DSC_0195Harald Wollstadt Es kursiert eine kleine Story über Industrie 4.0, die in etwa das Idealbild darstellt. Ein Geschäftsmann hat seine Anreise zu einem Termin mit Auto, S-Bahn und dem Flugzeug geplant. Dafür stellt er abends passend seinen Wecker um die S-Bahn und den Flug pünktlich zu erreichen. Es ist alles durch geplant, wie lange er mit dem Auto unterwegs ist, die Zeit für die S-Bahn-Fahrt, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Es tritt der Worst Case ein. In der Nacht wird der Flug aufgrund eines Triebwerkschaden gecancelt und die Passagiere umgebucht. Die ganze Planung ist Makulatur. Laut Industrie 4.0 würde sich nun der Wecker des Geschäftsmannes automatisch umstellen. Mit einbezogen wäre ein eventuelles erhöhtes Verkehrsaufkommen, sodass er die S-Bahn pünktlich erreicht. De facto würden alle Datenquellen angezapft, um den Ablauf der Geschäftsreise anpassen zu können. Dies ist die Idealvorstellung im Kontext zu Industrie 4.0. Herr Manzei, Sie haben eine Studie zu Industrie 4.0 erstellt, was sind ihre Erkenntnisse daraus?
Christian Manzei Zunächst einmal hat sich herausgestellt, dass die Sichtweise von Industrie 4.0 in den Unternehmen grundsätzlich positiv ist. Das heißt, wir haben  bei der Befragung positive wie negative Aussagen vorgegeben und die höchste Zustimmung stets bei den positiven Statements erhalten. Zudem gehen über 90 Prozent der Befragten davon aus, dass Industrie 4.0 kommen wird. In welcher Form, kann man im Moment noch nicht wirklich sagen. Ich bin sicher, es wird mehr sein als das, was wir derzeit sehen. Ich vergleiche es einmal mit dem PC-Bereich. Heute ist ein PC mehr als ein Gerät mit dem man große mathematische Berechnungen oder wissenschaftliche Analysen macht. Und ich denke, dass Industrie 4.0 zu einer ähnlichen Veränderung führen wird. Nur kann man jetzt noch gar nicht so wirklich abschätzen, was sich alles ändert und wann der Prozess abgeschlossen sein wird.
Hierzu ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Befragten gehen davon aus, dass Industrie 4.0 in acht bis neun Jahren zum Standard in der Branche gehören wird. Wir sprechen da über das Jahr 2022, 2023. Und da ist auch wieder die Analogie zum PC-Bereich, wo es ebenfalls lange gedauert hat, bis die PCs im Büroalltag verbreitet waren.

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Christian Manzei (Think Company)

Harald Wollstadt Sie sagen, befragte Unternehmen. Welche Unternehmen sind befragt worden?
Christian Manzei Es wurden Maschinenbauer und Automatisierer befragt, aber auch Endkunden, wobei es insbesondere größere Unternehmen waren, hauptsächlich aus dem Lebensmittelbereich. Zum Beispiel wurde die Einschätzung, wann Industrie 4.0 zum Branchenstandard wird, abgefragt. 8,3 Jahre gab eine Gruppe an und 8,9 Jahre die andere. Die Zustimmung, dass Industrie 4.0 kommen wird, lag bei
92 beziehungsweise 98 Prozent, wobei man natürlich auch fairerweise sagen muss, dass es Unternehmen waren, die bereits eine gewisse Affinität zum Thema hatten. Auch haben wir abgefragt, welche Abteilungen Industrie 4.0 voranbringen. Da sieht es bei den Maschinenbauern und bei den Endkunden in etwa gleich aus. Es wird insbesondere der technische Bereich sein, das heißt die Konstruktion, die technische Leitung und auch die Automatisierung. Dies zeigt auch den unterschiedlichen Stellenwert, den das Thema hat. Industrie 4.0 ist in diesen Unternehmen (noch) kein strategisches Thema.

Harald Wollstadt Herr Weber, können Sie uns den Tenor als Vertreter der Maschinenhersteller im VDMA wiedergeben? Sie haben sicher Arbeitsgruppen zu Industrie 4.0?
Harald Weber Also ich spreche vor allem für den Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen. Es wird schon so gesehen, dass das für die Kunststoffbranche ein wichtiges Thema ist. Industrie 4.0 kommt viel aus der Automatisierung, Fertigungstechnik, wo das Werkstück vorgibt, wie es bearbeitet werden möchte. Also nicht ausgehend vom Kunststoffgranulat-Körnchen. Wir haben einen Technikkreis, in dem  die einhellige Meinung herrscht, Industrie 4.0 wird kommen und wir müssen mitmachen, sonst machen es andere vor uns.

