Interview mit Marco Jansen, Braskem Europe

Marco Jansen,
Braskem Europe, Frankfurt (Bildquelle: Braskem Europe)

Die Ökobilanz der Bioplastik-Produktion ist geradezu vorbildlich aus: Anstatt CO2 freizusetzen, bindet die Herstellung einer Tonne des grünen, recycelbaren Kunststoffes sogar zwischen 2,1 und 2,5 Tonnen des Treibhausgases. Wasser ist der einzig verbleibende
Abfallstoff.

Marco Jansen, Braskem Europe, Frankfurt

Geben Sie mir einen Überblick über das Unternehmen Braskem und seine Aktivitäten auf dem deutschen Markt.

Marco Jansen Also Braskem gibt es seit 2002. Das Unternehmen ist börsennotiert, etwa 20 Prozent der Aktien sind im Streubesitz,  die übrigen Anteile werden von Odebrecht (38.4%), Petrobras (36.2%) und der BDNES Bank (5.5%) gehalten. Odebrecht und Petrobras halten zusammen 97.1% der stimmberechtigten Aktien, dabei hat Odebrecht einen Anteil von 50.1%. Wir betreiben 36 Produktionsstätten in Brasilien, den USA und Deutschland mit einer Gesamtkapazität von über 16 Millionen und einem Jahresumsatz von etwa 25 Mrd. US-Dollar.

Damit sind wir ein bedeutender Global Player in Polypropylen, Polyethylen, PVC und chemischen Produkten. 2011 haben wir zudem das Polypropylen-Business von Dow übernommen. Hier in Deutschland haben wir zwei Fertigungsstätten, eines in Wesseling und eines in Schkopau. Wir können behaupten, dass wir heute der führende Hersteller von thermoplastischen Kunststoffen auf dem amerikanischen Kontinent und der führende Hersteller von Polypropylen im US-Markt sind. Braskem ist das erste Unternehmen das auf einer Anlage im Weltmaßstab BIO-PE zu produzieren begann. Dieses Produkt wird auf Basis von Zuckerrohr hergestellt und verhält sich wie normales PE. Mein Geschäft sind die nachwachsenden Produkte, also der grüne Kunststoff der Marke „I’m Green“, also grünes Polyethylen aus Zuckerrohr-Ethanol. Er findet sich in Produkten einiger der führenden Marken in der Lebensmittel-, Getränke-, Kosmetik-, Körperpflege- und Haushaltspflege-Industrie.

Welcher Markt reagiert besser auf diese Produktlinie, Europa oder USA?

Marco Jansen Am Anfang war unser Zielmarkt in erster Linie Europa, weil Nachhaltigkeit hier ein großes Thema ist. Die USA hinkt hier noch etwas nach. Aber jetzt versuchen wir zunehmend auch den amerikanischen Markt zu entwickeln, was sehr schwierig ist.  Noch immer ist Europa der größere Markt, aber auch Brasilien entwickelt sich sehr dynamisch. Die sind die letzten Jahre am stärksten gewachsen, wobei der Fokus mit nachhaltigen Lösungen auf dem europäischen Markt liegt.

Ihr Hauptmarkt ist also in erster Linie die Verpackungsindustrie!

Marco Jansen Ja, aber nicht exklusiv. Aber gerade in der Verpackungsindustrie ist der Druck von Seiten der Umweltverbände/-organisationen, aber auch zunehmend von den Verbrauchern sehr hoch. Dort ist mehr Druck etwas nachhaltiger zu entwickeln als in anderen Branchen. Ich würde sagen, dass wir zu etwa 85 % den Verpackungsmarkt bedienen.

Darum deckt die Messe Interpack auch den Zielmarkt von Braskem ab?

Marco Jansen Genau, speziell für unsere grünen Produkte ist die Verpackungstechnik ein Zielmarkt. Auch weil wir relativ neu mit diesen Produkten sind.

Ein Anteilhaber von Braskem ist ja auch Petrobras, also ein Ölproduzent. Grüne Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen und Petrochemie – wie geht das zusammen?

Marco Jansen Unser Ziel ist generell, Lösungen für unsere Kunden zu finden, die auch der Umwelt helfen. Und Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe sind eine ideale Lösung zur Verpackung von Nahrungsmitteln, um diese länger haltbar zu machen. Auch lässt sich mit Kunststoffen Gewicht einsparen, zum Beispiel durch den Ersatz von Metallen oder Glas. Also das hilft schon und ist ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und dieser wird durch unsere Produkte unterstützt. Aber im Markt besteht auch noch ein Bedarf für normale Produkte und auch dafür bieten wir Lösungen.

Die Produktlinie „I‘m green“ besteht nur aus Kunststoff auf Basis von Polyethylen aus Zuckerrohr?
Marco Jansen Unser  Portfolio an nachwachsenden Rohstoffen beinhaltet Polyethylen mit einer hohen Dichte (HDPE) und lineares Polyethylen mit niedriger Dichte (LLDPE) als Optionen für den Einsatz in festen und flexiblen Verpackungen, Kappen, Taschen und andere Anwendungen. Im Januar 2014 haben wir die Produkt-Familie des Low-Density-Polyethylen (LDPE) in das Produktportfolio aufgenommen und decken zusätzliche Anwendungen in Verpackungen und Folien ab.

