Zunächst noch einmal zur besseren Orientierung: 2011 ist die Nettoproduktion in der Kunststoffverarbeitung um 5,9 Prozent gestiegen. Gegenüber dem letzten Vorkrisenhoch 2007 sind das immer noch stolze vier Prozent. Oder anders ausgedrückt: Die Branche startete ins neue Jahr von einem hohen Niveau. Es versteht sich von selbst, dass die Luft für weiteres Wachstum nun entscheidend dünner wird.
In unserer Jahresprognose 2012 gingen wir davon aus, dass die Produktion der Kunststoffverarbeiter zwischen 1,5 und 2,5 Prozent wachsen könnte. Der Jahresauftakt solle auf jeden Fall gelingen, der weitere Verlauf hinge dann unter anderem davon ab, welche Konjunkturrisiken neu auftauchen würden und wie sie gemeistert werden könnten.

Inzwischen liegen die (vorläufigen) Daten zur Produktion und zum Umsatz in Betrieben ab 50 Beschäftigten vor. Im Zeitraum Januar und Februar ist die Produktion – arbeitstäglich bereinigt -um 1,4 Prozent gegenüber den ersten beiden Monaten 2011 gestiegen (1). Das ist marginal weniger, als wir erwartet hatten, aber noch im Rahmen der Prognose. Gleichwohl ist es ein erster Dämpfer für allzu übertriebene Hoffnungen, die es draußen durchaus auch gibt. Man muss abwarten, wie der März ausgefallen ist, der in der Regel das erste Quartal dominiert. Im Vergleich zum vierten Quartal 2011 hat sich die Wachstumsdynamik nochmals minimal abgeschwächt.

Teilbranchen

In der Halbzeugherstellung (Platten, Folien, Rohre, Profile) kam der Aufschwung im dritten Quartal 2011 zum Stillstand (2). Im vierten Quartal ging es dann mit minus 2,1 Prozent sogar abwärts. Dass es über das Jahr gesehen trotzdem zu einem neuen Produktionshoch reichte, liegt hauptsächlich am zweistelligen Plus im ersten Quartal. Im Januar/Februar 2012 ging die Produktion gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 1,5 Prozent zurück, was aber vor dem Hintergrund des Rekordstandes im Vorjahreszeitraum zu sehen ist. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte könnte es aufgrund des Basiseffekts wieder aufwärts gehen.

Die Verpackungshersteller konnten 2011 mit einem Wachstum von 2,6 Prozent ebenfalls einen neuen Produktionsrekord erzielen. Das Plus wurde dabei aber ausschließlich im ersten Halbjahr eingefahren. In den beiden Folgequartalen stagnierte die Produktion (3). Im Januar/Februar 2012 ist die Teilbranche gegenüber Januar/Februar 2011 wieder gewachsen, aber lediglich um ein halbes Prozent. Im Vergleichszeitraum 2001 waren es noch über fünf Prozent, teilweise aber auf den Aufholeffekt nach der Krise zurückzuführen.

Die Baubedarfsproduzenten erreichten 2011 mit einem Plus von 5,2 Prozent einen neuen Produktionshöchststand, nachdem man im Vorjahr das Vorkrisenhoch von 2006 auch schon einstellen konnte. Auch hier wurde ein Großteil des Weges im ersten Halbjahr zurückgelegt (4). Im dritten Quartal schien das Wachstum eine Pause einlegen zu wollen, zog aber im letzten Vierteljahr wieder deutlich an. Ins neue Jahr ist man mit 3,3 Prozent Plus überraschend gut und sehr verheißungsvoll gestartet.
Bei den Herstellern von Technischen Teilen und Konsumwaren stehen die Zeichen weiter auf Wachstum, das letztjährige Rekordniveau sollte auch dieses Jahr übertroffen werden. Nachdem die Produktion im vierten Quartal 2011 um 4,7 Prozent zulegen konnte (5), erzielte man im Januar/Februar 2012 ein Plus von 3,3 Prozent. Damit kann diese Teilbranche sehr zufrieden sein.

Umsatzentwicklung

Stellt man der Produktion die Umsatzentwicklung gegenüber, verschwimmt das Bild des anhaltenden Aufschwungs. Im Januar/Februar 2012 gingen die preisbereinigten Umsätze um 0,6 Prozent zurück (6). Im vierten Quartal 2011 waren sie noch um zwei Prozent gestiegen. Besonders im Inland gab es einen Einbruch, das Auslandsgeschäft war zwar auch rückläufig, aber eher im Bereich einer roten Null. Bisher war das Binnengeschäft Hauptwachstumsmotor, nun stabilisiert eher die Auslandsnachfrage. Und hier vor allem die Eurozone, was insofern überrascht, als viele Euroländer aufgrund von Sparkursen und Krisenpaketen immer tiefer in die Rezession rutschen.

Mit minus 4,2 Prozent leistet die Halbzeugbranche den Hauptbeitrag zum schlechteren Geschäft zu Jahresanfang (7). Das Inland, lange der Wachstumsmotor, schickt das Geschäft mit minus 6,5 Prozent talwärts. Die Auslandsumsätze sinken mit knapp zwei Prozent relativ moderat. Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund zweistelliger Wachstumsraten im ersten Quartal 2011 zu sehen. Der übertrieben starke Rückgang könnte daher auch so etwas wie ein Basiseffekt sein. Es bleibt abzuwarten, wie die Entwicklung weitergeht.