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Harald Weber (VDMA Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen)

Wie auf der Chinaplas festzustellen war, schaut die ganze Welt nach Deutschland, nach Europa. Es heißt zwar, es gibt viel Konkurrenz, wie Amerika mit dem Industrial Internet Consortium und China, das auf das Internet of Things setzt. Aber es gibt wohl wenig Greifbares, wie Herr Kühmann, unser Fachverbandsgeschäftsführer, in Gesprächen feststellte. Die Chinesen erwarten, irgendwann eine Box Industrie 4.0, die sie von uns kaufen können. So leicht ist es dann auch wieder nicht. Die Amerikaner haben wohl einen anderen Fokus auf das Thema. Die hätten gerne eine App für das Smartphone, mit dem sie alles steuern können. Und Deutschland möchte einen Rundumschlag, wo wirklich auch alles mit jedem vernetzt ist.
Es gibt viel, was man mit Industrie 4.0 bezeichnen kann. Grob gesehen ist es eine Vernetzung von Maschinen, was wiederum aber schon lange gemacht wird. Die Frage ist, wie ändert sich die Einstellung in den Köpfen? Gibt es neue Geschäftsmodelle, die darauf basieren? Feststeht aber: Man muss etwas machen, sonst machen es andere. Sonst werden wir standardisiert von anderen, andere legen die Dinge fest, schaffen Geschäftsmodelle, bekommen die Hoheit über die Daten. Auch dies ist ein wichtiger Punkt: Wem gehören die Daten am Ende?
Gehören sie dem Maschinenhersteller, dort wo sie generiert werden? Gehören sie dem Kunden, der die Maschine
betreibt? Gehören sie einem Cloudanbieter? Und wer haftet für die Daten? Das sind natürlich alles Fragen, die das Ganze bremsen. Ohne ein griffiges
Geschäftsmodell ist die Investitionslust gebremst. So werden auch rechtliche Fragen und Sicherheitsfragen nicht geklärt. Aber, so lang die Fragen nicht geklärt sind, kann ich auch
kein vernünftiges Geschäftsmodell aufbauen.

Harald Wollstadt Wir haben von der Firma Wittmann drei Vertreter am Tisch. Da Sie mit dem Modell Wittmann 4.0, bereits auf dem Markt unterwegs sind, stellt sich die Frage, wie weit sind sie?

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Michael Tolz (Wittmann Deutschland)

Michael Tolz Herr Weber hat bereits ein paar wichtige Dinge angesprochen. Das eine ist, wir müssen die Daten miteinander verbinden, um Fehler frühzeitig zu erkennen und auszuschließen. Ob das jetzt ein Trockner ist oder das Temperiergerät, das die Daten von der Spritzgießmaschine bekommt und sich dann darauf einstellt. Beim Materialwechsel ist die Frage, muss ich alle Komponenten umstellen oder reicht es, wenn ich eine Komponente neu konfiguriere und es stellen sich alle anderen zugeordneten Komponenten auf das verwendete Material automatisch um? Das bedeutet auch, ich eliminiere Fehler, die durch den Werker entstehen können, der eine Komponente unter Umständen vergisst.
Und das Zweite, wir müssen was tun, sonst tun es anderer. Wir haben lange genug gewartet, dass etwas Übergeordnetes passiert. Im Vergleich zu anderen Firmen haben wir natürlich den großen Vorteil, dass wir eine komplette Produktpalette liefern können. Unsere Maschinen kommunizieren bereits untereinander. Da kann ihnen Herr Rella Genaueres erklären.
Wir müssen aber zwei Dinge trennen. Was können wir als Wittmann tun, wenn nur unsere Maschinen miteinander arbeiten, weil es noch keinen Standard gibt? Und was tun wir, wenn wir verschiedene Komponenten, unter anderem eben auch übergeordnete Steuerungen des Kunden, miteinander verbinden.

Harald Wollstadt Die Software ist im Prinzip der Backbone für Industrie 4.0. Herr Rella, ihre Sicht als Softwareentwickler?

