Spritzgießen, Thermoformen, Blasformen, Extrudieren, Werkzeuge, Werkstoffe, Zulieferteile, Dienstleistungen – die Fakuma zeigt die ganze Welt der Kunststofftechnik. Ausgehend von Technologien für die Be- und Verarbeitung von Kunststoffen, werden dem Fachpublikum sowohl Teilsystem- und Komplett-Lösungen als auch die notwendigen Peripherie-Bausteine zur wirtschaftlich-qualitativen Herstellung von Kunststoff-Produkten vorgestellt.

Noch zeigt sich die Kunststoff-Branche unbeeindruckt vom wirtschaftspolitischen Wirrwarr um die reale oder virtuelle Eurokrise, zumal sich hier die globalisierten Produktionsnetzwerke positiv auswirken und Schwankungen ausgleichen. Um die Wettbewerbsfähigkeit global und auf Dauer sicherstellen zu können, investieren die Be- und Verarbeiter von Kunststoffen verstärkt in die Automatisierungstechnik und auch in Personal-Ressourcen. Die Investition sowohl in die Automatisierung von Prozessen und der Qualitätssicherung als auch in die Produktions- und Montage-Automatisierung in Gestalt von Handling-, Roboter- Zuführ- und Materialfluss-Einrichtungen ist gerade im Hinblick auf eine verstärkte ressourcenschonende Produktion wichtig.

Dieses Geschäft wird auf Jahre hinaus wachsen, denn auch die Billiglohn-Unternehmen in Asien und den neu aufkommenden Schwellenländern Afrikas haben erkannt, dass sie nur mit hoher und vor allem mit reproduzierbarer Produktqualität eine Chance haben, weil die Ansprüche überall auf der Welt steigen. Um diesen Anforderungen in Verbindung mit einem material- und energieeffizientes Verarbeiten von Kunststoffen – auch und insbesondere in Europa – genügen zu können, sind allerdings Fachkräfte unabdingbar. So warnt aktuell zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres 2012/2013 die Interessengemeinschaft Kunststoff (IGK) vor sinkenden Facharbeiter-Zahlen in der Kunststoff-Industrie. Bereits auf dem Kunststofftag im Mai diesen Jahres sprach Prof. Dr.-Ing. Christian Hopmann, Institutsleiter und Geschäftsführer Vereinigung zur Förderung des Instituts für Kunststoffverarbeitung in Industrie und Handwerk an der RWTH Aachen in seinem Vortrag „Erfolgsfaktor Innovation“ die Problematik des Ingenieurs- und  Fachkräftemangels an, um den Erfolgsfaktor Innovation auch ausnutzen zu können.

Der Fachkräftemangel nimmt zu  

Wie lange wird in Deutschland schon über das Thema Fachkräftemangel berichtet und diskutiert? „Gefühlt“ mindestens seit eineinhalb Jahrzehnten. Verbessert an der Situation hat sich ungeachtet dessen nichts. Im Gegenteil: Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Arbeitgeber (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ungeahnte Dimensionen an. Nach den Berechnungen der Verbände, die sie vor kurzem vorstellten, fehlen deutschen Unternehmen mittlerweile 210.000 Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker (MINT). Diese Zahl markiert einen Rekordwert und ist besonders im Ingenieurbereich besorgniserregend: Hier blieben im April des laufenden Jahres nach Angaben der Verbände mehr als 92.000 Stellen unbesetzt. Wie Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) im Handelsblatt erklärte, verringerten die Personalengpässe die Wertschöpfung in den betroffenen Unternehmen und senkten das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Dabei dürfte sich die Fachkräftelücke in den kommenden Jahren noch ausweiten, weil der Bedarf durch die technologische Innovation unter anderem in den Bereichen Elektromobilität, Energiewende und IT-Ausbau weiter steigen wird, parallel dazu jedoch die Bevölkerung altert und schrumpft. In der Kunststoffindustrie sieht es keineswegs besser aus.

Wie die aktuelle Ausbildungsbilanz des Gesamtverbandes der Kunststoffverarbeitenden Industrie e.V. (GKV) ergab, wurden 2011 zwar gut 15 Prozent mehr Ausbildungsverträge zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik unterzeichnet als im Vorjahr. Allerdings ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da der Branche nach Hochrechnungen bis 2020 mehr als 100.000 Fachkräfte fehlen dürften – sowohl Akademiker wie Ingenieure als auch qualifizierte Facharbeiter.

