Damit lässt sich unsere Betrachtung auf eine breitere Grundlage stellen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres stieg die Produktion von Kunststoffwaren gegenüber dem Vorjahresquartal nominal um 425 Millionen Euro oder 3,4 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro (1). Dies ist ein neuer Rekord für ein erstes Quartal, wie es auch im Vorjahresquartal 2011 schon der Fall war. Betrachtet man also alleine die nominale Produktionsentwicklung, dann ist die Kunststoffverarbeitung 2012 perfekt ins neue Jahr gestartet. Knapp 37 Prozent der Produktion entfielen auf Technische Teile und Konsumwaren, eine Zunahme um 0,9 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresquartal. Vor allem Halbzeuge haben dafür Marktanteile eingebüßt, ansonsten blieben die Anteile kaum verändert. Technische Teile und Konsumwaren gewinnen schon seit einiger Zeit an Bedeutung, auf Kosten der Halbzeuge (Rohre, Platten, Profile, Folien), die in der Vergangenheit meist gleichauf lagen.

Auch real gab es in den ersten drei Monaten ein Plus (2) gegenüber dem ersten Quartal 2011. Freilich fiel es mit einem Prozent deutlich geringer aus als der nominale Zuwachs. Im letzten Quartal 2011 hatte es allerdings bei steigendem Produktionswert ein kleines reales Minus gegeben, insofern ist die reale Zunahme in den ersten drei Monaten ein positives Zeichen.

Divergierende Preisentwicklung

Die Preise bei Kunststoffwaren können allerdings nicht Schritt halten mit der Entwicklung der Rohstoffpreise (3), die Schere klafft zusehends auseinander. Seit Jahren steigen die Materialpreise schneller als die Preise für Kunststoffwaren. In der zurückliegenden Krise 2008/2009 gaben die Rohstoffpreise zwar deutlich nach, viel stärker als die Erzeugerpreise für Kunststoffwaren, aber das alte Preisniveau bei Kunststoffen war schon im zweiten Quartal 2010 wieder überschritten, während die Abgabepreise für Kunststoffwaren zu diesem Zeitpunkt noch klar unter dem früheren Niveau lagen. Erst im ersten Quartal 2011 wurden die alten Preise. überschritten. Seither sind die Erzeugerpreise für Kunststoffwaren nochmals um etwa fünf Prozentpunkte geklettert, aber die Rohstoffpreise eilen weiter davon. Sie steigen sogar noch schneller als vor der Krise, während die Preise für Kunststoffwaren langsamer anziehen, als es vor der großen Rezession der Fall war. Man könnte meinen, die Krise habe die Verhandlungsposition der Branche geschwächt.

Materialeinsparungen, Einsatz preiswerterer Kunststoffe und Produktivitäts-Steigerungen sind mögliche Gegenstrategien angesichts steigender Rohstoffpreise. Das erzwingt mehr Investitionen in Maschinen und modernere Fertigungsverfahren. Eine gute Nachricht für Ausrüster der Kunststoffverarbeitung, aber eine Belastung für die Budgets der Kunststoffverarbeiter und der Erträge, weil zusätzliche Abschreibungen und Finanzierungskosten zu Buche schlagen. Ohne Zweifel wird dies zu noch schärferem Wettbewerb und zu weiterer Auslese unter den Betrieben führen und die Verhandlungsposition mit den Abnehmern nicht unbedingt stärken. An der Rohstoffpreisfront ist keine Entspannung in Sicht, auch wenn Rohölpreise in letzter Zeit nachgegeben haben. Der sinkende Eurokurs lässt aber nur einen Teil der in Dollar notierten Ölpreisabschwächung bei Kunststoffen ankommen.

Auf der Kostenseite schlagen auch die stetig steigenden Stromkosten zu Buche, bei denen nach allgemein akzeptierten Prognosen die richtigen Erhöhungen infolge der Sturzgeburt des Ausstiegs aus der Kernkraft und der eingeleiteten „Energiewende“ erst noch ins Haus stehen.

