Kostensenkungen, die im Wettbewerb – ob global oder lokal – immer eine gewichtige Rolle spielen, sind beim Thema Produktionseffizienz nicht immer sinnvoll. Produktionseffizienz, so definierten es die Teilnehmer übereinstimmend. Das heißt aber, alle Ressourcen im Auftragsablauf ideal auszunutzen. Dabei spielen Qualität, Rohstoffe, Energie, Zeit – in Form von Zykluszeit, aber auch Rüstzeit oder Wartungszeiten – und auch die Kundenzufriedenheit eine Rolle.

Inwieweit die Produktionseffizienz bezogen auf diese Parameter beeinflussbar ist – und vor allem wer sie wirklich beeinflussen kann, diskutierten im zweiten Expertengespräch Werkzeug- und Formenbauer unterschiedlicher Couleur im Hochhaus des Süddeutschen Verlages in München. Dabei waren Hersteller großer Werkzeuge, Formenbauer, die die Medizintechnik beliefern, aber auch Zulieferer der Automobilindustrie sowie ein Vertreter des Fraunhofer Instituts IPT.

Welche Rolle spielt die Globalisierung? Besonders der zunehmende Wettbewerbsdruck aus dem asiatischen Markt?

Christian Siebenwurst: Ich finde das spielt schon eine sehr große Rolle. Wir stellen immer häufiger fest, dass wir einen Auftrag nicht bekommen, aber das Werkzeug irgendwann bei uns zur Reparatur landet. Gerade weil der Lieferant, der das Lastenheft in Asien oder sonst auf der Welt unterschrieben hat, sich nicht an dieses gehalten hat. Er hat das Werkzeugkonzept im Grunde genommen nach dem Preis optimiert. Er sagt sich, der Kunde hat mir ein Bauteil gegeben und ich gehe davon aus, dass das entformungsgerecht gestaltet ist. Wenn es nicht so am Ende rauskommt, ist dass das Problem des Kunden. Hier in Deutschland sind wir uneingeschränkt vorleistungspflichtig, was bedeutet, dass jedes Detail, welches bemängelt wird, die Abnahme verzögert.

Auf der anderen Seite herrschen bei den gleichen Werkzeugen, die aus Asien oder anderen Länder kommen, andere rechtliche Bedingungen. Da wird erst geliefert, wenn die Zahlung zu 100 Prozent auf dem Konto ist. Das können wir nie machen. Aufgrund der rechtlichen Voraussetzungen sind wir nicht in der Lage, Leistung zurückzubehalten. So sind wir automatisch schadenersatzpflichtig. Man kann sagen, dass da mit zweierlei Maßstäben gemessen wird. Grundsätzlich scheue ich mich nicht vor dem asiatischen Wettbewerb. Im Gegenteil, es spornt uns an. Aber ich muss betonen, da werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Günther Auer: Das kann ich bestätigen. Wir gehen sogar soweit, dass wir, wenn uns jemand ein Werkzeug zur Reparatur anbietet und wir feststellen, dass es aus China ist, den Auftrag ablehnen. Bei uns bekommen sie auf das Werkzeug eine Garantie, entweder auf eine bestimmte Schusszahl oder über einen festgelegten Zeitraum. Nichts gegen die Werkzeuge aus Asien. Dort gibt es auch Hersteller, die richtig gut sind. Aber wenn man mit Produzenten spricht, die solche Werkzeuge einsetzen, heißt es, dass man unterm Strich nur max. 15 Prozent eingespart hat. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass man kein oder nur einen eingeschränkten Service für die Werkzeuge bekommt.

Zum Verständnis. Kunden bringen Werkzeuge aus dem asiatischen Raum oder anderen Staaten zur Reparatur?

Christian Siebenwurst: Ja, wir bieten das als Service an. Wir haben vor vielen Jahren den sogenannten Tool Doctor Service gegründet. Aber nicht unbedingt vor dem Hintergrund, Werkzeuge aus China zu reparieren. Denn wir müssen noch mal festhalten, dass von dort auch Werkzeuge mit einem hohen Qualitätsniveau kommen. Aber die sind dann auch nicht billiger als unsere. Dennoch ist es schon so, dass natürlich aufgrund des niedrigeren Anschaffungspreises unter Umständen in Kauf genommen wird, dass man dann über einen gewissen Produktionszeitraum einfach mit einer höheren Zykluszeit, mit höheren Instandhaltungskosten und einer geringeren Produktionseffizienz rechnen muss. Und das ist etwas, was wir oft nicht verstehen.

Um noch mal auf die Technik zurückzukommen. Zur Produktionseffizienz gehört auch das Thema Rüstzeiten!

