Auf der Automobiltagung in Mannheim treffen sich alljährlich internationale Experten der gesamten Wertschöpfungskette – Zulieferer, Verarbeiter und auch Automobilhersteller. Netzwerke und die Information über den aktuellen Stand der Technik sind die vorrangigen Ziele der teilnehmenden Unternehmen, der Aussteller und der Vortragenden, ebenso wie der Besucher. Eines der wichtigsten Themen ist der Leichtbau. Kunststoffe helfen den Konstrukteuren Gewicht einzusparen: Im Exterieur und bei den Aggregaten durch innovative Karosseriestrukturen und Anbauteile, im Innenraum besonders auch in Form von gewichtsoptimierten, hochwertigen und hochfunktionalen Interieurbaugruppen.

„Innovationen in der Kunststofftechnik beeinflussen direkt die fahrzeugtechnischen Konzepte von morgen“, beschreibt Rudolf C. Stauber, Fraunhofer Institut für Silicatforschung ISC, Alzenau, im Vorwort zur Tagung die Bedeutung der Kunststoffe für die Automobilbranche.

Leichtbau als treibende Kraft

Begleitend zu den Vorträgen stellen einige Unternehmen im Foyer des Kongresszentrums aus – die Exponate stellen häufig Best-Practice-Beispiele dar. Zentrale Stichworte sind auch hier Leichtbau, Kostendruck, Funktionsintegration, aber auch – wie schon in den Jahren zuvor – das Recycling der Wertstoffe am Ende eines Autolebens. Bei Trexel sind beispielsweise Scheinwerfergehäuse, Hochglanzblenden und Instrumententafeln zu sehen, die mit dem Mucell-Verfahren gefertigt wurden. „Scheinwerfergehäuse im Kompaktspritzguss sind nur mit erheblichem technischem Aufwand in der Lage die geforderten Maßtoleranzen einzuhalten.

Durch das physikalische Schäumverfahren ist dies leichter möglich, da sich so gut wie keine inneren Spannungen im Bauteil befinden und die Längs- und Querschwindung annähernd gleich ist“, beschreibt Hartmut Traut die besonderen Merkmale des Verfahrens. Mit den Hochglanzblenden für das Bedieninterface in der BMW 7-er Reihe zeigt er, dass sich auch anspruchsvolle Oberflächen fertigen lassen. Neben dem Mucell-Verfahren steht bei Engel ebenfalls der Leichtbau im Fokus. Mit Hilfe der In-situ-Polymerisation im Spritzgießwerkzeug wird es in Zukunft zum Beispiel möglich sein, aus trockenen Endlosfaser-Strukturen thermoplastische Faserverbund-Bauteile ohne den Einsatz von Halbzeugen direkt herzustellen. Lösungen für Materialsubstitution zeigt Plastic Omnium: Eine Kunststoffheckklappe des neuen Jaguar XF Sport Break und den neuesten Stoßfänger in Europa, den Opel Cascada Front. Mit diesen Anwendungen können etwa fünf bis sieben Kilogramm am Fahrzeug eingespart werden. Strukturbauteile gehören zu den nächsten Projekten des Unternehmens, um weiter Gewicht einzusparen.

nwendungen der Nylaforce-Produktgruppe – beispielsweise eine Sitzschale für Recaro, eine Mittelarmlehne für BMW oder ein Aufnahmerahmen für Navigationsgeräte – zeigt die Firma Leis Polytechnik: „Der Werkstoff ist prädestiniert für technische Funktionsteile mit hohen Ansprüchen an die mechanische Festigkeit und kann in vielen Bereichen eine adäquate Alternative zu metallischen Werkstoffen sein“, zeigt sich Michael Archinger, Verkaufsleiter überzeugt. Die neuen PA-Blends Akromid Lite und Xlite stellt Akro-Plastik für leichte und kostengünstige Anwendungen Interior, Exterior sowie „Under the Hood“ vor.

