Markus Schulz von Huf Hülsbeck & Fürst, Markus Fuchs von Engel Austria und Noe Resendiz von Huf Mexico an einer für das Training mit Mucell-Technologiepaket ausgestatteten Spritzgießmaschine. (Bildquelle: alle Engel)

Markus Schulz von Huf Hülsbeck & Fürst, Markus Fuchs von Engel Austria und Noe Resendiz von Huf Mexico an einer für das Training mit Mucell-Technologiepaket ausgestatteten Spritzgießmaschine. (Bildquelle: alle Engel)

Die Lagerbügel aus Polyamid sitzen in der Türlaibung des Fahrzeugs und dienen der Befestigung des Türgriffs. Es handelt sich um komplexe Baugruppen, bestehend aus bis zu 40 Einzelkomponenten, die das Unternehmen Huf Hülsbeck & Fürst mit Stammsitz im nordrhein-westfälischen Velbert fertig montiert ausliefert. Für viele Mercedes-Modelle ist Huf der Alleinlieferant. Eine hohe Prozesskonstanz und eine hohe Anlagenverfügbarkeit sind deshalb zentrale Anforderungen, wenn der international aktive Automobilzulieferer in neue Fertigungslösungen investiert.

Für das Lagerbügel-Projekt lieferte Engel vor etwas mehr als zwei Jahren eine erste Spritzgießmaschine mit Mucell-Technologiepaket, die am Standort Arad in Rumänien installiert wurde. Es folgten zwei weitere E-Victory 400-Mucell-Maschinen des österrreichischen Spritzgießmaschinen-Herstellers − zunächst eine für den Standort Puebla in Mexiko und zuletzt, im Frühjahr dieses Jahres, eine für Yantai in China.

Alle drei Maschinen produzieren inzwischen in Serie, an den Standorten Arad und Puebla im 24/7-Betrieb, und auch Yantai wird in Kürze die volle Auslastung erreichen. In 2+2-fach-Werkzeugen werden pro Schuss jeweils zwei Lagerbügel für die rechte und zwei für die linke Fahrzeugtür gefertigt. Über Förderbänder werden die Spritzgießteile zur direkt anschließenden Montage transportiert. Auf drei Kontinenten im Gleichklang zu produzieren – das war auch für den in weltweiten Projekten erfahrenen Automobilzulieferer eine neue Herausforderung. Von Beginn an war klar, dass sich diese nur mit neuen Technologien der Datenvernetzung erfolgreich lösen lassen wird. Erstmalig für die Unternehmensgruppe wurden die drei neuen Spritzgießmaschinen mit dem Online-Support- und Fernwartungstool E-Connect.24 von Engel ausgerüstet.

„Für alle drei Standorte handelte es sich um das erste Mucell-Projekt“, verdeutlichen Ralph Müller und Dirk Horn, beide Corporate Process Technology bei Huf. „Der Wissensstand von den Kollegen vor Ort war zu Beginn des Projekts heterogen. Zum Teil mussten wir das Mucell-Know-how von Grund auf aufbauen.“ Auch im Falle einer Störung immer schnell genug vor Ort zu sein – das ist für die beiden Prozessexperten kaum machbar, denn Stillstandzeiten kann sich der Automobilzulieferer nicht leisten. „Eine Anlagenverfügbarkeit von 85 Prozent ist das Minimum – sonst sind wir nicht wettbewerbsfähig“, so Müller. „Ohne die datentechnische Vernetzung der Produktionszellen könnten wir die hohe Anlagenverfügbarkeit, die wir brauchen, um die zugesagten Stückzahlen zu liefern, nicht mehr garantieren.“

Vernetzung sichert minimale Stillstandzeiten

Vernetzung bedeutet für Huf zweierlei. Zum einen ist es für Ralph Müller und Dirk Horn wichtig, die weltweit laufenden Prozesse jederzeit im Auge zu behalten, unabhängig davon, wo auf der Welt sie sich gerade befinden. Und zum anderen wird gewünscht, dass sich auch die Maschinen- und Technologieexperten von Engel von extern aufschalten können, um in allen Supportfällen ohne Zeitverlust reagieren zu können. So lassen sich inzwischen sowohl ein Großteil der Störungen als auch Wartungs- und Prozessoptimierungsmaßnahmen, für die früher lange Dienstreisen oder ein Service-Einsatz vor Ort nötig waren, sehr einfach per Internet und Telefon lösen. „Zukünftig wollen wir zusätzlich mit Videos arbeiten, damit uns zum Beispiel die Kollegen in Yantai auch die Spritzgießteile zeigen können“, so Horn.

