BASF hat in Zusammenarbeit mit Ito Design und Interstuhl einen neuen Bürostuhl entwickelt. Der Prototyp des Teamup Chairs wurde erstmals im Oktober auf der K 2016 präsentiert.

Der Rohstoffhersteller liefert nicht nur Materialien und unterstützte die Kunden und Designer bei der Auslegung technischer Bauteile mit dem Simulationswerkzeug Ultrasim, sondern greift auch frühzeitig neue Trends in der Möbelindustrie und Arbeitswelt auf. Vor diesem Hintergrund schrieb die Designfabrik der BASF 2014 einen Wettbewerb aus, mit dem Ziel eine neue Gattung von Stuhl zu entwickeln, die den sich abzeichnenden Veränderungen der Bürowelt Rechnung trägt. Ito Design, Nürnberg, war der Gewinner des Wettbewerbs.

Von der Idee zum wegweisenden Bürostuhl-Konzept

Armin Sander, Geschäftsführer von Ito Design: „Der Schlüssel zum Erfolg sind zukünftig veränderbare Büroumgebungen, die Zusammenarbeit fördern und Teamarbeit mit ihren verschiedensten Arbeitsformen optimal abbilden. Diese Umgebungen sind hochmobil und funktionieren wie ein Organismus, der ständig in Bewegung ist und sich den ändernden Anforderungen problemlos anpassen kann. Deshalb lag unser Hauptaugenmerk bei der Entwicklung des Teamup-Konzepts auf drei Themenfeldern: Zusammenarbeit, Lernen, soziale Kontakte.“ Der Teamup ist ein Adhoc-Mikroarbeitsplatz, um Menschen zu verbinden, aber auch konzentrierte Einzelarbeit zu ermöglichen. Er bildet unabhängige Arbeitsräume und lässt sich individuellen Anforderungen anpassen. In dem Stuhl-Konzept werden Mobilität und Funktionalität eines Seminarstuhls mit dem Komfort eines Sessels und der Atmosphäre eines privaten Raums verbunden.

Interstuhl, ein namhafter Büromöbelhersteller mit deutscher Entwicklung und Fertigung, wurde als Produktionspartner gewonnen. Frank Gfrörer, Managing Director bei Interstuhl: „Bereits bei der ersten Präsentation des Projektes Teamup waren wir überzeugt, dass es sich hierbei um ein zukunftsweisendes Projekt handelt, das neue Maßstäbe setzt und den verändernden Bedingungen in der Arbeitswelt Rechnung trägt.

Vielfältige Materialauswahl für Funktionalität und Komfort

Viele der vorteilhaften Eigenschaften des Stuhls ergeben sich erst durch die verwendeten Materialien, die deshalb eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Stuhls spielten. Der Rohstoffhersteller stellt für das Projekt fast 20 verschiedene Materialien zur Verfügung, von den Rädern bis hin zur Polsterung. Bestehend aus einer Kombination aus Ultramid und Ultraform sorgen die Räder für optimale Gleit-Reibeigenschaften. Die zusätzliche Ummantelung mit dem Polyurethan-Gießelastomer Elasturan optimiert die Griffigkeit der Räder für eine Vielzahl von Bodenbelägen.

Die Polster des Teamup Chairs setzen sich aus Cosypur und Elastoflex W, zwei Polyurethanschäumen, die für Druckentlastung und Federungskomfort sorgen, zusammen. Beide Schäume sind in unterschiedlichen Härtegraden herstellbar. Der Tablarträger besteht aus Ultramid Structure LFX, dem Hochleistungspolyamid mit Langglasfaser-Verstärkung. Es ist besonders steif und zäh und eröffnet so zahlreiche Möglichkeiten für Metallersatz. Das Tablar selbst kann wahlweise aus Ultramid umspritzt mit Elastollan für einen weichen haptischen Eindruck (soft touch), oder aus Ultramid SI hergestellt werden. Dieses Sichtpolyamid findet sich auch im Gestellrahmen des Stuhls. Es vereint die für Polyamide typischen technischen Eigenschaften mit einer besonders wertigen Oberflächenanmutung und erfüllt damit höchste Anforderungen in der Möbelherstellung. Darüber hinaus befindet sich in der Mittel- und Sitzschale des Stuhls der wasserbasierte, formaldehydfreie Acrylatharz Acrodur. Die Beschichtung Valure verleiht der Sitzschale und der Rückenbaugruppe des Stuhls eine hochwertige Haptik und eröffnet viele Gestaltungsmöglichkeiten in Struktur und Farbe.

