Die Region Marinha Grande im Distrikt Leiria war früher das Zentrum der der portugiesischen Glasindustrie und liegt ungefähr 150 Kilometer nördlich von Lissabon, etwa zehn Kilometer von der Atlantikküste entfernt. Zwischen der Stadt und der Küste erstreckt sich auf mehr als 110 Quadratkilometern ein Kiefernwald, der „Pinhal do Rei“, der königliche Kiefernwald. Die Hölzer aus diesem Waldgebiet dienten früher als Energielieferant und waren so die Voraussetzung für das Ansiedeln der Glasindustrie. Das Sprichwort „Quem não sopra, jà soprou“ brachte lange das Lebengefühl der Region zum Ausdruck.

Hoher Kompetenzstand erarbeitet

Heute ist der Hauptwirtschaftszweig der Region die Kunststoffindustrie. Mit etwa 250 Firmen, die technisch hochentwickelte Werkzeuge für das Spritzgießen sowie Druckguss- und Blasformverfahren für die Kunststoffverarbeitung herstellen, stellt die Region eine der größten Ansammlung an Formenbauer Europas. Über mehrere Generationen hinweg hat sich der Werkzeug- und Formenbau einen hohen Kompetenzstand erarbeitet, welcher nun in die Fertigung von integrierten Komplettlösungen einfließt. Dass man hochwertige Spritzgieß-Werkzeuge herstellen kann, hat man in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, was die Referenzen von führenden multinationalen Unternehmen wie Volkswagen, Daimler, GM oder Hewlett Packard belegen.

Da die Automobilindustrie nach wie vor wichtigster Abnehmermarkt ist und diese hohe Anforderungen an seine Zulieferer hinsichtlich Kosten und Qualität stellt, eigneten sich die Portugiesen viel Know-how an. Und diese unerschöpfliche Kapazität im Management von Projekten, kombiniert mit einem Netz an Formenherstellern ermöglicht es, alle Anforderungen komplxer Systemlösungen zu erfüllen. Sowohl in der Formengröße wie auch in der Komplexität und auch mit Technologien wie 2K und GID.

Mehr als nur klein und fein

Derzeit umfasst die portugiesische Formenbauindustrie rund 530, in der Regel kleine und mittlere Unternehmen, die sich auf Engineering & Tooling, das heißt die Konzeptionierung, Entwicklung sowie Herstellung von Spritzgussformen und -werkzeugen spezialisiert haben. Mehr als 90 Prozent der Gesamtproduktion an Formen und Werkzeugen werden derzeit exportiert. Eine Analyse der Handelsbilanz der letzten 20 Jahre belegt den hohen Exportanteil in diesem Marktsegment.

Das zeigt, dass Portugal im Laufe der Jahre die Fähigkeit entwickelt hat, sich an die Bedürfnisse seiner Kunden und aktuelle Entwicklungen anzupassen, sei es bezogen auf die Märkte oder auf neue Technologien. Repräsentiert wird die portugiesische Engineering & Tooling-Industrie durch den internationalisierten Verbund Pool-Net, das Portuguese Tooling Network, repräsentiert. Dieses Netzwerk hat eine große Bandbreite von Mitgliedern aus den Bereichen Technologie, Wirtschaft und Handel. Im Oktober 2008 gegründet, wurde der Verbund im Juli 2009 unter der Bezeichnung „Engineering and Tooling Cluster“ offiziell als Rechtsträger durch die portugiesischen Behörden anerkannt.

Unsere Tour führte uns durch die Schwerpunktregion der Branche Marinha Grande und umfasste Besuche bei den Unternehmen MCG mind for metal, einem Unternehmen für die Metallumformung, den Systemlöser im Engineering & Tooling Bereich Moldes RP, LN Group, tj Moldes, Tec Moldes, Moldoeste sowie Uepro Lda., einem Serviceunternehmen für Toolinglösungen.

Den Abschluss der Reise bildete ein Informationsgespräch mit AICEPT, der Agentur für Investitionen und Handel.

Immer auf dem neuesten Stand

Wir stehen vor einem modernen, fast futurisch anmutenden Firmengebäude in Marinha Grande. In der großzügig verglasten Eingangshalle empfängt uns der Chef des Unternehmens Moldes RP Rui Pinho im unscheinbaren Polo-Shirt. Unser Rundgang durch die Fertigung dauert dann auch etwas länger als geplant. Rui Pinho geht intensiv auf einzelene Fertigungsschritte ein und präsentiert stolz den modernen Maschinenpark. Sowohl die Produktions als auch die Werkzeugmontage ist nahezu reinraumtauglich ausgelegt.

Eine durchgängige CAD/CAM-Archtektur verbindet die Konstruktion mit der Fertigung und ist immer mit den neuesten Versionen ausgestattet. „Wir müssen immer auf dem neuesten Stand sein, denn unsere Kunden aus der Luft- und Raumfahrt sowie der Automobilindustrie, haben hohe qualitative Ansprüche. So sind wir auch explizit für die Aeronautic zertifiziert,“ betont Pinho die fortwährenden Investitionen in das Fertigungsequipment.

Im nächsten Jahr wird man noch zusätzlich in die Automatisierung investieren und die Maschinen mit Roboter verketten. Der deutsche Markt ist für Pinho nicht nur wegen der Automobilisten wichtig, auch die boomende Medizintechnik ist für ihn ein Zielmarkt. Bereits 2002 wurde der Spezialist für Engineering-Lösungen rund um den Werkzeug- und Formenbau nach der Norm NP EN ISO 9001:2000 und 2009 nach NP EN ISO 9001:2008 zertifiziert. Nicht nur die Referenzen und der Maschinenpark zeugen von der Professionalität des Portugiesen. Neben unzähligen Messeauftritten in der ganzen Welt, einem umfassenden Webauftritt runden unzählige You-Tube-Videos die Marketingaktivitäten ab.

Beim Abschied gibt uns Rui Pinho nach einen Insidertipp der weniger mit Werkzeugen und Formen zu tun hat: „Portugal ist für seinen Portwein bekannt und die meisten kennen nur die rote Variante,“ eröffnet er uns, „Testen sie doch den weißen Portwein, ein ganz neues Geschmackserlebnis.“ Dann setzten wir unsere Besuchsreise zum nächsten Formenbauer fort. In der nächsten Ausgabe setzten wir unsere Berichterstattung über die Tooling & Engineering-Branche Portugals fort.

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Harald Wollstadt