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Johannes Rella (Wittmann Kunststoffgeräte)

Johannes Rella Ja, absolut. Die Branche hat in den letzten Jahren über Feldbusse gesprochen, man hat mit einem CAN-Bus verbunden oder mit einer RS-485-Schnittstelle. Da musste man sich immer aufs Bit genau einigen, wann und was übertragen wird. Wenn man sich jetzt den Bereich Internet anschaut, gibt es vielfältigere Möglichkeiten. Im Internet werden seit Jahren Daten gehandelt, Daten übertragen. Das heißt, dort sind die Technologien dafür bereits vorhanden. Ein wichtiges Schlagwort dafür ist Service-oriented Architecture. Das bedeutet, dass einzelne Server Services zur Verfügung stellen, die von anderen Computern abgefragen werden können. Dazu wurden Protokolle, Telegramme entwickelt, sogenannte Webservices, die eben genau das, was wir auch für die Industrie benötigen, in einer sehr gut programmierbaren Weise ermöglichen. Mit solchen Webservices können Sie die Semantik von Daten übertragen. Sie müssen sich nicht mehr über Bits unterhalten, sondern können Datentypen, können Bedeutung von Daten hineinpacken. Und das ist für mich aus Softwaresicht wichtig.
Auch im Internet hat sich Ethernet etabliert, dass verwenden wir bereits bei jedem Computer, denn jeder Computer hat eine IP-Adresse. Sie schließen den Computer an und brauchen sich nicht um eine Baudrate zu kümmern. Das macht der Ethernet-Chip für Sie. Auch um Abschlusswiderstände brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Wir haben uns bei Wittmann diese Technologie angeschaut und dann sukzessive in unsere Geräte eingebaut. Unsere Peripheriegeräte, die Roboter und die Spritzgießmaschinen unterstützen die Service-oriented Architecture. Damit hat man ein schönes, modulares System, in welchem man die Geräte quasi Plug & Produce zusammenstecken kann und diese sich automatisch konfigurieren. Das machen wir beispielsweise innerhalb einer Fertigungszelle. Uns war wichtig, dass wir mit überschaubaren Mitteln rasch etwas wirklich Vorteilhaftes für den Kunden erreichen. Er hat dann sozusagen den Werkzeugdatensatz, in dem alle Daten und Einstellungsparameter vorhanden sind, die die einzelnen Peripheriegeräte und die Spritzgießmaschine benötigen. Wenn dieser Datensatz auf der Spritzgießmaschine ausgewählt wird, dann wird nicht nur die Maschine entsprechend konfiguriert, sondern es werden auch alle Daten an die Peripheriegeräte in der Arbeitszelle übertragen.

Harald Wollstadt Es sind zwei Stichworte gefallen: Standardisierung und Ethernet. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo wir den sogenannten Ethernet-Krieg hatten. Jeder hat einen Standard gesetzt und versucht diesen durchzusetzen. Herr Kreissl, kommt es jetzt wieder zu einem Standardisierungskrieg?

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Jürgen Kreissl (Wittmann Robot Systeme)

Jürgen Kreissl Es wird wohl so sein. In den Schnittstellen liegt natürlich das Geheimnis, um Industrie 4.0 zu koppeln, aufzusynchronisieren und zu verbinden. Wir sind aktuell in der Findungsphase. Früher war das einfacher, da hatte man Ein-/Ausgänge (I/Os), hat sie definiert und eine gewisse Funktion dahintergelegt. Jetzt sprechen wir über intelligente Schnittstellen, wo man sich zuerst auf einen speziellen Punkt einigen muss. Da sind Abhängigkeiten, die man beachten muss. Oder verschiedene Steuerungsarten sowie kleinere Feldbus-Systeme, die verwendet werden und die man anpassen muss. Durch das Einsetzen von IPCs in Standardroboter, haben wir mittlerweile gleich Ethernet-Schnittstelle zur Verfügung und können so relativ einfach nach außen zu peripheren Geräten kommunizieren. Unter unseren eigenen Produkten ist es natürlich noch einfacher, fast schon Plug & Play. Alles was nach außen geht zum Endkunden, Drittkunden sowie zu Lieferanten wird schwierig. Ich glaube, den größten Aufwand gibt es hier, damit Industrie 4.0 funktioniert. Denn es ist eine große Bandbreite, wie man 4.0 versteht. Bei dem ersten Step Industrie 1.0 war es einfach. Das war ein Webstuhl. Auch die Fließbandfertigung war etwas Greifbares. Aber die Datenvernetzung für 4.0 ist global zu sehen. Denn wie kommen die Daten von Punkt A nach Punkt B und C? Da sind so viele Hürden und das Internet ist noch das Einfachste. Aber wie kommt man dann wieder in das Firmennetzwerk durch die ganzen Firewalls? Eine unendliche Geschichte. Da vergeht noch einige Zeit mit sehr, sehr vielen zu klärenden Punkten.