Sie sagen, dass es zu 100 % recycelbar ist?  

Marco Jansen Also der einzige Unterschied besteht dort, wo alles anfängt. Das Ausgangsprodukt ist Zuckerrohr und nicht Öl. Aus Zuckerrohr wird Äthanol gemacht, das Wasser entzogen und man erhält Ethylen. Ab diesem Punkt ist alles gleich. Also nur die ersten Schritte sind unterschiedlich. Also das Produkt ist 100 % chemisch identisch, da besteht kein Unterschied. Einzig wenn man misst, wie alt der Kohlenstoff ist, kann man feststellen ob dieser ein Jahr alt oder Millionen Jahre alt ist. Das Produkt an sich ist zu 100 % gleich, ob in der Weiterverarbeitung oder im Recycling.

Wie bringen Sie Ihr Produkt in den Markt?

Marco Jansen Den Vertrieb besorgen wir in der Regel selbst, für mittlere und kleine Produktmengen nutzen wir ein Vertriebsnetzwerk. Die Groß-Kunden machen wir direkt. Also Kunden wie Coca-Cola, Danone, Nestlé und andere.

Wie kommunizieren sie ihre Produkte in den Markt?

Marco Jansen Also ich denke, dass Braskem mit seinen grünen Produkten in der kunststoffverarbeitenden Industrie einen sehr hohen Bekanntheitswert hat. Nur ganz wenige Verarbeiter, vielleicht die Kleinen, kennen Braskem noch nicht. Die großen Markenartikler wie Unilever, Procter & Gamble, Coca-Cola, Pepsicola kennen uns. Klar müssen wir den Markt bearbeiten, aber die meisten kommen direkt auf uns zu, weil sie von den Produkten gehört haben und sie testen möchten.

Ziehen wir einen Vergleich zum Biosprit. Da heißt es immer wieder, man benutzt ein Nahrungsmittel, um einen Treibstoff herzustellen. Wie ist ihre Erfahrung beim Kunststoff?

Marco Jansen Am Anfang bestand schon Zweifel. Speziell Kunden im Lebensmittelbereich haben gezweifelt, ob sie unsere Produkte benutzen sollten. Aber ich glaube, der Zweifel ist beseitigt. Brasilien ist ein großes Land, fast fünfundzwanzigmal so groß wie Deutschland und davon sind 40 % Landwirtschaft, aber nur 20 % davon werden auch tatsächlich dafür genutzt. Die Mehrheit der von der brasilianischen Regierung freigegebenen Anbaufläche für Zuckerroh ist verlassenes Weideland, das  von der Zuckerrohrindustrie zum Zuckerrohranbau wieder genutzt wird. Daher sind die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelindustrie nur minimal. Ende 2013 hat Braskem eine Umweltbilanz (Life Cyle Analysis/LCA) abgeschlossen, die auch den Land- und Wasserverbrauch  erfasst und bewertet hat. Diese LCA, die kritisch überprüft wurde, hat die Nachhaltigkeit unserer Produkte bestätigt.

Welche Wachstumsstrategie sehen sie in Deutschland noch?

Marco Jansen Das größte Wachstum sehe ich im Lebensmittelbereich. Am Anfang war unser Zielmarkt im Home- und Personal-Care weil die Hersteller von Nahrungsmitteln einige Zweifel hatten. Aber das hat sich geändert. Wir sehen  mehr Wachstumsmöglichkeiten im Lebensmittelsektor.

Können Sie mir in ein paar Stichpunkten die Vorteile ihrer Produkte darlegen?

Marco Jansen Also man hat sowohl Vorteile gegenüber normalen Produkten als auch gegenüber Biokunststoffen. Bei normalen Produkten sind es sogar zwei. Zum einen kann man anführen, dass diese aus nachwachsende Rohstoffe sind und nicht aus einen endlichem Rohstoff wie Öl. Der zweite Vorteil ist die CO2-Bilanz. Unsere Produkte haben eine negative CO2-Bilanz und herkömmliche Kunststoffe eine positive CO2-Bilanz. Der Unterschied beträgt ungefähr 4 kg CO2 für jedes Kilo Polyethylen. Wenn man also eine Verpackung aus unseren Produkten herstellt, kann man von einer CO2-neutralen oder -negativen Produktion sprechen. Der Vorteil gegenüber anderen Biomaterialien, liegt mehr in der Dichte.

Also die Dichte von anderen Biokunststoffen ist 1,25 oder 1,30 und die unserer Produkte bei 0,9 oder 0,95. Man kann dann schon von Ressource Efficiency sprechen, denn man braucht weniger Material, um das gleiche Produkt herzustellen. Außerdem ist unser Material ein 100% Ersatzmaterial, es müssen keine Zugeständnisse bezüglich Verarbeitung oder den endgültigen Eigenschaften der Endprodukte durchgeführt werden. Unsere Materialien sind zudem vollständig recycelbar innerhalb der bestehenden Abfallströme.