Die portugiesische Engineering und Tooling Industrie ist seit langem die Vorzeigebranche der verarbeitenden Industrie und während der vergangenen Jahre noch leistungsfähiger geworden. Vor etwa sieben Jahrzehnten aus dem Bereich der Glaserei hervorgegangen, ist die Branche heute zwar breit aufgestellt, aber überwiegend auf den Kunststoffsektor ausgerichtet.

Vorzeigebranche mit Kooperationschancen

Relativ schnell hat man sich von einem mehr regional und national ausgerichteten Sektor zu einem sehr wettbewerbsfähigen und international anerkannten Industriezulieferer entwickelt, der über weltweite Kontakte verfügt. Wie der Direktor des Formenbau Verbandes Cefamol, Manuel Oliveira, hervorhebt, ist diese Branche in Bezug auf die Kunden stark auf die Automobilbranche spezialisiert und im Hinblick auf die spezifische Technologie weitgehend auf das Kunststoffspritzgießen. Die Engineering und Tooling Industrie umfasst etwa 530 Unternehmen, die über 8.250 Mitarbeiter beschäftigen. Das Zentrum des Formenbaus ist auf zwei größere Regionen ausgerichtet. Etwa 40 bis 50 Prozent der Unternehmen haben ihren Standort in der Region Marinha Grande (einschließlich Leira und Alcobaça) und weitere 30 Prozent sind im Norden der Region Oliveira de Azeméis angesiedelt.

Traditionell stark auslandsbezogen und schon heute mit sehr guten Kontakten zu Deutschland, möchte die Branche diese Beziehungen weiter intensivieren, auch weltweit. Der Verbund Pool-Net hat die mittel- und langfristige Umsetzung eines festgelegten Strategieplans anvisiert und möchte in den nächsten zehn Jahren die Belieferung sechs wichtiger Märkte intensivieren: Automobil, Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Energie und Umweltschutz, Elektronik und Verpackung. Mit der vom 10. bis 12. Oktober 2012 erstmals in Lissabon stattfindenden Konferenz und Ausstellung Anual ASD (Aerospace and Defence Industries Association of Europe) möchte man gezielt die Luft- und Raumfahrtindustrie ansprechen. Die Konferenz ist die größte und wichtigste Veranstaltung der Branche in Europa, bei der hochrangige Vertreter von europäischer und internationaler Gremien anwesend sein werden.

Know-how für eine schnelleres Time-to-Market

Als besondere Stärke gilt die über Jahre gewonnene Fachkompetenz, die starke Investitionsausrichtung und das sehr hohe Technologie-Niveau. Die portugiesischen Facharbeiter werden als sehr motiviert, lern- und einsatzbereit charakterisiert und die Firmen selbst bieten umfangreiche Ausbildungsmaßnahmen für Jugendliche an. Ein weiterer Pluspunkt sind die im EU-Vergleich wettbewerbsfähigen Lohnkosten und eine hohe Arbeitspräsenz. Hinzu kommt ein hohes Technologie-Niveau, Flexibilität in Bezug auf Kundenwünsche sowie kompromisslose Fertigungsqualität und eine rigorose Einhaltung der zugesagten Lieferfristen. Unter dem gemeinsamen Markennamen „Engineering & Tooling from Portugal“ hat man sich unter anderem als zuverlässiger Geschäftspartner für Tier 1 und Tier-2-Zulieferer der Automobilhersteller in Europa und dem Rest der die Welt platziert.

Wenn gleich sich die portugiesischen Engineering und Formenbauer ihrer eigenen Stärke bewusst sind, bleibt die Wettbewerbssicherung eine Daueraufgabe. Deshalb laufen Bemühungen, um aktuelle und strukturelle Probleme zu beheben und den Sektor langfristig zu stärken. Die portugiesischen Unternehmen gehörten zu den ersten, die erkannt haben, dass der Markt nicht allein an Spritzgussformen interessiert ist, sondern nach integrierten Komplettlösungen verlangt.