Harald Wollstadt Intelligente Kommunikation? Hier drängt sich mir das Thema künstliche Intelligenz auf. Daten sammeln, austauschen innerhalb der Produktion sowie mit der Umwelt. Herr Blocher wie sehen Sie das?

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Anselm Blocher (Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz)

Anselm Blocher Das Problem ist, wie Herr Tolz richtig gesagt hat, die horizontale Vernetzung über Produktionen und Unternehmen hinweg. Einmal kann man, überspitzt formuliert, die Maschinen intelligenter machen. Das heißt, die Maschinen sind in der Lage, in einer semantischen Notation, zu beschreiben, was sie tun und werden so von anderen Maschinen verstanden. Man legt eine Schicht in der die Funktionalitäten abgebildet werden, über die Maschinen und erreicht Effekte wie beispielsweise Plug &
Produce. Es lassen sich dann bestimmte Assets austauschen und abfragen, welche Maschinen-Funktionalitäten zur Verfügung stehen, die bei einer bestimmten Produktion gebraucht werden. Dann lässt sich eine Linie oder ganze Anlagen entsprechend konfigurieren, je nachdem, welche Auftragslage gerade vorliegt.
Bei Wittman funktioniert dies offensichtlich. Dort ist sozusagen die Kommunikationsschicht bereits erfüllt. Es wurde so bereits ein Standard gesetzt. Ich muss zugeben, ich weiß nicht, wie groß die Marktmacht von Wittmann ist, aber sie könnten nun diesen Standard nach außen tragen, nicht nur zu ihren Kunden, sondern auch zu den Lieferanten und es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung getan.

David Löh Brauchen wir für Industrie 4.0 einen einzigen, umfassenden Standard? Herr Blocher hatte schon angedeutet, wie wichtig die Maschinenintelligenz ist.
Harald Weber Ich bin jetzt nicht so tief in der Technik drin, aber es geht nicht so einfach. Zwar wurde jetzt von der Plattform  Industrie 4.0 ein Referenz-Architekturmodell aufgestellt, was aber kein Industrie 4.0 Standard ist. Ein Beispiel wurde bereits  genannt und ist jetzt in der Umsetzung, nämlich die Schnittstelle zwischen Spritzgießmaschinen und Roboter. In Arbeit ist auch eine Schnittstelle Spritzgießmaschine/Leitrechnern (MES-System) und darauf halten wir vom VDMA den Blick drauf, das letztlich alles zusammenpasst. Man muss insgesamt aufpassen, dass kein Wildwuchs entsteht. Und das ist eine Sache, die durch Verbände gelöst werden kann. Aber für eine übergeordnete Datenaustauschebene scheint mir OPC-UA recht gut etablierbar.

Harald Wollstadt Wir reden über Technik, was auch richtig ist, aber jeder definiert Industrie 4.0 scheinbar anders? Herr Manzei, haben sie Erkenntnisse dazu aus ihren Studien?
Christian Manzei Also aus der Studie direkt lässt sich keine konkreten Aussagen treffen. Was aber sehr schön zu erkennen ist, dass Industrie 4.0 die Trends, die im Fertigungsbereich bestehen, erfüllen kann. Laut unserer Befragung waren dies: Schnellere Anpassung der Produktion an unterschiedliche Produktvarianten, Information über den aktuellen Status aller Produktionsbereiche in Echtzeit, und kurzfristige Anpassung der Kapazitäten an Marktschwankungen. Die ersten beiden Punkte betreffen die Prozesse im Unternehmen als autarke Einheit. Betrachtet man aber die dritte Forderung, dann ist so etwas nur möglich, wenn man bildlich gesprochen nach Außen geht. Diese Anpassung an Marktschwankungen würde im Sinne von Industrie 4.0 heißen, wenn in Heidelberg um 12:35 Uhr an einem Cola-Automaten eine Cola Light gezogen wird, diese Information  an die Zentrale weitergeleitet wird, wo alle 537.000 Cola-Automaten deutschlandweit zusammenlaufen und daraus abgeleitet wird, dass der Bedarf an Cola Light höher wird als erwartet und der Absatz für normale Cola sinkt. Also müssen mehr Grundstoffe für Cola Light geordert werden und entsprechend viele PET-Flaschen muss der Kunststoffverarbeiter mehr produzieren.
Wenn das so umfassend funktioniert, ist es aus meiner Sicht Industrie 4.0. Dann ist die Rückkopplung vom Markt umgesetzt. Der Casus knacksus ist die Öffnung des Datenstroms aus dem Unternehmen für andere Unternehmen. Erst dann wird es Industrie 4.0.

