Um dann fortzufahren: „Mit einem Zuwachs von 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr haben wir Erlöse von 55,9 Milliarden Euro erzielen können. Das ist mehr als je zuvor. Auch die verarbeitete Menge liegt mit 13,5 Millionen Tonnen – ein Plus von mehr als zehn Prozent – über dem bisherigen Rekordjahr 2007, als es 12,9 Millionen Tonnen waren.“ Dabei hätte er es bewenden lassen, das Jahr 2011 als Rekordjahr abhaken können. Wenn da nicht das Wörtchen „phasenweise“ im Raum gestanden hätte. War da dann doch nicht nur Licht, sondern auch Schatten? Umsatzmotor war, im Gegensatz zum in der Vergangenheit Gewohnten, das Inland, welches um zehn Prozent zulegte, wohingegen die Lieferungen ins Ausland „nur“ um 7,1 Prozent wuchsen (1). Infolge der guten Konjunktur stieg die Zahl der Betriebe über der Berichtsgrenze von 20 Beschäftigten um 3,2 Prozent, und die der Beschäftigten um 6,6 Prozent auf 292.000 im Jahresdurchschnitt.

„Phasenweise“ war das Jahr 2011 eben doch kein rundum zufrieden stellendes Spitzenjahr, so die Einschätzung des GKV, und zwar wegen „einzelner Eintrübungen in der zweiten Jahreshälfte“. Aber insgesamt sei man auf die „Wachstumsspur der Vorkrisenjahre zurückgekehrt“ und verfolge „diese geradezu „nahtlos“ anknüpfend an 2007 weiter … in der guten Tradition des jeweils deutlich über dem BIP liegenden Wachstums.“
Und es gibt einen weiteren Punkt, der die Freude trübte: Die Diskrepanz zwischen Mengen- und Umsatzentwicklung. Während die Umsatzerlöse um 8,8 Prozent stiegen, legten die Mengen um zehn Prozent zu, und das bedeutet sinkende Preise. Von dieser Entwicklung sind die einzelnen Teilbereiche der Kunststoffverarbeitung unterschiedlich stark oder gar nicht betroffen (2).

So konnten im Verpackungsbereich höhere Preise realisiert werden, in den anderen Segmenten sind die Verkaufspreise unterschiedlich stark gefallen, am wenigsten bei den Konsumwaren. Schon deutlicher war der Preisrückgang im Baubereich, und besonders stark fiel er bei Technischen Teilen aus, was vor allem daran liegt, dass die Lieferverträge dort regelmäßig Preisreduktionen aus unterstellten Produktivitätsfortschritten vorsehen. Dieser „Ertragsdruck“ (O-Ton Dr. Kruse) ist, aus unserer Sicht, eine zweischneidige Sache: Einerseits zwingt er die Betriebe dazu, ihre Produktivität permanent zu steigern, womit die Branche insgesamt ihre Zukunft und ihre Wettbewerbsvorteile sichert, andererseits stranguliert er viele bis zur Betriebsaufgabe. Des einen Leid ist des anderen Freud‘: Für die Ausrüster der Branche ist das eine gute Nachricht, denn sie sorgt für anhaltende Nachfrage nach neueren und besseren Maschinen.

Rohstoffpreise zwicken

Der Preisdruck macht der Branche auch deshalb zu schaffen, weil die Rohststoffpreise im Aufschwung sehr schnell gestiegen sind, noch im Mai ein neues Allzeithoch erreichten. Seither gab es hier zwar eine leichte Entspannung, die aber deutlich geringer ausfiel als der sprunghafte Anstieg vorher. Die Kunststofferzeuger würden allerdings neue Preisrunden anstreben, obwohl es dafür keine substanziellen Gründe gäbe, insbesondere nicht für die Schnelle und Kurzfristigkeit, mit der Preiserhöhungen durchgesetzt werden sollten. Immerhin habe sich die Verfügbarkeit der Rohstoffe verbessert, wobei es durchaus noch Engpässe gäbe, besonders bei Zuschlags- und Hilfsstoffen. Ursächlich dafür seien häufig nur technologische Gründe und Kapazitätsengpässe, nicht die Knappheit beim Gas- und Erdölangebot. Der „peak oil“, der Wendepunkt in der weltweiten Erdölproduktion, sei noch lange nicht erreicht, zudem würden Kunststoffe zunehmend aus Gas und sogar Kohle hergestellt, und die Erschließung von „Shale Gas“, also von in Steinen und Erden gebundenen Gasvorkommen, hätten hier neue Quellen erschlossen, insbesondere für die Herstellung von PE als einem der wichtigsten Grundstoffe der Kunststoffverarbeitung, was wiederum günstige Perspektiven eröffne.