Bei Dow Automotive findet der Besucher als zentrales Exponat einen Instrumententafelträger als PU-Lösung. Am Stand von Synventive wird am Beispiel einer neuen Sitz-Rückenlehne des Audi A3 der Einsatz der Fließregulierungs-Technologie Synflow gezeigt. Ziel ist eine fehlerfreie und optimierte Oberflächengüte in der Spritzgießfertigung. Für den Leichtbau entwickelte das Unternehmen speziell auf das Spritzgießen von langglasfaserverstärkten Kunststoffen ausgelegte Heißkanalsysteme. Aktuelle Technologien erforden neue oder verbesserte Werkstoffe. Daher präsentiert Momentive polymere Spezial-Werkstoffe und Beschichtungen zur Konstruktion komfortabler, sicherer und kraftstoffsparender Fahrzeuge.

Neue Materialien und Anwendungen

Schwerpunkte sind Flüssigsilikonelastomere der Silopren-Reihe zur Abdichtung im Bereich Elektronik und Powertrain. Außerdem duroplastische Hochleistungskunststoffe der Marke Bakelite zur Metallsubstitution sowie die Epoxidharze Epikote für Composites für Strukturbauteile. Zu den Anwendungen für weiterentwickelte technische Kunststoffe gehören Thermostatgehäuse aus hydrolysestabiliertem Ultramid (PA) und Elektronikgehäuse aus lasertransparentem Ultradur (PBT), sowie neue Ultramid-Frontend-Serienteile und Motorträger-Konzepte. Außerdem stellt BASF auf Seite der Polyurethane die Sprühsysteme Elastoskin und Elastoflex für das Hinterspritzen zur Diskussion. Darüber hinaus wird das Potenzial zur Gewichtsreduktion bei den Cellasto-Dämpfungselementen für Chassis und Powertrain angesprochen, ebenso der PU-Integralschaum Elastofoam. Evonik präsentiert zwei Hybridbauteile, die auf dem Haftvermittler Vestamelt basieren. Das eine ist ein Frontendmodul für einen Ford Focus, das andere ein Instrumententafelträger. Der Instrumententafelträger wird bereits serienmäßig von einem führender Automobilhersteller in mehreren Automodellen verwendet.

Odenwald-Chemie präsentiert neben dreidimensionalen Akustik-Vliesteilen auch akustisch wirksame Tiefziehteile aus PE-Schwerschaum sowie neue imprägnierte PUR-Schäume, die zur Schalldämpfung oder als Brandschutz eingesetzt werden können.

Kosteneffizienz und Recycling

Außerdem zeigt das Unternehmen kostengünstige PE-Formteile aus Fusion-Press-Form-Technology (FPFT). PP Langglasfaser Sicherheitsbauteile und gleitreibungsmodifizierte Thermoplaste stellt GKG Goldmann aus. Sie zeigen Funktionsintegration und das Potenzial zur Kosteneinsparung. Letzteres steht auch bei den POM Sicherheitsbauteilen im Vordergrund, ebenso wie bei den PP-Low-Emission-Bauteilen für das Kfz-Interieur. Die Aufbereitung dieser Interieur-Teile am Ende eines Autolebens ist die zentrale Kompetenz des Unternehmens Eco-Care Recycling Solutions, das diese Spezialisierung durch die entsprechenden Recyclate am Stand untermauern wird.

 

Tagung im Detail

Kunststoffe im Automobilbau

  • Internationaler Kongress mit Fach-Ausstellung
  • Termin: 13. bis 14. März 2013
  • Ort: Mannheim, Congress Center Rosengarten
  • Öffnungszeiten: Mittwoch 8:00 Uhr bis 20:00 Uhr, ab 18:30 Uhr
  • Abendempfang; Donnerstag: 08:00 Uhr bis 15:30 Uhr
    Pre-Check-in im Dorint Kongress Hotel am 12. März 18:00 bis
    21:00 Uhr
  • Kongress-Sprachen: Deutsch und Englisch (Simultanübersetzung)
  • Eintrittspreise: 1.280,- EUR für Nichtmiglieder, 1.180,- EUR für
  • VDI-Mitglieder
    Veranstalter: VDI Wissensforum, Düsseldorf
    Vorträge von Adam Opel, AGCO – Fendt, Audi, BASF, Berlac, BMW, Cadfem, Daimler, EvoBus, Evonik Industries, Ford-Werke, Fritzmeier Composite, IKV-RWTH Aachen, Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen Universität Stuttgart, Kiefel, Lanxess, Luxus, MAN Truck & Bus, Mann + Hummel, Milliken & Company, Nissan Technical Centre Europe, Recticel Automobilsysteme, Renault, SGL, SKZ–KFE, Sodecia FSG Technical Center, Takata, Victrex Europa, Volkswagen.

