Die kompostierbaren Kunststoffen können beispielsweise für Bio-Abfall-Beutel genutzt werden. (Quelle: BASF)

Die kompostierbaren Kunststoffen können beispielsweise für Bio-Abfall-Beutel genutzt werden. (Quelle: BASF)

Die Praxisnähe begeisterte die knapp 120 Teilnehmer der Tagung Biopolymer Processing & Moulding in Halle bei Leipzig, die das Netzwerk Polykum e.V. am 19. und 20. Juni veranstaltete. Von Anwenderseite waren Experten verschiedenster Branchen angereist. Darunter Hersteller von Verpackungen und Küchenutensilien, über Büromöbel- Zubehör bis hin zu Produzenten von Laborartikeln. Das Programm bot konkrete Lösungsvorschläge und gab Anwendern Denkanstöße, worauf bei der Verarbeitung zu achten, welche Biokunststoffe verfügbar sind und wie groß das Spektrum der verfügbaren Rohstoffe ist. Die Gäste reisten aus ganz Europa und von weiter her an, was für eine Auftaktveranstaltung beachtenswert ist. Zu den Besuchern gehörte auch der Geschäftsführer der Firma Atlantic Packaging in Tanger, Abdelkader Es-sbai. „Unser Unternehmen möchte biologisch erzeugte und biologisch abbaubare Kunststoffe in Marokko etablieren. Hier in Halle fand ich genau die Ansprechpartner, die wir dafür suchten“, zieht er nach zwei Kongresstagen hochzufrieden Bilanz.

Biokunststoffe sind für Spiel- und 
Haushaltswaren ebenso geeignet wie für 
High-Tech-Produkte. Bildquelle: Dr. Etwina Gandert/Redaktion Plastverarbeiter

Biokunststoffe sind für Spiel- und
Haushaltswaren ebenso geeignet wie für
High-Tech-Produkte. Bildquelle: Dr. Etwina Gandert/Redaktion Plastverarbeiter

An den Kongress war auch eine kleine Ausstellung gekoppelt, in der Anbieter von Biokunststoffe, Beratungsgesellschaften und Forschungseinrichtungen ihr Angebot präsentierten. So auch das Handelsunternehmen Biesterfeld aus Hamburg, für das Philipp Malke ein positives Resümee der Veranstaltung zog: „Inspirierend war, dass hier Wissenschaftler, Hersteller, Distributeure und Anwender unterschiedlichster Branchen zusammenkamen, von der Lebensmittelindustrie über die Medizintechnik bis hin zum Maschinen- und Automobilbau.“

Das vielfältige Vortragsprogrammm wurde von großen wie mittleren Unternehmen gestaltet. Neben Konzernen wie der BASF und Mitsubishi Chemicals oder den Maschinen- und Anlagenbau-Unternehmen Krauss Maffei Technologies und Thyssenkrupp präsentierten sich auch zahlreiche mittelständische Unternehmen.

Staatssekretär Dr. Jürgen Ude vom Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und
Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt lud die internationalen Gäste mit seiner
Eröffnungsrede ein, Sachsen-Anhalt als Investitions- und Wirtschaftsstandort zu entdecken.
Bild: Uwe Köhn

Staatssekretär Dr. Jürgen Ude vom Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und
Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt lud die internationalen Gäste mit seiner
Eröffnungsrede ein, Sachsen-Anhalt als Investitions- und Wirtschaftsstandort zu entdecken.
Bild: Uwe Köhn