Teilmärkte

Alle Segmente der Kunststoffverpackungen seien besser gelaufen als 2010. Der Umsatz stieg um 9,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf nun 13,3 Milliarden Euro, die Menge um 4,9 Prozent auf 4,3 Millionen Tonnen. Für das letzte Quartal sei eine gewisse Beruhigung im Bereich Industrieverpackungen zu konstatieren, bei den Konsumverpackungen laufe das Geschäft weiter gut.

Die Bauzulieferer profitierten weniger vom allgemeinen Wachstum. Einerseits waren sie auch in der Krise weniger stark eingebrochen, hatten also weniger Aufholpotenzial, andererseits hätte insbesondere die unklare Verordnungslage bezüglich der energetischen Sanierung von Gebäuden den wichtigen Bereich der Dämmung eingebremst. Immerhin hätten sich aber auch die Bauzulieferungen um 4,6 Prozent auf 11,3 Milliarden Euro verbessert, die abgesetzte Menge um 6,7 Prozent auf 3,2 (2010: 3,0) Millionen Tonnen.

Technische Teile waren in der Krise am tiefsten gefallen und haben sich bereits 2010 mit fast 23 Prozent Zuwachs wieder zurückgemeldet. Dieser Impuls habe auch noch im letzten Jahr getragen, weshalb mit einer Umsatzsteigerung von 10,8 Prozent auf 13,3 Milliarden Euro auch hier eine neue Rekordmarke hätte gesetzt werden können. Die Mengenzunahmen von 27 Prozent auf 2,8 Millionen Tonnen deute aber auf zunehmenden Ertragsdruck, der sich auch in der Schieflage einiger Unternehmen vor allem in der Automobilzulieferung manifestiert habe.
Die Konsumwaren und sonstigen Kunststoffprodukte konnten beim Umsatz um 9,8 Prozent auf nun 18 Milliarden Euro zulegen. Die Unternehmen berichteten über eine durchweg gute Auftrags- und Erlösentwicklung. Gedämpft worden sei die positive Entwicklung aber durch die Preissteigerungen bei den Rohstoffen. Das habe einen Gutteil des Umsatzplus aufgezehrt.

Aktuelle Lage und Erwartungen

Auch dieses Mal präsentierte der Verband Daten aus seiner alljährlichen Mitgliederbefragung, auf die in der Regel um die 150 Unternehmen antworten. Für 2011 meldeten 73 Prozent Umsatzsteigerungen (3), im Vorjahr waren es noch 87 Prozent. Doppelt so viele wie im Vorjahr (17 gegenüber acht Prozent) wiesen gleichbleibende Umsätze aus, der Anteil der Betriebe mit Umsatzrückgängen hat sich ebenfalls von fünf auf zehn Prozent verdoppelt.

In der Rückschau hatten etwas mehr Betriebe steigende Umsätze als erwartet (4), deutlich mehr als angenommen konnten ihre Umsätze halten, während jeder zehnte Betrieb sinkende Umsätze hinnehmen musste. Nur drei Prozent hatten vorher diese Erwartung. Für 2012 sind die Hoffnungen deutlich gedämpfter: Gleichviel Betriebe (43 Prozent) erhoffen steigende beziehungsweise gleichbleibende Umsätze, und 14 Prozent rechnen mit Umsatzrückgängen. Die Optimisten haben also nicht mehr die Mehrheit.

Hinsichtlich der Erträge (5) hielten sich 2011 Optimisten und Skeptiker fast die Waage, während nur zehn Prozent pessimistisch waren. Tatsächlich haben die Betriebe die Aussichten auf steigende Erträge überschätzt, mehr Unternehmen als erwartet konnten ihre Erträge lediglich halten und 15 Prozent mussten mit sinkenden Gewinnen leben. Das wirkt nach. Für 2012 hat die Fraktion der Skeptiker mit 52 Prozent die Oberhand, 22 Prozent sind pessimistisch, fast ebenso viele, wie es Optimisten gibt (26 Prozent). Hier dürfte sich neben die Annahme, dass das stürmische Wachstum vorbei ist, auch die Einschätzung gesellen, dass es bei den Rohstoffpreisen zunächst keine wirkliche Entspannung geben könnte.

