Im portugiesischem Marinha Grande produzieren zahlreiche Werkzeug- und Formenbauer Produkte für den Weltmarkt. (Bildquelle: Wort und Form)

Im portugiesischem Marinha Grande produzieren zahlreiche Werkzeug- und Formenbauer Produkte für den Weltmarkt. (Bildquelle: Wort und Form)

„Ich musste es lernen, das gehört zu meinem Geschäft“, beantwortet Joao Faustino − mit einem Augenzwinkern − die Frage des PLASTVERARBEITER, warum er so gut Deutsch spreche. Faustino ist CEO des Unternehmens TJ Moldes in Marinha Grande, einem von zwei Zentren des portugiesischen Werkzeug- und Formenbaus. Die Gemeinde nahe der mittleren Westküste Portugals zählt knapp 39.000 Einwohner, von denen wohl die meisten in irgendeiner Weise mit dem kunststofftechnischem Werkzeugbau oder mit der traditionellen Glasindustrie verbunden sind, die der Region erstmals zu weltweiter Bekanntheit verhalf. Faustinos Aussage steht für ein markantes Merkmal der portugiesischen Werkzeugindustrie − ihre internationale Ausrichtung. Diese prägte bereits die Gründerzeit. Als sich in den 1950-er Jahren die ersten Formenbau-Spezialisten aus dem Umfeld der Glasindustrie lösten und eigene Unternehmen im Bereich Spritzgieß-Werkzeugbau gründeten, mussten sie sich von Anfang an die Anforderungen europäischer Kunden anpassen. Heute exportiert die portugiesische Werkzeugindustrie rund 90 Prozent ihrer Produkte und Dienstleistungen. Vier Fünftel der Ausfuhren haben europäische Länder zum Ziel, aber auch Kunststoffverarbeiter in den USA, in Mexiko, Nordafrika und Asien nutzen die Kompetenz der portugiesischen Spezialisten.

Die Spritzgieß-Werkzeugindustrie ist eine der dynamischsten Branchen des Landes. Gemessen am Wert der produzierten Werkzeuge (rund 700 Mio. EUR pro Jahr) ist sie die Nummer Drei in Europa und die Nummer Acht in der Welt. Im Jahr 2016 wurden Produkte und Technologien im Wert von 625 Mio. EUR ausgeführt. Seit 2010 legten die Exporte um 92 Prozent und die Gesamtproduktion um 78 Prozent zu, wie Manuel Oliveira, Generalsekretär des Verbandes der portugiesichen Werkzeugindustrie, Cefamol, auf einer Pressekonferenz der Messe Stuttgart in Leiria, Portugal, erklärte.

Gefragte Projektpartner der Automobilindustrie

Manuel Oliveira, Generalsekretär des Verbandes der portugiesischen Werkzeugindustrie, Cefamol, auf der Pressekonferenz der Messe Stuttgart in Marinha Grande (Bildquelle: Cefamol)

Manuel Oliveira, Generalsekretär des Verbandes der portugiesischen Werkzeugindustrie, Cefamol, auf der Pressekonferenz der Messe Stuttgart in Marinha Grande (Bildquelle: Cefamol)

Deutschland war aufgrund seiner starken Automobilindustrie jahrelang das wichtigstes Exportland der portugiesischen Formenbauer., wurde aber im vergangenen Jahr durch Spanien von der Spitzenposition verdrängt. 22 Prozent der Ausfuhren gingen in das iberische Nachbarland, Deutschland belegte mit 20 Prozent den zweiten Platz. Die Rangablösung erklärt Oliveira mit dem dynamischen Wachstum insgesamt. Weil die spanische Werkzeugindustrie in Schwierigkeiten geraten war, hätten portugiesische Unternehmen hier möglicherweise Marktanteile übernehmen können. Zähle man die indirekten Exportziele hinzu, dürfte der Anteil der deutschen Industrie aber deutlich größer als 20 Prozent sein, weil viele deutsche Automotive-Zulieferer ein zunehmend globalisiertes Produktionsnetz betreiben.
Die Werkzeugbauer am Westrand Europas haben sich maßgeblich als Projektpartner der internationalen Automobilindustrie. So auch TJ Moldes. Die Kundenliste des 1985 gegründeten Unternehmens liest sich wie das automobilistische Alphabet − von Audi über BMW, Mercedes, Toyota bis zu VW – und umfasst zudem Tier-1-Zulieferer wie Bosch oder Flextronics.

