Um für mehr Akzeptanz und Vertrauen in die Märkte zu werben, skizzierte Dr. Wolfgang Hapke, der Vorsitzende von PlasticsEurope Deutschland, in seinen Ausführungen zum diesjährigen Wirtschaftspressegespräch am 10. Mai in Augsburg die Marschrichtung für die Kunststoffindustrie in den kommenden Jahren. Denn es gebe einige aktuelle Entwicklungen, die unter anderem auch den Einsatz von Kunststoffen erschwerten und Pessimisten unterstützen.

Dabei seien Kunststoffe für das tägliche Leben längst unverzichtbar geworden. Die Kunststoffproduktion sei in den zurückliegenden 60 Jahren um durchschnittlich jährlich neun Prozent gewachsen. Zwei Ölkrisen hätten dieses Wachstums kaum beeinträchtigt, erst die Wirtschaftskrise 2009 habe das geschafft und die Erfolgsgeschichte kurzzeitig unterbrochen. 2010 sei dann wieder ein sehr positives Jahr gewesen, mit hohen Wachstumsraten ausgehend allerdings von einem niedrigen Niveau. 2011 sei ein gutes Ergebnis erzielt worden, man sei insgesamt wieder zurück auf Vorkrisenniveau. Allerdings deute sich aber an, dass man nach der erfolgreichen Aufholjagd in diesem eine Wachstsumspause einlegen werde.

Das Jahr 2011

Die Produktion wuchs im Jahr 2011 um 1,4 Prozent auf 20,7 Millionen Tonnen (1). Damit hat man das Vorkrisenniveau von 2007 erstmals wieder leicht überschritten, nachdem man im Vorjahr noch leicht darunter geblieben war. Der Umsatz der Kunststofferzeuger stieg um 7,5 Prozent auf 25,3 Milliarden Euro (2), also deutlich stärker als die Produktion, auf einen neuen historischen Höchstwert. Das wirkte sich aber nicht auf die Margen aus, denn die Kunststoffpreise liefen der Rohstoffpreisentwicklung weit hinterher. Nach Angaben von PlasticsEurope schellte der Rohölpreis 2011 als wesentlicher Bestimmungsfaktor für Kunststoffvorprodukte um 31,9 Prozent nach oben, während die Kunststoffpreise lediglich um 9,3 Prozent angehoben werden konnten. Hier sehe man angesichts weiter steigender Ölpreise auch keine Entlastung. Unsere eigenen Recherchen zeigen tatsächlich ein starkes Auseinanderklaffen von Öl- und Kunststoffpreisentwicklung (3), und das seit Jahren.

Nach Daten von Destatis (sie weichen minimal von den Angaben von PlasticsEurope ab) sind die Kunststoffpreise seit 2002 um etwa 31 Prozentpunkte oder um etwa 36 Prozent gestiegen. Der Ölpreis hat sich in dieser Zeit mehr als verdreifacht. In der Krise 2009 gab es zwar einen drastischen Rückgang des Ölpreises, der sich dann aber in einer eher moderaten Senkung der Kunststoffpreise niederschlug, aber 2010 schnellte der Ölpreis schon wieder nach oben, fast auf das alte Niveau, und 2012 stieg er dann nochmals um knapp ein Drittel auf ein neues Allzeithoch, welches sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, dass sich das in einer weiteren Erhöhung der Kunststoffpreise niederschlagen wird.

57 Prozent des Umsatzes oder 14,3 Milliarden Euro wurden im Ausland erzielt (4). Die Auslandsumsätze sind um 5,8 Prozent unterdurchschnittlich gewachsen, während das Inlandsgeschäft mit 9,8 Prozent Plus wesentlich schneller voran kam. Es zeichnet für elf Milliarden Euro oder 43 Prozent der Umsätze verantwortlich.

