Plastverarbeiter: Wie stellt sich die aktuelle wirtschaftliche Lage der deutschen Kunststoff-Verpackungsindustrie dar?

Ulf Kelterborn: Die konjunkturelle Entwicklung unserer Branche bewegt sich nach wie vor auf einem hohen Niveau. Allerdings wird die allgemeine wirtschaftliche Beruhigung in den letzten Monaten auch in einigen Verpackungssegmenten spürbar. Vor allem beim Export in die europäischen Nachbarländer berichten die Unternehmen über sinkende Umsätze. Sorgen bereitet uns die Situation auf den Rohstoffmärkten. Die Höhe und die Schnelligkeit der Preissprünge machen eine Kalkulation für die Hersteller von Kunststoffverpackungen mittlerweile nahezu unmöglich. Die damit verbundenen Kostensteigerungen müssen deshalb stärker vom Markt mitgetragen werden, zum Beispiel durch Preisgleitklauseln. Ein weiteres Problem ist schon jetzt die Entwicklung der Energiekosten, die durch die EEG-Umlage verursacht wird. Die Kostenprognose für das nächste Jahr halte ich daher für dramatisch. Wenn es nicht gelingt, hier stärker marktorientierte Instrumente für die Unternehmen zu installieren, wird die geplante Energiewende eine Industrieabwanderung aus Deutschland zur Folge haben.

Plastverarbeiter: Welche Rolle spielen Kunststoffe in der Verpackung und was sind die Anforderungen aus Wirtschaft, Politik und von Konsumenten?

Jochen Hirdina: Kunststoffe sind heutzutage das dominierende Verpackungsmaterial. Ein Trend ist sicher, neben dem permanenten Bemühen um Kostensenkungen, die Bilanzierung der Umweltwirkungen der Verpackung. Stichworte in diesem Zusammenhang sind: Ökobilanz, Lifecycle Assesment und CO2-Footprint. Daraus resultieren immer leichtere Verpackungen, Thema Lightweighting, der vermehrte Einsatz von Rezyklat, die Tendenz zum Einsatz nachwachsender Rohstoffe zur Herstellung von Polymeren und zum Einsatz von biologisch abbaubaren Kunststoffen bei dafür geeigneten Anwendungen.

Kelterborn: Kunststoffe stellen mit über 40 Prozent die größte Materialfraktion bei Verpackungen, Tendenz steigend. Ein wesentlicher Grund hierfür ist die hohe Schutzeigenschaft von Kunststoffverpackungen bei minimalem Materialeinsatz. Das ist einerseits ökonomisch bedeutsam, bringt aber auch erheblichen ökologische Vorteile, zum Beispiel beim Klimaschutz oder der Ressourcenschonung. Entscheidend für die ökologische Bewertung ist dabei die Nutzenphase, also das Zeitfenster in der die Verpackung das Produkt schützt.

Die umweltrelevanten Produktionswerte der Verpackung selbst spielen hier nur eine ungeordnete Rolle. Denken Sie zum Beispiel an die Verpackung von Lebensmitteln. Weltweit verderben über eine Milliarde Tonnen Nahrungsmittel, unter anderem weil geeignete Verpackungs-materialien fehlen. Eine Verpackung die Lebensmittel länger genießbar hält, ist nicht nur ökonomisch vorteilhaft, sie schont auch die Ressourcen und schützt das Klima. Denn die Ersatzproduktion ungenießbarer Lebensmittel verbraucht erneut Ressourcen und setzt CO2 frei – um ein Vielfaches mehr als bei der Produktion der Verpackung verbraucht wird. Kunststoffe spielen deshalb auch im Rahmen des Umweltschutzes eine sinnvolle Rolle. Sie erfüllen damit besser als jedes andere Verpackungsmaterial die Forderungen von Politik, Kunden und Verbrauchern, vermehrt nachhaltige Verpackungen einzusetzen.

Plastverarbeiter: Was sind die Anforderungen an die Materialien und infolgedessen an die Materialhersteller und -verarbeiter?

Hirdina: Die grundsätzlichen Anforderungen an die Materialien resultieren aus der Aufgabenstellung für die Verpackung, ein Produkt über die Haltbarkeitsdauer zu schützen, zu präsentieren und den Konsum bequem zu ermöglichen. Ein wichtiges Stichwort ist hier Convenience.
Basierend auf den aktuellen Entwicklungen muss heute auch dem möglichen Recycling Rechnung getragen werden. Das Material muss eine möglichst hohe Qualitätskonstanz aufweisen und – das ist wichtig für uns als Maschinenhersteller – die Verarbeitungsmaschinen sollten eine möglichst hohe Präzision aufweisen. Denn bei möglichst leichten Verpackungen ergibt sich oft ein kleineres Verarbeitungsfenster.

Plastverarbeiter: Wie schätzen Sie den Einsatz nachwachsender Rohstoffe langfristig ein?

