Regionale Verteilung der Hersteller und Zulieferer aus der Medizintechnik. (Bildquelle: Swiss Medical Technology) Die demografische Entwicklung stellt uns vor große Herausforderungen. Einerseits geniessen viele Menschen bis ins hohe Alter ein erfülltes und aktives Leben und wollen bei einer Erkrankung möglichst schnell in den Alltag, in den Beruf zurück, andererseits benötigen immer mehr Menschen eine langandauernde medizinische Versorgung. Gleichzeitig setzen enge finanzielle Mittel aus der öffentlichen Hand einem steten Anstieg der Gesundheitskosten Grenzen. Im Fokus stehen daher nebst dem Wohl der Patienten, klare Diagnosen, effiziente und kostengünstige Therapien und Behandlungsmethoden sowie ein angemessener Einsatz der technischen Hilfsmittel.

In diesem Spannungsfeld kommt der Medizintechnik eine immer größere Bedeutung zu. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich diese Branche in den letzten zehn Jahren zu einem der  wachstumsstärksten und innovativsten Wirtschaftszweige der schweizerischen Volkswirtschaft entwickelt hat. Die Zahl der Beschäftigten ist um rund 10% pro Jahr gewachsen, und 5% aller Exporte aus der Schweiz gehen aus dieser Branche hervor. Die zunehmende Bedeutung von Medizintechnik und Life Sciences verdankt die Schweiz nicht nur der wachsenden Nachfrage nach medizintechnischen Therapie- und Diagnosemöglichkeiten, sondern auf einem industriellen, medizinischen und wissenschaftlichen Netzwerk.

KMUs in der Mehrzahl

Kaum ein anderes Land in Europa weist eine so hohe Dichte an Medizintechnik-Unternehmen auf wie die Schweiz; rund 1.400 Unternehmen sind in dieser Branche tätig. Fast alle gehören zur Gruppe der KMU. Dazu gehören aber auch global tätige Schweizer Medizintechnik-Firmen oder große internationale Konzerne die Produktionsbetriebe und Niederlassungen in der Schweiz haben. An vorderster Stelle stehen die Orthopädie, Traumatologie und die Zahnmedizin. Das Spektrum umfasst von den Verbrauchsgütern, wie zum Beispiel Spritzen oder textiles Verbandsmaterial, bis zu High-Tech-Produkten, wie zum Beispiel Geräte der bildgebenden Diagnostik, Hörgeräte oder Herzschrittmacher. Ebenso gehören Rollstühle und andere technische Alltagshilfen sowie spezielle Einrichtungsgegenstände für Arztpraxen und Spitäler dazu.

Von der Forschung und Entwicklung über die Fertigung bis hin zum Vertrieb der Produkte deckt die Schweizer Medizintechnik dabei die gesamte Wertschöpfungskette ab. Auch als Arbeitgeber liegt die Medizintechnik im Trend. Mit mehr als 48.000 Vollzeitstellen hält die Schweiz in diesem Bereich einen Anteil von rund 10% in Europa. Der Sektor der Medizintechnik trägt mit 5% eindrücklich zum Schweizer Exportvolumen bei. Das Wachstum wird primär durch die ausländische Nachfrage angetrieben. Bei den Implantaten, Hörgeräten, diagnostischen Messgeräten und Laborinstrumenten sowie bei den Systemen für die minimalinvasive Chirurgie sind Schweizer Medizintechnik-Unternehmen international führend. Deutschland und die USA rangieren als Absatzmärkte an vorderster Stelle. Aber auch China, die Golfstaaten, Indien und Kanada gewinnen immer mehr an Bedeutung. Die kreative Dynamik der Branche äußert sich auch darin, dass Neuheiten in rascher Folge auf den Markt gebracht werden. Rund die Hälfte des Umsatzes erzielen Medizintechnik-Firmen mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind. Mittlerweile melden Schweizer Unternehmen jährlich über 1.200 medizintechnische Erfindungen im In- und Ausland zum Patent an.