Mit Hilfe von E-Connect.24 werden die Bildschirmseiten der Maschinensteuerung über das Internet auf einen auch mehrere tausend Kilometer entfernten Rechner übertragen. Da der Datenzugriff in Echtzeit erfolgt, wird jederzeit der aktuelle Maschinenzustand abgebildet. So sehen sowohl die Maschinenbediener vor Ort im Betrieb als auch der externe Support dieselben Einstellungen und Produktionsdaten, können sich beraten und gegenseitig anleiten. Bei Bedarf lässt sich die Fertigungszelle sogar aus der Entfernung steuern.

Die Lagerbügel sind Teil des Türgriffsystems für Mercedes-Fahrzeuge.

Die Lagerbügel sind Teil des Türgriffsystems für Mercedes-Fahrzeuge.

Die weltweite Präsenz des Spritzgießmaschinen-Herstellers stellt sicher, dass rund um die Uhr hochqualifizierte Servicetechniker erreichbar sind und – zumindest während des Tages – die Kunden in der jeweiligen Landessprache betreut werden. „Gerade im Servicefall geht es einfacher und schneller, wenn der Maschinenbediener in Yantai mit dem Engel-Techniker Mandarin sprechen kann“, weiß Horn.

Im Servicefall alarmiert die Maschine selbstständig den Maschinenbediener, zum Beispiel über eine E-Mail, oder schickt – sofern vom Anwender gewünscht – direkt einen Service-Request an den Maschinenbauer. Auf diese Weise können dessen Spezialisten schon wenige Sekunden nach dem Auftreten der Störung über eine Remote-Verbindung mit der Ursachensuche starten und die für die Lösung notwendigen Maßnahmen einleiten. Damit auch beim Teamwork über mehrere Kontinente keine Informationen verloren gehen, wird die Servicehistorie über den gesamten Lebenszyklus der Maschine gespeichert und allen berechtigten Usern online zur Verfügung gestellt.

TÜVIT-zertifizierte Datensicherheit

Das Online-Support- und Fernwartungstool ist eine wichtige Säule des Inject-4.0-Programms von Engel. Schon früh hat der Spritzgießmaschinenbauer eine ganze Reihe an Produkten und Softwarelösungen für die Digitalisierung und Vernetzung von Fertigungsprozessen etabliert und entwickelt diese weiter. Während bei Assistenzsystemen in der Maschinensteuerung oder bei der Vernetzung des Maschinenparks über ein MES die Maschinen- und Prozessdaten ausschließlich vom Anlagenbetreiber eingesehen und genutzt werden können, setzen Online-Support und Fernwartung voraus, dass der Zulieferer von außerhalb auf eine bestimmte Maschine zugreifen kann. „Vielen Kunden ist das noch suspekt“, sagt Udo Riethmüller, Vertriebsingenieur bei Engel Deutschland am Standort Hagen. Er weiß auch, dass es für diese neue Form der Zusammenarbeit mehr braucht als gegenseitiges Vertrauen. Wichtig ist allen voran, dass die Daten für den Transfer sicher verschlüsselt werden. Zudem garantiert Engel, dass seine Servicetechniker nicht ungefragt, sondern nur nach aktiver Aufforderung durch den Kunden zugreifen können. Beides bestätigt TÜV Informationstechnik (TÜVIT), ein Unternehmen der TÜV-Nord-Gruppe, wo das Online-Support- und Fernwartungstool zertifiziert wurde. „Wir investieren sehr stark in das Thema Datensicherheit“, so Riethmüller. „Und das nicht zuletzt im eigenen Interesse. Wir sind nicht nur Anbieter, sondern selbst Anwender von Industrie-4.0-Technologien, und auch wir möchten nicht, dass jemand ungefragt auf unsere Daten zugreifen kann.“

Für Huf war die Datensicherheit in den Verhandlungen mit dem Maschinenbauer ein zentrales Thema. „Wir fertigen komplette Schließsysteme bis hin zur Grundprogrammierung der Fahrzeugschlüssel“, erklärt Horn. „Das ist generell eine sensible Produktgruppe. Für bestimmte Fertigungsbereiche haben wir sogar Zugangsrestriktionen. Unseren Kunden gegenüber müssen wir nachweisen, dass ihre Daten bei uns sicher und die für die Digitalisierung und Vernetzung eingesetzten Systeme state-of-the-art sind.“

Wissensvermittlung international

Noe Resendiz von Huf Mexico bei Praxistests  während des Technologieworkshops in Schwertberg.