Jens Müller, Segment-Marketing EMEA für den Bereich Möbel bei Performance Materials, BASF: „Mit dem Teamup Chair verfolgen wir ein marktfähiges Produktkonzept mit späterer Serienfertigung. Daher wurden auch die besonders kritischen Bauteile wie Gestell einschließlich Sitzschale, Tablar und Tablarträger von unseren Ultrasim-Experten berechnet, um eine optimale Auslegung der Bauteile und Werkzeuge zu gewährleisten.“

 

Nachgehakt: Interview mit Armin Sander, Geschäftsführer von Ito Design, Nürnberg

Wie kommt der Kunststoff in das Design Ihrer Stühle?

Armin Sander Am Anfang steht immer ein Konzept verbunden mit einer ersten Designidee. In dieser Phase werden zunächst nur sehr allgemeine Überlegungen zu Umsetzbarkeit und Materialauswahl angestellt. Oftmals steht aber am Beginn einer Produktentwicklung eine neue innovative Funktion oder Technologie im Vordergrund. Hier beginnen wir sehr früh nach konkreten Materiallösungen zu suchen, die unseren Anforderungen an Funktion und Design ideal entsprechen. Hierfür greifen wir auf ein interdisziplinäres Expertennetzwerk zurück. Im Diskurs der Experten findet schließlich der Kunststoff Schritt für Schritt seinen Weg ins Produkt.

Wann wissen Sie welches Bauteil aus welchem Werkstoff gemacht wird?

Armin Sander Das ist von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich. Bei der Entwicklung des Teamup haben wir diese Überlegungen sehr früh angestellt, um eine Auswahl der Performance Materials entsprechend ihrer jeweiligen Stärken den entsprechenden Bauteilanforderungen zuzuordnen. Gerade die Faltfunktion des Schirmes hat uns da einiges Kopfzerbrechen bereitet. Hier haben wir sehr früh begonnen, verschiedenste Materialien und Technologien zu testen. Wir haben uns durch Experimentieren der Ideallösung immer weiter angenähert. Dieser Prozess hat uns über weite Teile des Projektes begleitet.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei Ihren Entwürfen?

Armin Sander Das Thema Nachhaltigkeit hat innerhalb unserer Produktentwicklungen einen hohen Stellenwert. Hier sehen wir ganz klar unsere Verantwortung als Designer, an den entscheidenden Schnittstellen mitzuwirken, um nachhaltigen Produktideen zu noch mehr Marktakzeptanz zu verhelfen. In unserem Berufsalltag als Designer sind das ganz konkret die sortenreine Trennbarkeit von Materialien. Hier haben sich inzwischen Standards entwickelt, die sich in entsprechend ausgelegten Anforderungskriterien neuer Produkte durch die Hersteller widerspiegeln. Hier sind uns als Designer allerdings auch Grenzen gesetzt, da es immer Partner braucht, die unserer Argumentation für mehr Nachhaltigkeit auch folgen und umsetzen.

Natürliche oder Natur-ähnliche Materialien liegen im Trend. Wie geht das aus Ihrem Blickwinkel mit Kunststoff zusammen?

Armin Sander Gerade dort wird es für uns als Designer interessant. In diesem Spannungsfeld industrieller Produktion und deren Verbindung mit natürlichen oder naturähnlichen Materialien. Wir sehen hier großes Potenzial und Nachholbedarf. Wir als Industriedesigner sehen das weniger als Trend sondern vielmehr als Notwendigkeit und Weiterentwicklung. Das Interessante daran ist, das vermeintlich Unperfekte und Natürliche mit dem industriellen Streben nach Gleichheit und Reproduzierbarkeit zu verbinden. Das von Ito Design entwickelte Sunderra Scape Terrassensystem verbindet beispielsweise die Vorteile von Kunststoffen und Naturmaterialien in einem Sandwich. Der dadurch entstehende Mehrwert zeigt sehr deutlich, das zwischen natürlichen oder Natur-ähnlichen Materialien und Kunststoff kein Widerspruch sondern ein Zusammenhang besteht.

Gibt es Grenzen für Kunststoff beim Stuhl?

Armin Sander Insbesondere bei Drehstühlen trifft der Kunststoff besonders bei der zentralen Drehstuhlmechanik an seine Grenzen. Die hierbei benötigten Kraftquellen sind zum Beispiel durch Metallfedern deutlich besser abbildbar. Bei konstruktiven Teilen, wo statische Aspekte im Vordergrund stehen und durch entsprechende Füllstoffe im Kunststoff abgesichert werden müssen, gibt es häufig Limitierungen hinsichtlich Farbgebung und Oberflächenstruktur.

Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de