26 Prozent der Betriebe planen 2012 Personal aufzustocken (6), weniger als zu Beginn des Vorjahres. Dafür wollen mehr Betriebe ihren Beschäftigtenstand halten. Der Anteil derjenigen, die Personal abbauen wollen, hat sich allerdings im Vergleich zum Vorjahr von sechs auf elf Prozent fast verdoppelt. Es lässt sich zwar schwer abschätzen, aber die Beschäftigung in der Branche könnte noch leicht steigen. Ob man die 300.000 knackt, ist allerdings fraglich.
Die Kapazitätsauslastung (7) liegt derzeit bei 79 Prozent, deutlich niedriger als im Vorjahr, langfristig noch immer ein guter Wert, aber im Vergleich zu den Vorkrisenjahren (2006 bis 2008) – gemessen wird jeweils am Jahresanfang, daher der gute Wert für 2008, als die Krise in der zweiten Jahreshälfte bereits einsetzte – doch ein eher niedriger Wert. Die Auftragsreichweite, von 9,3 auf acht Wochen geschrumpft, liegt allerdings teilweise noch über dem Niveau der Vorkrisenjahre.

Umweltpolitik

Im politischen Teil seiner Rede wandte sich Dr. Kruse vor allem gegen von Italien ausgehende EU-Bestrebungen, „Tütenverbote“ auszusprechen und Tüten aus Biokunststoffen vorzuschreiben. Diese eigneten sich einfach nicht zum Massenwerkstoff, sondern blieben auf lange Frist Nischenprodukte, da zu aufwändig und damit zu teuer zu verarbeiten. Sie brächten auch keine Umweltvorteile. Man solle sich mehr auf die Umsetzung bestehender Abfallrichtlinien konzentrieren. In allen Ländern, in denen dies geschehen sei, seien Kunststofftüten längst kein Problem mehr. Deutschland nehme mit einer Verwertungsquote von 97 Prozent hier eine Spitzenposition ein.

Energiepolitk

Wie im Vorjahr wurde auch die Energie- und damit die Kostenfrage energisch thematisiert. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) habe im Verbund mit einer real steigenden Stromsteuer die Kosten pro Kilowattstunde für die Industrie im letzten Jahr um rund 1,5 Cent erhöht. Das klingt zunächst nicht so dramatisch. Im Vergleich zu Frankreich etwa bedeute es aber, dass man pro Kilogramm verarbeiteten Kunststoff rund sechs Cent mehr zahlen müsse, oder 60 Euro pro Tonne. Für einen mittleren Folienverarbeiter mit etwa 50.000 Tonnen Durchsatz pro Jahr ergäben das so eben mal drei Millionen Euro Mehrkosten. Da könne der Blick über den Rhein schon mal sehnsüchtig werden. Die Subventionierung ineffifzienter Energieformen, gemeint waren wohl Solar- und Windenergie, müsse daher noch einmal überdacht werden.

Innovationsförderung

Der anhaltende Erfolg der deutschen Kunststoffindustrie fuße in hohem Maße auf Innovationen. Hier fühle man sich von der Politik aber im Stich gelassen, die staatliche Förderung von FuE-Aufwendungen der Unternehmen sei stetig rückläufig. Man fordere eine steuerliche Forschungsförderung, wie sie in den meisten OECD-Ländern bereits üblich sei. Sie müsse neben die klassische Projektförderung treten, zeitlich unbegrenzt, flexibel und unbürokratisch und vor allem ausreichend hoch sein. Dadurch würde die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt. In der Wirtschaftsvereinigung Kunststoff wolle man gemeinsam mit den Kunststofferzeugern und Maschinenbauern diesem Thema in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit widmen.

Ausblick

Hinsichtlich der weiteren Aussichten ist der GKV verhalten optimistisch. Aufgrund des guten Vorjahres starte man von einem höheren Niveau und erwarte von daher eine weitere Normalisierung des Wachstums. Man sei aber zuversichtlich, dass man am Ende des Jahres wie schon in der Vergangenheit zu den Wirtschaftszweigen gehören würde, die dann überproportional zum Wirtschaftswachstum beigetragen hätten. Ein konkretes Wachstumsziel wollte man aber auf Nachfrage dann doch nicht nennen. Es sollte auch klar sein: Unvorhersehbaren Ereignissen – Stichworte hierzu wären derzeit zum Beispiel Stabilität des Euro, Weltkonjunktur, Iran – würde man sich natürlich nicht entziehen können. Die deutsche Kunststoffverarbeitung sehe sich jedoch sehr gut aufgestellt für Herausforderungen.

 

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Winfried Pfenning