Harald Wollstadt Herr Bannholzer, wie sehen sie dies?
Volker Bannholzer Industrie 4.0 ist keine Produktionsanleitung , sondern ein Konzept, das eine Produktions- und Servicephilosophie beinhaltet, die auf Vernetzung, Digitalisierung und Zusammenarbeit setzt. Ein ganz wesentlicher Punkt meines Erachtens ist, dass dieses Konzept unbedingt einer konzisen Kommunikationsstrategie und einer gesellschaftlichen Diskussion bedarf. Wie alle Innovationen beruhen solche Konzepte auf einer Kommunikation mit allen Teilnehmern in den Märkten, die davon Kenntnis erlangen und die davon überzeugt werden müssen. Und das ist genau der Punkt, an dem wir im Moment stehen.  Industrie 4.0 ist zwar in aller Munde, aber die darunterliegende Idee/Strategie, wie man gemeinsam dieses Konstrukt nutzbar machen kann, wird nicht kommuniziert. Und das ist glaube ich die Herausforderung, vor allem mit Blick auf den Mittelstand.

 

Industrie 4.0 in neun Jahren Realität

Volker Banholzer (TU Nürnberg)

Harald Wollstadt Ich habe das Gefühl, das dieses Konzept noch nicht festgelegt ist. Ich finde es gut, dass Firmen wie Wittmann sagen, wir haben Komplettanlagen, die untereinander kommunizieren. Aber das ist klassische Automatisierung. Industrie 4.0 heißt doch, reagieren auf Einflüsse von außen. Und dann kommt Big Data ins Spiel. Daten sammeln, Daten abziehen und regulieren, Daten sicherstellen.
Michael Tolz Wie gesagt, die Sicherheit der Daten ist ein Problem. Aber ich sehe es nicht ganz so kritisch. Jeder weiß, dass Industrie 4.0 die Verknüpfung von verschiedenen Teilnehmern zu einem Ganzen ist. Sicher wären viele Firmen schon weiter, trauen sich aber nicht aufgrund der Intersecurity. Solange sie intern bleiben können, ist alles in Ordnung. Schwieriger wird es, wenn wir aus der Fabrik und dem Firmennetzwerk hinausgehen. Unser Wunsch wäre es auch, dass wir rechtzeitig Lieferdaten von unseren Lieferanten bekommen, dass sich Lieferzeiten für Komponenten, die wir benötigen, verändern oder gleichbleiben. Aber das trauen wir uns nicht, weil Angst besteht, dass dann unsere ganzes System für alle Leute offen ist. Nicht  unbedingt für den Datenabzug zur Spionage, sondern eher vor einem Virus, der uns das System lahmlegt. Wo legen wir also die Grenzen bei Industrie 4.0, inbesondere im Sinne der Sicherheit?
Christian Manzei Industrie 4.0 ist ein stark IT-getriebenes Thema. Es geht aus der Werkhalle hinaus und es kommen neue Player ins Spiel. Es geht nicht mehr nur um die möglichst effiziente Herstellung eines Produktes, es geht um die Wertschöpfungskette. Um den automatischen Austausch mit meinen Lieferanten, um die Rückmeldung aus dem Markt in die Produktion, um die Optimierung von Logistik und Lieferungen in verschiedenste Länder der Welt.
Volker Bannholzer Ist das nicht eine zu starke Fokussierung auf das Thema IT? Natürlich kam der Begriff Industrie 4.0 über die IT, aber ich erinnere mich an einen Vortrag eines Maschinenbauers, der sagte, Vernetzung und Automatisierung können wir, aber bis wir von der Fertigungsebene, auf den Shopfloor kommen, müssen wir unsere Organisation auf dem Shopfloor lean gestalten.
Anselm Blocher Wie können Informationen über die Wertschöpfungskette transportieren, sei es nun im Unternehmen oder sei es auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Ich nenne nur das Schlagwort semantisches Produktgedächtnis, in dem Informationen über das Produkt selbst und über die Produktion ablegt sind. Es müssen ja nicht alle Informationen jederzeit an jedem Ort zur Verfügung stehen.

