Kostensenkungen, die im Wettbewerb – ob global oder lokal – immer eine gewichtige Rolle spielen, sind beim Thema Produktionseffizienz nicht immer sinnvoll. Produktionseffizienz, so definierten es die Teilnehmer übereinstimmend, heißt, alle Ressourcen im Auftragsablauf ideal auszunutzen. Dabei spielen Qualität, Rohstoffe, Energie, Zeit – in Form von Zykluszeit, aber auch Rüstzeit oder Wartungszeiten – und auch die Kundenzufriedenheit ihre Rolle. Inwieweit die Produktionseffizienz bezogen auf diese Parameter beeinflussbar ist – und vor allem wer sie wirklich beeinflussen kann, diskutierten im zweiten Expertengespräch Werkzeug- und Formenbauer unterschiedlicher Couleur im Hochhaus des Süddeutschen Verlages in München. Dabei waren Hersteller großer Werkzeuge, Formenbauer, die die Medizintechnik beliefern, aber auch Zulieferer der Automobilindustrie sowie einen Vertreter des Fraunhofer Instituts IPT.

Welches Glied in der Wertschöpfungskette ist der Schlüssel zur Produktionseffizienz?

Thomas Adler: Kurz gesagt, ist Produktionseffizienz, dass ein Auftrag in kürzester Zeit planvoll und qualitativ zur vollsten Zufriedenheit des Kunden durchgeführt werden kann. Um effizient zu sein, ist das Zusammenspiel zwischen Produzent und Formenbauer ein ganz wichtiger Punkt. Es sind nicht unbedingt die internen Abläufe im Formenbau, sondern das Zusammenspiel dieser zwei Faktoren. Formenbauer und Produzent müssen eng zusammenarbeiten – und das möglichst in einem sehr frühen Projektstatus.

Günther Auer: Natürlich ist die Abstimmung mit dem Kunden wichtig, um die ganzen Gegebenheiten einbeziehen zu können. Ein anderer großer Faktor sind die Produkte selbst. Es kommen Kunden mit Produkten, bei denen man bereits auf den ersten Blick erkennt, dass eine Optimierung nötig wäre. Leider hat man nicht immer die Möglichkeit einzugreifen. Bei optimaler Produktauslegung könnten wir das Werkzeug speziell auf schnelle Zyklen abstimmen. Herr Siebenwurst nickt bereits zustimmend.

Christian Siebenwurst: So wie Herr Auer angedeutet hat, ist das Problem häufig, dass wir erst in einem späten Stadium beauftragt werden, wenn das Produkt im Wesentlichen feststeht. Der Produktentwickler hat in der Regel die Funktion des Bauteils und die Festigkeit im Sinn. Erst an zweiter oder dritter Stelle steht die Verarbeitbarkeit oder die Herstellbarkeit des Bauteils. Und das stellt oft das größte Problem dar, dass man dann Werkzeuge in einer Komplexität bauen muss, die vielleicht, hätte man früher die Chance gehabt einzugreifen, deutlich einfacher und unabhängig von den Kosten, die damit verbunden sind, über den Werkzeuglebenszyklus eine höhere Ausbringmenge, mit einem niedrigeren Reparaturaufwand erreichen könnten. Das geht uns allen so, dass wir bei unseren Kunden werben, uns bereits im Stadium der Produktentwicklung zu integrieren. Das wäre schon mal ein erster Ansatzpunkt in Richtung Produktionseffizienz.

Martin Bock: Einhergehend damit ist, dass das Produktdesign meist schon in Stein gemeißelt ist und man als Werkzeugbauer wenig machen kann. Das Thema fertigungsgerechtes Design ist seit fast 50 Jahren, also seit es Kunststoffspritzguss gibt, immer virulent. Diese Schnittstelle zu schaffen, Designer und Werkzeugbauer frühzeitig an einen Tisch zu bringen, ebenso den Produzenten und den Einkäufer, ist eminent wichtig.

