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Etwa 100 Teilnehmer folgten der Einladung zum 6. Deutschen Kunststofftag. Veranstaltet wurde die Tagung durch den GKV Gesamtverband der Kunststoffindustrie und der Kunststoff Information Verlagsgesellschaft, beide Bad Homburg, sowie durch SKZ Consem, Würzburg. Dr.-Ing. Reinhard Proske, ehemaliger Präsident des GKV moderierte.

Deutschland Top, Euro Flop?

Im ersten Vortrag erläuterte Prof. Dr. Christop M. Schmidt, Wirtschaftsweiser und Präsident des RWI, Essen, die Position Deutschlands in der Weltwirtschaft. Die guten Daten hierzulande zeugen davon, dass Deutschland besser als viele andere Euro-Länder aus der Wirtschaftkrise herausgekommen ist. Das RWI rechnet für 2012 mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von etwa einem Prozent; für den Euroraum hingegen mit einer leichten Rezession, die sich aber 2013 wieder in Wachstum wandeln soll.Wichtige Voraussetzung dafür sei, dass die Konjunkturprogramme griffen. „Die Folgen der Alternative – einer Auflösung der europäischen Währungsunion – sind nicht abzuschätzen“, so Prof. Dr. Schmidt. In der anschließenden Diskussion kam die Verunsicherung der Teilnehmer durch die politischen Risiken zum Ausdruck.

Der folgende Beitrag von Ulrich Reifenhäuser, Geschäftsführender Gesellschafter, Reifenhäuser, Troisdorf, stieß auf viel Beifall. Er begründete, warum sein Unternehmen nahezu ausschließlich in Deutschland produziert. Hierzu berichtete er von den Maßnahmen, die er nach dem Einbruch des Auftragseingangs um etwa 70 Prozent bedingt durch die Krise 2008/2009 ergriffen hatte. Antizyklische Entscheidungen, wie der Übernahme von Kiefel Extrusion sowie eine intensive Kommunikation mit den Mitarbeitern waren die Grundpfeiler für den anschließenden Erfolg. Das Unternehmen setzte 2010 und 2011 den Anstieg im Auftragseingang von 2008 fort, als hätte es die Krise nie gegeben.

Vor allem Südamerika sowie China und Indien seien stark wachsende Märkte, Europa hingegen liege fast völlig brach – mit Ausnahme der Binnennachfrage. Diese zehn Prozent seien jedoch sehr wertvoll, denn technologisch anspruchsvolle Verarbeiter hierzulande fordern und fördern den deutschen Maschinenbau gleichermaßen. Für den teuren Standort Deutschland spreche außerdem, dass hochqualifizierte und flexible Mitarbeiter sowie eine zuverlässige Infrastruktur verfügbar seien.

Recycling sorgt für gutes Image

Über die Perspektiven der europäischen Rohstoffproduktion berichtete vor der Mittagspause Gerd Löbbert, Executive Vice President Polyolefines, Borealis, Wien, Österreich. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass die Themen Abfallvermeidung und Recycling stärker hervorgehoben werden müssen, weil das Image des Kunststoffs in den nachfolgenden Generationen eher negativ besetzt sei. Dass Nachhaltigkeit kein rein europäisches Gedankengut ist, unterstrich er mit einer Anekdote: „Selbst in der Sahara sind Kunststoffabfälle nicht mehr gerne gesehen. Denn die Kamele fressen sie und verenden daran. Der Umdenkprozess findet dort statt, weil ein Kamel in den arabischen Ländern einen sehr hohen Wert besitzt.“ Ab 01.01.2013 seien kurzlebige Kunststoffprodukte in den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten. Er wies jedoch auch darauf hin, dass sich sinnvoll nur PP-Qualitäten mit maximal 30 bis 35 Prozent Rezyklat-Anteil verarbeiten ließen.

Nach der Mittagspause zeigte Erwin Doll, CEO und Sprecher des Vorstandes bei Röchling Automotive, Mannheim, wie man als Kunststoffverarbeiter die Globalisierung als Wachstumschance nutzen kann. Er nannte sechs Erfolgsfaktoren. Nummer eins sei, dass neu gegründete, kleinere Unternehmen Unterstützung durch etablierte Unternehmensteile erhalten – am besten in derselben Sprache. Lokales Agieren sowie der richtige Mix an Kunden und Produkten sind weitere Faktoren. Ausschlaggebend sei es weiterhin die Globalisierung langsam voranzutreiben. Außerdem wichtig sei der Aufbau länderspezifischen Wissens, wie auch eine schnelle Reaktion auf sich ändernde Rahmenbedingungen. Erfolgsfaktoren fünf und sechs seien die Mitarbeiter und die Marke.

Schiefergas als neue Ethylen-Quelle

Über eine Verschiebung am Rohstoffmarkt informierte Daniel Stricker, Chefredakteur KI-Information, Bad Homburg. Schiefergas werde zu einer neuen Quelle für die Gewinnung von Ethylen, woraus Preisverschiebungen resultieren. Propylen und Butylen entfallen bei diesem Rohstoff. Für die C3-Fraktion gibt es bereits Alternativen, auch wenn hier langfristig der Preis steigen wird. Bei Butylen – verwendet in ABS – sei keine Alternative in Sicht, weshalb der Preis direkt auf die Nachfrage reagiert. Diese Situation wird sich auch mittelfristig nicht ändern, was Auswirkungen auf den Preis für ABS und andere Rohstoffe haben wird, so seine Einschätzung.

Im abschließenden Vortrag betonte Prof. Dr. Christian Hopmann, Institutsleiter an der RWTH Aachen, die Bedeutung der Innovation als Wachstumsmotor für die wirtschaftliche Entwicklung der Kunststoffverarbeitung. Deutschland steht hier im internationalen Vergleich gut da, auch wenn den Forschungs- und Rahmenbedingungen sowie dem Fachkräftepotenzial noch Luft nach oben ist. Am Beispiel des Leichtbaus zeigte er auf, welche Innovationspotenziale in den Materialien und Bauweisen, in der Modellierung und Simulation sowie der Fertigung noch stecken.

 

Technikwissen

Was ist Schiefergas (shale-gas)?

Schiefergas ist ein natürlich vorkommendes Erdgas, das zwischen den Gesteinsschichten von Schiefer (Tongestein) gespeichert ist. Bisher galt die Förderung von Schiefergas als nicht rentabel, da die Gewinnung technologisch anspruchsvoll ist. Das Abbauverfahren der hydraulischen Rissbildung ist wegen der dabei eingesetzten Chemikalien umstritten. Um die Umweltbelastung zu verringern, entwickelt die Montanuniversität Leoben gemeinsam mit dem Öl- und Gaskonzern OMV in Österreich derzeit ein Pilotprojekt im österreichischen Weinviertel. Dabei soll das sogenannte Clean Fracking angewandt werden, bei dem man auf Chemikalien gänzlich verzichten und nur Wasser, Bauxit-Sand und Stärke verwenden will. (Quelle: Wikipedia)

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Christine Koblmiller