Noe Resendiz von Huf Mexico bei Praxistests während des Technologieworkshops in Schwertberg.

Die aktuellen Lagerbügel-Modelle wurden gezielt für den von Trexel entwickelten Mucell-Prozess konstruiert. Das Ziel lautete, Material zu sparen und die Zykluszeit zu reduzieren. Als Huf den Zuschlag von Daimler erhielt, war das Thema Schaumspritzgießen für die Technologieexperten Müller und Horn freilich nicht neu. An anderen Sandorten der Gruppe wurden bereits 2004 erste Mucell-Prozesse etabliert. Die Erfahrung aus diesen Projekten geben die beiden Prozessexperten an die Kollegen in Arad, Puebla und Yantai weiter. Eine große Rolle beim Technologietraining spielt zudem der Maschinenbau-Partner. Sowohl in Rumänien als auch in Mexiko und China haben  Huf-Mitarbeiter in den jeweiligen Engel-Niederlassungen Seminare und Workshops besucht. Zudem nutzen sie das umfangreiche Online-Schulungsangebot, das der Spritzgießmaschinen-Hersteller in der jeweiligen Landessprache anbietet. Besonders wichtig für den Erfolg des Projekts sind aber die gemeinsamen Treffen, die bislang drei Mal am Engel-Stammsitz in Schwertberg, Österreich, stattfanden. Dort ging es nicht nur um die Vermittlung von Fachwissen, sondern vor allem darum, untereinander Erfahrungen und Tipps auszutauschen. „Unser Ziel ist es, dass die drei Teams trotz der enormen Entfernungen zusammenwachsen, damit sie sich immer besser auch gegenseitig unterstützen können“, sagt Müller. „Wir haben hier schon viel erreicht. Die Rumänen waren die ersten, die die Lagerbügelmaschine in Betrieb nahmen. Sie können die Kollegen in Mexiko und China schon heute in vielen Dingen gut beraten.“


Marktübersicht Spritzgießmaschinen

Die Marktübersicht enthält die branchenrelevanten Spritzgießmaschinen, sortiert nach Einsatzbereichen, zu verarbeitendem Material und weiteren wesentlichen Kriterien. Zugleich bildet sie Entwicklungstrends der Maschinentechnik ab, wie das Verketten einzelner Produktionsschritte oder die immer mehr Komponenten  betreffende Energieeffizienz. Auch Verarbeitungsverfahren wie das Schaumspritzgießen oder die Mehrkomponenten-Technik werden berücksichtigt. Link zur Marktübersicht


Außer in Schwertberg betreibt der Maschinenbauer in Europa und Nordamerika bereits mehrere Technologiezentren mit Themenschwerpunkt Mucell. Als nächstes wird ein Mucell-Technikum in Shanghai eröffnet. In all diesen Zentren stehen sowohl Technologieexperten von Engel als auch Trexel für Trainings und Kundenversuche zur Verfügung. Dass Engel in allen Regionen der Welt nicht nur seine Servicemannschaft vergrößert, sondern auch die Anwendungstechnik personell verstärkt, ist für Huf trotz der modernen Möglichkeiten von Online-Support und Fernwartung besonders wichtig. Dem Automobilzulieferer geht es hierbei um die Sprache und Mentalität, aber vor allem um kurze Wege – für die Fälle, die sich auch zukünftig nicht online lösen lassen werden. „Wir arbeiten generell nur mit Lieferanten, die ebenso wie wir einen globalen Footprint haben“, so Müller.

Bereits seit über zwölf Jahren arbeiten Ralph Müller, Dirk Horn und Udo Riethmüller zusammen. Alle drei sind davon überzeugt, dass ihre Partnerschaft durch Industrie 4.0 noch intensiver wird. Der Einsatz von E-Connect.24 ist für den Automobilzulieferer ein erster Schritt in eine digitale und vernetzte Zukunft. „Wir sehen mit diesem Projekt, wie uns die neuen Lösungen helfen, nicht nur unsere Reisezeiten zu reduzieren, sondern vor allem produktiver und besser zu fertigen“, betont Horn. Weitere Industrie-4.0-Projekte mit dem Maschinenbauer sind geplant.

Fakuma: Engel Austria: Halle/Stand A5/5204

 

Über den Autor

Susanne Zinckgraf

ist Public Relations Manager bei Engel in Schwertberg, Österreich.