Innovationsstarke, investitions­freudige Industrie

Unternehmen wie etwa TJ Moldes investieren permanent in den Maschinenpark. (Bildquelle: Ralf Mayer, Redaktion Plastverarbeiter)

Unternehmen wie etwa TJ Moldes investieren permanent in den Maschinenpark. (Bildquelle: Ralf Mayer, Redaktion Plastverarbeiter)

Auch außerhalb der Autobranche hat das Unternehmen Fuß gefasst, als ein Beispiel nennt Joao Faustino ein Projekt mit Nespresso zur Produktion von Kaffeemaschinen-Komponenten. „Wir sind stolz auf unsere Erfahrungen und unsere weltweiten Beziehungen“, sagt der CEO, der nebenbei den Verband  Cefamol präsidiert. Exemplarisch steht das 1985 gegründete Unternehmen auch für die Investitionsfreudigkeit der Branche. Die komplexen, oft unter ehrgeizigen Terminvorgaben stehenden Kundenprojekte erfordern eine hohe Flexibilität. TJ Moldes rüstet daher seinen Maschinenpark permanent auf. Dazu gehören High-End-Anlagen wie etwa fünfachsige Fräsmaschinen-Zentren sowie großzügig ausgestatte CAD/CAM-Stationen für die Entwicklung der Ein- und Zwei-Komponenten-Werkzeuge. Um die unterschiedlichen Anforderungen etwa aus der Automobilindustrie erfüllen zu können, fährt TJ Moldes eine standortinterne Spezialisierungsstrategie. Kleine Werkzeuge (bis 1 t), mittlere (bis 10 t) und große Werkzeuge (bis 30 t) werden in separaten Gebäuden mit eigenen Firmennamen produziert. Eine weitere Einheit führt ausschließlich Bemusterungen durch, wobei Größe und Ausstattung der Halle durchaus einem kleineren Spritzguss-Unternehmen gerecht würden. 2K-Spritzgießen, Gas-lnnendruck-Verfahren oder Spritzgießen mit Drehwerkzeugen sind hier unter industriellen Produktionsbedingungen möglich. Erst kürzlich wurde der Schließkraftbereich mit einer 1.600-Tonnen-Maschine von Krauss Maffei nach oben abgerundet.

Joao Faustino, CEO des Unternehmens TJ Moldes. (Bildquelle: Ralf Mayer, Redaktion Plastverarbeiter)

Joao Faustino, CEO des Unternehmens TJ Moldes. (Bildquelle: Ralf Mayer, Redaktion Plastverarbeiter)

Typisch für portugiesische Formenbauer ist zudem ihre Bereitschaft, geografische und kulturelle Grenzen zu überschreiten. Gemeinsam mit Toolpresse, einem portugiesischen Hersteller von Metall-Stanzteilen, hat TJ Moldes jetzt einen Standort in Marokko errichtet. Das Joint-Venture wird Kunststoff- und Metallteile für den dortigen Produktionsstandort von Renault liefern. Ein weiteres Vor-Ort-Projekt im Automotive-Sektor will TJ Moldes demnächst in Mexiko starten.