Das bedeutet also, man müsste entweder die Kompetenz schon in die Designphase einbringen und der Designer müsste ein fertigungsgerechtes Denken mitbringen?

Bock: Ja, sicherlich. Also, das ist auch so ein bisschen eine missionarische Aufgabe der Hochschulen und Verbände, dieses Bewusstsein zu schaffen. Eine wesentliche Rolle spielen aber auch wieder die Einkäufer in Großkonzernen. Diese werden eben nach Ersparnis im Werkzeugeinkauf bezahlt und nicht nach Einsparungen im Produktlebenszyklus. Und damit ist auch verständlich, dass er das Angebot für ein Werkzeug runter verhandeln möchte. Am Ende ist das also kontraproduktiv.

Herr Siebenwurst hat es angesprochen, dass der eigentliche Schlüssel die Betrachtung des Gesamtsystems ist. Und da ist neben dem Werkzeug, die Maschine, die Anlage, aber auch wo produziert wird wichtig. Niemand produziert ausschließlich nur für den deutschen Markt. Da ist es von großer Bedeutung zu wissen, wo wird das Werkzeug am Ende eingesetzt? Also in der Erstellungsphase des Werkzeugs die Wartung und die Ersatzteilbeschaffung mit einplanen. Gerade Artikel im Kosmetikbereich werden an den exotistischsten Plätzen für die unterschiedlichsten Märkte produziert. Dann einen Formeinsatz schnell zur Verfügung zu stellen, damit die Anlage nicht am Ende still steht, hat auch etwas mit Produktionseffizienz zu tun.

Es gibt den Trend, dass man bestimmte Produkte komplett ausschreibt, von der Entwicklung bis zur Serienfertigung. Ist dass der richtige Ansatz?

Siebenwurst: Es gibt einige Fachkollegen, die so etwas bereits durchführen. Zumindest das, was wir von den einzelnen Fachgesprächen raus hören, scheint dies erfolgreich zu sein. Wobei es natürlich auch riskant sein kann, denn wir müssen aufpassen, dass wir uns da nicht zu stark diversifizieren. Wir wollen natürlich in erster Linie hervorragende Werkzeuge bauen und nicht ein komplexes Bauteil für ein Fahrzeug entwickeln. Also bieten wir dem Kunden ein Paket mit Beratungsdienstleistung an, inklusive der Simulation und Unterstützung bei der fertigungsgerechten Bauteilgestaltung. Das ist ein Ansatz, wo wir in den letzten Jahren im Sinne des Verarbeiters gute Erfolge zu verzeichnen hatten.

Adler: Es ist unterschiedlich und hängt tatsächlich stark von der Branche ab. Bei Automobilherstellern hat man wenige Chancen, vorher einzugreifen. Bei anderen Produkten aber, wie zum Beispiel Zahnbürsten oder Rasierern, hat man als Formenbauer einen gewissen Einfluss auf Entformungsschrägen oder Wandstärken. Gerade in diesen Branchen binden unsere Kunden uns schon in einer sehr frühen Projekt-phase ein. Selbstverständlich steht das Artikeldesign schon, aber diese Kunden lassen in Teilen mit sich reden und sind an der Gesamteffizienz des Prozesses interessiert. Wir müssen also Wert legen auf eine Art Presales-Service und Aftersales-Service, praktisch ein Rundum-Paket. Dann hat man die besten Ergebnisse, dies ist unsere Erfahrung. Zum Abstimmen technischer Details ist auf jeden Fall ein technischer Ansprechpartner beim Produzent von Vorteil. Beim Einkäufer ist die Sache ähnlich gelagert, der bestimmt zwar die Preise, sollte aber auch eine Ahnung von Technik haben und muss unbedingt das Gesamtbild des Prozesses im Hinterkopf behalten.

Wenn Sie einen Auftrag bekommen, ist der erste Schritt, neben der Begutachtung der Zeichnungen, auch eine Besichtigung des Maschinen- und Produktionsumfelds?

