Anforderungen an Kunststoffe für sichere Spielwaren

Durch die Detailtreue der Figuren
wird die Fantasie der Kinder angeregt,
Situation „wie im richtigen Leben“ im Spiel abzubilden. Die Farbgebung spielt dabei eine wichtige Rolle. Dafür arbeitet Schleich ausschließlich mit Lieferanten zusammen, die zum einen regelmäßig von der internen QS auditiert und zum anderen auch von externen Gesellschaften wie zum Beispiel die ICTI zertifiziert werden. (Quelle:Schleich)

Spielen verbindet Menschen generationenübergreifend und ist für die kindliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung. In der technischen Entwicklung von Spielwaren ist ein Trend zu mehr Komplexität zu beobachten. „Spielwaren werden immer vielfältiger in ihren Funktionen. Das bringt ein Verschmelzen des Spielmaterials der Offline-Welt mit den elektronischen Anwendungen in der Online-Welt mit sich. Dabei spielen Produkte aus Kunststoff ganz vorne mit“, meint Ernst Kick, Vorstandsvorsitzender der Spielwarenmesse in Nürnberg. Spielwaren können ja aus unterschiedlichsten Werkstoffen hergestellt werden. „Da Kunststoff den Spielwaren die größte Gestaltungsfreiheit für die Form- und Farbgebung bietet, bevorzugen Hersteller diesen Werkstoff“, so der Experte. Als Spielwarenhersteller und Kunststoffverarbeiter stellt Andreas Weber, VP Operations, Schleich, Schwäbisch Gmünd, fest: „Die Ansprüche der Verbraucher sind  zurecht sehr hoch. Spielwaren, vor allem für jüngere Kinder, werden oftmals in den Mund genommen. Deshalb sind die chemischen Eigenschaften der Farben und Kunststoffe von wesentlicher Bedeutung.“

Farben lassen Kinderaugen leuchten
Bei Schleich ist die Abstimmung zwischen Kunststoff und Farbe besonders zu beachten, denn die Figuren zeichnen sich durch Detailtreue und eine feine Farbgestaltung aus. „Wir haben schon viele interessante Materialien abgemustert, die aus Sicht der Kunststoffeigenschaften wie Spritzbarkeit, Elastizität, Gewicht, Haptik sehr gut waren, aber dann leider doch an dem Problem „Farbhaftung“ gescheitert sind. Umgekehrt gilt das auch für Farben.“ Aus seiner Sicht geht der Trend weg von Lösungsmitteln. „Doch ganz ohne Lösungsmittel wird es nicht funktionieren, die Haftung der Farbe an der Oberfläche des Trägermaterials ist entscheidend.“ Derzeit ist die Entwicklung eines wasserbasierten Farbsystems und dessen Abstimmung auf die Kunststoffe eine große technische Herausforderung, fügt Weber hinzu.
Gerade Farbe und Haptik sind bei Spielwaren besonders wichtig. Auch aus diesem Grund treiben Rohstoffhersteller hier neue Entwicklungen voran. „Grundsätzlich gilt für die Produktentwicklung von Spielwaren, wie für andere Entwicklungen auch, dass man die Anwendung und die daraus resultierenden Anforderungen an das Compound genau kennen muss, um ein maßgeschneidertes Produkt zu entwickeln. Hierbei kommen auch dem Verarbeitungsfenster große Bedeutung bei“, sagt Dr. Dörte Scharnowski Product Development Specialist bei Albis Plastic, Hamburg. Die eingesetzten Farbmittel, das heißt Farbstoffe oder Pigmente, sollten auf die Polymere, Additive und Füllstoffe abgestimmt sein, da hier unter Umständen Wechselwirkungen untereinander auftreten. „Im Anwendungsfall Spielwaren erfragen wir die Anwendung, da hier die Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG vorschreibt, dass für Spielzeuge mit möglichem Lebensmittelkontakt wie zum Beispiel Puppengeschirr und Spielzeug für Kleinkinder die EU-Richtlinie für Lebensmittelbedarfsgegenstände angewandt werden muss. Diese Richtlinien beeinflussen in erheblichen Maße die Auswahl der einsetzbaren polymeren Rohware, Füllstoffe, Additive und Farbmittel sowie deren Einsatzmenge im Compound. Für Farbmasterbatche gilt dies ebenso, jedoch liegt hier die Verantwortung beim Verarbeiter, die vorgegebene Dosiermenge einzuhalten“, so Dr. Scharnowski weiter. „Unserer Erfahrung nach greifen Verarbeiter für Spielwaren aufgrund der häufigen Farbwechsel und kleinvolumigen Anwendungen gerne auf Farbmasterbatches zurück. In der Vergangenheit liefen Projekte mit speziellen Entwicklungszielen, um bestimmte Farben mit Effektpigmenten zu erzielen.“ Auch aus Sicht von Dirk Schöning, Bereichsleitung Vertrieb bei AF-Color, Zweigniederlassung der Akro-Plastic, Niederzissen, werden Leuchteffekte ohne elektrische Beleuchtung,  Metallic-Effekte und  Interferenzeffekte besonders nachgefragt von Produktentwicklern.