Cluster wird zur Marke

Komplexe Formen gehören zu den Spezialitäten der portugiesischen Werkzeugbauer. (Bildquelle: Redaktion Plastverarbeiter, Ralf Mayer)

Komplexe Formen gehören zu den Spezialitäten der portugiesischen Werkzeugbauer. (Bildquelle: Redaktion Plastverarbeiter, Ralf Mayer)

Wirtschaftliches Wachstum ist kein Perpetuum Mobile, sondern braucht ständig neue Impulse – von außen und von innen. Die portugiesische Werkzeugindustrie setzt daher konsequent auf die Cluster-Bildung. Mit 450 Unternehmen, die alle in Privatbesitz sind und gesamthaft rund 8.500 Mitarbeiter beschäftigen, ist die Branche eher klein strukturiert. Der Grad der Zusammenarbeit unter den Unternehmen dürfte aber weltweit einzigartig sein. Als kommunikationsfördernd erweist sich einerseits die räumliche Nähe – das zweite Zentrum der portugiesischen Werkzeugindustrie, Oliveira de Azemeis, liegt nur 150 km nördlich von Marinha Grande. Andererseits herrscht eine Mentalität der Offenheit. Man kennt und respektiert sich. „Wir sind Konkurrenten, lassen uns aber nicht auseinander dividieren“, bringt es ein Unternehmsvertreter auf den Punkt.
„Die Unternehmen wurden als Spin-Offs von Mitarbeitern gegründet, die ihr eigenes Geschäft sehr genau kennen“, hebt Rui Tocha, Generaldirektor der Vermarktungsorganisation Pool-Net, hervor. Beste Voraussetzungen, um die Zukunft in einem starken Netzwerk zu koordinieren. Dessen Name „Engineering & Tooling Cluster“ ist Programm: Die Branche will sich als Partner für die gesamte Wertschöpfungskette – vom Design über Engineering und Prototyping, Formenbau bis hin zur Auftragsproduktion – präsentieren. Neben Formenbauern gehören dem Cluster unter anderem auch Engineering- und Marketingfirmen an. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungsinstituten sowie dem Technologiezentrum für Formenbau, Spezialwerkzeuge und Kunststoffindustrie, Centimfe, institutionalisiert. Zur Sicherung des Fachkräfte-Nachwuchses soll der Ausstausch von Mitarbeitern und Praktikanten auf nationaler und internationaler Ebene gefördert werden. Die Mitgliedsfirmen treten unter der eingetragenen Dachmarke „Engineering & Tooling from Portugal“ auf. Ziel von Pool-Net und Cefamol ist es, die Marke international zu etablieren, beispielsweise durch die Organisation von Messe-Auftritten.

Zu den Gründungsmitgliedern des Clusters zählt auch Planinmolde in Marinha Grande, mit 65 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 5,2 Mio. EUR ein typisches Mittelstandsunternehmen mit hohen Qualitätsansprüchen. Bereits 1993 wurde Planinmolde als erster portugiesischer Formenbauer gemäß ISO 9001 zertifiziert. Die Aufträge kommen zu 74 Prozent aus der Automobilindustrie, weitere Zielbranchen sind die Haushaltswaren, Elektrogeräte und Verpackungen. Die Firma hat sich auf mittelgroße Werkzeuge bis 8 t spezialisiert.

Komplexe Werkzeuge bevorzugt

Dabei scheinen in puncto Komplexität keine Grenzen gesetzt. „Wir realisieren hochkomplexe Formen für die neuesten Technologien der Kunststoffverarbeitung“, sagt Celia Anunciacao, Commercial and Quality Director bei Planinmolde. Als Beispiele nennt sie unter anderem 3K-Werkzeuge oder Drei-Phasen-Werkzeuge mit Lift-and-Turn-System für den Zweikomponenten-Spritzguss, in denen durch austauschbare Kerne und Kavitäten vier unterschiedliche Versionen von Kunststoffteilen gefertigt werden können. Planinmolde produziert zum Beispiel auch Formen für den 2K-Mi-krospritzguss sowie für das Mucell-Schaumspritzgieß-Verfahren. Derzeit errichtet das Unternehmen am Standort Marinha Grande eine 2.000 m2 große neue Spritzgieß-Fabrik für Bemusterungen und Kleinserienproduktionen.
Planinmolde, TJ Moldes und zahlreiche weitere portugiesische Unternehmen werden an der Moulding Expo (30. Mai bis 2. Juni) in Stuttgart als Aussteller präsent sein.

