Covestro an der Börse: und jetzt?

Am 6. Oktober 2015 um 9.21 Uhr läuten der Vorstandsvorsitzende Patrick Thomas (links) und Finanzvorstand Frank Lutz das Börsenzeitalter für Covestro ein.
(Bildquelle: Covestro)

Im Herbst 2014 entschied der Vorstand von Bayer, die Rohstoffsparte Materialscience (BMS) vom Mutterkonzern abzuspalten und binnen der nächsten eineinhalb Jahre als eigenständiges Unternehmen an die Börse zu bringen. Hauptgrund hierfür war die geplante Neuausrichtung von Bayer als reines Life-Science-Unternehmen mit den Sparten Healthcare (Medikamente) und Cropscience (Landwirtschaft). „Wir sind überzeugt, dass diese strategische Entscheidung sowohl für Bayer als auch für Materialscience positiv ist und es beiden Geschäftsteilen ermöglicht, langfristig Wert zu schaffen“, sagte Marijn Dekkers, Vorstandsvorsitzender von Bayer, als er die Abspaltung im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse des 3. Quartals 2014 bekanntgab. Das war im Grunde eine gute Nachricht für die Kunststoffsparte. Zumindest eine Chance, im globalen Wettbewerb besser zu bestehen als gegen die Konkurrenten im eigenen Haus. Denn Bayer Materialscience steckte gegen die beiden anderen, gewinnträchtigeren Sparten oftmals zurück. Das wirkte sich auf das eigene Geschäft aus: Im Vergleich zu den anderen beiden Sparten erwirtschaftete BMS gemessen am Umsatz geringere Margen: Trotz 28 Prozent Umsatzanteil im Jahr 2014 steuerte die Sparte nur 13 Prozent zum Konzerngewinn bei. Außerdem verdiente sie vor dem 1. Quartal 2015 fünf Jahre lang nicht genug, um die eigenen Kapitalkosten zu decken. Als eigenständiges Unternehmen aber ist BMS  gemessen am Umsatz (11,7 Mrd. EUR im Jahr 2014) das viertgrößte Chemieunternehmen Europas. Dann kann es sich Kapital an der Börse besorgen, ohne mit den beiden anderen Sparten darum konkurrieren zu müssen.

Covestro an der Börse: und jetzt?

Der Stammsitz bleibt Leverkusen. Hier befinden sich außerdem die europäische Forschungsabteilung sowie Produktionsanlagen.
(Bildquelle: Covestro)

Der Börsengang kommt ins Rollen

Knapp ein Jahr später, am 1. September 2015, verliert das Unternehmen den namentlichen Bezug zum Mutterkonzern und heißt fortan offiziell Covestro, ein Kunstwort aus collaboration (dt.: Zusammenarbeit), invest (investieren) und strong (stark). Seitdem ist es wirtschaftlich und rechtlich eigenständig, blieb aber zunächst eine vollständige Tochtergesellschaft von Bayer.

Am 6. Oktober ging Covestro an die Börse. Dieser Schritt war ursprünglich für spätestens Mitte des Jahres 2016 angekündigt worden. Aufgrund der günstigen Rahmenbedingungen entschieden sich die Verantwortlichen für einen Termin Anfang Oktober 2015. Dann trübten sich die Aussichten auf den Aktienmärkten aber ein. Schuld war im Wesentlichen Volkswagen, dessen Aktien aufgrund der zu erwartenden Strafzahlungen wegen der manipulierten Abgasmanagement-Software unter Druck gerieten – und mit diesen der ganze Aktienindex Dax. Infolge dessen senkte Covestro einerseits den Ausgabepreis und andererseits die Anzahl der ausgegebenen Aktien. Statt dem vorherigen Ziel von 2,5 Mrd. EUR sammelte das Unternehmen dadurch stattdessen 1,5 Mrd. EUR an frischem Kapital ein. Dieses Geld diente vornehmlich dazu, seine Schulden beim Mutterkonzern Bayer zu tilgen. Letzterer besitzt jetzt noch rund 69 Prozent der Anteile an Covestro.

