Die portugiesische Engineering und Tooling Industrie ist in den letzten Jahren zur absoluten Vorzeigebranche innerhalb der verarbeitenden Industrie gewachsen und während der vergangenen Jahre noch leistungsfähiger geworden. Die Branche ist heute zwar breit aufgestellt, aber überwiegend auf den Kunststoffsektor ausgerichtet. Relativ schnell hat man sich von einem mehr regional und national ausgerichteten Sektor zu einem äußerst wettbewerbsfähigen und international anerkannten Industriezulieferer entwickelt, der weltweit operierende Kunden bedient.

Wie Rui Tocha, General Director von Pool-Net, Marinha Grande, hervorhebt, ist die Branche in Bezug auf die Kunden stark auf die Automobilbranche spezialisiert und im Hinblick auf die spezifische Technologie weitgehend auf das Kunststoffspritzgießen. Der Sektor umfasst etwa 530 Unternehmen, die überwiegend in zwei größere Regionen angesiedelt sind. Etwa 40 bis 50% der Unternehmen haben ihren Standort in der Region Marinha Grande (einschließlich Leira und Alcobaça) und weitere 30% sind in der Region Oliveira de Azeméis angesiedelt. Traditionell stark auslandsbezogen und schon heute mit exzellenten Kontakten zu Deutschland, möchte der Sektor diese Beziehungen weiter intensivieren, auch weltweit. 2012 lag die Wachstumsrate bei 35,9%.

Der Verbund Pool-Net hat die mittel- und langfristige Umsetzung eines festgelegten Strategieplans anvisiert und möchte in den kommenden zehn Jahre die Belieferung von sechs wichtigen Märkten intensivieren: Automobil, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Energie und Umweltschutz, Elektronik und Verpackung. Deutschland, Spanien und Frankreich sind die Hauptabnehmer für portugiesische Formen. Die Lieferungen auf diese Märkte stiegen 2012 ebenso an. Im zweistelligen Bereich bewegten sich auch die Zuwachsraten der Lieferungen nach Brasilien, Polen, Großbritannien, Russland, Schweiz, Niederlande und Österreich.  In dem Segment Maschinen – und Werkzeugbau sind unter den 15 Hauptexporteure einige Unternehmen aus dem Engineering & Tooling Sektor.

Know-how auf allen Gebieten

Als besondere Stärken gilt die über Jahre hinweg gewonnene Fachkompetenz. Ein weiterer Pluspunkt sind die im EU-Vergleich wettbewerbsfähigen Lohnkosten und eine hohe Arbeitspräsenz. Hinzu kommt ein hohes Technologieniveau, Flexibilität in Bezug auf Kundenwünsche sowie kompromisslose Fertigungsqualität und eine rigorose Einhaltung der zugesagten Lieferfristen. Unter dem Markennamen „Engineering & Tooling from Portugal“ hat man sich unter anderem als zuverlässiger Geschäftspartner für Tier 1 und Tier 2-Zulieferer der Automobilhersteller in Europa und dem Rest der die Welt platziert.

Wenn gleich sich die portugiesischen Werkzeug- und Formenbauer ihrer eigenen Stärke bewusst sind, bleibt die Wettbewerbssicherung eine Daueraufgabe. Die portugiesischen Unternehmen gehörten zu den ersten, die erkannt haben, dass der Markt nicht allein an Spritzgussformen interessiert ist, sondern nach integrierten Komplettlösungen verlangt. Der Fokus wird nun auf die komplette Supply Chain gelegt. Spritzguss, Montage, Teile-Design, Engineering, Rapid Prototyping in der bekannten Qualität stehen ebenso im Mittelpunkt wie Technologie-Entwicklung und Personal-Weiterentwicklung. Die Kombination von Innovationsfähigkeit und Unternehmertum, die das Markenzeichen „Engineering & Tooling Industrie from Portugal“ prägen, sind nicht nur auf die Automobilindustrie ausgerichtet, auch die Medizintechnik profitiert davon.

Während unserer Besuche vor Ort konnte sich die Redaktion des PLASTVERARBEITER sich davon überzeugen, dass die umfangreichen Investionen in den Ausbau der Infrastruktur (neue Gebäude/Fabriken) oder in den Maschinenpark zeigen, dass „Engineering & Tooling from Portugal“ in den nächsten Jahren, das angestrebte Ziel, in die Top 5 (ISTMA World Yearbook Indikatoren) der weltweiten Tooling-Industrie aufzusteigen, erreichen wird.

 

Interview mit Rui Tocha

2013 hat die portugiesische Engineering & Tooling Industrie viel in die Infrastruktur und neue Maschinen und Anlagen investiert. Welche Entwicklung ist für 2014/2015 zu erwarten?
Die Unternehmen des Cluster sind weltweit vertreten. Mehr als 95 % der Produktion exportieren wir in 83 Länder (2013) und integrieren diese in die Wertschöpfungskette der bekanntesten OEMs. Die Unternehmen unserer Engineering & Tooling-Industrie haben einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung neuer Produkte. Sie unterstützen ihre Kunden neben der Entwicklung von Produkten auch bei der industrielle Produktion. Um diese Strategie zu unterstützen, müssen die Unternehmen immer in die neueste Technologien und Methoden investieren, um ihr Angebot zu positionieren. Unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Entwicklungen seit 2010 (Exporte Wachstum von 85%) erwarten wir, dass sich die portugiesische Engineering & Tooling-Unternehmen weiter positiv entwickelt und die Investition in modernste Technologien sowie die Umsetzung des Cluster-Strategieplan greifen werden.

