruppe ausgeweitet werden. Unter dem Stichwort „neue Geschäftsmodelle“ lanciert das Unternehmen zurzeit sein neues Mietmodell für Spritzgießmaschinen. Um in der Lage zu sein, nach Ablauf der Leasing-Zeit eine große Menge an gebrauchten Maschinen zurückzunehmen beziehungsweise wieder in Umlauf zu bringen, hat sich Krauss Maffei an dem Start-up Unternehmen Gindumac beteiligt, das eine global ausgerichtete Internet-Plattform für Gebrauchtmaschinen betreibt. Nicht zuletzt zeigten die Münchner auf der Fakuma zwei neue Modelle der vollelektrischen PX-Baureihe mit 250 kN beziehungsweise 3.200 kN Schließkraft. Die PX 320 stand im Mittelpunkt einer Anwendung, mit der Krauss Maffei seine ausgefeilten Technologien zur Funktionsintegration und Dekorierung ins Scheinwerferlicht rückte: In einem Produktionsschritt wurde ein HMI-Display mit integrierter Elektronik, schwarzem Dekorrrahmen und Kratzfestbeschichtung gefertigt. Dabei wurde auf der Düsenseite eine IML-Folie mit gedruckten Leiterbahnen eingelegt, während gleichzeitig auf der Auswerferseite eine IMD-Folie mit Einzelbilddekor durch das Werkzeug lief und den Lack mit Designschicht und UV-härtendem Überzug auf dem Bauteil ablegte. Unter Einsatz der Folienvorschub-Technik der Firma Leonhard Kurz konnte eine zweite IMD-Folie durch das Werkzeug laufen und eine zweite Kavität mit einem anderen Dekor bedienen. Auch Krauss Maffei registriert eine „sehr positive“ Marktentwicklung für vollektrische Maschinen, „Speziell in Europa und den USA“, wie Dr. Hans Ulrich Golz, Präsident des Segments Spritzgießtechnik anmerkte.

Kompaktheit ist Trumpf

Komplexe Spritzgießanwendungen prägten das Messegeschehen. Bildquelle: Ralf Mayer/Redaktion Plastverarbeiter)

Komplexe Spritzgießanwendungen prägten das Messegeschehen. (Bildquelle: Ralf Mayer/Redaktion Plastverarbeiter)

Reichlich Betrieb herrschte bereits am ersten Messetag am Stand von Dr. Boy, Neustadt-Fernthal. Der Spezialist für kompakte Spritzgießmaschinen präsentierte unter anderem die neue BOY 125 E. „Damit beantworten wir die Nachfragen unserer Kunden nach einer größeren Schließeinheit“, erklärte Alfred Schiffer, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Ausschlaggebend für die Neuentwicklung sei die zunehmende Komplexität von Automationseinrichtungen und der erhöhte Einsatz von Zusatz-Spritzaggregaten für Mehrkomponenten-Anwendungen gewesen. Selbst mit einem Holmenabstand von 470 mm und einem maximalen Plattenabstand von 825 mm blieb die 125 E aber kompakt, die Aufstellfläche beträgt nur 5,2 m2. Durch den Anschluss aller auf dem Messestand laufenden Maschinen an das Leitrechnersystem gab Dr. Boy unter anderem auch  Einblick in den Produktionsvorgang jedes Formteils. Alle gewünschten Prozesswerte können anhand eines aufgedruckten QR-Codes auch während der gesamten Lebensdauer des Formteils nachvollzogen werden.

„Auf dem Weg zur Smart Factory einen Schritt voraus“ zu sein, proklamiert Engel, Schwertberg Österreich für sich (siehe auch Interview auf Seite 18). Auf der Fakuma zeigte das Unternehmen seine vier Assistenzsysteme gleich mehrfach im Einsatz in laufenden Spritzgieß-Fertigungszellen. IQ Weight Control passt den Umschaltpunkt und das Nachdruckprofil Schuss für Schuss an Chargenschwankungen und sich ändernde Umgebungsbedingungen an. IQ Clamp Control ermittelt die optimale Schließkraft und hält die Werkzeugatmung automatisch im Idealbereich. IQ Flow Control regelt und optimiert den Temperierprozess basierend auf den Messergebnissen des E-Flomo Wasserverteilsystems. Die Software IQ Virbration Control schließlich ist serienmäßig in allen Viper Linearrobotern ab Baugröße 20 integriert. Sie erkennt nicht nur das eigene Schwingungsverhalten des Roboters, sondern kompensiert auch durch äußere Einflüsse verursachte Schwingungen.  Erweitert hat Engel zudem sein Condition Monitoring System E-Connect Monitor für die vorausschauende Wartung von prozesskritischen Komponenten. Außer den bereits eingeführten Modulen für das Monitoring der Plastifizierschnecke und des Kugelgewindebetriebs ist nun auch die permanente Überwachung des Hydrauköls und der Hydraulikpumpen möglich.

Schnecken „a la carte“

Neben weiteren Inject-4.0-Entwicklungen, wie etwa das Fernwarnsystem E-Connect.24, stellten die Schwertberger unter anderem auch Neuerungen aus ihrem überarbeiteten Portfolio an Plastifizierschnecken vor. Die AUS Universal Automotive Screw (G 18) ist auf ein breites Materialspektrum − neben Standardkunststoffen zum Beispiel glasfaserverstärktes PP und PA bis hin zu scherempfindlichen PC/ABS- und PC/PET-Blends – und sehr hohe Plastifizierleistungen ausgelegt. Die MBS Mixing Barrier Screw erzielt laut Hersteller eine besonders hohe Homogenität beim Einfärben mit Masterbatches.

 

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Über den Autor

Ralf Mayer

ist Chefredakteur Plastverarbeiter.

ralf.mayer@huethig.de