Dominanz der Autoindustrie reduzieren

Weiteres Wachstum, Innovationsförderung, der Ausbau der Netzwerke, die Qualifizierung von Fachkräften, sowie die Erweiterung der Wertschöpfungskette upstream und downstream sind wichtige Ziele des Engineering & Tooling Clusters – Erfolge sind hier überall erkennbar. Kaum (stastitisch sichbare) Fortschritte sind dagegen bei einem weiteren Ziel zu verzeichnen: die Reduzierung der Abhängigkeit von der Automobilindustrie auf einen Anteil nahe 50 Prozent. Aktuell sind 74 Prozent der Werkzeug-Produktion für den Automotive-Sektor und 10 Prozent für den Verpackungssektor bestimmt, während die vom Cluster definierten Zielmärkte der Zukunft, Luftfahrt (1 Prozent), medizinische Geräte (1 Prozent) und Elektronik (2 Prozent) nach wie vor eine Nebenrolle spielen. „Wir sind auch in diesen Märkten gewachsen“, sagt Cefamol-Generalsekretär Manuel Oliveira, „aber die Autoindustrie ist ein dynamischer Markt, der unsere Unternehmen täglich fordert.“ Auf diesem Markt seien die portugiesischen Werkzeugbauer aufgrund ihrer Kompetenz und Erfahrung in hohem Maße wettbewerbsfähig und in viele anspruchsvolle Projekte involviert. Deshalb werde Automotive auch in kommenden Jahren der mit Abstand wichtigste Bereich bleiben. „Aber wir halten die Augen offen nach Gelegenheiten, unsere Kompetenzen noch mehr in andere Märkte einzubringen.“

 

Moulding Expo in Stuttgart

Im Fokus der Moulding Expo (30. Mai bis 2. Juni 2017 in Stuttgart) stehen der Werkzeug-, Modell- und Formenbau mit Spritzgieß-, Druckguss-, Gießerei-, Stanz- und Umformwerkzeugen sowie verschiedene Verfahren des Modell- und Prototypenbaus. Komponenten und Zubehör, Werkzeugmaschinen, Bearbeitungswerkzeuge, Messtechnik und Sondermaschinen, Software, Anlagen und Dienstleistungen für den Werkzeug, Modell- und Formenbau runden das Ausstellungsspektrum ab. Neben allgemeinen Themen zur 3D-Technik und zu additiven Fertigungsverfahren bietet die Moulding Expo Gelegenheit, um sich über konkrete Lösungen in diesem Bereich zu informieren. Florian Schmitz, Projektleiter der Moulding Expo: „Alle denkbaren Anwendungen, vom klassischen Prototypenbau über den Aufbau konturnah kühlbarer Werkzeugeinsätze bis zur Fertigung von Präge- und Schneidwerkzeugen oder zum Rapid Tooling wird man bei den ausstellenden Unternehmen finden.“ Das Thema 3D sei – auch bis zum Thema Ausbildung – auf der Moulding Expo breit abgebildet. An der Messe werden rund 700 Aussteller aus 30 Ländern ihr Leistungsangebot präsentieren. Zur Premiere der Moulding Expo im Jahr 2015 kamen 620 Aussteller und rund 14.000 Fachbesucher nach Stuttgart. Die Messe Stuttgart ist Veranstalter der Moulding Expo. Sie wird unterstützt vom Bundesverband Modell- und Formenbau (MF), dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA Werkzeugbau), dem Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF), dem Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) sowie dem Weltverband der Werkzeug- und Formenbauer ISTMA.

Infos zur Moulding Expo

 

 

Über uns

Über den Autor

Ralf Mayer

ist Chefredakteur Plastverarbeiter.

ralf.mayer@huethig.de