 

Nachgehakt

 

Welche wichtigen Themen für die Automobilbranche erwarten Sie auf der VDI-Tagung?

 

Michael Archinger, Verkaufsleiter, Leis Polytechnik Im Hinblick auf die CO2-Reduzierung des Flottenausstoßes steht das Thema „Leichtbau“ ganz oben auf der Prioritätenliste.

Eugenio Toccalino, Global Strategic Marketing Director, Dow Automotive Ja, Leichtbau und Emissionsreduktion sind auch meine Favoriten, weil es nach wie vor eine von der Legislative weltweit getriebene Schlüsselanforderung ist.

Heiko Bayerl, Marketing Manager Elastomers Automotive Europe, Momentive Performance Materials Alle Möglichkeiten zur Energieeffizienz und Kraftstoffeinsparung werden die Gespräche dominieren.

Thomas Lange, Manager Communications High Performance Polymers, Evonik Neue Chancen für den Leichtbau durch Hybridbauteile und kostengünstige Produktionsmethoden von CFK-Sandwichstrukturen werden sicher ebenfalls heiß diskutiert.

Hans-Jörg Schreyer, Leiter strategische Marktentwicklung und Marketing, Synventive Die Oberflächenqualität der Kunststoffbauteile im sichtbaren Bereich wird weiter an Bedeutung gewinnen. Denn die Design-Anmutung und die individuelle, emotional empfundene Qualität werden maßgeblich von Glanz, Struktur und Haptik der sicht- und berührbaren Oberflächen der Bauteile definiert.

Matthias Kramer, Prokurist und Vertriebsleiter, GKG Goldmann Kunststoffe Ein wichtiges Thema wird die Kostenreduzierung wegen des härteren globalen Wettbewerbs sein. Auch der verstärkte Einsatz von Rezyklaten wird diskutiert werden, unter anderem wegen der Altautoverordnung.

Jean Jacques Collin, Managing Director, Eco-Care Recycling Solutions Das Thema „Nachhaltigkeit“ wird eine wichtige Rolle spielen. Hierbei geht es nicht nur um technischen Neuentwicklungen unter dem Stichwort „Design for Recycling“, sondern auch um den Einsatz von Recyclaten in hochwertigen Anwendungen innen und unter der Motorhaube.

Ulrich Gremkow, Odenwald-Chemie Neben Leichtbau werden sicher Akustik, Kosteneffizienz, Sicherheit, sowie Umweltschutz und Ökonomie in den Gesprächen Platz finden.

Andy Müller, Business Unit Ems-Services, EMS-Chemie Wir wollen vor allem interessante Ansätze mit Werkstoffen aufzeigen, die den aktuellen Trends im Interieur wie „Ambientebeleuchtung“ und „pianoblack“ folgen könnten.

Steffen Felzer, Geschäftsführer, Grafe Polymer Technik Neben den bereits genannten Themen werden meiner Ansicht nach auch Naturwerkstoffkombinationen ein Trend sein, der in Mannheim große Bedeutung haben wird.

Hartmut Traut, Business Director, Trexel Der Beitrag „Pflanzenbewegungen als Ideengeber für elastische Strukturen“  gibt vielleicht Anregungen, wie man zukünftig mit Mucell Kunststoffbauteile konstruieren kann. Denn mit diesem Verfahren werden Leichtbaumöglichkeiten für Kunststoffteile eröffnet, die im Kompaktspritzguss nicht vor- und darstellbar sind. Man kann sich in der Tat an der Natur orientieren, wie ein Bauteil optimal für seine Funktion – und nicht für das Spritzgießen – konstruiert werden kann.

Michael Fischer, Verkaufsleiter Technologien, Engel Austria  Meiner Ansicht nach werden auch Oberflächen, Funktionsintegration und Optik diskutiert werden. Wichtig ist, dass wir neue Möglichkeiten immer aus dem Blickwinkel des Kunststoffverarbeiters bewerten. Unter dem massiven Kostendruck werden neue Verfahren und Technologien nur dann eine Chance am Markt haben, wenn sie dem Verarbeiter auch wirtschaftlich Vorteile bringen. Der Schlüssel dafür lautet Prozessintegration und Automation – ebenfalls wichtige Themen in Mannheim.

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Christine Koblmiller