Robert Czichos Im Gegensatz zu anderen Ländern ist für dieses Thema biobasierte Kunststoffe oder Kunststoffe aus nachhaltigen Ressourcen in Deutschland kein einheitlicher politischer Wille da, diese Dinge zu pushen. Darauf zu warten, dass der Pull kommt von den Verbrauchern dauert lange, und man braucht viel Geld und viele Akteure, die in dem Markt rumrennen und die Verbraucher aufklären, um einen Pull-Effekt zu erzielen.

Katrin Schwede In den Niederlanden beispielsweise sind biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien in der Bioabfalltonne zugelassen und werden gemeinsam mit dem Biomüll in industriellen Kompostieranlagen kompostiert oder in einer Biogasanlage in Biogas verwandelt. Das Verständnis der Verbraucher in den Niederlanden für die Eigenschaften und Vorteile von biologisch abbaubare Verpackungen ist entsprechend sehr viel höher und entsprechend größer ist dort auch der Markt für diese Produkte.

Susanne Kurz In Deutschland agieren die Entsorgungsbetriebe auf kommunaler Ebene mit sehr unterschiedlichen Konzepten.

Katrin Schwede In Deutschland sind laut Bioabfallverordnung bisher nur kompostierbare Bioabfallbeutel in der Biotonne zugelassen. Die kommunalen Entsorger können aber selbst darüber entscheiden, ob sie die Beutel erlauben oder nicht. Alle anderen kompostierbaren Verpackungsmaterialien dürfen in Deutschland nicht in die braune Tonne.

Susanne Kurz Aber wo ist genau das technische Problem?

Katrin Schwede Die Hürden sind nicht technischer sondern politischer Natur. Während in Ländern wie den Niederlanden, Italien und Belgien kompostierbare Kunststoffverpackungen für die Entsorgung über die Biotonne und die industrielle Kompostierung erlaubt sind – und das funktioniert dort sehr gut und technisch einwandfrei – fehlt es in Deutschland an einem entsprechenden gesetzlichen Rahmen, der das zulässt.

Dr. Etwina Gandert Ich möchte gern noch mal auf den Aspekt der Nachhaltigkeit zurückkommen. Herr Czichos, Sie entwickeln ein Produkt, weil der Biokunststoff die geforderten technischen Eigenschaften hat und weniger weil das Produkt dann nachhaltiger ist, richtig?

Robert Czichos Also die Nachhaltigkeit kann unterschiedliche Bedeutungen haben für ein Produkt. Es kann zum einen natürlich der Hauptgrund sein, ein Produkt zu kaufen. Doch der primäre Kaufanreiz besteht vielleicht eher im Design oder in der Funktionalität. Die Verwendung des Biokunststoffes ist da ein zusätzlicher Nutzen. Wenn Sie ein Elektroauto bauen und lassen es von ein paar Studenten zusammenschrauben, wird das voraussichtlich weniger Käufer finden als ein Modell von Tesla, das einfach wie ein schicker Sportwagen aussieht und entsprechend Spaß bringt auf der Straße. In Deutschland fokussieren wir häufig sehr stark auf rationale Effekte und vernachlässigen die Emotionen. Mit Marketing die Geschichte drum herum und über das Material positiv zu transportieren, wäre eine Aufgabe.

Susanne Kurz Aber welche Zielgruppen müssen mit gutem Beispiel vorangehen? Beispielsweise der öffentliche Sektor. Und so könnte es auch sein, dass im B2B-Geschäft entsprechend nachhaltige Materialien verwendet werden. Das muss jedoch auch sichtbar sein, sonst hat es keine Signalwirkung für die Endverbraucher.

Fresh prepacked paprika peppers sealed in a cellophane bag

Folien haben häufig eine Barriere-schicht und bestehen immer öfter aus Biokunststoff wie PLA. (Bildquelle: gcpics-Fotolia.com)

Katrin Schwede Es gibt durchaus sehr viele gute Beispiele für den Einsatz und die Vermarktung von Biokunststoffen. Der Fokus liegt dabei nicht in erster Linie auf den Nachhaltigkeitsaspekten sondern an den innovativen und verbesserten Materialeigenschaften. Das Chemieunternehmen Mitsubishi Chemicals, zum Beispiel, bietet einen biobasierten Kunststoff namens DURABIO an, den Sharp für ein Smartphone Touchpanel nutzt. Sharp hat den biobasierten Kunststoff gewählt, nicht weil er biobasiert ist, sondern weil er sehr viel bessere optische Eigenschaften hat und auch sehr viel bessere haptische Eigenschaften. Der biobasierte Kunststoff war hier den konventionellen Alternativen überlegen. Sharp hat den Nachhaltigkeitsaspekt in seiner Produkt-Kommunikation zunächst nicht gesondert herausgestellt.
Ein anderes Beispiel ist ein biobasiertes Polyurethan-Coating für Züge von Covestro. Züge mit dem biobasierten Coating können besser gereinigt werden, Graffiti lässt sich besser entfernen und das Coating ist zudem beständiger gegen ätzende Reinigungsmittel.