Harald Wollstadt Muss im System kommuniziert werden oder ist dies über eine Cloud möglich?
Michael Tolz Das ist schwierig. Es kann eher andersrum funktionieren. Eine Firma der Größenordnung wie Siemens stellt die Produkte in einer
Cloud zur Verfügung inklusive Lieferzeiten und Stückzahlen, und der Zulieferer kann diese abrufen, wann er möchte.
Jürgen Kreissl Industrie 4.0 kann nur mit einer gewissen Öffnung der eigenen Systeme oder einer teilweisen Öffnung funktionieren, um den notwendigen Datenaustausch zu realisieren. In der lokalen Ebene wird es schon praktiziert. Es ist dann noch möglich, dass von weiteren Lieferanten noch Produktionskennzahlen übermittelt werden, vielleicht über eine Cloud oder über ein ein PPS-System, aber die richtige Synchronisation, wie es Herr Manzei schon gesagt hat, um auf aktuelle Veränderungen reagieren zu können, dafür ist ein Umdenken notwendig. Es ist heutzutage ja schon schwierig eine Fernwartung durchzuführen.
Christian Manzei Zwei Dinge vielleicht noch aus der Studie zum Thema Standardisierung: In der Befragung war man sich einig, dass es nicht den einen Standard geben wird, sondern dass es jeweils einen branchenspezifischen Standard gibt. Zum Thema Offenlegung: Öffnung nach draußen, was sie, Herr Kreissl, angesprochen hatten, ohne eine Öffnung funktioniert es nicht. Dieser Standard muss also ein offener Standard sein. Und dafür muss es vermehrt zu Kooperationen kommen, insbesondere zu Kooperationen mit IT-Unternehmen.
Johannes Rella Wir können nicht darauf warten, dass man sich im VDMA über den Austausch der Daten mit Semantik einigt. Wir kennen die Euromap 63, die zwar Ethernet verwendet, aber das File Transfer Protocol, wo einfach Dateien geschrieben werden, ist ein mühsamer Weg und fehleranfälliger Weg. Deswegen haben wir bei Wittmann gesagt, wir bieten eine offene Schnittstelle nach außen über Webservices an. Die kann man weitergeben, nach einem ganz bestimmten, definierten Konzept. Wenn sie heute einem Entwickler eine sogenannte WSDL-Datei geben, kann er sofort was damit anfangen.
Auf VDMA-Seite zeichnet sich der neue Standard Euromap 77 ab, der basiert auf OPC-UA. Das ist eine sehr gute Entwicklung, die auch wir befürworten. Weil es genau die zwei Technologien, auf der einen Seite die Internettechnologie, die Plattformunabhängigkeit der Webservices, und auf der anderen Seite das OPC-DA (Data Access) verbindet. OPC-DA hat sich in der Industrie gut etabliert und es gibt viele Firmen, die es verwenden. Denn OPC-UA ist ganz bewusst plattformunabhängig entwickelt, setzt auf Internettechnologien auf, nutzt aber wiederum Dinge der Abstraktion, die von OPC-DA bekannt sind. Und deswegen wird es sich durchsetzen.
Harald Weber Also wir merken, das ein großes Informationsbedürfnis vorhanden ist. Meist wird nach einer Definition für Industrie 4.0 gefragt. Deshalb ist es wichtig, mit Beispielen zu kommen.
Also für mich ist die Klammer, die sehr abstrakt ist, ich tausche Daten und nutze sie. Dafür muss ich mir Gedanken machen, welche Daten ich austauschen kann und wie ich diese aus-
tausche. Erfolgt dies über eine Cloud, mache ich es über eine Direktver-
bindung, über Firmennetzwerke oder VPN? Und dann steht natürlich noch die Frage im Raum, was macht man mit den Daten? Wie generiere ich
einen Nutzen? Aber dies muss jeder Maschinenhersteller für sich ent-
scheiden. Big Data und Datenaustausch heißt nicht, du verlierst dein Know-how. Dies zu erklären und Nutzwerte daraus abzuleiten, ist die Herausforderung. Zwar werden Daten an Nachbarmaschinen oder Nachbarorganisation abgegeben, aber man bekommt auch Daten und kann diese verwenden.
Und da müssen wir die Kunden abholen und darauf hinweisen, wenn du deine Schnittstellen aufmachst, kannst du auch einen Nutzen generieren. Man muss quasi anfangen, wie Google zu denken. Die sammeln Daten, werten diese aus und generieren wieder einen Nutzen. Als Smartphone-Nutzer bin ich ja auch bereit meine Daten oder GPS-Koordinaten abzugeben, denn ich bekomme im Gegenzug zum Beispiel Staumeldungen.