Die Beschäftigung in der Kunststoff-erzeugung sei 2011 um 3,1 Prozent auf knapp 38.000 Personen gestiegen, das unterstreiche, dass die Branche Zukunft habe, nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Außenhandel und Inlandsmarkt

Von der Gesamtproduktion von 20,7 Millionen Tonnen wurden 8,8 Millionen Tonnen im Inland abgesetzt, 11,9 Millionen Tonnen ging in den Export (5). Die Exportquote, bezogen auf die Produktion, beträgt damit 57 Prozent. Der Import belief sich auf 8,4 Millionen Tonnen, der Außenhandelsüberschuss betrug 3,6 Millionen Tonnen. Im Inland verbraucht wurden 17,1 Millionen Tonnen, etwas über die Hälfte aus heimischer Produktion. In früheren Jahren wurden dagegen auch schon mal mehr als die Hälfte des Verbrauchs importiert. Diese Veränderung hängt möglicherweise mit dem unterschiedlichen Wachstum der einzelnen Abnehmerbranchen einerseits und einem Trend zu immer spezielleren Kunststoffen andererseits zusammen, die häufiger im Inland selbst hergestellt und nicht als Massenkunststoffe importiert werden. Also, mit einer Veränderung der Struktur im Kunststoffverbrauch, bedingt einerseits durch schnelleres Wachstum von Segmenten, die mehr Spezialkunstsoffe einsetzen, und andererseits durch die Erschließung neuer Anwendungsfelder, die neue Kunststoffe erfordern.

Abnehmerbranchen

Wichtigstes Einsatzgebiet für Kunst-stoffe sind nach Erkenntnis von PlasticEurope mit 35 Prozent der abgesetzen Menge die Verpackungen (6), gefolgt vom Bausektor, in den jede vierte Tonne gehe. Der Fahrzeugbau nimmt neun Prozent ab, die Elektro- und Elektronikindustie sechs Prozent. In die Haushaltswarenindustrie, den Möbelbau, die Landwirtschaft, die Medizintechnik und die Spielwarenindustrie fließen zusammen 26 Prozent der Mengen, ohne dass das näher aufgeschlüsselt werden kann. Über die Jahre seien keine signifikanten Veränderungen zu beobachten.

Exportmärkte

Von den Exporten in Höhe von 11,9 Millionen Tonnen gingen 73,5 Prozent in die EU-Länder, 85 Prozent nach Europa insgesamt (7). Der Verband bezeichnet Europa deshalb als „Heimatmarkt“.

Nach Asien flossen 8,9 Prozent, ein deutlich geringerer Anteil als noch vor Jahren. Nach Meinung von PlasticsEurope hängt das vor allem mit dem geringeren Wirtschaftswachstum in China zusammen, unserer Ansicht nach leigt das auch am zunehmendem Aufbau von Kunststoffproduktionskapazitäten in Fernost. Nach Amerika, hauptsächlich die USA, werden 4,6 Prozent der Menge exportiert, die restlichen Weltregionen sind unbedeutend.

Wichtigster Abnehmer in Europa war auch 2011 Italien, gefolgt von Frankreich. Danach folgten Belgien/Luxemburg, und – zum wiederholten Male – Polen noch vor den Niederlanden.

87 Prozent der Importe von Kunststoffen stammen aus der EU (8), 4,2 Prozent aus dem restlichen Europa, der Anteile der Import aus Übersee ist inzwischen leicht auf 8,8 Prozent gestiegen. Ein Großteil der europäischen Importe kommt aus Benelux, ein nicht unbeträchtlicher Teil dürften indirekte Importe aus Übersee sein, die über die Häfen Antwerpen und Rotterdam eingeführt werden. Allerdings gibt es in beiden Länder auch beträchtliche Produktionskapazitäten für Kunststoffe, zum Teil auch betrieben von deutschen Herstellern, begünstigt nicht zuletzt durch die Hafenkapazitäten und die günstigen Anlandungsmöglichkeiten für Rohöl bzw. Vorprodukte.

Zukunft von Kunststoffen

Für die Zukunft des Werkstoffes sei es, so Dr. Hapke, entscheidend, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhalten und möglichst auszubauen. Man werde daran weiter arbeiten, beobachte aber mit Sorge aktuelle Entwicklungen, die nicht nur den Einsatz von Kunststoffen erschwerten.