Der Fokus wird nun auf die komplette Supply Chain gelegt. Spritzguss, Montage, Teile-Design, Engineering, Rapid Prototyping in der bekannten Qualität stehen nun ebenso im Mittelpunkt wie Technologie-Entwicklung, Personal-Weiterentwicklung, Netzwerke und Kommunikation. Rund 50 Unternehmen haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und ihr Know-how und Dienstleistungen im Ausland zu fördern. Die Ergebnisse zeigten sich schnell. Was zunächst nur eine Gruppe sogenannter einfacher Toolshops war, hat sich heute zu einem konkurrenzfähigen High-Tech-Cluster entwickelt. Heute sind dies Produktionspartner, die vom Design, Entwicklung über die Produktion und Montage alles aus einer Hand liefern können. Die Kombination von Innovationsfähigkeit und Unternehmertum, die das Markenzeichen „Engineering & Tooling Industrie from Portugal“ prägen, sind nicht nur auf die Automobilindustrie ausgerichtet, auch die Luft- und Raumfahrt oder die Konsumgüterindustrie werden davon profitieren.

Während unserer Besuche vor Ort konnte sich die Redaktion des Plastverarbeiter anhand einer Reihe von Beispielen davon überzeugen, wie die Unternehmen ihre Kunden dabei unterstützen, deren Produkte wirtschaftlicher und effektiver zu produzieren. Solche Beispiele tragen natürlich dazu bei, die Marke zu fördern und international bekannt zu machen und als kompetenter Problemlöser aufzutreten. Eingehende Berichte über die Besuche bei den Unternehmen des portugiesischen Engineering und Formenbaus folgen in einer nächsten Ausgabe des Plastverarbeiter.

 

Kurzinterview

Die Marke „Engineering & Tooling aus Portugal“ promotet, dass der portugiesische Formenbau zukünftig nicht mehr ausschließlich auf die Herstellung von Formen setzt. Möchte man nun vom Design über die Produktion und Montage alles aus einer Hand anbieten?
„Engineering & Tooling aus Portugal“ ist die Marke des portugiesischen Engineering & Tooling Cluster. Es promotet das innovative Know-how der Tooling & Plastics Industrie Portugals, mit welcher man weltweit Kunden bei einem schnelleren Time-to-Market unterstützen kann. Die gemeinsame Marke stellt einen wichtigen portugiesischen Footprint auf den internationalen Märkten dar und weist auf die globale Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen industriellen Partnern und Interessengruppen hin. Weltweit benötigen mehr und mehr Kunden globale Lösungen oder bieten diese an. „Engineering & Tooling aus Portugal“ gewährleistet dies auf lange Sicht.

Was steckt hinter dem Erfolg der Portugiesen in dieser Branche?

Export, die Zufriedenheit der Kunden weltweit und eine kontinuierliche Investitionen in Technologie und Innovation sind die wichtigsten Säulen hinter dem Erfolg des portugiesischen Engineering & Tooling Cluster. 90% ihrer Produktion exportieren die Unternehmen des Clusters. Aber auch die hohe Qualität der Ausbildung und die permanente Investitionen in neueste Technologien.


Im Oktober wird es eine Ausstellung und internationale Konferenz geben. Können Sie mir etwas darüber sagen?

Seit 1998 – alle zwei Jahre – organisieren wir das portugiesische Moulds Event. Dieses dauert eine ganze Woche und beinhaltet neben einer internationalen Konferenz, sogenannte B2B-Meetings, Technische Workshops, eine Ausstellung und Besuche beim portugiesischen Engineering & Tooling Cluster. Im Schnitt nehmen über 1.000 Teilnehmer aus verschiedenen Ländern teil. Ziel ist, die internationale Vernetzung sowie Geschäftskontakte zu fördern, F&E-Projektideen zu entwickeln und technologische Roadmaps verschiedener Branchen anzustoßen. Dieses Jahr wird das Event vom 1. bis 4. Oktober 2012 wieder in Marinha Grande und Oliveira de Azeméis stattfinden.

Was kann die portugiesische Engineering & Tooling Industrie speziell der Luftfahrtindustrie bieten?

Die Luftfahrtindustrie ist vom Cluster als strategischer Zielmarkt identifiziert und wird nun mit aller Kompetenz entwickelt. Für uns als Global Player ist dieser Markt ein wichtiger und anspruchsvoller Markt. Zur Zeit gehen etwa 70 Prozent der Produktion des portugiesischen Engineering & Tooling Cluster an die Automobilindustrie. Wir glauben, dass wir mit unserem Know-how und den Technologien vorteilbringend für die Luft-und Raumfahrt sind. Einige der Mitglieder des Cluster haben explizit ihre Kompetenzen auf die Raum-und Luftfahrtindustrie ausgerichtet und entwickelt. Eine gute Gelegenheit, unsere Kompetenz zu präsentieren wird das Annual Convention ASD, sein, das in diesem Jahr vom 10. und 12. Oktober in Lissabon stattfindet.

Autor

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Harald Wollstadt