Harald Wollstadt Das überwiegt momentan in den Gesprächen über Industrie 4.0?
Michael Tolz So wie Herr Kreissl es vorhin gesagt hat. Die Firmen haben Angst durch eine VPN-Tunnelung für eine Fernwartung ein Securityproblem zu bekommen. Lieber zahlt der Kunde eine Techniker-Anfahrt. Alle warten darauf, dass es einen sichereren Standard gibt.

David Löh Aber gibt es denn überhaupt eine Möglichkeit?
Jürgen Kreissl Ich glaube, darin liegt das Geheimnis für Industrie 4.0. Es wird immer einen Versuch für einen Missbrauch geben. Aber wie gesagt, das Datensammeln und Verwerten ist das Geheimnis und was den Mehrwert bringt.
Anselm Blocher Ich gehe davon aus, dass es Missbrauchsmöglichkeiten immer geben kann, weil selbst die sichersten Systeme angegriffen werden können. Wir haben alle aus den Medien erfahren, dass der Bundestag durch Hacker angegriffen wurde, der Bundesrat und die Bundesregierung aber nicht, weil diese sich für ein besseres, sichereres System entschieden haben. Ein anderes Problem ist, dass die IT-Abteilungen in den Unternehmen häufig zu klein sind.
Johannes Rella Lassen Sie mich dazu anmerken, dass die viel größere Gefahr eigentlich von den Mitarbeitern der Firma selbst ausgeht. Die schleusen eventuell unbedacht einen Trojaner ein, weil sie einen mitgebrachten USB-Stick anstecken. Das ist eine viel größere Gefahr.
Michael Tolz Es ist oft schwierig, einen zweiten IT-Mann genehmigt zu bekommen, weil IT kein Geld produziert. IT kostet zu erst einmal nur Geld. Wenn wir es schaffen nachzuweisen, dass durch zwei oder drei zusätzliche IT-Leute, sich Industrie 4.0 rechnet, haben wir gewonnen.
Volker Bannholzer Ich darf da gleich insistieren. Also die Mitarbeiter bleiben in der Kommunikation rund um Industrie 4.0 meist außen vor. Diese Diskussion ist auf Geschäftsführungsebene oder respektive in der Politik beheimatet. Denken sie an die Studie der Ing-Diba, die mit einer Schlagzeile zitiert wurde: 18 Mio. Arbeitsplätze werden durch Industrie 4.0 wegfallen. Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit, dass im Betrieb die Sensibilisierung für neue Konzepte, für Sicherheitslücken oder den Beitrag von verschiedenen Abteilungen zum Gesamtkonzept Industrie 4.0 geschärft werden muss. Das ist eine dringende Aufgabe, der sich Unternehmen und vor allem Mittelständler annehmen müssen.
Anselm Blocher Darf ich gleich mal anschließen? Die Akzeptanz ist durchaus sehr positiv. Es gibt natürlich immer Bedenken. Den Betriebsräten und auch den Werkern ist bewusst, dass eine Veränderung mit Industrie 4.0 kommen wird.