Günther Auer: Ja und da gibt es Kunden, die das perfektioniert haben. Ich habe einen Kunden in den USA, der hat Vorheiz-Stationen für seine Werkzeuge, um die Heißkanäle vorab schon auf Temperatur zu bringen. Er verwendet Magnetspannplatten an den Spritzguss-Maschinen und Multikupplungen für die Medienleitungen und hat somit die Möglichkeit, die Produktion auf der Fertigungsmaschine in einer halben Stunde auf ein anderes Produkt umzustellen. Er investiert aber auch entsprechend in seine Werkzeuge. So werden alle Formteile aus Stahl zum Schutz vernickelt, um einer Korrosion durch Kondenswasser oder durch hohe Luftfeuchtigkeit vorzubeugen. Aufgrund der schnellen Umstellung in der Produktion fehlt aber oft die Zeit, die Werkzeuge sofort gründlich zu reinigen und zu konservieren.

Martin Bock: Bei kleinen Werkzeugen oder kleinen Einsätzen wendet man Single-Minute of Exchange und solche Techniken an. Das erfordert natürlich immer eine konstruktive Anpassung.

Kann man den schwarzen Peter den Einkäufern ihrer Kunden zuschieben, dass nur bedingt auf Effizienz gesetzt wird?

Christian Siebenwurst: So würde ich es jetzt nicht darstellen. Letztendlich ist der Einkäufer auch in seiner Organisation gefangen. Je nach Unternehmen und Unternehmensstruktur leistet der unter Umständen in dem ein oder anderen Fall einen guten Beitrag zur Wertschöpfung, oder aber auch nicht. Je nachdem, welche organisatorischen Freiheiten er hat. Wenn natürlich alles strikt getrennt gehandhabt wird, wenn nur das Zielkriterium günstiger Einkauf im Mittelpunkt steht, dann kann man hinterher nicht erwarten, dass dabei Prozess- oder Produktionseffizienz rauskommt. Letztlich ist es eine Frage, was will ich als Unternehmen und welche Konsequenz hat das am Ende auch für meine Produktion. Und es ist immer auch eine Frage wie bemesse ich Produktionseffizienz.

Martin Bock: Die Investition steht ganz klar in dem Fokus. Man möchte das Werkzeug möglichst schnell in die Anlage einfahren und integrieren, denn das bedeutet die Stillstandszeiten minimal zu halten. Auf der anderen Seite bedeutet das aber für den Werkzeugbau, dass ein fertig abgemustertes und erprobtes Werkzeug in die Produktion geliefert werden muss.

Das Thema Beratung schwingt in den Gesprächen immer mit. Rentiert sich dies?

Christian Siebenwurst: Wir haben die Problematik, dass es erwartet wird. Aber wir sind dabei, zu versuchen, so etwas als einzelfakturierbare Dienstleistungen anzubieten. Im einen oder anderen Fall stellen wir fest, dass die Bereitschaft dafür steigt.

Lassen sich in den unterschiedlichen Abnehmerbranchen auch Entwicklungen oder Trends im Verhalten der Kunden feststellen?

Thomas Alder: Also der Trend geht bei vielen Produzenten dahin, dass sie ein Rundum-Paket möchten. Dass sie am Anfang gut beraten werden wollen und gleichfalls zum Schluss, wenn das Werkzeug fertig ist. Zudem sind Werkzeug-Handbücher groß im Trend, inklusive einer Dokumentation mit Bildern und Beschreibungen. Gerade weil die meisten Produzenten keine Wartungs- oder Reparaturabteilung haben, sondern nur Maschineneinrichter. Bei uns erhält seit Januar 2013 der Kunde das Handbuch zudem mit einer CE-Konformitätserklärung. Die CE-Kennzeichnung von Werkzeugen ist mittlerweile fest in unserem Prozess implementiert.

Günther Auer: Wir geben zu jedem Werkzeug ein richtiges Handbuch dazu, auch weil die Werkzeuge größer und umfangreicher werden. Natürlich verlangt man eine höhere Standzeitgarantie von den Werkzeugen, aber man muss auch ganz gezielt darauf hinweisen, wann welcher Service zu machen ist und welche Kontrollmaßnahmen durchzuführen sind.

Was in der ganzen Diskussion um Produktionseffizienz auffällt, ist, dass sich die Maschinenhersteller dieses Thema auf die Fahne geschrieben haben. Warum reagiert eigentlich eine Schlüsselindustrie wie der Werkzeug- und Formenbau nicht darauf?

Martin Bock: Es gibt Maschinenhersteller, die sich darum kümmern, ein System aus Produktionsmaschine, Werkzeug und Bauteilhandling aufzubauen und dann eine komplette Produktion bis zur Verpackung abzubilden. Aber das geht nie ohne das Know-how des Werkzeugmachers. Ich würde es auch nicht so einseitig betrachten.

Wenn, dann spielen alle bei dem Thema mit und müssen auch bei dem Thema mit einbezogen werden. Da springen einige Maschinenhersteller, glaube ich, auch ein stückweit zu kurz.

Christian Siebenwurst: Wir müssen mehr tun, um den Werkzeug- und Formenbau in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Im Grunde genommen sind wir selbst schuld. Wir kümmern uns um die Technologie, aber publik zu machen, dass der Werkzeug- und Formenbau eine Schlüsselindustrie für die Effizienz in der Produktion ist, vernachlässigen wir. Da brauche ich auch keinen Verband, dem ich jetzt die Verantwortung übertrage, sondern das muss jeder für sich tun.

