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Herr Kraibühler, Sie sind einer der Wenigen, der die Kunststoffindustrie über die letzten 50 Jahre komplett begleitet haben.

Herbert Kraibühler: Ja, nach meiner Lehre, die vor 50 Jahren am 1. April 1964 bei Arburg begann, durfte ich mit einem Stipendium von Arburg in Karlsruhe Feinwerktechnik mit Schwerpunkt Kunststofftechnik studieren. In dieser Zeit war ich durch Studien- und Diplomarbeit immer im Unternehmen präsent und habe so alle Entwicklungen hier in Loßburg und die der Kunststoffindustrie lückenlos miterlebt.

Was hat Sie so fasziniert, dass Sie in der Branche geblieben sind?

Kraibühler: Es war eine gewisse Heimatverbundenheit, die mich zu Arburg gebracht hat. Viel wichtiger war jedoch, dass mich das vielseitige Material Kunststoff, das Spritzgießen und die Herstellung von Kunststoffteilen fasziniert haben. Ich habe im Kunststoff das Material der Zukunft gesehen.

Was waren die herausragenden Höhepunkte? Oder gab es auch negative Erlebnisse, an die Sie sich nicht gerne erinnern?

Kraibühler: Ja, es gab auch schwierige Zeiten. Kurz nachdem ich mit dem Studium fertig und bei Arburg in die Entwicklung eingestiegen war, kam 1973 die Ölkrise. Es war die erste Konfrontation mit der Tatsache, dass sich nicht alles immer uneingeschränkt positiv entwickelt. Ich selbst habe diese Zeit aber nie kritisch gesehen, sondern vielmehr als Chance. Wurden Maschinen zuvor quasi „verteilt“, mussten sie jetzt auf einmal aktiv verkauft werden. Dabei gewann die Realisierung individueller Kundenwünsche an Bedeutung, wobei unser modulares Programm Vorteile brachte. So hat sich im Nachhinein dann herausgestellt, dass die Ölkrise aus Sicht der Kunststoffbranche gut war und die Entwicklung in Richtung Kundenorientierung vorangetrieben hat.

Herausragende Höhepunkte gab es in den vergangenen fünf Jahrzehnten viele, zum Beispiel die Entwicklung der Selogica-Steuerung und unserer elektrischen Maschinen. Absolutes Highlight – da etwas komplett Neues – war jetzt zum Abschluss der Freeformer für die additive Fertigung von funktionsfertigen Kunststoffteilen.

Wie hat sich die Maschinentechnik über diese Zeit entwickelt?

Kraibühler: Im Rückblick sehe ich eine kontinuierliche Entwicklung bei der Steuerungstechnologie für die Maschinen. Zunächst hat man noch alle Parameter eines Zyklus manuell eingestellt. Bedingt durch notwendige Produktivitätssteigerungen folgte das Bedürfnis, einmal ermittelte Einstellungen reproduzieren zu können. Diesen Anforderungen hat sich Arburg früh gestellt und 1975 die weltweit erste Spritzgießmaschine mit Mikroprozessorsteuerung auf den Markt gebracht. Ein weiterer Meilenstein war 1993 die Selogica-Steuerung, die Trends für die gesamte Branche gesetzt hat.

Fordern neue Produkte die Maschinen heraus, oder haben die Maschinen heute einen Vorsprung vor den Produkten?

Kraibühler: Das ist eine interessante Frage. Es ist sicher ein Wechselspiel. Der VDMA hat mit der Roadmap 2020 eine Studie in Auftrag gegeben. Deren Ergebnis war, dass die Verarbeiter bis 2020 keine besonderen Anforderungen an die Maschinentechnik sehen. Unabhängig davon sehen wir als Maschinenbauer durchaus immer wieder neue Möglichkeiten und sind in vielen Fällen Technologietreiber. Aber eine erfolgreiche Entwicklung funktioniert nur, indem die Nähe zum Kunden und den Hochschulen gesucht und gepflegt wird. Dies war auch beim Einstieg in die additive Fertigung der Fall. Aus dem Markt haben wir den Bedarf nach noch höherer Flexibilität, Individualität und Schnelligkeit wahrgenommen, entsprechend reagiert und den Freeformer entwickelt.

Die Spritzgussmaschine hat sich im Laufe der Zeit verändert. Sie ist leichter, filigraner geworden. Sehen Sie hier weiteres Potenzial?

Kraibühler: Ansätze zur Effizienzsteigerung sehe ich überall dort, wo man Nebenzeiten beeinflussen kann. Hier spielen häufig die zu bewegenden Massen, Beschleunigungen oder Verzögerungen eine Rolle. Potenzial haben wir bei der Handhabungstechnik, wo ich auch die Anknüpfungspunkte zum Thema Leichtbau sehe. Gleiches gilt bei der Eigenträgheit der Motoren. Dort arbeiten wir mit dem Leichtbauzentrum Baden-Württemberg zusammen.

Deutsche Werkzeugmaschinen werden in Asien eingesetzt, um die Qualität zu verbessern. Ist das auf deutsche Kunststoffmaschinen übertragbar?

Kraibühler: Ja, das sehen wir in verschiedenen Regionen. Zum Beispiel sind in China mittlerweile rund 80 % unserer Kunden lokale Unternehmen, die auf Highend-Maschinen setzen, um Highend-Produkte zu fertigen. Ein weiterer typischer Markt für diese Entwicklung ist Mexiko, das sehr stark die Automobilzulieferfunktion für die USA übernommen hat. Und in dem Maß, in dem die Produktion expandiert hat, haben auch unsere Marktanteile dort mitgezogen.

Was hat sich denn für Sie persönlich durch die Globalisierung verändert?

Kraibühler: Es gab eine grundlegende Veränderungen im Verständnis unseres Markts, unserer Kunden. Wir sind international näher am Kunden, um ihn vor Ort zu beraten und zu betreuen. Wenn ich auf meine Anfangszeit als Ingenieur zurückblicke, so stellten wir uns damals eher die Frage: „Wozu muss man eigentlich da jetzt hinreisen?“ Das sieht heute anderes aus, wobei Reisen verpflichtet. Es ist nicht nur wichtig, Lösungsmöglichkeiten vor Ort zu besprechen, sondern auch die getroffenen Aussagen umzusetzen.

Wohin wird sich der Werkstoff Kunststoff entwickeln können? Wo stehen wir 2020 mit den Kunststoffen?

Kraibühler: Es gibt Statistiken, die den Kunststoffbedarf bis 2050 steigen sehen. Über die Höhe des Anstiegs lässt sich diskutieren. Doch dasss der Bedarf steigt, ist sicher. Woher wir dann diesen Werkstoff bekommen, ist aber eine berechtigte Frage. Die Produktionsmöglichkeiten biobasierter Kunststoffe sehe ich technisch als verfügbar oder gelöst. Entscheidend ist aber der Preis. Denn wenn der Ölpreis weiter steigt, wird auch alternativ hergestellter Kunststoff den Markt durchdringen.

 

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Redaktion Plastverarbeiter