Bayern ist Arbeitsmarktprimus

Es gibt aber auch positive Anzeichen. In Bayern ist die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen in der Gummi- und Kunststoffproduktion zufriedenstellend: Sie stieg 2011 auf knapp 74.000. Die Kehrseite der Medaille: Die Betriebe in der Branche suchen trotzdem noch händeringend Fachkräfte. Und der Bayerische Industrie- und Handelskammertag BIHK klagt: „Der bayerischen Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus.“ Denn der Freistaat ist seit langem  Arbeitsmarktprimus mit der niedrigsten Arbeitslosenquote und in vielen Regionen herrscht quasi Vollbeschäftigung. Das stellt die Gummi- und Kunststoffverarbeitende Industrie vor Probleme: Gab es hier laut dem IHK Fachkräftemonitor Bayern 2011 noch einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt, fehlen in diesem Jahr 3.500 Fachkräfte. Das heißt, 5,4 Prozent der Stellen können nicht besetzt werden. Einen Mangel macht die IHK vor allem bei technischen Berufen aus, hier insbesondere bei beruflich Qualifizierten. Ein minimaler Mangel besteht bei Akademikern. Auch für die nächsten Jahre gibt der IHK Fachkräftemonitor für die Gummi- und Kunststoffverarbeitende Industrie keine Entwarnung: 2013 werden 4.100, 2014 rund 3.900 Fachkräfte fehlen.

Maßnahmen gegen den Mangel können also nur darauf abzielen, jungen Menschen Zukunftsperspektiven in der regionalen Kunststoffbranche aufzuzeigen. Eine bereits ausgezeichnete Ausbildungsinitiative ging vom KunststoffNetzwerk Franken aus. Die Betriebe haben erkannt, dass Dialog und Kooperation zwischen den Unternehmen für alle Seiten fruchtbar ist. Mit der Initiative „MyPlastics – Deine Zukunft mit Kunststoff” erhielt man nun den wichtigsten und am höchsten dotierten Preis für erfolgreiche Netzwerk-Arbeit in Deutschland. In seiner Laudatio hob Prof. Dr. Heimer hervor, dass in der Kunststoffindustrie ein enormer Fachkräftemangel herrscht und oftmals die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten bei Jugendlichen nicht bekannt sind. Dies war der Auslöser für die Mitgliedsunternehmen im Arbeitskreis Aus- und Weiterbildung des Kunststoff-Netzwerks Franken das Jobstarter-Projekt zu entwickeln.

Zudem wollte man damit auch dem demographischen Wandel und der Abwanderung qualifizierter Jugendlicher aus der Region entgegenwirken.
Viele weitere Maßnahmen und Initiativen wurden mittlerweile gestartet, aber ob diese allen Gummi- und Kunststoffverarbeitern im Land helfen, bleibt abzuwarten. Denn das Zentrum der bayerischen Kunststoffverarbeitung liegt nicht im attraktiven Münchner Raum, sondern im ländlich geprägten Oberfranken. Hier arbeiten laut IHK Oberfranken Bayreuth mehr Menschen im Kunststoffsektor als in Dänemark. So ist das größte gewerbliche Unternehmen im oberfränkischen Rehau mit 14.000 Mitarbeitern ein Verarbeiter polymerer Werkstoffe. Auf Rang zwei liegt Automobilzulieferer Brose Fahrzeugteile aus Coburg mit 8.600 Mitarbeitern.

In Baden-Württemberg verzeichnete die Gummi- und Kunststoffbranche 2011 noch einen Überschuss von etwa  1.400 Fachkräften. Im Jahr 2012 ist davon auszugehen, dass durch eine zunehmende Nachfrage nach Fachkräften ein Mangel von ungefähr 1.700 Fachkräften auftreten wird. In der mittleren Frist, das heißt bis zum Jahr 2015 werden durchschnittlich über 2.200 Fachkräfte pro Jahr fehlen. Im weiteren Verlauf bis zum Jahr 2025 wird ein ähnlicher, insbesondere konjunkturgetriebener Verlauf der Fachkräfte-Entwicklung in den beiden Branchen erwartet. Die Ausschläge der Fachkräfte-Bedarfskurve in der Gummi- und Kunststoffbranche können allerdings geringfügig stärker ausfallen. Dieser Trend lässt sich auf die meisten Bundesländer übertragen.

Schaufenster Messe auch für die Fachkräftesuche nutzen

Die Fakuma, die Branchenmesse neben der im nächsten Jahr stattfindenden K, ist also nicht nur ein Schaufenster für neue Produkte, sondern auch eine ideale Plattform, um für die Attraktivität der kunststoffverarbeitenden Industrie zu werben. Auf der Homepage des Messeveranstalters P. E. Schall Messen ist eine Jobbörse eingerichtet. Dort befinden sich bereits jetzt zahlreiche Jobangebote. Auch die Unternehmen können auf der Messe, den künftigen Absolventen die Chance geben, Kontakte für den späteren „Traumjob“ zu knüpfen. Dort lassen sich konkrete Fragen zum Job oder Unternehmen direkt und in eher zwangloser Atmosphäre beantworten. Denn viele mittelständische Unternehmen haben Vorzüge, mit denen sich durchaus bei künftigen Stelleninhabern gut punkten lässt – ob es um entscheidungsschnelle, flache Hierarchien geht, die Anerkennung in der Region oder die persönliche Unternehmenskultur. Längst sorgen auch gezielte Aktivitäten für einen kontinuierlichen Kontakt zu potenziellen Bewerbern.

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Harald Wollstadt