So würde das Vorsorgeprinzip zunehmend dahingehend ausgeweitet, dass man nicht mehr nur bekannte Risiken vermeiden, sondern jegliches Risiko ausschließen möchte. Das sei ein gefährlicher Traum, ein Leben ohne Risiko sei nicht möglich. Man müsse daran festhalten, Risiken früh zu erkennen, seriös und umfassend zu bewerten und dann zu versuchen, sie zu minimieren.

Eine zweite Entwicklung, die Sorge mache, sei die Stellvertreterdiskussion, die von Zeit zu Zeit Wellen schlage. Hier ginge es um die Plastiktüte, die von Politik und Medien immer mal wieder als Symbol für falsches Umweltverhalten angeprangert würde. Dabei wisse man doch sei Jahrzehnten, auch dank des Umweltbundesamtes, dass sich die Ökobilanzen einer Tragetasche aus Kunststoff und und einer Papiertüte praktisch nicht unterschieden. Zudem läge in Deutschland die Verwertungsquote bei Kunststoffverpackungen bei 98 Prozent. Die Diskussion rühre aus anderen Ländern, die kaum Verwertungsquoten aufzuweisen hätten. Hier gelte es eben, Verwertungssysteme aufzubauen und nicht die Kunststoffverpackungen abzuschaffen.

Würde man Kunststoffverpackungen durch andere Materialen ersetzen, wäre die Masse der Verpackungen um den Faktor 3,6 höher, der Energieverbrauch würde um das Faktro 2,2fache steigen, die ausgestoßenen Treibhausgase um den Faktor 2,7. Das entspräche der jährlichen CO2-Emmission von ganz Dänemark.

Energieffizienz sei das Kunststoffthema, Kunststoff sei Klimaschutz. Kunststoffe hülfen, ein Vielfaches an Energies zu sparen, was zu seiner Herstellung und Verarbeitung aufgewendet würde. Mit neuen Technologien und verbesserten Verfahren ließe sich dieser Effizienzgewinn sogar noch steigern. Man müsse den Menschen sagen: Nicht weniger, sondern mehr Kunststoffeinsatz sei nötig, wolle man die Umwelt schützen. Schon deshalb gehe man davon aus, dass der Kunststoffverbrauch in Deutschland und Europa auch zukünftig weiter steigen werde. Allerdings würden sich die Kunststoffmärkte insgesamt Richtung Asien verschieben, da dort der Verbrauch deutlich stärker, doppelt so schnell wie in Europa, wachse. Die Zunahme des Pro-Kopf-Verbrauchs dürfte in Asien bei sechs Prozent jährlich liegen.

Der weltweite Schwerpunkt des Kunststoffgeschäfts werde sich daher nach Osten verschieben und Europa an den Rand rücken. Produktionskapazitäten würden dem Markt wohl folgen, so dass sowohl in China wie auch im Nahen und Mittleren Osten neue Anlagen entstehen und dann auch für den Export produzieren würden. Zwischen den Zeilen bedeutet dies wohl, dass in Europa eher Kapazitäten abgebaut und vermehrt Kunststoffe aus dem Osten eingeführt werden.

Ausblick

Kunststoff sei zwar der Werkstoff der Zukunft, dennoch setzt sich PlasticsEurope für 2012 eher bescheidene Ziele: Die Foschungsinstitute rechneten für 2012 mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. Die Kunststofferzeuger kalkulierten für dieses Jahr mit einer Produktionssteigerung in eben dieser Höhe. Man blicke realistisch und gleichzeitig optimistisch nach vorne. 0,9 Prozent Wachstum bedeuten aus unserer Sicht allerdings keine Wachstumspause, wie eingangs angedeutet, sondern allenfalls ein schwaches Wachstum in einem schwieriger werdenden Umfeld.

Man darf sehr gespannt sein, wie sich das Jahr wirklich gestaltet, denn angesichts eines sinkenden Eurokurses könnte sich der Export leicht zum Wachstumsmotor entwickeln und Importe drosseln, so dass im Endeffekt auch ein stärkeres Plus resultieren könnte.

 

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Winfried Pfenning