Harald Wollstadt Ich sehe eine Vielzahl von kleinen Herausforderungen, die dafür sorgen, dass Industrie 4.0 zum Scheitern verurteilt ist. Es erinnert ein wenig an CIM. Ein ganz wesentlicher Punkt muss hier die Kommunikation sein. Es muss mehr passieren, dass die Idee Industrie 4.0 mit einem positiven Ansatz in die Köpfe transportiert wird. Momentan überwiegen die Ängste um den Arbeitsplatz, um den Verlust der Daten und geklaute Produktideen, oder um die Rechte. Wir sprechen ja immer von der industriellen Revolution. Wäre Evolution nicht angebrachter?
Volker Bannholzer Vollkommen richtig, die Zeiträume in denen wir denken sollten, werden 9 bis 12 Jahre betragen. Diese Evolution braucht Zeit. Was wir nicht falsch machen dürfen, ist, jetzt unzählige Slogans mit Industrie 4.0 zu kommunizieren, die dann früher oder später abgedroschen sind und nicht mehr wahr genommen werden. Geduld und Kontinuität sind gefragt. Es ist eine Evolution, die kommunikativ, weder von Marketingseite noch von medialer Seite, weder überstrapaziert noch vernachlässigt werden sollte. Wir haben mit Industrie 4.0 einen sehr deutsch geprägten Begriff, der aber als Akronym zum Beispiel in chinesischen Medien oder in der chinesischen Wirtschaft übernommen wird. Die internationale Dimension dürfen wir meines Erachtens auch nicht aus den Augen lassen. Zudem müssen wir uns sehr genau anschauen, was auf dem amerikanischen Kontinent diskutiert wird, und vor allem in den Zukunftsmärkten Afrika und Asien.
Michael Tolz Zum Thema Arbeitsplatzvernichtung habe ich einen wichtigen Satz vom VDMA gehört. Deutschland ist ja kein Exportweltmeister, weil wir Hafer exportieren, sondern Maschinen und Anlagen. Das heißt für uns als Maschinen- und Anlagenbauer kommt durch Industrie 4.0 mehr Arbeit auf uns zu und nicht weniger. Wir müssen hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen, damit diese Blackbox, die unsere Anlagen sind, datentechnisch transparenter wird.
Also ich sehe es eher als Motor für
den Standort Deutschland, der sich ja damit rühmt, dass er die besten Arbeitskräfte der Welt hat. Bestens ausgebildet, durch ein tolles Bildungssystem. Natürlich werden wir wahrscheinlich ein paar Arbeitsplätze im unteren Segment verlieren, aber wir werden hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen.
Harald Weber Industrie 4.0 kostet Arbeitsplätze, aber mit dem Zusatz: Wenn wir nicht mitmachen. Sonst kommen die Geschäftsideen, mit den optimierten Produkten auf den Markt, und wir haben das Nachsehen. Damit meine ich, die Frage ist letztendlich nicht, ob wir mitmachen, sondern wie wir mitmachen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Volker Bannholzer Ich stimme vollkommen zu, dass wir durch Industrie 4.0 mehr Arbeitsplätze im hochqualifizierten Bereich schaffen. Aber gerade deshalb muss es zu einem sogenannten Gestaltungsdiskurs kommen. Es fallen zunächst geringqualifizierte Arbeitsplätze weg, aber wir schaffen neue Arbeitsplätze, die qualifizierter zu besetzen sind. Wir dürfen die Schattenseiten oder respektive die Nebeneffekte nicht vergessen und müssen diese unbedingt mit in den Gestaltungsdiskurs aufnehmen. Es steht uns gesamtgesellschaftlich gut zu Gesicht, wenn wir genau diese zwei Punkte mit beleuchten und auch auf politischer Ebene Lösungen herbeiführen.

Harald Wollstadt Kommunikation ist bei dem Thema Industrie 4.0 ganz wichtig. Kommunikation auf der Datenebene und Kommunikation in Richtung der verschiedenen Zielgruppen. Jeder Part muss hier seinen Teil erfüllen. Die Firmen untereinander, damit die Technik stimmt und zusammenwächst. Die Verbände, mit ihren Arbeitsgruppen, um die verschiedenen Teilnehmer auf technischer Ebene zusammenzubringen. Und die Medien, die hoffentlich neutral darüber berichten. Und die Politik auf der anderen Seite, dass sie Regularien entwirft um das Thema voranzubringen.
Die Diskussion, wie wir sie jetzt geführt haben, müsste an dieser Stelle auf verschiedenen Ebenen weiter diskutiert werden. Deshalb möchte ich die Diskussion an dieser Stelle gerne beenden und in zwei Diskussionsrunden an einem anderen Termin fortsetzen. Ich bedanke mich bei Ihnen, für die angeregte Diskussion. n