Der Schuldendienst war überdies Voraussetzung, um das angestrebte Investment-Grade-Rating zu erhalten. Eine Orientierung von Rating-Agenturen für potenzielle Investoren also, die Aktien eines Unternehmens zu kaufen oder eben nicht. Es ging alles gut: Einen Tag nach dem Börsengang, am 7. Oktober, erhielt das Unternehmen von Moody’s ein Rating der Kategorie Baa2 mit stabilem Ausblick. Das bedeutet, die Rating-Agentur hält Covestro-Anteilsscheine für eine durchschnittlich gute Anlage. „Wir freuen uns sehr, dass mit der Bewertung von Moody’s unser angestrebtes solides Investment-Grade-Rating erreicht wird“, erklärte Finanzvorstand Frank Lutz. „Das Rating reflektiert unsere solide Bilanzstruktur und schafft damit eine gute Voraussetzung für unsere Unternehmensfinanzierung.“ „Die Eigenständigkeit“, resümiert  Vorstandsvorsitzende Patrick Thomas, „wird es uns ermöglichen, unsere Stärken im globalen Wettbewerb noch schneller, effektiver und flexibler auszuspielen.“

 

Covestro an der Börse: und jetzt?

Covestro geht mit großen Schritten in Richtung Eigenständigkeit: „Als eigenständiges Unternehmen hat Covestro kürzlich zusätzlich ein paar neue Abteilungen eingerichtet, deren Aufgaben bisher von zentralen Bereichen bei Bayer wahrgenommen wurden“, erläutert Wolfgang Miebach, Leiter des Corporate Office von Covestro. Eine eigene Finanzabteilung, Investor Relations und die Steuerabteilung gehören dazu.
(Bildquelle: Covestro)

Manches anders, vieles besser

Die ersten Schritte in diese Richtung beschreibt Wolfgang Miebach, Leiter des Corporate Office von Covestro: „Als eigenständiges Unternehmen hat Covestro kürzlich zusätzlich ein paar neue Abteilungen eingerichtet, deren Aufgaben bisher von zentralen Bereichen bei Bayer wahrgenommen wurden.“ Eine eigene Finanzabteilung, Investor Relations und die Steuerabteilung gehören dazu. Allerdings würden sich „die Standorte des Unternehmens nicht grundsätzlich ändern“. Beispielsweise bleibt Leverkusen der Stammsitz von Covestro. Was „grundsätzlich“ aber auch meint, darauf geht Patrick Thomas auf der Fakuma-Pressekonferenz näher ein: Er kündigte an, die IT und Standorte zu optimieren, und „uns so aufzustellen, wie es ein eigenständiges Unternehmen ermöglicht.“ Analog dazu wurde die TDI-Produktion am Standort Brunsbüttel bereits Anfang September 2015 beendet. Solche Maßnahmen waren als Bayer-Sparte schwieriger umzusetzen. Denn „mit Bayer gab es manchmal Interessenkonflikte, wenn es um Produktionsoptimierungen ging“, fügt Thomas hinzu.  „Die Steigerung unserer Effizienz ist bei Covestro wie zuvor bei Bayer eine Daueraufgabe. Dazu gehört auch die regelmäßige Überprüfung unserer Produktionsstandorte auf ihre Wettbewerbsfähigkeit. Unsere jetzige Eigenständigkeit bietet die Möglichkeit, diese Überprüfungen allein aus der Perspektive eines Polymerproduzenten vorzunehmen und halt nicht als Teil eines Konzerns mit starkem Fokus auf die Life Sciences.“ Dennoch bleiben „ die Kundenbeziehungen und das Portfolio von Covestro grundsätzlich erhalten“, betont Miebach. Und die deutschen Mitarbeiter sind durch eine Betriebssicherungsvereinbarung bis Ende 2020 geschützt, die betriebsbedingte Kündigungen verhindert. Dennoch gibt es einige Verschiebungen, wie Miebach ausführt: „Im Zuge der Gründung der neuen Abteilungen und Funktionen sind einige Hundert Mitarbeiter aus den bisherigen Bayer-Servicegesellschaften und der Holding zu Covestro gewechselt.“

Unternehmen im Detail: Covestro

Mit einem Umsatz von 11,7 Mrd. EUR im Jahr 2014 gehört Covestro zu den größten Polymer-Produzenten der Welt. Geschäftsschwerpunkte sind das Herstellen von Hightech-Polymeren – im Wesentlichen Polyurethane und Polycarbonate sowie Komponenten für Lacke, Kleb- und Dichtstoffe sowie Spezialitäten. Die wichtigsten Abnehmerbranchen sind die Automobilindustrie, die Elektro-/Elektronik-Branche sowie die Bau-, Sport- und Freizeitartikel-Industrie. Das Unternehmen produziert an 30 Standorten weltweit und beschäftigte Ende 2014 rund 14.200 Mitarbeiter.

David Löh

Über den Autor

David Löh

ist Redakteur des Plastverarbeiter.
david.loeh@huethig.de