Hirdina: Wenn man sich die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe vor Augen führt, dann führt langfristig kein Weg an ihrem Einsatz vorbei. Bei Kunststoff-Flaschen aus PET gibt es ja schon erste vorzeigbare Erfolge wie zum Beispiel die Plantbottle von Coca Cola oder Bio-Polyethylen für Schraubverschlüsse.

Kelterborn: Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen hat immer vertreten, dass Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen eine positive Erweiterung des Materialportfolios sind. Wir gehen davon aus, dass sie zukünftig mehr Einsatzmöglichkeiten finden werden, auch weil ihre Eigenschaften beim Produktschutz weiter optimiert wurden. Die immer wieder behaupteten ökologischen Vorteile von Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen gegenüber solchen auf fossiler Basis sind durch bisherige Ökobilanzen nicht belegt worden. Firmen wie Danone mussten ihre Werbeaussage vom umweltfreundlicheren Jogurtbecher aus PLA entsprechend zurücknehmen. Unsere Vereinigung setzt sich in diesem Zusammenhang für eine sachliche Diskussion ein, die sich an der Realität und nicht am Wunschdenken orientiert.

Plastverarbeiter: Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Entwicklungspotenziale?

Kelterborn: Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass Kunststoffverpackungen bei der Minimierung des Materialeinsatzes weiteres Potenzial haben, bei gleichzeitiger Optimierung des Produktschutzes. Außerdem nehmen Forderungen der Verbraucher und der abpackenden Industrie nach immer individuelleren Verpackungs-lösungen erheblich zu. Verpackungen sollen noch stärker als Werbe- und Informationsträger fungieren. Kunststoffverpackungen bieten hier sehr gute Möglichkeiten. Die Frage, ob ein Lebensmittel nach abgelaufenem Haltbarkeitsdatum noch genießbar ist, wird spätestens dann hinfällig, wenn Frische-Indikatoren in den Kunststoffverpackungen dem Verbraucher verlässlich signalisieren, ob das Produkt verdorben ist. Diese sogenannten intelligenten Verpackungen werden in absehbarer Zeit marktfähig sein.

Hirdina: Im Recycling sowie bei der Entwicklung von – zumindest in mittleren Zeiträumen – abbaubaren Verpackungsmaterialien mit geringer Umweltschädlichkeit und beim Einsatz nachwachsender Rohstoffe.

Plastverarbeiter: Welchen Herausforderungen müssen sich die Materialhersteller stellen?

Hirdina: Potenziale für Verbesserung liegen – wenn man das Materialrecycling anschaut – in der Verbesserung der Qualitätskonstanz des Recyclingmaterials. Dieses Potenzial durch bessere Recyclingtechnologien zu heben ist eine Aufgabe: Beispielsweise durch den Aufbau geeigneter Sammelsysteme. Oder durch Verbesserungen am Anfang der Verarbeitungskette, indem vor der Materialwahl die Auswirkungen auf das Recycling evaluiert werden und Materialien sowie Verarbeitungshilfsstoffe entsprechend ausgewählt werden. Hierzu zählt zum Beispiel auch der Etikettenleim bei PET-Flaschen. Neben der Leistungsfähigkeit ist auch der schonende Umgang der Maschinen mit Ressourcen ein zentrales Thema. Deshalb gibt es bei Krones bereits seit gut vier Jahren das Programm Enviro. Es hat zum Ziel, einen Industriestandard für die Energie- und Medieneffizienz sowie die Umweltverträglichkeit der Maschinen zu schaffen.

Für Kunststoffe in Verpackungen werden Kostenaspekte, Recyclingfähigkeit und möglichst geringe Umweltschädlichkeit auch in Zukunft im Fokus stehen. Die gesamte Wertschöpfungskette und auch die Legislative werden sich neuen Herausforderungen gegenüber sehen.

Kelterborn: Die Kunststoff-Verpackungsindustrie hat in den letzten zwei Jahrzehnten mit immer neuen Entwicklungen bewiesen, dass Kunststoffverpackungen beim Produktschutz wie auch unter ökonomischen und ökologischen Aspekten kaum zu schlagen sind. Unsere Mitgliedsunternehmen haben mitgeholfen, ein Entsorgungs- und Recyclingsystem in Deutschland zu installieren, in dem mittlerweile fast alle gebrauchten Kunststoffverpackungen gesammelt und verwertet werden. Wir stellen aber fest, dass Kunststoffverpackungen besonders in den Ländern ein zunehmendes Imageproblem bekommen, die nicht über solche Systeme verfügen.

Denken Sie in diesem Zusammenhang an das Thema Marine Litter. Die IK engagiert sich schon seit längerer Zeit in internationalen Gremien dafür, den Aufbau von Entsorgungs- und Recyclingsystemen weltweit zu forcieren. Dies ist eine große Herausforderung die eine enge Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Medien und Verbrauchern erfordert.

 

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Georg Sposny