Marktsegmente im Einzelnen

Bei Halbzeugen (4) wachsen die Produktionswerte, die Zuwachsraten nähern sich aber nahe Null. Im ersten Quartal 2012 wurden Waren im Wert von 4,4 Milliarden Euro produziert und abgesetzt, ein schmales Plus von 60 Millionen oder 1,4 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal 2011. Real sieht es dann ganz anders aus: Schon im dritten Quartal 2011 musste man sich hier mit einer roten Null begnügen, seit dem letzten Vierteljahr 2011 geht es deutlich bergab, zuerst mit gleich drei Prozent. Und auch im ersten Quartal 2012 sank die Produktion real um zwei Prozent. In diesem Marktsegment sind die Preisbewegungen bei den spezifischen Rohstoffen ausgeprägter als in anderen Bereichen, weshalb in der Krise die Produktionswerte weit stärker nachgaben als die Mengen.

Und umgekehrt sieht es derzeit nominal deutlich besser aus als real. Materialkosten spielen hier eine große Rolle, weshalb die Inflation bei den Rohstoffen und die nachfolgenden Preiserhöhungen bei den Halbzeugen die tatsächliche Produktionsentwicklung noch etwas kaschiert.
Bei den Verpackungen (5) ist die Entwicklung ähnlich wie bei Halbzeugen, die ja, zumindest bei bestimmten Folien, eigentlich auch dem Verpackungssektor zuzurechnen sind. Schon im dritten Quartal 2011 stagnierte die Produktion von Kunststoffverpackungsmitteln, real betrachtet, im letzten Vierteljahr ging es dann bergab.

Allerdings konnte im ersten Quartal 2012 wieder eine minimale Produktionssteigerung verzeichnet werden. Bei genauerem Hinsehen scheinen es im Halbzeugbereich auch die Verpackungsfolien zu sein, welche zum schwachen Ergebnis beitragen. Insgesamt leidet also der Verpackungssektor unter einer etwas anfälligen Konjunktur. Die Ursache hier ist nicht ganz klar, denn die private Konsumnachfrage ist nach wie vor stabil und auch das Industriegeschäft läuft. Schon im letzten Heft haben wir feststellen müssen, dass im Verpackungssektor das Auslandsgeschäft äußert volatil ist. Wahrscheinlich rühren die Probleme daher. Nominal betrachtet wurde mit 2 Milliarden Euro ein neuer Spitzenwert in einem ersten Quartal erzielt, es sind aber nur 46 Millionen Euro oder 2,3 Prozent mehr als im ersten Vierteljahr 2011.

Die Produktion von Baubedarfsartikeln, welche in der Krise relativ glimpflich davon kamen (6) und nur zwei Quartale richtig im Minus war, hat weiter Konjunktur – im achten Quartal in Folge. Nominal bewegen sich die Zuwächse ab dem zweiten Halbjahr 2011 bei fünf Prozent oder knapp darunter, real zwischen einem und zwei Prozent. Im ersten Quartal 2012 wurden Waren im Wert von 1,2 Milliarden Euro produziert, 4,4 Prozent mehr als im Vorjahresquartal und neuer Allzeitrekord in einem ersten Vierteljahr. Die stabile Konjunktur in diesem Segment liegt nicht nur am Trend zur energetischen Sanierung von Gebäuden. Ein Teil der hierfür eingesetzten Produkte rangiert nämlich bei den Halbzeugen. Es sind auch Innenausstattungen (Produkte für Bäder), die zur guten Konjunktur beitragen. Die dank günstiger Zinsen anhaltend gute Baunachfrage schlägt sich hier nieder.

Die Technischen Teile und Konsumwaren befinden sich weiter im Aufwind (7). Im vierten Quartal 2011 und im ersten Vierteljahr 2012 schwanken die nominalen Zuwächse um fünf Prozent. Im Vergleich zu den beiden Vorgängerquartalen haben sich die Raten damit zwar mehr als halbiert, aber das ist doch ein Wachstum deutlich über den Erwartungen. Bis zum ersten Quartal 2011 lagen die Wachstumsraten sogar drei mal so hoch, aber auch bedingt durch die Aufholjagd nach dem vor-hergehenden Absturz, so dass man diese nicht als Maßstab heranziehen kann.

