Engineering & Tooling in Portugal

Die Stärken der portugiesischen Werkzeugbauer liegen in der Qualität, dem Preis und in der Markteinführungszeit. (Bildquelle: Redaktion Plastverarbeiter)

Die Automobilindustrie hat früh die Qualität der portugiesischen Formenbauer zu schätzen gewusst. Von der reinen verlängerten Werkbank haben sie sich zu kompetenten Systemlösern entwickelt. Heute verstehen sich die Unternehmen als Projektmanager: Konzeptionierung, Entwicklung, Prototypenbau sowie Herstellung von Spritzgussformen und -werkzeugen bekommen die Kunden – falls gewünscht – aus einer Hand. Bei allen besuchten Unternehmen konnten wir eine hohe Investitionsbereitschaft feststellen. Ob Gebäude, Software oder Maschinenpark: Alles ist auf dem neuesten Stand. In einigen Unternehmen liefen hoch automatisierte Werkzeugmaschinen 24 Stunden an sieben Tagen.

Unsere Tour startete in der Schwerpunktregion der Werkzeugbau-Branche Marinha Grande. Moldes RP ist das erste Unternehmen unserer Reise. Zum Portfolio des Werkzeugbauers gehören neben der Automotive-Industrie auch die Bereiche Haushaltswaren, Verpackungen und Medizintechnik. Auf 2.000 m² arbeiten Konstruktion und Fertigung eng verzahnt miteinander. „Unsere Konstruktionsabteilung verfügt über qualifizierte Mitarbeiter, die einen hohen Erfahrungsschatz in der Kunststoffindustrie haben“, erklärt  José Carlos, Project Leader des Unternehmens. „Unsere Fräs- und Erosionsabteilung ist mit neuester High-Speed-Technologie ausgestattet.“

Unsere zweite Station Projectos, Moldes, Manufactura (PMM) wurde 1987 gegründet und widmet sich seither dem Entwurf, der technischen Entwicklung und dem Formenbau für die Kunststoff-, Gummi- und Spritzguss-Industrien. Das Unternehmen ist weltweit der einzige Werkzeugbauer, der Maschinen für die Elektro-Chemische-Politur (ECP) im Einsatz hat. Geschäftsführer Virgílio Barbeiro erklärt: „ECP ist ein wirksames Verfahren für das Entfernen von Recast und wärmebeschädigten Schichten, die durch Erodierung entstehen. Dieser Prozess beseitigt das Material gleichförmig und hinterlässt eine reine, metallische Oberfläche, ohne Makel und Restspannungen. Zwischen der Elektro-Chemischen-Politur nach der ECHODE-Methode und der konventionellen Elek-tro-Politur gibt es einen wesentlichen Unterschied. Bei der konventionellen Elektro-Politur werden gefährliche Säuren eingesetzt, wie Phosphor-, Perchlor- und Chromsäure, die giftige Gase und andere gefährliche chemische Nebenprodukte freisetzen. Beim ECP ist das Elektrolyt eine Nitrat-Salzlösung.“ Barbeiro hat mit viel Einsatz die wenigen existierenden und weltweit verstreuten ECP-Maschinen in sein Werk geholt.

Die gleiche Begeisterung und Hingabe an den Werkzeugbau erlebt man bei Alberto Ribeiro, dem Präsidenten von Ribermold. Er erklärt uns, was die Stärken der portugiesischen Unternehmen ausmacht: „In der Regel sind es familiengeführte Betriebe. Viele unserer Mitarbeiter arbeiten schon lange für uns. Und die Unternehmen unterstützen sich untereinander bei Auftragsspitzen.“ Etwa 98 Prozent der Werkzeuge exportiert Ribermold weltweit. Die Besichtigung der Konstruktionsabteilung, der Produktion und der Testabteilung verdeutlicht den hohen technischen Standard mit dem hier gearbeitet wird.

Das nächste Unternehmen, das wir besuchen, ist ein Tochterunternehmen von Iber-Oleff in Marinha Grande und steht für viele Werkzeugbauer in dieser Region. Neben dem Werkzeugbau liegen die Stärken von Iber-Oleff in der Spritzgießerei und in der Montage. Als Systemzulieferer für die Automobil-Industrie hat sich das Unternehmen auf Interieurlösungen spezialisiert. Es liefert beispielsweise fertig montierte Radiofronten, ausklappbare Flaschenhalter und Aschenbecher sowie Belüftungsklappen. Diese teilweise komplexen und mit Elektronikbauteilen versehenen Systeme entwickelt der Zulieferer komplett nach den Vorgaben seiner Kunden. Victor Lopes, Plant Manager of Iber-Oleff, erklärte, welchen Aufwand man betreiben muss, bis das Erlebnisgefühl, den Taster einer Radiofront zu betätigen, genau den Vorgaben des Herstellers entspricht.

Etwa 150 km nördlich von Marinha Grande in der Region Oliveira de Azemeis befindet sich das zweite Zentrum des portugiesischen Werkzeug- und Formenbaus. Die hier ansässigen Unternehmen haben sich auf große Werkzeuge spezialisiert. In Oliveira de Azemeis, haben wir Moldoplastico besucht. Das Unternehmen ist auf Großwerkzeuge spezialisiert und in der Lage, die komplette Dienstleistung, einschließlich Produkt-Design und Entwicklung, Werkzeugkonstruktion und -bau sowie Testversionen mit eigenen Spritzguss-Maschinenpark anzubieten. Unter den weltweiten Kunden sind Automobil-, Verpackungs-, Möbel- sowie Behälter- und Container-Hersteller.

Auch die 1991 in Loureiro gegründete Moldit entwickelt, konstruiert und fertigt Spritzguss- und Tiefzieh-Werkzeuge mit einem Gewicht bis zu 50 t. Das Unternehmen gehört zur Durit-Gruppe, einem Hersteller von Hartmetall-Werkzeugen. Zu den Kunden gehören namhafte OEMs aus der Automobilindustrie. Daneben beliefert Moldit auch Hersteller von Haushalts-, Elektro-, Gartengeräten und Behältern. Mit einem Maschinenpark mit 200 t bis 3.200 t Spritzgieß-Maschinen ist man in der Lage entsprechend große Werkzeuge zu bemustern. Mit der 3.200-t-Spritzgieß-Maschine lassen sich auch 2K- oder Sandwich-Bauteile herstellen.

Einer der größter Werkzeug- und Formenbauer, die Simoldes-Gruppe, ist in dieser Region vertreten. Auf einem großen Areal versammeln sich sieben eigenständige Werke, die fast ausschließlich für die Automotive-Industrie tätig sind.  So baut beispielsweise MDA Werkzeuge für Frontends und Instrumententräger und kann Formen bis zu 120 t fertigen. IMA hat sich eine hohe Kompetenz im Bereich Scheinwerfergehäuse und Kühlergrill aufgebaut. Andere Unternehmen der Gruppe sind auf Interieurteile fokussiert.

Die Reise hat gezeigt, dass die portugiesischen Werkzeugbauer mit ihren wettbewerbsfähigen, integrativen und innovativen Lösungen international anerkannte Zulieferer sind. Mit ihren Schwerpunkten Qualität, Preis und einem schnellen Time-to-Market ist man in der Lage, die Marktposition zu verteidigen und auszubauen.

 

Autor

Oliver Lange
ist freier Redakteur des Plastverarbeiter.
info@redaktionsbuero-lange.de