Susanne Kurz Das ist ein schönes Beispiel, weil im öffentlichen Sektor meist über eine funktionale Leistungsbeschreibung und den Preis die Auswahl getroffen wird. Und die Leistung war hier ja offensichtlich besser.

Ralf Mayer Vielleicht Frau Kalytta, können Sie das als Kunststoffverarbeiter bestätigen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht mit den Eigenschaften von Biokunststoffen?

Nicole Kalytta Wir bieten unsere Standardartikel gerne in beiden Varianten, konventionell und Bio, an und möchten uns nicht auf den ein oder anderen Kunststoff festlegen. Unser Problem ist nicht unbedingt der höhere Materialpreis. Bis dahin kommen wir zurzeit leider erst gar nicht. Viele Kunden haben Vorurteile in Bezug auf die vergleichbare Produktqualität zu den herkömmlichen Kunststoffen. Wir wären sofort in der Lage Bio-Kunststoffteile anzubieten.

Ralf Mayer Es muss einfach Nachfrage geschaffen werden. Schauen wir mal über unsere Grenzen. Warum werden zum Beispiel in Asien so viel mehr Biokunststoffe produziert? Liegt das allein an der anderen Größenordnung der Märkte oder gibt es andere Gründe dafür?

Prof. Hans-Josef Endres In Asien, in Südamerika haben wir natürlich tatsächlich etwas andere klimatische Bedingungen und das Zuckerrohr beispielsweise ist in Bezug auf die Flächeneffizienz der Zuckerrübe überlegen. Der zweite Grund ist aber auch der, dass in Asien ein klarer Wille dazu vorhanden ist und die Ansiedlung von Biokunststoffherstellern politisch gefördert wird.

Robert Czichos Wir bekommen ja auch einige unserer PLA-Produkte beispielsweise aus Taiwan. Die Taiwanesen sind da sehr, sehr, sehr gut aufgestellt, auch was die Produktionskapazitäten, Herstellkosten und so weiter angeht. Das hat ganz klar etwas mit der dortigen Gesetzgebung zu tun.

Prof. Hans-Josef Endres Der Biokunststoffmarkt hierzulande ist in den letzten Jahren bei den Anwendungen durch die Drop-In-Lösungen überwiegend gewachsen. Also das sind chemisch strukturgleiche Kunststoffe, mit gleichen Verarbeitungs-, Gebrauchs- und Entsorgungseigenschaften, die aber biobasierten Feedstock haben. Das bedeutet aber auch, dass das biobasierte Drop-In-Polyethylen technisch überhaupt keine Vorteile hat, aber auch keine Nachteile, es ist absolut ebenbürtig, bis hin zum Entsorger, zum Recycling. Das heißt, diese Produkte kann ich über technische Eigenschaften nicht vermarkten, sondern ich kann sie bestenfalls wie in den USA als Bio-based preferred im öffentlichen Sektor absetzen. Bei diesen technisch gleichwertigen Produkten kann aus meiner Sicht nur die Politik helfen, weil der größte Teil der Verbraucher nie von sich aus nachfragen wird. Auch hier sind die Parallelitäten zum technisch gleichwertigen, jedoch erneuerbaren grünen Strom wieder sichtbar.

Dr. Etwina Gandert Gibt es in Deutschland solche Kriterien in der öffentlichen Beschaffung?

Susanne Kurz Also es gibt ein ähnliches Beispiel im Bereich der Elektromobilität, wo in einer Großstadt das Motto gilt: E-Mobilität first. Die Beschaffung von Fahrzeugen mit konventionellen Antrieben müsste begründet werden. Zahlreiche öffentliche Auftraggeber haben in ihren Einkaufsstrategien Innovations- und Nachhaltigkeitskriterien festgelegt. Die Kriterien könnten auch einen höheren Anschaffungspreis rechtfertigen.