Ein Ziel von Pool-Net ist, die portugiesische Engineering & Tooling-Industrie an der Spitze dieser Branche setzen. Wo stehen die portugiesischen Werkzeugmacher heute und ist dies ein Effekt aus den Investitionen der letzten Jahre?

Der Engineering & Tooling-Cluster hat zum Ziel, im Jahre 2020 in den Top 5 (ISTMA World Yearbook Indikatoren) der weltweiten Tooling-Industrie zu stehen. In der Rangliste von 2013 ist Portugal auf dem 8. Platz. Dies ist ein Ergebnis unserer globalen Strategie durch Innovation, kontinuierlichem Investment und Promotion unserer gemeinsamen Marke „Engineering & Tooling aus Portugal„ sowie durch die weltweiten Dienstleistungen, die wir unseren Kunden bieten können.

Können Sie uns ein Bild von der aktuellen Position des portugiesischen Engineering & Tooling-Sektors in der medizinischen Industrie (Produkte, Märkte …) geben?

Der Hauptmarkt für den portugiesischen Engineering & Tooling-Cluster ist der Automotive-Bereich (etwa 72% der Gesamtproduktion). Jedoch ist unsere Strategie darauf ausgelegt, bis zum Jahr 2020 in weiteren ergänzenden Märkten wie Medizintechnik, Luftfahrt, Verpackung, Elektronik und Energy & Environment Fuß zu fassen. Unsere Unternehmen haben die Produktions- und Organisationsbedingungen (Zertifizierungen, Cleanrooms usw.) um neue Kunden in diesen Märkten bedienen zu können. Bereits heute unterstützen portugiesische Tooling & Kunststoff-Unternehmen weltweit Kunden mit Tools für Medizinprodukte. Dennoch ist zur Zeit der Anteil an medizintechnischen Produkte gering, aber unser Kundenstamm wächst.

Was kann die portugiesische Werkzeugindustrie speziell für den Sektor der medizinischen Geräte bieten?

Die portugiesische Engineering & Tooling-Cluster ist ein umfassendes Netzwerk von Konstruktions-, Fertigungs -und Service-Anbietern mit Wissenschaft und Forschung -und Entwicklungseinrichtungen, auch im Dienste der Wertschöpfungskette der Medizintechnik. Unser nachhaltiges Konzept für die Gesundheits-und Medizinprodukte-OEMs bietet einen klaren Nutzen für aktive-und-nicht-aktive Implantate, medizinische Geräte, Diagnostik, Patienten Kontrolldisplays und Krankenhaus-Hardware.

Welche Veränderungen in der Wettbewerbsdynamik und welche Wachstumsmöglichkeiten für das Engineering und Tooling sehen Sie im medizinischen Bereich?

Die Welt ist zunehmend globaler geprägt und was sich auf alle Branchen auswirkt, besonders aber auch auf den medizinischen Sektor. Kunden müssen ihre Kapazitäten erweitern und weltweit unter Ausnutzung ihrer Wertschöpfungskette und Lieferanten agieren. Neue Märkte entwickeln sich rasant und die Unternehmen müssen Wege finden, um diese Märkte schneller und effizienter bedienen zu können. Angesichts dieser Herausforderungen sind wir sicher, dass unsere Unternehmen sehr gut aufgestellt sind.

Welche Perspektive sehen Sie für neue Innovation?

Aus Innovationsicht und unter Berücksichtigung, dass die Medizinbranche ist ein „geschlossener Markt“ ist, können wir zwei große Herausforderungen identifizieren. Die Erste ist eine effiziente Industrialisierung der neuen (grünen) Materialien und die Zweite ist die Integration der Produktentwicklung und Produktion in die erweiterten Wertschöpfungsketten, um weltweit agiernde Kunden unterstützen zu können. Im Speziellen denke ich da an die KMUs.

Neben dem portugiesischen Tooling-Cluster existiert auch ein Gesundheits-Cluster. Wie ist die Beziehung zwischen den beiden Cluster und welche Vorteile lassen dadurch sich für den Bereich der medizinischen Geräte ableiten?
Die portugiesische Regierung hat 2008 19 Cluster registriert, dabei sind auch der Engineering & Tooling und der Gesundheits-Cluster. In Anbetracht dessen, dass Medizinprodukte als einer unserer strategischen Märkte idendifiziert wurde, haben wir beschlossen, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheits-Cluster zu verstärken. Hauptvorteil dadurch ist, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit der portugiesischen Industrie stärken.

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Über den Autor

Harald Wollstadt ist Chefredakteur Plastverarbeiter. harald.wollstadt@huethig.de