Titandioxid steht derzeit in der Diskussion, da die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz (ANSES) 2016 bei der Europäischen Chemikalienagentur eine Einstufung von Titandioxid als wahrscheinlich krebserzeugend (Kategorie 1B) beim Einatmen vorgeschlagen hat. Der zuständige Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) bei der ECHA hat am 8. Juni 2017 empfohlen, das Weißpigment in der weniger einschneidenden Kategorie 2 aber immer noch als Stoff mit Verdacht auf krebserzeugende Wirkung beim Menschen durch Einatmen einzustufen. Die EU-Kommission prüft jetzt die Empfehlung des Ausschusses, wobei die endgültige Entscheidung der REACH-Regelungsausschuss treffen wird. Die verantwortliche Expertengruppe der Europäischen Chemikalienagentur tagt am 8.März. Um eine Einstufung zu verhindern, müssen sich die europäischen Länder positionieren. Im Expertengespräch mit der Redaktion des PLASTVERARBEITER sprachen die Vertreter der Verbände der Kunststoffindustrie über das Thema.

(v.l.n.r.) Die Verbände der Kunststoffindustrie, vertreten durch Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin des VdMI, Dr. Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer GKV, sprechen sich klar gegen eine Einstufung von Titandioxid aus und schildern die teils dramatischen Folgen für die Kunststoff-Industrie. (Bildqielle: Redaktion PV, Dr. Etwina GAndert)

(v.l.n.r.) Die Verbände der Kunststoffindustrie, vertreten durch Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland, Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin des VdMI, Dr. Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer GKV, sprechen sich klar gegen eine Einstufung von Titandioxid aus und schildern die teils dramatischen Folgen für die Kunststoff-Industrie. (Bildqelle: Redaktion PV, Dr. Etwina Gandert, Rald Mayer)

 

Dr. Etwina Gandert, Redakteurin Bitte fassen Sie zunächst die Kunststoffanwendungen zusammen, in denen Titandioxid zum Einsatz kommt, in welcher Form es zum Einsatz kommt, und wo hier welche Art von Exposition der Mitarbeiter oder der Verbaucher vorhanden ist?

Dr. Oliver Möllenstädt, Hauptgeschäftsführer GKV Die Anzahl der Titandioxid-Anwendungen in Kunststoffprodukten ist sehr hoch. Von den großen Branchensegmenten der Kunststoffverarbeitung gibt es eigentlich keines, in denen kein Titandioxid verwendet wird. Die Substanz kommt nicht nur als weißes Farbpigment vor, sondern ist auch die Basis für viele andere Farbgebungen, stellt UV-Beständigkeit und Opazität her. Beim klassischen Kunststoffverarbeiter werden bevorzugt Farbmasterbatches eingesetzt, in denen das Titandioxid gebunden ist.

Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland Titandioxid wird quer über alle Polymergruppen innerhalb der Kunststofffamilie verwendet. Etwa 25 Prozent des Titandioxidverbrauchs geht in den Kunststoffsektor – quer über fast alle Anwendungen.

Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin des VdMI Bei einem Masterbatchhersteller wird in der Regel ein pulverförmiges Pigment oder eine Pigmentmischung eingesetzt. Im Masterbatch selbst sowie im fertigen Kunststoffprodukt ist Titandioxid eingebunden in die Matrix, auch wenn das Produkt mechanisch beansprucht wird. Die Hauptabnehmerbranchen für Titandioxid sind übrigens Farben und Lacke – einschließlich Druckfarben decken sie 57 Prozent des Gesamtbedarfs ab. Auch in diesen Anwendungen ist Titandioxid in der Regel in einer Matrix eingebunden.

Dr. Etwina Gandert Das heißt, im Moment wird die Sicherheit im Umgang mit Titandioxid gewährleistet, zum Beispiel über die Richtlinien zum Umgang mit Stäuben in Ihrer Branche, und es gibt aus Ihrer Ansicht keine Notwendigkeit einer weiteren Verschärfung der Richtlinien?

Dr. Oliver Möllenstädt Als Verband der Kunststoff verarbeitenden Industrie mit ihren mehr als 300.000 Beschäftigten ist es mir wichtig zu sagen, dass sich in Bezug auf den Umgang mit Titandioxid niemand Sorgen machen muss. Wir sind absolut sicher, dass wir durch die Einhaltung der Staubgrenzwerte entsprechende Vorkehrungen in Betrieben geschaffen haben und die Arbeitssicherheit hier vollumfänglich gewährleistet bleibt für alle Beschäftigten.

