Institutsleiter Prof. Dr. Martin Bastian sieht das gesamte SKZ durch die Übernahme von Mainsite-Analytik gestärkt.(Bildquelle: Redaktion Plastverarbeiter, rm)

Prof. Dr. Martin Bastian, Institutsleiter SKZ Kunststoff-Zentrum, Würzburg. (Bildquelle: Redaktion Plastverarbeiter, rm)

Welches waren für Sie die wichtigsten thematischen Highlights auf der K 2016?
Prof. Dr. Martin Bastian: Im Vergleich mit der K 2013 habe ich den Eindruck, dass die Kunststoffindustrie jetzt wirklich im Thema Industrie 4.0 angekommen ist. Klar im Vordergrund steht dabei die Smart Factory. An vielen  Ständen wurden Bausteine vorgestellt, die auf die Realisierung einer modernisierten Produktion in einer transparenten Fabrik abzielen. Dies kann der erste Schritt sein zu einer komplett regelbaren und später vielleicht zu einer sich selbst regulierenden Fabrik. Wenngleich wir davon aktuell noch sehr weit entfernt sind. Die technologischen Fortschritte der vergangenen Jahre versetzen uns aber schon heute in die Lage, große Datenmengen konsequenter zu nutzen. Verbesserte Sensorik, angepasste Schnittstellen und leistungsstarke Software erlauben es, Daten an den relevanten Stellen im Prozess zu erfassen und quasi in Echtzeit zu verarbeiten. So lässt sich der digitale Workflow gezielter nutzen, um die Prozessregelung zu optimieren und letztendlich die Produktqualität sowie die Produktionseffizienz zu steigern.  Solche konkreten, sichtbaren Erfolge können dabei helfen, die Unsicherheiten abzubauen, die heute noch in Bezug auf Datentransfers beispielsweise in Clouds bestehen.

Können Sie ein weiteres Highlight benennen?
Bastian: Sehr beeindruckend sind die Fortschritte, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der additiven Fertigung erzielt wurden. Mit der Vorstellung des Freeformers auf der K 2013 hat Arburg hier offenbar eine Initialzündung ausgelöst. In diesem Jahr wurden zahlreiche perfektionierte Lösungen präsentiert, die den Weg zur additiven Fertigung von Serienbauteilen – natürlich oft in begrenzter Stückzahl und eher für kleinere Bauteile – öffnen. Neben gerätetechnischen Verbesserungen wurde auch das Spektrum der einsetzbaren Rohstoffe enorm erweitert. So lassen sich inzwischen sogar weiche Materialien wie etwa Silikone oder TPEs mit additiven Verfahren verarbeiten.

Bei welchen Themen sehen Sie noch verstärkten Handlungsbedarf?
Bastian Aus meiner Sicht deutlich zu wenig prominent repräsentiert ist das Thema intelligente Qualitätssicherung. Hier sehe ich noch viel Potenzial, zumal es für die unter zunehmenden Wettbewerbsdruck stehenden Kunststoffverarbeiter überlebenswichtig ist, qualitativ hochwertige Produkte wirtschaftlich zu fertigen. Die Minimierung von Ausschuss ist dabei ein wichtiger Faktor. Deshalb ist es notwendig, Qualitätssicherung verstärkt in den Prozess zu integrieren, das heißt, qualitätsrelevante Daten direkt in der Produktionslinie automatisch zu erfassen und zu analysieren. In der Praxis lässt sich dies z. B. umsetzen mit integrierten Thermografie-Stationen, Gewichtskontrollen direkt am Greifer oder Farbkontrollen direkt an der Maschine – und nicht erst mit halbstündiger Verspätung in der nachgeschalteten Qualitätskontrolle (etwa in der Farbkammer).

Wo sehen Sie weiteres Entwicklungspotenzial?
Bastian: Eine zentrale Zukunftsaufgabe, an der noch viel gearbeitet werden muss, ist die Flexibilisierung der Anlagetechnik. Denn der allgemeine Trend geht in Richtung Individualisierung der Produkte, während die Kunststoffverarbeitung ihre hohe Wirtschaftlichkeit traditionell aus der klassischen Serienproduktion schöpft. Die zunehmende Variationsvielfalt der Produkte bedingt aber vermehrt kleinere Losgrößen, wodurch die Stückkosten tendenziell ansteigen. Deshalb werden flexible Konzepte, die schnelle Produktwechsel mit effizienten Anlagenumbauten und einfachen Anpassungen der Werkzeuge oder totalen Verzicht auf formgebundene Fertigung ermöglichen, immer wichtiger. Es gilt also, Werkzeugrüstzeiten und Reinigungsprozesse zu verkürzen sowie Dosiereinheiten einzusetzen, die schnell zwischen Material A und Material B switchen können. Auch der Einsatz von Stammwerkzeugen, in denen sich unterschiedliche Teile ähnlicher Art in sehr guter Qualität wirtschaftlich produzieren lassen, ist im Bedarfsfall ein wesentlicher Beitrag zur Flexibilisierung.