Während einige Wirtschaftsräume der Welt, Japan zum Beispiel, ein deutliches Wachstum verzeichnen, in den USA die Konjunktursignale eine leichte Besserung anzeigen und China trotz eines Rückgangs an einer Wachstumsprognose von plus sieben Prozent für 2013 festhält, verläuft die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Europa weiterhin schwach. Für die Kunststoff- und Kautschukindustrie sei die momentane Lage uneinheitlich und schwierig zu bewerten, sagt Ulrich Reifenhäuser, Vorsitzender des Ausstellerbeirats der Kunststoffmesse K 2013. Dennoch blicke die Branche zuversichtlich in die Zukunft: „Wir gehen von einem stabilen Jahr aus mit leichten Rückgängen oder leichten Zuwächsen“, meint er.

Innovationen aus Europa

Im Vorfeld der K 2013 kämpft die europäische Kunststoffindustrie gleich an mehreren Fronten. Strenge Sparmaßnahmen in zahlreichen Ländern haben sich auf Investitionen in Bauprojekte ausgewirkt. Verbraucher kaufen weniger Neufahrzeuge als früher. Kleinere, erschwinglichere Produkte, die sich nach wie vor gut verkaufen – zum Beispiel Smartphones und Tablets – werden außerhalb Europas hergestellt. Starkt bleibt Europa bei der Entwicklung, Produktion und Anwendung von Hochleistungskunststoffen.

Der Abschwung in der Automobilindustrie hat beträchtliche Auswirkungen auf die Lieferkette. 2013 könnte die Automobilproduktion in Westeuropa um bis zu 8,5 Prozent sinken. Dies wird sich voraussichtlich auch negativ auf das Geschäft der Hersteller von Kunststoffteilen auswirken. Eine Ausnahme von diesem Trend scheint Großbritannien zu bilden. „Die Automobilindustrie in Großbritannien hat von Investitionen in neue Fahrzeuggenerationen profitiert. Wir erleben derzeit eine Renaissance der industriellen Produktion für Zulieferer der Automobilindustrie“, so Philip Law, Public & Industrial Affairs Director beim britischen Kunststoffverband BPF.

Produkte mit Mehrwert

Trotz des schwächelnden Automobilsektors liegt das Wachstum im Kunststoffverarbeitungssektor – zumindest in Deutschland – weiterhin mindestens gleichauf mit dem des BIP. Laut dem Gesamtverband der kunststoffverarbeitenden Industrie e.V. (GKV) erreichten die Umsätze 2012 Rekordhöhen, trotz Rückgangs des Wachstums auf BIP-Niveau. GKV-Geschäftsführer Oliver Möllenstädt geht hier davon aus, dass sich die europäische Kunststoffverarbeitungsindustrie aufgrund höherer relativer Produktionskosten (Energie- und Arbeitskosten) gegenüber anderen Weltregionen auf Produkte mit höherem Mehrwert und Innovationen konzentrieren wird. „Die Umsätze der Verarbeitungsindustrie in Deutschland waren 2012 fast genauso hoch wie im Vorjahr, während der Rohstoffeinsatz zurückging.“

Biokunststoffe sind immer noch ein Nischensegment am europäischen Kunststoffmarkt, aber die Nische wächst, nicht zuletzt durch technologische Entwicklungen, die die Materialeigenschaften verbessern, und durch gesetzliche Änderungen. In Italien werden Taschen aus nicht biologisch abbaubaren Kunststoffen aufgrund eines Gesetzes nach und nach vom Markt verschwinden und durch Taschen aus biologisch abbaubaren Materialien wie Novamont’s MaterBi ersetzt. Andere europäische Länder könnten folgen. Die Europäische Kommission prüft derzeit Optionen zur Reduzierung von Einweg-Plastiktüten in der EU. Der europäische Biokunststoff-Verband (European Plastics e.V.) möchte sicherstellen, dass auf EU- und Mitgliedsstaatsebene günstige Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Investitionen anzuziehen.

Gegenwärtig gibt es zahlreiche Initiativen zum Ausbau der Biokunststoffproduktion in Europa. Auf Sardinien hat beispielsweise das italienische Energieunternehmen Eni über seine Chemikalien-Tochter Versalis (ehemals Polimeri Europa) gemeinsam mit Novamont das Joint Venture Matrica gegründet, in dessen Rahmen Produktionsanlagen für biobasierte Monomere, Zwischenprodukte für Elastomere und Kunststoffe sowie Füllstoffe aufgebaut werden sollen. Währenddessen hat sich die niederländische Regierung zum Ziel gesetzt, die Niederlande bis 2050 zum „Land der grünen Chemie“ zu machen.

Europäische Maschinenbau investiert

Große Maschinenhersteller investieren nach wie vor im gesamten europäischen Markt. So wird die Firma Engel, Schwertberg, in Österreich 12 Millionen Euro in ihren Hauptsitz Schwertberg investieren. Hier soll der Montage- und Versandbereich für Spritzgussmaschinen ausgebaut werden. Sumitomo Heavy Industries plant 20 Millionen Euro für die Modernisierung seiner Produktion im Werk Sumitomo (SHI) Demag in Schwaig und Wiehe, Deutschland, ein. Deutschland bleibt die treibende Kraft am Markt für kunststoffverarbeitende Maschinen. Die Umsätze der deutschen Hersteller für kunststoff- und gummiverarbeitende Maschinen sind 2012 um 6 % auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Mit 6,5 Mrd. Euro wurde der 2011er Rekordwert von 6 Mrd. Euro gebrochen.