Völlig anders die Situation im Verpackungssektor (8), der nach wie vor vom Inland lebt, während das Auslandsgeschäft sich weitgehend negativ entwickelt. Im letzten Quartal 2011 übernahm der Export kurzfristig die Führungsrolle, um in den ersten beiden Monaten 2012 wieder zu schrumpfen. Das kurze Aufbäumen war einer Umsatzexplosion ins Nicht-Euro-Ausland zu verdanken, welches immer noch positive Zahlen liefert. In der Eurozone ist das Geschäft permanent im Minus. Insgesamt resultiert im Januar und Februar eine fast farblose schwarze Null, die Teilbranche stagniert.

Im Baubedarfssektor hält das Umsatzwachstum auch im neuen Jahr an (9). Mit einem Prozent fällt es zwar denkbar gering aus, angesichts des außergewöhnlichen starken Zuwachses von knapp acht Prozent im ersten Quatal 2011 ist das aber trotzdem bemerkenswert. Die Teilbranche war schon im letzten Jahr fast durchweg auf Wachstumskurs, abgesehen vom dritten Quartal, als es einen kleinen Rückschlag gab. Die Wachstumsraten sind allerdings mit Ausnahmen durchweg schmal. Das Inlandsgeschäft bestimmt die Konjunktur, die Exporte gehen derzeit zurück, wobei die Eurozone jetzt besonders ins Kontor schlägt. Das Geschäft außerhalb des Euroraumes verlief bisher schon mit Ausnahmen überwiegend negativ.

Bei den Technischen Teilen und Konsumwaren sind weiterhin alle Absatzmärkte im Plus. Es wechselten lediglich die Führungsrollen (10). Nachdem 2011 das Inland das Geschäft antrieb, brachte im Januar und Februar 2012 der Export deutlich mehr Schub. Und im Auslandsgeschäft sind es gerade die Märkte in der Eurozone, die weit stärker zulegen als die Umsätze außerhalb der Eurozone. Trotz der in vielen Euroländern herrschenden Rezession, feiern die deutschen Zulieferer dort Erfolge. Die deutschen Kunststoffverarbeiter bauen derzeit ihre Marktanteile aus. Insgesamt wachsen die Umsätze zwar nur noch halb so schnell wie im vierten Quartal 2011, aber etwas über zwei Prozent Plus ist immer noch ordentlich, vor allem vor dem Hintergrund des zweistelligen Zuwachses zu Anfang des Jahres 2011.

Fazit und Ausblick

Nachdem im letzten Jahr neue Produktionsrekorde erzielt wurden, ist die Luft tatsächlich dünner geworden. 2012 hat mit schmalem Wachstum begonnen, auf einem Niveau, welches sich im letzten Quartal 2011 schon angedeutet hatte. In unserer Jahresprognose für 2012 hatten wir ein bescheidenes Wachstumsziel mit Werten zwischen 1,5 Prozent und 2,5 Prozent aufgerufen. Der Start ins neue Jahr verfehlte die untere Zielmarke minimal.

Ursächlich dafür sind das Minus der Halbzeugbranche und das geringe Wachstum im Verpackungssektor. Baubedarf und Technische Teile beziehungsweise Konsumwaren expandieren deutlich über unserem Wachstumsziel.

Allerdings zeigen die Umsätze, die teilweise sehr stark von der Produktionsentwicklung abweichen, dass sich die Situation zu komplizieren beginnt. Eindeutige und gleichgerichtete Trends sind derzeit nicht auszumachen. Man kann nicht sagen: Das Inlandsgeschäft trägt die Konjunktur. Oder umgekehrt: Der Export zieht die Branche nach oben.
Unsere obige Betrachtung zeigt widersprüchliche Entwicklungen, die Teilsektoren sind sehr differenziert zu betrachten. Generell ist die Stimmung in der Branche, wie auch in der Wirtschaft noch sehr optimistisch. Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach wie vor auf einem Wachstumskurs, wie Umfragen zeigen. Die Kunststoffverarbeiter erwarten eigentlich, deutlich über dem BIP-Wachstum abzuschneiden. Ihren Optimismus beziehen sie aus dem Trend zu Energieeinsparung (Bau, Mobilität), der beständigen Ausweitung des Kunststoffeinsatzes vor allem im Technische-Teile-Sektor und ihrer damit einhergehenden Innovationskraft und ihrem anscheinend wachsenden technischen Vorsprung und ihrer steigenden Wettbewerbsfähigkeit.

Um das Ziel eines über dem BIP-Durchschnitt liegenden Wachstums zu erreichen, müssen die Verarbeiter in den nächsten Monaten allerdings noch kräftig zulegen. Wir sind in dieser Hinsicht nicht pessimistisch. Aber auf jeden Fall skeptisch, was die Höhe des möglichen Wachstumsvorsprungs der Branche betrifft.

 

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Winfried Pfenning