Stefanie Schönherr Ich glaube nicht, dass sich das Umweltbundesamt oder wer auch immer nicht darauf festlegen wird, pauschal zu sagen, Bio-based first. Hier besteht ein großes Risiko in unendliche Diskussionen zu geraten, weil nachwachsende Rohstoffe häufig in Konkurrenz zum Lebensmittelanbau stehen und damit ethische Fragen auf den Tisch kommen. Daher würde ich mir Biokunststoffe wünschen für meine Verpackungen, bei denen ich nicht in diese ethischen Diskussion geraten würde. Und auch sehr wichtig, der Biokunststoff für meine Balea Dusche zum Preis von 55 Cent, hätte den gleichen Einkaufspreis und die gleichen technischen Eigenschaften.

Robert Czichos Ich glaube, wir sind uns alle am Tisch einig, das wäre ideal. Aber 100-prozentig ökologisch, 100-prozentig unbedenklich, nachgewiesen, geprüft, gestempelt, mit allen technischen Eigenschaften, die ich mir wünsche, plus kostenmäßig auf einer Ebene mit petrochemischen, das wird schwierig.

Prof. Hans-Josef Endres Ich wünsche mir, dass wir in Bezug auf die Bewertung der Werkstoffe gleichberechtigt diskutieren. Ein Beispiel: Der Blaue Engel vergibt den Blauen Engel für Schreibgeräte, wenn ein besonders ressourceneffizienter Werkstoff eingesetzt wird. In den Richtlinien heißt es dann weiter, dass sowohl Rezyklate konventioneller Kunststoffe wie auch Biokunststoffe als ressourceneffiziente Werkstoffe eingestuft werden. Während jedoch beim konventionellen Kunststoff alle Umweltlasten des Primärmaterials beim Rezyklat abgeschnitten werden, muss beim biobasierten Kunststoff zusätzlich auch die soziale Nachhaltigkeit im Bereich des Anbaus der nachwachsenden Rohstoffe nachgewiesen werden was grundsätzlich richtig ist, klar. Aber wieso fragt man denn dann nicht auch, ob auch das Erdöl aus Ländern kommt, in denen der Rohstoff sozial nachhaltig erzeugt wird?

Ralf Mayer Mir scheint das eine schwierige Ausgangsposition zu sein, dass ausgerechnet in den preissensitivsten Bereichen eigentlich die meisten Biokunststoffe eingesetzt werden, also Verpackung für Konsumartikel. Was gibt es eigentlich für andere Bereiche, die nicht so preissensitiv sind?

Katrin Schwede Biokunststoffe finden in fast allen Bereichen Anwendung in denen auch herkömmliche Kunststoffe verwendet werden, zum Beispiel in den Bereichen Bau und Konstruktion, Automobilien, Textilien, Verbraucherprodukte wie Spielzeuge und Sportartikel, Elektronik und elektrische Geräte vom Lautsprecher zum Handy über die Computermaus und der Verkabelung. Mit der steigenden Nachfrage nach Biokunststoffen werden Prozesse effizienter und Preise sinken.

Prof. Hans-Josef Endres Die Wissenschaft liefert die Grundlagen. Aber was wir dann brauchen an der Stelle ist einfach aus meiner Sicht die Industrie. Auch bei Coca-Cola hat man ein Produkt, wo die Verpackung deutlich teurer ist als der Inhalt, und trotzdem hat man ein biobasiertes PET eingeführt. Für diesen Biokunststoff gilt, dass er technisch nicht besser, sondern „nur“ nachhaltiger und teurer ist. An diesen Stellen brauchen wir einfach auch die Vision sowie ein stärker ausgeprägtes ökologisches und soziales Bewusstsein.

Dr. Etwina Gandert Sie sagten vorhin, dass es notwendig sei, eine verlässliche Vergleichbarkeit herzustellen. Gäbe es eine Möglichkeit, einen Parameter zu nutzen, um die Vorteile eines biobasierten Kunststoffs leichter transparent und vor allem glaubhaft zu machen?

Prof. Hans-Josef Endres Also es gibt natürlich die Ökobilanzierung als Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit. Das ist aber ein Instrument, was losgelöst von den Biokunststoffen entwickelt wurde. Es gibt daher noch eine Reihe von Fragestellungen bei der Ökobilanzierung, die für Biokunststoffe nicht ganz geklärt sind. Auch auf der technischen Seite beispielweise in Bezug auf die Herstellung ist aufgrund der häufig noch kleinen Produktionsanlagen eine Vergleichbarkeit schwer herzustellen. Auch die Kommunikation der Ökobilanzergebnisse in Richtung Verbraucher ist ein großes Problem. CO2 ist noch das einfachste, was wir haben. Und selbst wenn wir das dem Verbraucher schon nicht richtig erklären können, dann hat man bei allen anderen Impact-Kategorien im Bereich der Ökobilanz aus meiner Sicht überhaupt keine Chance, dem Verbraucher das zu erklären.

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