Anforderungen an Kunststoffe für sichere Spielwaren

Die Schleich-Figuren sind naturgetreu nachgebildet. (Quelle:Schleich)

Ähnliches stellt Lars Tonnecker, Vertriebsleiter der Grafe-Gruppe in Blankenhain fest: „Die hohe Relevanz von Masterbatches für nachleuchtende Kunststoffe ist ungebrochen. Die starke Nachfrage seit mehreren Jahren bestätigt diesen Trend und die Bedeutung dieser Masterbatches. Konnte früher lediglich eine Farbe angeboten werden, gibt es heute verschiedene Möglichkeiten der Farbdarstellung nachleuchtender Kunststoffe. Daneben steigt auch die Nachfrage unserer magnetischen Compounds für die Produkte der Spielzeugwarenindustrie stetig. Die Herausforderung für uns liegt im Spagat zwischen der eingeschränkten Auswahl an Pigmenten und Additiven mit Spielzeugzulassung und der zunehmenden Individualisierung sowie Farbtreue der Produkte mit der geringen Toleranzgrenzen innerhalb der Produktionsbreite.“
Farbgebung, verbunden mit schnellen Farbwechseln in der Produktion, feine Geometrien, Detailtreue und eine angenehme Haptik sind Faktoren für Kaufentscheidungen von Verbrauchern. Für solche Anforderungen sind beispielsweise auch gute Fließeigenschaften von Kunststoffen notwendig. „Dadurch lassen sich komplizierte Geometrien und homogene Oberflächen realisieren. Zudem müssen sich TPE-Compounds durch beste mechanische Eigenschaften auszeichnen: Besonderen Wert legen Spielwarenhersteller auf die Zugfestigkeit und Abriebeigenschaften der TPE“, erklärt Dr. Geissinger, Produktmanager EMEA, Kraiburg TPE, Waldkraiburg. „Auch die Anforderung an Hart-Weich-Verbindungen in Kombination mit Soft-Touch-Oberflächen ist gestiegen. Alle Thermoplastischen Elastomere von Kraiburg TPE für den Bereich Spielwaren entsprechen den Regularien DIN EN 71 sowie den Lebensmittelzulassungen FDA und (EU) 10/2011.“

Anforderungen an Kunststoffe für sichere Spielwaren

Für Spielwaren gilt die Richtlinie über die Sicherheit von Spielzeug (2009/48/EG). „Neben wesentlichen chemischen Anforderungen wird der Hersteller stärker in die Pflicht genommen, zum Beispiel indem er für jedes Spielzeug eine Sicherheitsbewertung durchführen und eine umfangreiche technische Dokumentation (einschließlich Materiallisten) bei Nachfrage durch Behörden vorlegen muss“, erklärt Rainer Weiskirchen vom Tüv Rheinland. (Quelle: Tüv Rheinland)

Sicherheit bei Spielwaren
Das Thema Sicherheit ist ebenso bei der Spielwarenherstellung von Bedeutung und die Zusammenarbeit zwischen Rohstofflieferanten und Spielwarenherstellern sollte bereits in der Produktentwicklung eng verzahnt sein. „In erster Linie ist es erforderlich, dass die Materialien sicherheitstechnisch und chemisch geeignet sind, das heißt die einschlägigen Normen wie die Europäische Spielzeugrichtlinie und weitere Anforderungen müssen eingehalten werden. Weiterhin müssen die Materialien exakt nach Angaben des Materialherstellers verarbeitet werden (Spritztemperatur, Zusammensetzung)“, erklärt Rainer Weiskirchen, Pressesprecher, Tüv Rheinland, Nürnberg. Die letztendliche Verantwortung liegt beim Hersteller der Spielwaren und aus diesem Grund muss dieser den Überblick über die geltenden Richtlinien in den Absatzmärkten haben.

„Grundsätzlich besteht bei Spielzeug in Europa keine Prüfpflicht – der Hersteller muss allerdings nachweisen können, dass sein Spielzeug der oben genannten Richtlinie entspricht. Der Markt regelt diese Frage allerdings auch selbst: normalerweise ist kein Spielzeug im Groß- und Einzelhandel absetzbar, welches nicht von einem renommierten Prüfhaus, wie zum Beispiel von Tüv Rheinland, umfassend geprüft ist.“ Beim Schwäbisch Gmünder Hersteller Schleich sorgen neben den regelmäßigen Prüfungen durch anerkannte Prüflabors auch ein internes Prüfsystem für Sicherheit, dass den direkten Lieferanten wie auch deren Zulieferer einbezieht.
Dr. Weber von Schleich fügt hinzu: „Zudem haben wir ein Projekt mit der GIZ (Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) erfolgreich abgeschlossen, in dem ein System, zur Rückverfolgung der Entstehung eines Produktes über Firmengrenzen hinweg entwickelt und in Betrieb genommen wurde. Dem „Wir haben nichts zu verbergen“-Motto folgend, kann für jede einzelne Spielfigur bis hinunter zum Farbpigment nachvollzogen werden, was wo und wann verwendet wurde. Dadurch ist die Produktsicherheit transparent nachvollziehbar.“

