Der Oberösterreichische Werkzeug- und Formenbauer Camo aus Schwanenstadt ist seit einigen Jahren im Bereich Medizintechnik für namhafte internationale Unternehmen tätig. Dafür wurde beispielsweise eine hochkomplexe Produktionszelle rund um eine Zwei-Komponenten-Maschine reinraumtauglich umgebaut und mit einer Schleuse sowie einem Partikelmessgerät ausgestattet, um einen medizintechnischen Artikel in Großserie herstellen zu können. Die Spritzteile werden zwar auch verpackt, jedoch vor ihrem Verkauf nochmals sterilisiert. Spezielle Handlingköpfe mit integrierter Videoüberwachung entnehmen die Spritzteile, prüfen sie auf Vollständigkeit und montieren sie nachgeordnet. Die patentierte Auftragsentwicklung kombiniert das Montage-Spritzgießen im Werkzeug also mit einem weiteren Fügevorgang außerhalb der Spritzgießmaschine zum dann fertigen Produkt. „Solche Investitionen sind zwingend nötig, wenn man in einer Branche wirklich Fuß fassen will“, erläutert Geschäftsführer Reinhard Eidler das technologische und finanzielle Engagement von Camo. „Ohne klare Ziele und Meilensteine, wie diese zu erreichen sind, geht gerade in diesem sehr anspruchsvollen Bereich der Spritzgießverarbeitung nichts. Wenn wir keine Qualität liefern können, dann merkt das zuerst der Kunde und dann unmittelbar wir.“

Einheit zur Blutuntersuchung

Das gilt auch für das Zwei-Komponenten-Spritzgussteil, welches das Unternehmen für den Laborausstatter Eurolyser Diagnostica aus Salzburg herstellt. Eurolyser gehört nach eigener Darstellung zu den führenden Herstellern von In-vitro-Diagnostik-Instrumenten für Drug-of-Abuse Tests, klinische Labore (Bench-Top-Analyser) und patientennahe Diagnostik mit Schnelltests (Point-of-Care Analyser). Das Unternehmen investiert überdurchschnittlich viel in Forschung und Entwicklung, um technologisch und wirtschaftlich moderne Produkte auf den Markt zu bringen. Die Blutuntersuchungseinheit setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Einem Kapillar mit einem Gewicht von 0,03 Gramm aus PA 12 sowie einem Auffanggehäuse aus PP mit einem Gewicht von 1,3 Gramm.

Beide Komponenten entstehen in einem 2+2-fach-Werkzeug, dessen Auswerferseite um 180° zum Fertigspritzen gedreht wird. Die Teileentnahme erfolgt über ein Handling, wobei dieses aufgrund der feinen Übergriffe über Zusatzzentrierungen am Werkzeug andockt.

Düsenseitig übernimmt ein Auswerferpaket das Lösen der Kapillarröhrchen aus den Kavitäten, die zur Ausformung der Spritzlinge notwendigen Schieber werden über das Spritzaggregat betätigt (abhebende Düse). Das Kapillar hat eine Wandstärke von 0,4 mm und wird mit einem Schlitz oder Hinterschnitt von einem Zehntel Millimeter ausgeformt, um eine mechanische Verbindung zum Analysebehälter mit einem Durchmesser von 0,8 mm herstellen zu können. Der Grund für die mechanische Verbindung ist ebenso einfach wie effektiv: Aufgrund der thermodynamischen Unverträglichkeit sowie der Viskositätsunterschiede beider Materialien muss ein manueller Kontakt hergestellt werden, um einen formschlüssigen und dauerhaften Kontakt zwischen beiden Spritzteilen erreichen zu können.

Produktion unter Reinraumbedingungen

Um Kapillare und Analysebehälter unter entsprechend sauberen Bedingungen in Serie herstellen zu können, arbeitet die gesamte Anlage gekapselt, wobei die Luft sowohl grob als auch fein gefiltert wird. Durch das Einblasen der so gereinigten Luft entsteht eine Überdruckumgebung, die eine Partikelaufnahme an Werkzeug und Teilen zuverlässig verhindert. Angespritzt wird die 1. Komponente aufgrund ihres geringen Gewichts über einen Kaltkanal mit Tunnelanguss, die 2. Komponente über einen Heißkanal-Unterverteiler mit Tunnel.

„Die Ausführung der Blutuntersuchungseinheit zur kombinierten Entnahme und Analyse als Zwei-Komponenten-Spritzteil ist in dieser Form neu“, beurteilt Helmut Obermayr, Verkaufsleiter bei Camo, die Herstellung. „Durch die gemeinsame, innovative Weiterentwicklung des Systems kam darüber hinaus noch der Deckel mit integriertem Scharnier hinzu, um die manuellen Tätigkeiten für das Untersuchungspersonal zu vereinfachen.“

Einsatz in automatisierter Medienanalyse

Die Teile der Blutuntersuchungseinheit entstehen in einer Zykluszeit von 27 Sekunden auf einer Engel-Spritzgießmaschine des Typs ES 330 H 80 HL. Das Kapillarröhrchen dient dabei zur unmittelbaren Blutabnahme von bis zu 5 ml Blut, wobei das Aufziehen der Flüssigkeit selbsttätig erfolgt. Das Blut läuft dann in den Analysebehälter, die Gesamtkomponente wird wiederum in das Analysegerät eingesetzt und dort untersucht.

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Über den Autor

Uwe Becker ist Inhaber der BtoB-Agentur UBCOM, Bad Endbach. office@ubcom.cc