Auf jeden Fall, und das ist beachtlich, wurde im ersten Quartal 2012 ein Allzeithoch beim Produktionswert erreicht, 190 Millionen Euro über dem früheren absoluten Rekord aus dem zweiten Quartal 2008, direkt vor Beginn der Krise. Gegenüber dem früheren Rekord im ersten Vierteljahr 2008 sind es sogar 249 Millionen Euro mehr, im Vergleich zum Vorjahresquartal 2011 beträgt der Zuwachs 273 Millionen Euro oder 6,1 Prozent. Die realen Produktionssteigerungen liegen etwas geringer, aber selbst im schwächsten Wachstumsquartal, dem letzten Vierteljahr 2011 expandierte die Produktion real noch um zwei Prozent. Wie im letzten Heft beschrieben, scheint sich der Aufschwung in diesem Marktsegment fortzusetzen. Wir erwarten hier deshalb in diesem Jahr auf jeden Fall ein deutliches Plus gegenüber dem Vorjahr, und zwar real, nominal sowieso.

Betrachtet man Technische Teile und Konsumwaren getrennt (8), zeigt sich, dass das Wachstum lange Zeit hauptsächlich von den Technischen Teilen getragen wurde. Zwar sind diese in der Krise auch deutlich schneller und vehementer eingebrochen als die Fertigwaren, aber sie konnten sich auch schneller wieder berappeln und haben das Vorkrisenniveau längst hinter sich gelassen. Konsumwaren liegen im Produktionswert hingegen noch immer unter dem vor der Rezession erzieltem Niveau, erst im ersten Quartal 2012 konnten sie dank eines Wachstums von fünf Prozent nahezu zu alter Stärke aufschließen. Es bleibt aber noch Spielraum nach oben. Technische Teile wachsen immer noch ein wenig schneller als Konsumwaren, aber der Abstand hat sich drastisch veringert, was allerdings an den sinkenden Wachstumsraten bei Technischen Teilen liegt und nicht an stärkerem Aufschwung bei Fertigwaren. Im Gegenteil, auch bei Konsumwaren sind die Zuwächse inzwischen deutlich geringer als noch vor einem halben Jahr. In beiden Teilsegmenten sind zweistellige Wachstumsraten inzwischen illusorisch, fünf bis sechs Prozent sind derzeit die Obergrenze.

Tendenz: Gleichbleibend

Wie gesehen hat sich die reale Produktion zu Jahresanfang 2012 nach der Stagnation am Jahresende 2011 wieder zu schmalem Wachstum aufgemacht. Dabei ist die Lage zweigeteilt: Baubedarf und Technische Teile beziehungsweise Konsumwaren tragen die Konjunktur. Halbzeuge und Verpackungen bremsen, wobei die Erstgenannten rückläufig sind, die Letztgenannten um den Aufschwung ringen und schwankende Tendenz aufweisen. Wie unsere Analyse im letzten Heft zeigt, könnte sich im zweiten Quartal die Konjunktur weiter abgeschwächt haben, zumindest bei Betrieben ab 50 Beschäftigten. Allerdings fehlte in dieser Rechnung noch der Juni. Und die Lage bei den kleineren Betrieben muss nicht identisch sein. Wir rechnen daher erstmal mit weiterem mäßigem Wachstum, getragen von den zwei prosperierenden Bereichen. Angesichts der beschriebenden Kostenklemme kommen die Betriebe aber nicht darum herum, ihre Produktivität zu steigern und in Maschinen und Verfahren zu investieren, wollen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und die neu gewonnenen Marktanteile in Europa und anderswo nicht gefährden. Die Konjunktur allgemein berechtigt durchaus zu einem gewissen Optimismus, gleichwohl muss man sich mit eher bescheidenen Zielen zufrieden geben.

 

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Winfried Pfenning