Adler: Es ist wichtig, dass man die Produktionsverhältnisse kennt. Sogar der Standort ist entscheidend, wo produziert wird. Ob in Europa oder in Asien, Tschechei, Brasilien oder sonst wo. Das muss man bei der Auslegung vom Werkzeug berücksichtigen. Auch vom Angebot her – muss man Ersatzteile gleich mit anbieten inklusive der Verzollung, müssen Schulungen mit dem Kunden durchgeführt werden. Wir haben schon Fälle gehabt, wo das Werkzeug im Zoll stand, weil zwei Begrifflichkeiten in den Papieren gefehlt haben oder falsch waren. So etwas muss man im Vorfeld wissen und sich im Detail damit auseinander setzen.

Wie viel Einfluss haben Sie auf das zu verarbeitende Material?

Bock: Der Werkzeugbau kann bei Stahlauswahl und Beschichtung beratend eingreifen und Vorschläge machen, wie man Standzeit, Oberflächengüte des Bauteils und Material des Formkerns unter einen Hut bringt. Die meisten Unternehmen haben da bereits jahrelange Erfahrung gesammelt.

Adler: Das ist auch der einzige Einflussfaktor, den wir haben. Oftmals gibt es kein richtiges Materialdatenblatt, was natürlich auch eine Moldflow-Analyse unmöglich macht. Und da fängt es schon an. Die Materialvielfalt nimmt zu. Die Materialwahl des Kunden und die Komplexität der Werkzeuge haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Gewährleistung der Form.

Auer: Ja, wobei teilweise die Angaben von den Materialherstellern sehr vage sind. Wenn sie sich die Schwundangaben auf den Material-Datenblättern ansehen, könnte man das Werkzeug mehrmals neu bauen, so breit sind diese gestreut. Teilweise versuchen wir schon, wenn es wirklich ein ganz exotisches Material ist, Formen mit ähnlichen Bauteilgeometrien und -größen zu bekommen, um durch eine Bemusterung den Schwund zu ermitteln und so Grundlagen zu schaffen. Oft ist es auch so, dass Prototypen oder Versuchswerkzeuge gebaut werden und dort mit einem Stangenanguss gearbeitet wird, anstatt einen Heißkanal zu verwenden. Dieser könnte direkt oder mit kleinen Anpassungen in das Serienwerkzeug übernommen werden. Durch diese Vorgehensweise könnten Erfahrungen gewonnen werden, die in das Serienwerkzeug einfließen. Aber leider sind die Einkäufer oft nicht bereit dafür Geld zu investieren.

Auf der einen Seite der Einkäufer, der möglichst kostengünstige Werkzeuge braucht. Auf der anderen Seite der Verarbeiter, der auf die Produktionseffizienz angewiesen ist, weil er vom Abnehmer bei den Stückkosten unter Druck gesetzt wird. Wo haben sie denn überhaupt Ansatzpunkte?

Siebenwurst: Das ist immer ein Zielkonflikt. Auf der einen Seite versuchen wir natürlich, den Konflikt im Sinne des Verarbeiters zu lösen. Sicherlich müssen wir uns mit dem Einkäufer über die kaufmännischen und technischen Bedingungen einigen, aber wenn dies geregelt ist, dann ist das Hauptziel ein Werkzeug so zu konzipieren, dass der Verarbeiter optimal damit arbeiten kann. Das ist letztendlich auch für uns das beste Marketing.

Auer: Ich kann keinen Mercedes bauen für das Geld von einem VW. Das verstehen auch die Einkäufer.

 

Vorschau

Expertengespräch Teil 2

Im zweiten Teil des Expertengespräches Produktionseffizienz aus Sicht der Werkzeug- und Formenbauer, geht es um die Beratung und den Service sowie um das Image der Branche als Know-how-Träger.

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Über den Autor

Harald Wollstadt, Christine Koblmiller sind Redakteure bei Plastverarbeiter. harald.wollstadt@huethig.de