Historisch betrachtet hat die Uhren- und Präzisionsindustrie der Branche einen idealen Nährboden bereitet. Vorangetrieben wurde die Medizintechnik zumeist von handwerklichen Tüftlern, die mit ihren Visionen und ihrem Willen zur Innovation die Branche geprägt haben. Sie haben der modernen Medizintechnik den Weg geebnet. Zu den bekanntesten Kooperationen zwischen Chirurgie und Technik zählt diejenige zwischen dem Berner Chirurgen Maurice E. Müller und  dem erfinderischen Unternehmer Robert Mathys. Ausgangspunkt bildete dabei die Idee einer Gruppe von Schweizer Chirurgen und Orthopäden, Frakturen operativ mit Implantaten zu behandeln – statt wie bisher mit Gips und Streckbehandlung. Die Ärzte gründeten dazu die  Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO), welche die Behandlung systematisierte und Chirurgen weltweit ausbildet. Die erfolg-reiche Zusammenführung klinischer Bedürfnisse mit technologischen Innovationen darf als historischer und aktueller Hintergrund der Wettbewerbsstärke aller Medizintechnik-Firmen in der Schweiz betrachtet werden. Dies gilt für die auf eine gut fünfzigjährige unternehmerische Geschichte rückblickenden Firmen Synthes, Straumann oder Mathys ebenso wie für jüngere Pioniere.

Von Garagenfirmen zu Weltmarktführern

Um die Innovation und die Wettbewerbsfähigkeit der medizinischen Technologie weiter anzukurbeln, ist auf Schweizer Bundesebene die KTI-Medtech-Initiative ins Leben gerufen worden. Sie fördert den Wissenstransfers zwischen den Labors und der Industrie, mit dem Ziel, Resultate aus der Spitzenforschung in markttaugliche Produkte zu transferieren. Unternehmen sollen dazu animiert werden, ihre Ideen gemeinsam mit Hochschulen zu realisieren. Seit Beginn der KTI Medtech-Initiative 1997 hat sich die Zahl der bewilligten Fördergesuche von damals 3 auf 43 im Jahr 2009 erhöht. In den letzten zwölf Jahren haben KTI und die Industrie insgesamt gegen 250 Millionen Schweizer Franken in 235 Projekte investiert. Einmal pro Jahr wird ein besonders herausragendes Entwicklungsprojekt mit dem KTI Medtech-Award ausgezeichnet.

Der Medical Cluster stellt die wichtigste Netzwerkorganisation von Medizintechnik-Unternehmen in der Schweiz dar. Mit seinen über 270 Mitgliedern umfasst er Hersteller, Zulieferer, Dienstleistungs-, Forschungs- und Entwicklungsunternehmen aus der Schweiz sowie vereinzelt auch aus Europa und den USA. Das breite Angebot an Dienstleistungen des 1997 gegründeten Vereins reicht dabei von der Organisation von Besuchen bei Medizintechnik-Firmen, der Organisation von Fachveranstaltungen und Weiterbildungskursen sowie Gemeinschaftsständen an ausländischen Messen bis zur Verleihung des MedicalCluster Awards für besondere Leistungen in der Medizintechnik. Hauptziel bildet die Förderung des Innovationsprozesses entlang der Wertschöpfungskette Forschung, Produktion und Vermarktung.

Der Dachverband der Schweizerischen Medizintechnik FASMED mit seinen fünf Sektionen vertritt die Interessen von über 200 Mitglieder. Er setzt sich für wirtschaftliche Rahmenbedingungen ein. Oberstes Ziel ist die Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung und Pflege. Zum anderen macht sich der Verband stark für die Belange der Medizintechnik gegenüber den politischen Behörden und der Verwaltung, gegenüber den Spitälern und Ärzten sowie gegenüber den Krankenkassen.

 

Messe-Tipp

Synergien zwischen Uhrenindustrie und Medizintechnik

2014 werden bei der Messe der Zulieferer neben der Uhren- und Schmuck- sowie der Mikrotechnologie-Industrie auch eine wachsende Zahl Unternehmen aus dem Bereich der Medizintechnik präsent sein. Zum ersten Mal treffen sich im Medizintechnik-Dorf Unternehmen und Start-ups aus dieser Branche. Ziel ist es, bestehende Synergien mit der Uhrenindustrie und deren Mikrotechnologie zu erschliessen. In Partnerschaft mit BioAlps und Inartis Network wird allen Ausstellern und Besuchern die Möglichkeit geboten, neue Absatzmärkte zu eröffnen und ihre Tätigkeit zu diversifizieren. Eine Vortragsreihe, Foren und individuelle Treffen ergänzen das Programm der einzigen Schweizer Medizintechnik-Veranstaltung des Jahres. Die Messe EPHJ-EPMT-SMT, die eine einzigartige Plattform in Europa und die einzige Medizintechnik-Veranstaltung der Schweiz für 2014 darstellt, erwartet rund 20.000 Besucher und verzeichnet bereits heute über 780 angemeldete Aussteller. Die EPHJ-EPMT-SMT findet vom 17. bis 20. Juni 2014 in den Palexpo-Hallen in Genf statt.

 

Autor

Über den Autor

Redaktion Plastverarbeiter