Wo sehen Sie derzeit die größten technologischen Herausforderungen in der Kunststoffindustrie beziehungsweise in Ihrem Unternehmen, und welche diesbezüglichen Impulse brachte die Fakuma 2018?

Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe: „Digitalisierung und Vernetzung werden den Weg zur Kreislaufwirtschaft weiter ebnen.“ (Bildquelle: alle Engel)

Dr. Stefan Engleder, CEO der Engel Gruppe: „Digitalisierung und Vernetzung werden den Weg zur Kreislaufwirtschaft weiter ebnen.“ (Bildquelle: alle Engel)

Dr. Stefan Engleder: Als Herausforderung sehe ich die weitere Optimierung des an sich schon sehr reifen Spritzgießprozesses. Die Optimierung geht in Richtung Performance, Stabilität sowie Verfügbarkeit, und gleichzeitig soll die Anwenderfreundlichkeit der Anlagen permanent gewährleistet sein. Engel vereint diese Anforderungen im sogenannten Simplicity-Ansatz. Die Anlagen und Fertigungszellen werden komplexer, damit sie den vielfältigen Anforderungen gerecht werden können – mit dem Simplicity-Ansatz garantieren wir unseren Kunden dennoch eine einfache und sichere Bedienbarkeit. Inject 4.0 beispielsweise ist ein wichtiger Enabler für Simplicity. Mithilfe intelligenter Assistenzsysteme optimieren sich Spritzgießprozesse kontinuierlich selbst und führen zu einer konstant hohen Qualität, selbst wenn nicht in jeder Schicht qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. Auf der Fakuma 2018 stand die Anwenderfreundlichkeit von Anlagen und Tools im Mittelpunkt der ausstellenden Unternehmen – und das nicht nur bei uns Spritzgießern.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Situation und welche Entwicklung erwarten Sie in den nächsten zwölf Monaten?

Dr. Christoph Steger, CSO der Engel Gruppe: „Nach einem extrem starken Aufschwung ist auch eine Seitwärtsbewegung eine gute Entwicklung.“

Dr. Christoph Steger, CSO der Engel Gruppe: „Nach einem extrem starken Aufschwung ist auch eine Seitwärtsbewegung eine gute Entwicklung.“

Dr. Christoph Steger: Wir sehen, dass sich das starke Wachstum der letzten Jahre hin zu einer Seitwärtsbewegung verändert. Dabei ist die Konjunktur nach wie vor stark. Nach dem extrem langen und starken Aufschwung ist auch eine Seitwärtsbewegung eine gute Entwicklung. Weitere Prognosen sind schwierig. Die weltweiten Handelsdifferenzen könnten durchaus Einfluss auf die europäischen Exporte nehmen.

Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0 ist in der Kunststoffindustrie bereits ein Standardthema. Wo geht hier die Entwicklung hin?

Engleder: Das sehe ich anders. Auch wenn Industrie 4.0 in der Praxis angekommen ist, können wir noch nicht von einem allgemeinen Standard sprechen. Wir bei Engel arbeiten schon seit einigen Jahren an und mit unserer Antwort auf Industrie 4.0: Inject 4.0 ist ein Konzept, dessen drei Säulen Smart Machine, Smart Production und Smart Service speziell auf Spritzgießlösungen zugeschnitten sind. Besonders ist der modulare Ansatz. Jedes Modul beziehungsweise jede Säule generiert für sich einen Nutzen und kann völlig unabhängig adaptiert werden. Wir erleichtern unseren Kunden damit den initialen Schritt hin zu einem digitalen Unternehmen. Unser Fakuma-Motto „the next step“ griff die Idee der schrittweisen, modularen Weiterentwicklung auf. Bei Smart Service gehen wir zum Beispiel den nächsten Schritt mit zwei neuen Modulen im Condition Monitoring, die wir auf der Fakuma vorstellten.

Die Politik fordert von der Kunststoffindustrie einen Ausbau der Recyclingquoten sowie eine Verbesserung von Rezyklierbarkeit und Rezyklatqualität. Wie beeinflusst das Gebot der Kreislaufwirtschaft Ihr Geschäft heute und in Zukunft?

Engleder: Als Mitglied der internationalen Kunststoffindustrie tragen wir Verantwortung nicht nur für unsere Maschinen, sondern auch die Produkte, die mithilfe  unserer Technologien produziert werden. Wir alle in der Branche sind aufgefordert, unser Wissen und unsere Erfahrung verstärkt dafür einzusetzen, dass Kunststoffprodukte so designt und produziert werden, dass sie recycelt werden können und dass insgesamt die Möglichkeiten der Wiederverwertung umfangreicher ausgeschöpft werden. Hier arbeiten wir immer stärker mit unseren Kunden und Partnerunternehmen entlang der Wertschöpfungskette zusammen, um schon bei der Produktentwicklung sowohl den Herstellungs- als auch den Recyclingprozess definieren zu können. Dieser Trend wird sich weiter verstärken. Dabei werden die voranschreitende Digitalisierung und Vernetzung der Kreislaufwirtschaft den Weg weiter ebnen. Zum Beispiel können intelligente Assistenzsysteme den Rezyklat-Einsatz vereinfachen, indem sie auch bei Schwankungen im Rohmaterial eine konstant hohe Produktqualität sicherstellen.

Die E-Mobilität wird vorangetrieben. Welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die Technologien und Strukturen ihres Unternehmens?

Steger: Engel beteiligt sich sehr intensiv an der Entwicklung neuer Verfahren und Technologien, um innovative Leichtbautechnologien für die Großserie wirtschaftlich zu machen – denn genau hier liegt der Schlüssel für eine nachhaltige Mobilität. Gemeinsam mit unseren Partnern konnten wir schon mehrere international bedeutende Meilensteine setzen. 2012 hat Engel ein eigenes Technologiezentrum für Leichtbau-Composites als interdisziplinäre Entwicklungsplattform gegründet. Nachdem inzwischen einige Verfahren dem Stadium der Grundlagenentwicklung entwachsen sind und immer zahlreicher in Kundenprojekten realisiert werden, haben wir im vergangenen Jahr die Composite Systems als weiteren Teilbereich gegründet. Das Team der Engel Composite Systems begleitet unsere Kunden bei der Projektierung und dem Serienstart von Fertigungsanlagen zur Herstellung von Faserkunststoff-Verbundbauteilen.