Die traditionellen Absatzmärkte erleben eine Renaissance – mit überdurchschnittlichen Zuwächsen der deutschen Hersteller in den USA und in der EU, wo Polen zum größten Absatzmarkt für deutsche Maschinen geworden ist. Maschinenexporte aus Italien, Europas zweitgrößtem Produktionsland für Kunststoffmaschinen, nach Asien sind prozentual gesunken, erklärt Assocomaplast, der italienische Verband der Maschinenhersteller. Dabei wird jedoch betont, dass sich „Trends, die sich aus der regionalen Aufgliederung der Exporte ergeben (Steigerung der Umsätze in Europa und Nordamerika gegenüber einem Umsatzrückgang in Südamerika und noch stärker Asien) auch in anderen Ländern bemerkbar gemacht haben, die solche Maschinen herstellen.“

Nachhaltiges Wachstum ist die bessere Strategie

Vor dem Hintergrund steigender Lohnkosten, Zölle und anderer produktionsbezogener Ausgaben in China beginnt eine erneute Wanderung der Produktion – diesmal zurück nach Nordamerika, dem Trend des so genannten „Reshoring“ folgend. Der Begriff Reshoring wurde 2012 geprägt und steht für die Rückkehr von Produktionsarten aus China zurück in die USA und Kanada. Der Grund: China wird schlicht zu teuer in Bezug auf Lohn- und sonstige Kosten.

Die Boston Consulting Group in Boston, Massachusetts, USA, hat sieben Produktionssektoren identifiziert, die in Sachen Reshoring kurz vor dem Wendepunkt stehen. Dazu gehören auch Kunststoff- und Kautschukprodukte. Aber es sind auch weitere Sektoren dabei, in denen große Mengen Kunststoffe zum Einsatz kommen: Transportwesen, Haushalts- und Elektrogeräte, Elektronik und Computer. Und Michel Janssen, Chief Research Officer, The Hackett Group, erklärt: „Man darf durchaus davon ausgehen, dass die Kunststoffindustrie profitieren wird, wenn Primärhersteller Arbeitsplätze zurückholen.“ Fast 20 Jahre lang wurde China als die Zukunft der Produktion gepriesen: Goliath auf einem unaufhaltsamen weltweiten Siegeszug. Reshoring zeigt, dass das Engagement für Produktivitätssteigerun-gen und Kostensenkungen, Produktqualität und Kundenservice ein besseres Modell für nachhaltiges Wachstum ist als eine fast ausschließlich preisbasierte Strategie.

China und ASEAN

Steigende Löhne und einseitige, lokale Produzenten begünstigende Wirtschaftsförderungsmaßnahmen, beeinträchtigen Chinas Standortvorteile. So geht die Boston Consulting Group davon aus, dass sich die Produktionskosten bis 2020 verdoppeln oder verdreifachen werden. Chinas Wettbewerbsfähigkeit ist 2012 gesunken, mit einer nachlassenden Wirtschaftskraft und einem Rückgang beim Exportwachstum von 34 Prozent im Jahr 2010 auf vergleichsweise magere 2,7 Prozent in 2012. Währenddessen hat sich das Wachstum des Automobilmarktes, einem Benchmark für die Kunststoff- und Kautschukindustrie, von 7,3 Prozent in 2010 auf 3,7 Prozent im Jahr 2012 halbiert. Der Bausektor fiel von einem Spitzenwert von 20 Prozent plötzlich auf nur noch 1 Prozent in 2012. Auch wenn die Dynamik etwas gebremst ist, prognostizieren Analysten, dass China bis 2016 die USA als größte Volkswirtschaft überholen wird.

Insgesamt versprechen die Wirtschaftsdaten gute Entwicklungschancen für die ASEAN-Länder (Association of Southeast Asian Nations; Brunei, Burma (Myanmar), Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam), zumal, wenn die Produktion von China in andere Länder wie Vietnam und Indonesien verlagert wird, um von den dort niedrigeren Produktionskosten zu profitieren.

In der Automobilbranche wird eine starke Aufwärtsentwicklung erwartet, wenn die ASEAN-Region 2015 mit der AEC die maximale wirtschaftliche Homogenität erreicht. Der kürzlich von der weltweit tätigen Unternehmensberatung Ernst & Young herausgebrachte Marktbericht zu Leichtfahrzeugen prognostiziert für einen Acht-Jahres-Zeitraum ab 2011 ein jährliches Wachstum von 10,6 Prozent, mit einem Spitzenumsatz von 4,1 Millionen verkauften Fahrzeuge bis 2019. Im Zuge dessen wird auch die Nachfrage nach Leichtbauwerkstoffen steigen. Vor diesem Hintergrund und einer verbesserten Wirtschaftslage sowie günstigen Produktionsbedingungen in Singapur, Malaysia, Indonesien, Thailand und den Philippinen wurden beträchtliche Investitionen in den südostasiatischen Markt für technische Kunststoffe getätigt.

Laut Frost & Sullivan wurden 2011 mit technischen Kunststoffen über 1,6 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Im Markt für Elektrogeräte und Fahrzeuge in der Region könnte bis 2018 sogar ein Spitzenwert von 3,2 Milliarden erreicht werden.

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Über den Autor

Dr. Etwina Gandert ist Redakteurin bei Plastverarbeiter etwina.gandert@huethig.de