Bioabbaubarkeit ist ein Wettbewerbsvorteil

So stellte Erwin Le-poudre von der japanischen Firma Kaneka, Westerlo-Oevel, Belgien, einen biologischen Kunststoff vor, der im Meer bis zu zehn Mal schneller durch Mikroorganismen abgebaut wird als andere bioabbaubare Kunststoffe. Das ist vor allem für Bestandteile von Fischernetzen interessant, die immer wieder im Meer verloren gehen. Denn „Recycling is limited“, so das Statement von Julian Schmeling von Mistubishi Chemical (MCC), Düsseldorf. Er stellte das Bio-PBS vor, das vom Joint Venture PTTMCC hergestellt wird. Das JV wurde von PTT Global Chemical Public Company Limited und der MCC geründet. Das biobasierte PBS (Polybutylene succinat) ist biologisch abbaubar, hat eine Zulassung von der FDA (FCN 1817, 1818), lässt sich gut verschweißen und ist wärmefest bis 100 °C. Schmeling sieht gerade in Lebensmittelverpackungen wie der Kaffekapsel einen großen Vorteil im Einsatz von Bio-PBS. Kunststoff-Recycling wird längst nicht in allen Ländern praktiziert, so dass hier kompostierbare Kunststoffe sehr sinnvoll eingesetzt werden können.

Die 120 Teilnehmer hörten Vorträge, die das Feld der Biokunststoffe aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchteten. Bildquelle: Dr. Etwina Gandert/Redaktion Plastverarbeiter

Die 120 Teilnehmer hörten Vorträge, die das Feld der Biokunststoffe aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchteten. Bildquelle: Dr. Etwina Gandert/Redaktion Plastverarbeiter

In der Bioabbaubarkeit liegen auch die größten Chancen von Ecovio. Die Marke der BASF, Ludwigshafen, steht für bioabbaubare Kunststoffe auf PLA-Basis. Doch im Gegensatz zu rein stärkebasierten Biokunststoffen ist Ecovio unter anderem widerstandsfähiger gegenüber mechanischer Belastung und Feuchtigkeit. Es lässt sich im Thermoform- und im Spritzgieß-Prozess verarbeiten.

Sehr interessant war auch der Vortrag von Katja Richter von Heppe Medical Chitosan, Halle. Sie beschrieb die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des natürlichen Biopolymers. Chitosan wird aus Krebs- und Krappenpanzern, einem Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie, gewonnen. In kleinsten Mengen in Folien dosiert wirkt es antibakteriell, auf offenen Wunden stillt das natürliche Polymer die Blutungen. Technisch besonders attraktiv ist, dass es vom menschlichen Organismus nicht als körperfremd abgestoßen wird und es weder den Geschmack noch das Aussehen von Lebensmitteln beeinflusst. Mit der Anwendung in Kondensatoren für umweltfreundliche Batterien gab sie einen Blick in die Zukunft. Nicht nur für Verpackungen, sondern auch für Produkte des täglichen Lebens wie Haushaltswaren und Haushaltsgeräte bietet Tecnaro, Ilsfeld, ein sehr breites Portfolio an Biokunststoffen an. Spezialität des Unternehmens sind Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe, die beispielsweise als Naturfasern in die Compounds eingearbeitet werden. Für Farbe in Biokunststoffen sorgen die Masterbatches von Granula, Merenschwand, Schweiz. In seinem Vortrag beschrieb der Geschäftsführer Jürg Weibel die Komplexität der Farbgebung, die nicht nur vom Basiskunststoff, sondern auch von seiner Verarbeitung und der Endanwendung abhängt und was insbesondere bei Biokunststoffen zu beachten ist.

Information und Marketing müssen stimmen

Einige Vortragenden wiesen darauf hin, dass bei den Entscheidern die Frage nach dem Preis nicht an erster Stelle stehen darf. Überzeugungsarbeit muss geleistet werden. Es liege in der Verantwortung der Biokunststoff-Anbieter, den Anwendern die Bio-Materialien schmackhaft zu machen – auch wenn diese etwas teurer sind, meinte Weibel. In der richtigen Marketing-Strategie sieht auch Patrick Zimmermann von FKuR, Willich, einen Erfolgsfaktor, denn die Preise für Biokunststoffe sind meist nicht konkurrenzfähig zu konventionellen Kunststoffen. Um besser zu argumentieren und die Chancen der Biokunststoffe zu erkennen, konnten die Teilnehmer aus dem Kongress einige Fakten und Ideen mitnehmen. Auch im nächsten Jahr wird das Netzwerk Polykum e.V. die Tagung Biopolymer Processing & Moulding am 21. und 22. Mai in Halle veranstalten.

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de