Wir haben sicherlich den Wettbewerb mit Asien, aber auf der anderen Seite stehen wir als Industriestandort im Wettbewerb. Und wenn wir es nicht schaffen, das Know-how zu bündeln und publik zu machen, dann gibt es hier in ein paar Jahren keinen Formenbau mehr, aber auch keine Plastverarbeiter. Die Herausforderung heißt, wesentlich aktiver auf den Markt zu gehen und das können wir nur miteinander schaffen.

Liegt es vielleicht daran, dass der Werkzeug- und Formenbau ein hochspezialisiertes Know-how verlangt und dieses schwierig zu kommunizieren ist?

Martin Bock: Sehen wir es mal so, der Werkzeugbau ist relativ früh in der Produkt-Entwicklungsphase eines Produktes mit eingebunden, und das bedeutet auch immer Geheimhaltungserklärungen. Insofern ist es schwierig etwas an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber wo der Werkzeugbau viel tun kann, ist der Bereich des systematischen Marketings seiner Leistungen.

Christian Siebenwurst: Nach meiner Meinung sind Autos oder die Automobilindustrie, wenn wir von der Industrie reden, etwas was die Menschen fasziniert. Aber keiner sieht, dass dahinter eigentlich viel Werkzeugbau steckt. Wir müssten uns viel mehr präsentieren, und mitteilen, dass der Werkzeugbau einen wesentlichen Anteil daran hat.

Martin Bock: Es ist schwierig, einer Branche, die zu 80 Prozent aus Unternehmen besteht, die weniger als 50 Mitarbeitern haben, ein Gesicht zu geben. Wir versuchen es, aber es ist schwer. Schließlich gibt es ja solche Initiativen wie den Wettbewerb „Werkzeugbau des Jahres“.

Thomas Alder: So langsam öffnen sich die Werkzeug- und Formenbauer, aber das Thema Geheimhaltung darf man nicht vernachlässigen. Wenn wir auf Messen sind und ein Produkt zeigen wollen, muss die Freigabe dafür durch die ganze Hierarchiestufe des Kunden laufen. Wir haben manchmal in den Prospekten Produkte, die sind bis zu 10 Jahre alt. Das sollte man eigentlich gar nicht mehr darstellen.

Kommen wir noch mal zurück auf das Thema Produktionseffizienz. Wenn Sie aus ihrer Sicht heute dem Verarbeiter Ratschläge geben würden, was empfehlen Sie?

Thomas Alder: Wichtig ist, dass er genau angibt, was er möchte, welche Stückzahlen zum Beispiel und was er vom Produkt erwartet. Dann kann man sich darüber austauschen und abstimmen, wie man das Werkzeug am besten realisiert. So kommt man gemeinsam am besten zum Ziel.

Günther Auer: Alle Leute an einen Tisch bringen, von Beginn der Wertschöpfungskette bis zum Moment wo das Produkt aus der Maschine kommt. So glaube ich kann man das gesamte Potenzial ausschöpfen. Also nur wenn jeder seine Erfahrungen in die Diskussion einbringt. Wir erleben es nur manchmal, dass ein Kunde, neben dem Produktdesigner, auch uns als Werkzeugexperten mit an den Tisch holt. Das sieht man dann aber auch am Ergebnis, dass es gewaltige Sprünge nach vorne gibt. Am Ende hat der Produzent den Vorteil, dass er kostengünstig gute Produkte auf den Markt bringen kann, was ihm einen Wettbewerbsvorteil sichert.

Martin Bock: Ein Tipp, auch den Werkzeugmacher mal in die Fertigung lassen und die Produktionsumgebung berücksichtigen. Ein Werkzeug ist ein Produktionsmittel und das muss man auch schätzen, pflegen und warten. Und man muss auch die Anlagentechnik rundum beherrschen. Ich glaube, das ist ebenso ein Problem. Das Tagesgeschäft geht meist vor. Man muss aber auch ein Stück weiterdenken, also an eine vorbeugende Instandhaltung zum Beispiel. Häufig wird das viel zu spät angegangen.
Günther Auer: Ja, nicht erst kurz vor dem Kollaps des Werkzeugs.

Kann man abschließend sagen, dass ein großes Manko des Werkzeug- und Formenbaus das Image ist, um Richtung Produktionseffizienz wahrgenommen zu werden?

Christian Siebenwurst: Ich glaube, es liegt schon ein wenig am Image. Eine Imagekampagne, die den wirtschaftlichen Nutzen darstellt, die gerade das Verhältnis zwischen Anschaffungskosten und Produktionskosten im Sinne der Produktionseffizienz gegenüberstellt, wäre sinnvoll. Aus meiner Sicht würde eine Veranstaltung zum Thema Produktionseffizienz weiterhelfen.

 

Vorschau

Weiteres Expertengespräch

Die Reihe der Expertengespräche zum Thema Produktionseffizienz wird mit Automationshersteller und Systemanbieter fortgesetzt.

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Über den Autor

Harald Wollstadt, Christine Koblmiller sind Redakteure bei Plastverarbeiter. harald.wollstadt@huethig.de