Drei Kategorien in der neuen Spielzeugnorm EN71
Zu den wichtigen Sicherheitsregularien zählt seit 2007 die Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (Reach-Verordnung), welche die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien regelt. „Die GMP (Good Manufacturing Practice)-Verordnung der EU für Kunststoffe mit Lebensmittelkontakt trat 2008 in Kraft und regelt die Verarbeitung und Wertschöpfungskette der Kunststoffe im Lebensmittelbereich und bei sogenannten sensiblen Anwendungen“, führt Dr. Scharnowski von Albis aus. „Die neue Spielzeugnorm EN71-3:2013 ersetzt seit dem letzten Jahr die alte EN71-3:1994, die nur zwischen normalen Spielwaren und Knete oder Fingermalfarben unterschied. In der neuen Spielzeugnorm gibt es nun drei Kategorien, für die bestimmte Grenzwerte gelten. Hier fallen die Kunststoffe unter die Kategorie III mit der etwas irreführenden Bezeichnung „abgeschabte Spielzeugmaterialien“.

Bei der Auswahl der Zuschlagstoffe, Additive und Farbmittel prüft Albis die Bestätigungen der Lieferanten und berechnet den Anteil an Elementen im Kunststoffcompound, um sicherzustellen, dass das Produkt die in der Norm geforderten Grenzwerte einhält. „Wir führen selbst keine Migrationsuntersuchungen durch. Mit der Messung wird geprüft, wie groß der Anteil an Stoffen ist, die in einem bestimmten Medium aus dem Kunststoff herausgelöst werden. Dies sollte am fertigen Artikel, dass heißt am Spritzgussteil, durchgeführt werden“, so Dr. Scharnovski. Für die Zukunft erwartet die Expertin eine stärkere Nachfrage nach Kunststoffen in Spielwarenanwendungen, die nicht nur den Spielzeugnormen genügen, sondern auch für den Lebensmittelbereich geeignet sind. „Die stärkere Internationalisierung der Branche mit den unterschiedlichen Regelungen sowie die gestiegene Sensibilisierung der Verbraucher für das Thema Schadstoffe in Spielwaren wird dazu beitragen.“ Hierzu ergänzt Dr. Weber von Schleich: „Bei der Aufklärung, was „gefährlich“ beziehungsweise „nicht gefährlich“ bedeutet, kommt auch der Presse eine wichtige Rolle zu. Es macht wenig Sinn, weltweit anerkannte Grenzwerte um den Faktor 10 nach unten zu setzen und dann Spielwaren zu testen und reihenweise als „gefährlich“ zu bezeichnen. Das ist keine fundierte Aufklärung von Verbrauchern, sondern eine reißerische Story. Hier liegt es in der Hand der Verbraucher, sich möglichst umfassend zu informieren und nicht nur auf eine Informationsquelle zu vertrauen.“

 

Anforderungen an Kunststoffe für sichere Spielwaren

Bunte Farben machen Spielwaren aus Kunststoff reizvoll für Kinder. Dafür müssen Hersteller einige Richtlinien einhalten. (Quelle: Spielwarenmesse)

Messe im Detail – Spielwarenmesse 2015
Die Spielwarenmesse steuert auf einen Spitzenwert zu. Über 2.800 Unternehmen haben sich für die Fachmesse angemeldet. Rund 75.000 Fachbesucher werden aus 120 Ländern erwartet, um ihr Sortiment an Spielwaren, Hobby- und Freizeitartikeln für die nächste Saison zusammenzustellen. Trends der Spielwarenmesse: Little Scientists jonglieren mit Zahlen und tüfteln an neuen Technologien, Express Yourself – Entdecken, Verstehen, Selbermachen – Kreativität Marke Eigenbau, Beyond Reality – Im Kinderzimmer ist heute schon morgen.

  • Termin: 28.01. bis 02.02.2015
  • Ort: Messezentrum Nürnberg, Messezentrum 1, 90471 Nürnberg
  • Öffnungszeiten: täglich von 9 bis 18 Uhr, am letzten Tag von 9 bis 17 Uhr
  • Kontakt: www.spielwarenmesse.de

 

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Dr. Etwina Gandert

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert

ist Redakteurin Plastverarbeiter.

etwina.gandert@huethig.de