Ralf Mayer, Chefredakteur Nun droht Titandioxid eine EU-weit harmonisierte Einstufung (gemäß CLP-Verordnung) als krebserregend. Die französische Behörde ANSES hat einen entsprechenden Antrag bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) gestellt. Wie ist der Stand der Dinge in diesem Prozess?

Dr. Heike Liewald Der Vorschlag der französischen Behörde ging an das Risk Assessment Committee der ECHA, in dem Toxikologen diskutieren. Dessen Aufgabe ist es, eine wissenschaftliche Bewertung abzugeben. Diese Bewertung ist jetzt erfolgt. Das RAC empfiehlt eine harmonisierte Einstufung von Titandioxid als Krebsverdachtsstoff bei Inhalation gemäß Kategorie 2. Damit ist die erste Phase, die rein wissenschaftliche Diskussion, nun abgeschlossen.
Baunemann Dabei ist das RAC nicht dem Vorschlag der französischen ANSES gefolgt. Die Behörde hatte nämlich eine noch kritischere Einstufung als wahrscheinlich karzinogen bei Inhalation gemäß Kategorie 1b gefordert.

Dr. Heike Liewald Das RAC ist zu dem Schluss gekommen, dass die vorliegenden Studien dafür nicht ausreichen.

Dr. Rüdiger Baunemann Die erste Stufe ist die wissenschaftliche Bewertung. Was jetzt erfolgt, ist die darauf aufbauende, ergänzende politische Interpretation, die weitere Aspekte einbringt, was man unter dem Begriff Risikomanagement zusammenfasst.

Ralf Mayer Das RAC stellt seiner Empfehlung viele Einschränkungen voran. Festgestellt wird etwa, dass die zugrundeliegenden Expositionsstudien ausschließlich an Ratten durchgeführt wurden. Dabei wurde immer eine Überladung der Tierlungen erzeugt, bei der kein Staub mehr abgeführt werden kann. Für eine Einstufung mit weitreichenden Folgen scheinen diese teilweise sehr alten Studien ein eher dünnes Fundament abzugeben.

Dr. Heike Liewald Seit Jahrzehnten ist es bekannt, dass sogenannte Overloadstudien zu Tumoren bei Ratten führen können. Aber diese haben keine Relevanz für den Menschen. Die Übertragbarkeit dieser Studien auf den menschlichen Organismus ist unter Toxikologen höchst umstritten.

Dr. Oliver Möllenstädt Wobei diese Diskussion nicht nur für Titandioxid geführt werden kann, weil solche Effekte in den beschriebenen Versuchsszenarien auch bei allen möglichen anderen Stäuben auftreten können. Deshalb ist es sehr zweifelhaft, ob Titandioxid überhaupt auf der Basis von CLP eingestuft werden kann. Denn es ist eben keine intrinsische Eigenschaft von Titandioxid, auf die hier verwiesen wird. Grob geschätzt sprechen sich vier von fünf Experten dagegen aus, Titandioxid auf dieser Basis einzustufen.

Dr. Rüdiger Baunemann Das ist in der Tat höchst ungewöhnlich, oder vielleicht sogar das erste Mal, dass das RAC eine Empfehlung abgibt, die sich nicht auf die intrinsischen Eigenschaften des Moleküls beziehen, sondern auf seine Eigenschaften als Partikel − als Staub. Außerdem haben wir eine quasi lückenlose Überwachung an den Arbeitsplatzbereichen, wo wirklich eine Exposition stattfindet. Und bis heute gibt es keinen einzigen Hinweis auf eine Gefährdung der Arbeiter, die mit Titandioxid konfrontiert sind. Das scheint mir eine wichtige und notwendige Ergänzung zur wissenschaftlichen Diskussion zu sein.

Dr. Heike Liewald Speziell für Titandioxid werden seit Jahrzehnten epidemiologische Studien durchgeführt, die zeigen, dass auch in den Produktionsbetrieben weltweit keine Effekte auftreten. Diese Tatsachen wurden leider zu wenig berücksichtigt in der Diskussion um die Einstufung.

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Ralf Mayer

ist Chefredakteur Plastverarbeiter.

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Dr. Etwina Gandert

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